“Wenn man keine Ahnung hat…
sollte man bescheiden das Maul halten,” wusste schon “Ekel-” Alfred Tetzlaff – der zwar längst nicht immer Recht hatte, in diesem Fall jedoch eindeutig ins Schwarze getroffen hat.
Leider haben sich diese Einstellung nicht alle der Gäste der jüngsten Ausgabe von “Sabine Christiansen” (ARD, 26.11.2006) zu Eigen gemacht. Es ging, natürlich und schonwieder, um “Killerspiele”, bzw. um dass, alles dafür gehalten wird. Und das kann viel sein, besonders wenn man eben keine Ahnung hat.
Hamburgs Innensenator Udo Nagel (Parteilos) hat sich z.B. zum Thema Counter Strike wie folgt geäußert: „Das wird immer als Strategiespiel dargestellt, das die Teamfähigkeit fördert. Das kann ich beim Töten von Menschen nicht akzeptieren. Töten ist töten.“
Als wären jemals beim Counterstrike Menschen umgekommen. Ja sicher, für manches benebelte Politikergehirn (damit ist natürlich nicht Herr Nagel gemeint, ich vermute nämlich dass dieser nie Counterstrike gespielt hat…) mögen die Figuren in Counterstrike der Realität verblüffend ähnlich sehen – es sind trotzdem nur Pixel, wirklich!
Aber ernsthaft: Wieviele Strategiespiele gibt es, in denen keine der Spielfiguren getötet werden? Im an sich friedlich anmutenden und eher brettspielartigen “Civilization” lassen sich Millionenstädte mit Atombomben “leerräumen”, Spiele wie die (deutschen) Exportschlager der “Anno”-Reihe beinhalten als wesentliches Spielelement Schlachten, in denen man jede einzelne Figur sterben, bzw. töten sehen kann – auf Befehl des Spielers versteht sich. Selbst in “Die Siedler” kann man den eigenen Soldaten dabei zusehen, wie sie für das eigene “Volk” gegen andere Soldaten kämpfen – Gefangene werden dabei nicht gemacht. Wenn man die von Herrn Nagel geäußerte Definition wörtlich nähme, dann wären auch dies alles irgendwo “Killerspiele”, letzteres könnte man, wenn man besonders hartes und konsequentes Stammtischniveau erreichen möchte, sogar als rassistisch einstufen (immerhin kämpft hier Volk gegen Volk…).
Und sind nicht die Figuren beim klassischen Schach auch nur Symbole für richtige Menschen oder Truppen auf einem Schlachtfeld? In Counterstrike geht es im Wesentlichen auch nur darum, die agierenden gegnerischen Figuren auszuschalten – weniger darum sie zu “töten” – gleichwohl das nunmal im Spiel die einzige Möglichkeit ist, einen Terroristen bzw. einen Agenten einer Anti-Terroreinheit auszuschalten.
Nach diesem Zitat von Herrn Nagel zu urteilen, hat der Mann sich nicht besonders ausführlich mit dem Thema an sich beschäftigt – jedenfalls kann ich mir nicht vorstellen, dass er sich überhaupt ins Regelwerk von Counterstrike eingearbeitet und das Spiel mal wirklich unvoreingenommen ausgetestet hat.
Ähnlich schätze ich die bisherigen “Killerspiel”-Erfahrungen von Autorin Susanne Fröhlich ein, die ebenfalls anwesend war. Von ihr stammen Weisheiten wie “ich töte virtuell andere Menschen, übe also quasi Gewalt selbst aus“. Und da sie Spiele für “nicht elementar” hält, weil man sie “nicht zum Leben” bräuchte (mit diesem Ansatz ließen sich sicher problemlos sämtliche Medien zensieren oder verbieten…), ist sie der Meinung dass man sie verbieten sollte, “wenn das bei 5% der Bevölkerung solche Auswirkungen hat.” Die Zahl von 5% ist dabei offensichtlich eher willkürlich und so etwas wie ein “Worst-Case”, ansonsten hätten wir 4 Millionen potentielle Amokläufer in Deutschland. Und selbst wenn man “nur” unter den geschätzten 600.000 Extrem-Daddlern (die Zahl habe ich dem aktuellen Spiegel vom 27.11.2006, Seite 39, entnommen) wären das 30.000 (!) potentielle Amokläufer. Da man wohl kaum von einer größeren Dunkelziffer ausgehen kann, kann mit diesem Prozentsatz jedenfalls etwas nicht stimmen.
