Irgendwann musste es ja soweit sein: Sensationsheischende Medienberichte von Amokläufen, Terroranschlägen und nicht zuletzt die jeweils anschließende stetig krasser werdende Gesetzgebung, nebst Begründung haben uns alle ausreichend weichgekocht und zu ängstlichen Duckmäusern gemacht. Ein großer Teil von uns scheint die Welt im Allgemeinen als brandgefährlichen Ort wahrzunehmen, der angefüllt ist mit bösen Menschen und in der man nirgends und niemals wirklich sicher sein kann, wenn nicht endlichdauernd etwas getan wird.
So kommt es dann, dass sogar ein Fehlalarm neue Debatten um die Sicherheit an Flughäfen, ja im Flugverkehr insgesamt auslöst. Und nur so ist zu erklären, dass mittlerweile Spielzeugpistolen bei manchen Zeitgenossen jene immer wieder in den Fernsehnachrichten “erlebten” Gewaltphantasien auslösen, die sie sofort an einen bewaffneten Gewalttäter denken lassen, statt an irgendwas Naheliegendes – und sie stattdessen folgerichtig umgehend die Polizei alarmieren.
Eine derart von Panik beherrschte Gesellschaft macht mir längst mehr Angst, als die vermeintlichen oder tatsächlichen Gefahren des Alltags. Denn ich frage mich, welche Kröten eine so aufgeschreckte Bevölkerung wohl noch so zu schlucken bereit ist, wenn man ihr dafür endlich Sicherheit versprechen kann?
Zigtausende Steuer-Euros im Jahr, wie sie meiner Stadt für nichts weiter als ein bisschen mehr an gefühlter Sicherheit mutmaßlich in diesem Jahr wert sein werden, scheinen da sogar noch ein vergleichsweise moderater Preis zu sein. Auf die Panik-Gesellschaft folgt fast notwendigerweise ein Sicherheitswahn, weil irgendwelche Heilsversprecher genau die Konzepte zu haben behaupten, die schließlich doch noch alles zum Guten wenden.
Wohin hat uns diese fatale Logik gebracht? Zum Beispiel dorthin, dass ein gewöhnliches Brotmesser inzwischen als “Waffe” gilt, dass auch Erbsenpistolen als Waffe gelten, wenn sie so aussehen, als könnten sie eine sein und natürlich Videoüberwachung, elektronische, biometrische Pässe, den SWIFT-Kontenabgleich für CIA&Co und bald vielleicht schon die berühmten “Nacktscanner”. Und so wird es immer weitergehen, solange sich eine relevante Zahl von Bürgern einreden lässt, wie gefährdet sie vor irgendwas ist.
Doch die Panik der Gesellschaft beschränkt sich nicht auf öffentliche Sicherheit, beziehungsweise das, was uns als solche verkauft wird. Die Angst vor den Folgen wirtschaftlicher Krisen bringt clevere Politiker auch auf diesem Gebiet zu eigentlich absurden Heilsversprechen. Damit wir auch in der Krise entweder gar nicht oder möglichst spät unsere Jobs verlieren, gibt es “Kündigungsschutz” – dass der die Nebenwirkung hat, ausgerechnet die krisengeschütteltsten Unternehmen von manchmal einfach notwendigen unbequemen Reformen abzuhalten, was seine Lage und natürlich die Arbeitsplätze nur noch stärker in die Bredouille bringt, ignorieren wir oder nehmen wir zumindest billigend in Kauf: Sicherheit hat ja immer ihren Preis.
Um die Ängste der Menschen einerseits und die eigene Lobby andererseits bedienen zu können gibt es ausserdem das beliebte Mittel der “Konjunkturpakete”. Dann wird halt mal eben eine Abwrackprämie aus dem Hut gezaubert – die Autoindustrie dankts mit Parteispenden. Geld für die Modernisierung der Schulen, ein anderes Ergebnis der Konjunkturpakete, schlägt gleich mehrere Fliegen mit derselben Klappe: Man kann ein paar weitere Milliarden Euro als “Klimaschutzausgaben” verbuchen, sichert sich die Unterstützung der kommunalen Politik für den Wahlkampf, tut “was für die Kinder” und schafft, wenn es richtig gemacht wird, sogar etwas, dass die Bürger vor Ort sehen und anfassen können – und gleichzeitig erzeugt man jenen psychologischen Effekt – wie groß oder klein er auch sein mag – der uns sagt: Die Regierung rettet die Konjunktur!
Und so verwundert es eigentlich nicht, dass wir selbst unser Allerheiligstes* lieber unter der Kontrolle einer internationalen Behörde stellen, auch wenn dessen Prinzip und Funktion die meisten von uns gar nicht richtig begreifen. Dass der Euro so gut funktioniert, ist dabei eigentlich auch ein Beleg dafür, wie sehr wir dem Staat und seinen Lösungen dann doch vertrauen. Wie berechtigt oder unberechtigt das ist, müssen wir hoffentlich niemals feststellen, auch wenn derzeit vieles dafür spricht, dass zumindest meiner Generation und den folgenden diese Erfahrung wohl eher nicht erspart bleibt.
Gerade beim Geld zeigt sich, dass Sicherheit und Freiheit sich praktisch immer gegeneinander ausspielen lassen. Solange diejenigen, die unser Geld lenken und dessen Wert bestimmen gut sind in dem was sie tun (was meistens nicht allein in ihrer Hand liegt), scheint die dafür eingebüßte Freiheit, Zahlungsmittel unserer Wahl nutzen zu können gut angelegt zu sein. In diesem Sinn kann es einer Gesellschaft aber auch in einer Diktatur besser gehen, wenn die alles beherrschende Macht ihre Sache gut macht.
Solange es jemanden gibt, der seine Sache gut macht, könnten wir praktisch jede Freiheit aufgeben und uns durch ihn lenken lassen und alles wäre okay. Wir merken das nichtmal, solange alles gut läuft. Solange niemand unsere Währung ruiniert, macht es nichts, dass wir sie uns nicht selbst aussuchen können. Solange es unserem Unternehmen gut geht, ist Kündigungsschutz eine gute Sache und solange niemand Kameraüberwachung dazu missbraucht, normale Bürger zu verfolgen, die mal eine Zigarettenkippe versehentlich neben, statt in den Aschenbecher werfen, mögen sie tatsächlich ein Gefühl der Sicherheit vermitteln.
Aber der Grat ist schmaler, als wir denken. Es liest sich erstmal verhältnismäßig kurios, was, wie oben beschrieben im Metronom zwischen Stelle und Winsen in der vergangenen Woche geschehen ist. Doch der Vorfall deutet auf ein Klima der Angst hin, dass immer mehr Ausmaße annimmt, wie es sich Terroristen und Feinde der Freiheit wünschen.
Der Preis der Freiheit ist stetige Wachsamkeit – wir sollten angesichts dieser Entwicklungen und Beobachtungen höllisch wachsam sein, was die Panik unserer Gesellschaft noch alles abverlangt.
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* Nicht jeder wird dieser Bewertung von Geld als dem “Allerheiligsten” sofort zustimmen wollen. Das ändert aber nichts daran, dass Geld für jeden von uns enorm wichtig ist und selbst wer sich, wie die meisten von uns, weigert, Geld als das Wichtigste auf der Welt zu betrachten wird ohne Geld hungern und kein Dach über dem Kopf haben. Geld ist enorm wichtig, egal ob wir das wahrhaben wollen.