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Was der Bauer nicht kennt…

Posted on | November 21, 2006 | 1 Comment

Als ich gestern Abend von dem Amoklauf in Emsdetten erfahren habe, da war mir sofort klar das dieser Idiot mit seinem Durchdrehen die Diskussion um “Killerspiele” sofort wieder anheizen würde. Und prego: Laut Spiegel-Online ist die Diskussion inzwischen auch mal wieder in vollem Gange.

Laut Hamburger Abendblatt soll sich der Täter von Emsdetten seine Schule in Counterstrike nachgebaut haben, jedenfalls wenn ich das richtig verstanden habe. Und deshalb ist das Spiel jetzt natürlich böse, denn es lässt sich verwenden um Mordanschläge zu trainieren!

An dieser Stelle fragt sich der Leser mit gutem Erinnerungsvermögen, wieso man nicht nach 2001 z.B. Microsofts “Flight Simulator” verboten hat, wo sich doch damit die Anschläge des 11. September so vorzüglich nachspielen, bzw. trainieren ließen. Aber das ist natürlich etwas ganz Anderes.

Denn bei Counterstrike, da erschießt man Menschen. Naja, natürlich keine Menschen, sondern halbwegs menschlich aussehende, wenngleich computergenerierte Figuren. Aber die gehen dann tot, jedenfalls so tot wie Computerfiguren sein können. Blut fließt dabei zwar keins (es sei denn man besorgt sich entsprechende Patches…) aber das hält sogenannte “Medienexperten” aus Politik und Presse nicht davon ab, dieses Spiel immer wieder gerne als “blutrünstig” zu titulieren. Der Fall ist also klar: Es handelt sich um ein klassisches Killerspiel.

Nun muss ich zugeben, dass ich von Zeit zu Zeit auch mal besagtes “Killerspiel” ausprobiere, mit ein paar Freunden zusammen, deren Figuren ich dann “töte” (wobei ich zugegebenermaßen meistens eher einer der ersten bin, die selbst “getötet” werden). Mir ist dabei noch nie in den Sinn gekommen, meine Freunde tatsächlich umzubringen, nur weil ich das auf dem Bildschirm inzwischen vermutlich viele hundert Mal getan habe. Auf mich scheint dieses Spiel also scheinbar keine entsprechende Wirkung zu haben, vielleicht falle ich da aber auch einfach aus der Norm – kann ich nicht beurteilen.

Jetzt sollen Counterstrike und Konsorten also – mal wieder – verboten werden. CDU-Bosbach spricht sich jedenfalls klar dafür aus, sein Parteigenosse Schönbohm ebenfalls. Weitere Politiker, vor allem der Union, dürften sich da nur zu gern anschließen, erfahrungsgemäß können Mitglieder der “C-Parteien” nämlich am wenigsten mit Computerspielen anfangen. Ich wage mal die Behauptung, dass die meisten der Verbots-Befürworter sich nie wirklich mit solchen Spielen beschäftigt haben. Computerspiele, bei denen Gegner erschossen werden, sind für diese Sorte Politiker schlicht ein Symbol, dass es zu verbieten gilt, damit die Welt wieder in Ordnung ist oder wenigstens scheint.

Wie der Emsdetter Idiot an seine Mordwerkzeuge gekommen ist scheint mal wieder eine eher untergeordnete Rolle zu spielen. Es scheint zwar so, als wären diesmal weder Schützenverein noch Jägerschaft im Spiel gewesen – diese “Bezugswege” sind in der Vergangenheit aber des Öfteren Quellen für Mordwerkzeuge gewesen. An ein Verbot solcher Vereine denkt natürlich niemand – schon gar nicht in konservativen Kreisen.

Dabei kann auch das umfassendste denkbare Verbot von gewaltzeigenden oder gar gewaltverherrlichenden Medien (zu dieser Gruppe würde ich übrigens neben Tagesschau & Co auch den Tatort und mindestens jeden zweiten Hollywood-Streifen zählen) nichts gegen die Ursachen an sich ausrichten. Computerpiele und Filme mögen die Fantasie wahnsinniger potentieller Attentäter anregen – aber die Ursachen für ihre Taten liegen woanders, wie ja im aktuellen Fall auch ständig betont wird.

Solange der Druck auf die jüngeren Generationen (zu denen ich mich mal gerade noch zählen würde) durch schlechte Chancen (zu wenig Ausbildungsplätze, deprimierender Arbeitsmarkt) und miserable Zukunftsaussichten (aberwitzige Staatsverschuldung, ein Sozialsystem das wir lediglich werden bezahlen dürfen, ohne in den Genuss einer heute üblichen Versorgung zu kommen) so hoch bleibt wie zur Zeit, so lange werden sich immer wieder Jugendliche als “Verlierer” fühlen und eben möglicherweise durchdrehen. Gegen diese Gefahr kann man mit bequemen Verboten nichts ausrichten.

Natürlich nickt Stammtisch-Deutschland erstmal beruhigt und bestätigend, wenn jene, den meisten Vertretern dieser Spezies ohnehin suspekten, Computerspiele verboten werden. Und gerade zu Populismus neigenden Politikern bieten derartige Forderungen, die Leuten die keine Ahnung vom Thema haben als sinnvoll und folgerichtig erscheinen, die Möglichkeit sich als “vernünftige” Poliker profilieren zu können: Jawoll, der tut was! Das eigentliche Problem wird dadurch wieder aus den Köpfen verdrängt – mindestens bis zum nächsten Anschlag.

Eines Tages wird nichts mehr da sein, das man noch verbieten könnte. Werden dann gleich sämtliche Schulen geschlossen? Das würde, so als kleinen positiven Nebeneffekt, doch auch viel Geld sparen…

Ich gebe trotzdem die Hoffnung nicht auf, dass vorher die Erkenntnis reift, dass es einen Unterschied zwischen den eigentlichen tiefen Gründen und Ursachen und ideengebenden Medien gibt, die Millionen Menschen gleichen Alters intensiv konsumieren können, ohne gleich zu Massenmördern zu werden.

Angesichts von 6000 Verkehrstoten in Deutschland pro Jahr käme schließlich auch niemand auf die Idee, dass Autos generell verboten werden müssten. Und solange Raucher Jahr für Jahr über 3000 Menschen umbringen, nur weil sie das Rauchen in deren Gegenwart nicht seinlassen können, erscheinen mir die zwar nichtsdestotrotz schrecklichen, aber weitaus niedrigeren Opferzahlen von angeblich (wirklich beweisen lässt sich das ja nur schwer) “Killerpspiel”-inspirierten Anschlägen doch eher lächerlich gering.

UPDATE:
Einen interessante Artikel dazu gibt es bei der Tagesschau, hier wird unter anderem Günter “Big Brother” Becksteins Forderung, Killerspiele ähnlich zu ahnden wie Kinderpornografie zitiert (offenbar kann man in Bayern mit sowas Stimmen sammeln…). Ein Kommentar dazu und eine Auseinandersetzung mit den zugehörigen Paragraphen findet sich in Kolia Ohmanns Blog.

Comments

One Response to “Was der Bauer nicht kennt…”

  1. Kapitalakkumulation
    Mai 18th, 2008 @ 11:13

    Kapitalakkumulation…

    Der Staat rüstet auf um dem Terror den Kampf anzusagen, so lauten jedenfalls die Beteuerungen und Rechtfertigungen der politisch Verantwortlichen. Alles in allem wird jedoch in der Öffentlichkeit die Frage wieviel Überwachung für eine Demokratie si…

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