Mehrfach hat Frau Fröhlich auch folgende These verbreitet: “Alle Studien belegen, dass diese Spiele gefährlich sind” – ohne mal eine zu nennen oder zu definieren, wass sie mit “diese Spiele” denn genau meint und was nicht. Ich beschäftige mich mit Thema auch schon seit einer Weile, mir ist bisher keine solche Studie begegnet. Also auch diese Äußerung nur heiße Luft? Ich werde mal wohlwollend und verstärkt nach Frau Fröhlichs Studien Ausschau halten, um das zu überprüfen.
Differenziertere Meinungen hatten da schon die drei anderen Gäste der Sendung zu bieten. Bei denen wurde auch deutlich, dass sie sich zumindest mal mit den Spielen selber beschäftigt hatten. Das Schauspieler Ralf Möller beim Thema Gewalt in den Medien generell eine spezielle Meinung haben muss liegt dabei natürlich an seinem Beruf, bzw. den Rollen auf die er dort mehr oder weniger festgelegt ist. Doch auch Bremens Bildungssenator Willi Lemke und ein gewisser Harald Dörig vom “Förderverein Gutenberg-Gymnasium Erfurt” rieten dazu, die Lösung “Verbot” nicht als Wundermittel zu sehen. Ich weiß nicht mehr wer von beiden es gesagt hat, es wurde aber in der Sendung dazu geraten, sich vor einem Verbot die Spiele genau anzusehen um zu verhindern, dass Millionen von Spieler in die Illegalität geschoben würden.
Willi Lemke wird auf der Website zur Sendung unter anderem wie folgt zitiert: „Ich finde, sich jetzt schwerpunktmäßig um die Ballerspiele zu kümmern, ist viel zu kurz gegriffen. Wir müssen über die Ursachen sprechen. [...] Wenn man sich die Tagesschau anguckt, wie viele Tote und Gewalttaten wurden da unseren Kindern und Familien vermittelt?“ und „Es ist laienhaft der Verwahrlosung unserer Jugendlichen mit einem Verbot zu begegnet. Es ist populistisch zu sagen: Wenn wir das abgeschaltet haben, dann gibt es keine Probleme mehr. Wer das sagt, geht an der Realität völlig vorbei.“
Dem kann ich mich so erstmal nur anschließen. Auch Herr Dörig vom Förderverein sagte einige kluge Sachen, unter anderem folgendes: “Schüler, die von der Schule ohne Abschluss verwiesen werden, darf man nicht alleine lassen.“ Lemke und Dörig haben sich also eher auf die wirklichen Ursachen konzentriert, während Fröhlich und Nagel die Rolle der ahnungslosen Populisten übernommen hatten.
Im Publikum saß derweil ein mehrfacher Counterstrike-Meister, der erläuterte, dass er das Spiel schon aus Trainingsgründen sehr oft spielen würde und trotzdem nichts von Gewalt halte, als Beweis führte er an, dass er den Wehrdienst verweigert habe. Währnd der 22jährige sprach, zeigte die Kamera immer wieder einen kopfschüttelnden Udo Nagel, was meiner Meinung nach den Eindruck erweckte, dass Herr Nagel außer seiner eigenen Meinung keine Argumente gelten zu lassen scheint.
Ich habe die Sendung nach etwa der guten Hälfte abgeschaltet, der Informationsgehalt war eher gering und ich hatte irgendwann einfach keine Lust mehr, weiter dabei zuzusehen wie die 5 Gäste darum stritten, wer von ihnen nun gut und wer böse war.
Was mir bei der aktuellen Debatte einfach gegen den Strich geht: Mal wieder versuchen ein paar vermeintlich “Auserwählte” zu bestimmen, womit sich Millionen Menschen in ihrer Freizeit zu beschäftigen haben und womit nicht. Das geht aber niemanden etwas an, auch nicht wenn, sich einige Gewalttäter von bestimmten Medien inspiriert fühlen mögen und so etwas nachahmen – gäbe es diese Medien (z.B. “Killerspiele”) nicht, so würden sie sie eben nicht nachahmen sondern ihre eigene Fantasie bemühen. Das macht für die Opfer letztlich aber auch keinen Unterschied.
Und jene Verbots-Befürworter, die sich immer wieder als beeindruckend schlecht informiert outen, zeigen eigentlich nur eines: Die vielzitierte “Digitale Kluft” existiert tatsächlich. Mit Schreibprogrammen, Email und Internet kann zwar heute im Grunde genommen fast jeder umgehen (zumindest von denjenigen, die es brauchen oder wollen). Für andere Bereiche gilt aber, dass alles als verdächtig gilt was denjenigen, die sich nicht näher damit beschäftigen, irgendwie suspekt vorkommt. Laut aktuellem Spiegel sind fast 70% der Deutschen dafür, dass “gewaltverherrlichende Computer- und Videospiele verboten” werden sollten. Natürlich gibt es keine allgemeingültige Definition, wo Gewaltverherrlichung anfängt. Mich würde es jedoch nicht verwundern, wenn sich diese guten zwei Drittel der Bevölkerung eher wenig für Computeranwendungen außerhalb von Büroanwendungen interessieren und ihnen Counterstrike allenfalls aus den Medien bekannt ist. Auf der Website zur Christiansen-Sendung gibt es eine eigene Umfrage, die die digitale Kluft sozusagen “beweist”: Hier sind 93% der Abstimmenden gegen ein Verbot von “Killerspielen” (auch hier ist nicht weiter definiert was damit gemeint sein soll). Es ist davon auszugehen, dass hier nur Leute abgestimmt haben die das Thema wirklich interessiert. Der Rest hat halt entweder nicht auf der Seite abgestimmt oder befindet sich einfach jenseits jener “Kluft”.
Wann immer ein Amoklauf oder andere brutale Gewalttaten den Blätter- und Bilderwald aufwirbeln, finden sich bei den Tätern Spiele wie Counterstrike, gerne wird übrigens auch immer wieder auf angeblich gewaltverherrlichende Musik (Slipknot, Böhse Onkelz, Marylin Manson…) hingewiesen, die die Täter “ständig” gehört haben oder gehört haben sollen. Natürlich sind die Spiele im Moment aus Sicht unserer populistischen Freunde aus Politik und Medien eindeutig böser als die Musik. Aber wer sagt, dass es dann beim nächsten Gewaltausbruch nicht auch jeglicher Musik an den Kragen geht, die die gleichen Helden des Stammtisches nicht gefällt die jetzt schon nichts für Computerspiele übrig haben?
Manche scheinen wirklich zu glauben, dass man Gewalt auf diese Weise verringern kann. Wenn sich nach einer solchen Verbotswelle einmal mehr gewundert wird, dass die Politikverdrossenheit unter jungen Menschen wieder zugenommen hat, dann wird vermutlich wieder Keiner merken, dass es unter anderem auch daran liegt, dass die Politik immer nur dadurch auffällt, dass sie aufgrund weniger wackliger Hinweise Populismus Dinge verbieten, will die Spaß machen. Weil sie sie nicht verstehen, weil sie nicht bereit sind sie überhaupt wirklich kennen zu lernen und weil die Mehrheit der Menschen eben älter ist und sich genau so wenig dafür zu interessieren scheint – jedenfalls solange meine Generation und folgende für Ihre Renten aufkommt…
Alle Zitate aus sowie mehr Informationen zur erwähnten Christian-Sensendung gibt es hier. Kommentare zur Sendung sind im dazugehörigen Blog zu finden.
UPDATE#1: Bei Spiegel-Online gab es kürzlich einen Artikel über Studien zu “Killerspielen”. Besonders interessant ist dabei folgendes Zitat, mit dem der Artikel schließt: ” “Letztlich bestätigen aktuelle Forschungsbefunde die schon länger gültige Aussage, dass manche Formen von Mediengewalt für manche Individuen unter manchen Bedingungen negative Folgen nach sich ziehen können.” Das entspreche nicht dem Bedürfnis der Öffentlichkeit nach einfachen Antworten, aber die gebe es nun einmal nicht. “Gewalt in den Medien darf in ihrem Gefährdungspotenzial nicht verharmlost werden, es ist aber auch nicht angebracht, Mediengewalt zum Sündenbock für Gewalt in der Gesellschaft zu stempeln.” ”
UPDATE#2: Zum Thema Digitale Kluft, weniger zum Thema “Killerspiele”, ist folgender, bei SZ-Online zu nachzulesender Sachverhalt interessant: “Unter den Jugendlichen (zwischen 14 und 18 Jahren) nutzen immerhin 71 Prozent der Befragten eine Firewall. Ein noch stärkeres Gefälle gibt es beim Antivirenschutz: Während sich 84 Prozent der Jugendlichen mit einem Antiviren-Programm schützen, sind es unter den Eltern lediglich 29 Prozent.”
UPDATE#3: In diesem Blog habe ich folgendes, die Debatte befeuerndes Argument gefunden: “Sowohl Marc David Chapman, der Mörder von John Lennon, als auch John Hinkley Jr., der 1981 ein Attentat auf Ronald Reagan verübte, waren besessen von J.D.Salingers Roman Der Fänger im Roggen. Wieviele Deutsche befürworten wohl ein Verbot dieser Englisch-Leistungskurs-Standardlektüre?”
Was der Bauer nicht kennt…
Als ich gestern Abend von dem Amoklauf in Emsdetten erfahren habe, da war mir sofort klar das dieser Idiot mit seinem Durchdrehen die Diskussion um “Killerspiele” sofort wieder anheizen würde. Und prego: Laut Spiegel-Online ist die Diskussion inzwischen auch mal wieder in vollem Gange.
Laut Hamburger Abendblatt soll sich der Täter von Emsdetten seine Schule in Counterstrike nachgebaut haben, jedenfalls wenn ich das richtig verstanden habe. Und deshalb ist das Spiel jetzt natürlich böse, denn es lässt sich verwenden um Mordanschläge zu trainieren!
An dieser Stelle fragt sich der Leser mit gutem Erinnerungsvermögen, wieso man nicht nach 2001 z.B. Microsofts “Flight Simulator” verboten hat, wo sich doch damit die Anschläge des 11. September so vorzüglich nachspielen, bzw. trainieren ließen. Aber das ist natürlich etwas ganz Anderes.
Denn bei Counterstrike, da erschießt man Menschen. Naja, natürlich keine Menschen, sondern halbwegs menschlich aussehende, wenngleich computergenerierte Figuren. Aber die gehen dann tot, jedenfalls so tot wie Computerfiguren sein können. Blut fließt dabei zwar keins (es sei denn man besorgt sich entsprechende Patches…) aber das hält sogenannte “Medienexperten” aus Politik und Presse nicht davon ab, dieses Spiel immer wieder gerne als “blutrünstig” zu titulieren. Der Fall ist also klar: Es handelt sich um ein klassisches Killerspiel.
Nun muss ich zugeben, dass ich von Zeit zu Zeit auch mal besagtes “Killerspiel” ausprobiere, mit ein paar Freunden zusammen, deren Figuren ich dann “töte” (wobei ich zugegebenermaßen meistens eher einer der ersten bin, die selbst “getötet” werden). Mir ist dabei noch nie in den Sinn gekommen, meine Freunde tatsächlich umzubringen, nur weil ich das auf dem Bildschirm inzwischen vermutlich viele hundert Mal getan habe. Auf mich scheint dieses Spiel also scheinbar keine entsprechende Wirkung zu haben, vielleicht falle ich da aber auch einfach aus der Norm – kann ich nicht beurteilen.
Jetzt sollen Counterstrike und Konsorten also – mal wieder – verboten werden. CDU-Bosbach spricht sich jedenfalls klar dafür aus, sein Parteigenosse Schönbohm ebenfalls. Weitere Politiker, vor allem der Union, dürften sich da nur zu gern anschließen, erfahrungsgemäß können Mitglieder der “C-Parteien” nämlich am wenigsten mit Computerspielen anfangen. Ich wage mal die Behauptung, dass die meisten der Verbots-Befürworter sich nie wirklich mit solchen Spielen beschäftigt haben. Computerspiele, bei denen Gegner erschossen werden, sind für diese Sorte Politiker schlicht ein Symbol, dass es zu verbieten gilt, damit die Welt wieder in Ordnung ist oder wenigstens scheint.
Wie der Emsdetter Idiot an seine Mordwerkzeuge gekommen ist scheint mal wieder eine eher untergeordnete Rolle zu spielen. Es scheint zwar so, als wären diesmal weder Schützenverein noch Jägerschaft im Spiel gewesen – diese “Bezugswege” sind in der Vergangenheit aber des Öfteren Quellen für Mordwerkzeuge gewesen. An ein Verbot solcher Vereine denkt natürlich niemand – schon gar nicht in konservativen Kreisen.
Dabei kann auch das umfassendste denkbare Verbot von gewaltzeigenden oder gar gewaltverherrlichenden Medien (zu dieser Gruppe würde ich übrigens neben Tagesschau & Co auch den Tatort und mindestens jeden zweiten Hollywood-Streifen zählen) nichts gegen die Ursachen an sich ausrichten. Computerpiele und Filme mögen die Fantasie wahnsinniger potentieller Attentäter anregen – aber die Ursachen für ihre Taten liegen woanders, wie ja im aktuellen Fall auch ständig betont wird.
Solange der Druck auf die jüngeren Generationen (zu denen ich mich mal gerade noch zählen würde) durch schlechte Chancen (zu wenig Ausbildungsplätze, deprimierender Arbeitsmarkt) und miserable Zukunftsaussichten (aberwitzige Staatsverschuldung, ein Sozialsystem das wir lediglich werden bezahlen dürfen, ohne in den Genuss einer heute üblichen Versorgung zu kommen) so hoch bleibt wie zur Zeit, so lange werden sich immer wieder Jugendliche als “Verlierer” fühlen und eben möglicherweise durchdrehen. Gegen diese Gefahr kann man mit bequemen Verboten nichts ausrichten.
Natürlich nickt Stammtisch-Deutschland erstmal beruhigt und bestätigend, wenn jene, den meisten Vertretern dieser Spezies ohnehin suspekten, Computerspiele verboten werden. Und gerade zu Populismus neigenden Politikern bieten derartige Forderungen, die Leuten die keine Ahnung vom Thema haben als sinnvoll und folgerichtig erscheinen, die Möglichkeit sich als “vernünftige” Poliker profilieren zu können: Jawoll, der tut was! Das eigentliche Problem wird dadurch wieder aus den Köpfen verdrängt – mindestens bis zum nächsten Anschlag.
Eines Tages wird nichts mehr da sein, das man noch verbieten könnte. Werden dann gleich sämtliche Schulen geschlossen? Das würde, so als kleinen positiven Nebeneffekt, doch auch viel Geld sparen…
Ich gebe trotzdem die Hoffnung nicht auf, dass vorher die Erkenntnis reift, dass es einen Unterschied zwischen den eigentlichen tiefen Gründen und Ursachen und ideengebenden Medien gibt, die Millionen Menschen gleichen Alters intensiv konsumieren können, ohne gleich zu Massenmördern zu werden.
Angesichts von 6000 Verkehrstoten in Deutschland pro Jahr käme schließlich auch niemand auf die Idee, dass Autos generell verboten werden müssten. Und solange Raucher Jahr für Jahr über 3000 Menschen umbringen, nur weil sie das Rauchen in deren Gegenwart nicht seinlassen können, erscheinen mir die zwar nichtsdestotrotz schrecklichen, aber weitaus niedrigeren Opferzahlen von angeblich (wirklich beweisen lässt sich das ja nur schwer) “Killerpspiel”-inspirierten Anschlägen doch eher lächerlich gering.
UPDATE:
Einen interessante Artikel dazu gibt es bei der Tagesschau, hier wird unter anderem Günter “Big Brother” Becksteins Forderung, Killerspiele ähnlich zu ahnden wie Kinderpornografie zitiert (offenbar kann man in Bayern mit sowas Stimmen sammeln…). Ein Kommentar dazu und eine Auseinandersetzung mit den zugehörigen Paragraphen findet sich in Kolia Ohmanns Blog.
ACHTUNG: Sie verlassen soeben bewusst und gezielt Ihre häusliche Privatsphäre!
Und zwar alleine dadurch, das Sie im Internet surfen. Zumindest vertritt NRW-Innenminister Wolf (FDP) laut Frankfurter-Rundschau-online diese Ansicht. Das ausgerechnet jemand der sich – zumindest laut Parteibuch – zu Freiheit als höchstem Gut bekennt solche Ansichten vertritt ist mir persönlich schon fast peinlich.
Es geht dabei, natürlich, mal wieder um Terrorabwehr: Der Herr Wolf möchte nämlich “Einblick in die Rechner möglicher Attentäter erhalten.” Nunja, mal ganz davon abgesehen, dass im Prinzip jeder zum möglichen Attentäter erklärt werden kann (die Formulierung “möglicher Attentäter” erinnert fast schon ein wenig an den Film “Minority Report” oder noch krasser – an die “Gedankenverbrecher” aus “1984″…) und auch abgesehen von der Tatsache, dass gemessen an Opferzahlen Dinge wie Autos oder Nikotin wesentlich größere Gefahren darstellen als Terroristen – abgesehen von all diesen kleinen Gegenargumenten würde man mit einer solchen Erlaubnis dem Verfassungsschutz gleichzeitig das Recht geben, auch z.B. die Rechner der bösen bösen Raubkopierer auszuspionieren – wenn die Musikindustrie-Lobby mal ordentlich Druck macht dürfte so etwas zumindest vorstellbar sein.
Unter dem Deckmantel der Terrorbekämpfung wird uns mehr und mehr Freiheit genommen. Ich verstehe ja, dass Innenminister nunmal schon von Amts wegen gerne mal den Spielverderber in punkto Bürgerrechte und Freiheit spielen müssen. Wenn da jetzt aber sogar schon Minister aus der FDP mitmachen, dann scheint es wirklich bald egal zu sein, wen man wählt.
Deutschland – ein (böses) Herbstmärchen?
Zwei Zahlen gelangten mir heute ins Bewusstsein: Die 25 und die 26.
25% der Deutschen sollen nämlich laut der aktuellen Ausgabe des Spiegels der Meinung sein, dass die biblische Schöpfungsgeschichte in der Schule nicht nur in den Religions- sondern auch in den Biologieunterricht gehört, am besten gleichberechtigt neben der gängigen Evolutionstheorie. Dazu fällt mir erstmal gar nichts mehr zu ein, eigentlich spricht eine so dämliche Idee auch völlig für sich. Mich würde interessieren, was man geraucht haben muss um überhaupt erstmal auf so einen Gedanken kommen zu können. Und wieviel Mut man sich antrinken müsste, wenn man so einen Vorschlag an die Öffentlichkeit trägt.
Dabei ist die andere Zahl noch schlimmer: Unter der Überschrift “In der Mitte angekommen” ist nämlich bei Spiegel Online zu lesen, dass 26% aller Deutschen sich nach “einer Partei, die die Volksgemeinschaft insgesamt verkörpert” sehnen. Äh, ja. Fast 27% aller Deutschen weisen “ausländerfeindliche Einstellungsmuster” auf, was wohl soviel heißt, dass sie Ausländer einfach nicht leiden können, egal was sie tun oder auch nicht tun. Pauschal eben.
Einige weitere Zahlen aus der von Spiegel Online zitierten Studie sind ebenfalls interessant: 9% können sich eine Diktatur vorstellen, 15% hätten gerne einen Führer, fast genau so viele halten sich als Deutsche “von Natur aus” anderen Völkern überlegen und so weiter…
Ich stelle also fest: Zwischen 25 und 50% der Deutschen scheint irgendwie öfter mal zu heiß gebadet zu haben. Oder, und das hoffe ich einfach mal voller Zweckoptimismus, mit diesen Zahlen kann etwas nicht stimmen. Dann wäre alles wirklich nur ein böses Märchen…