Filterblog

Der Preis der Freiheit ist stetige Wachsamkeit.

“Wenn man keine Ahnung hat…

Posted on | November 28, 2006 | 6 Comments

sollte man bescheiden das Maul halten,” wusste schon “Ekel-” Alfred Tetzlaff – der zwar längst nicht immer Recht hatte, in diesem Fall jedoch eindeutig ins Schwarze getroffen hat.

Leider haben sich diese Einstellung nicht alle der Gäste der jüngsten Ausgabe von “Sabine Christiansen” (ARD, 26.11.2006) zu Eigen gemacht. Es ging, natürlich und schonwieder, um “Killerspiele”, bzw. um dass, alles dafür gehalten wird. Und das kann viel sein, besonders wenn man eben keine Ahnung hat.

Hamburgs Innensenator Udo Nagel (Parteilos) hat sich z.B. zum Thema Counter Strike wie folgt geäußert: „Das wird immer als Strategiespiel dargestellt, das die Teamfähigkeit fördert. Das kann ich beim Töten von Menschen nicht akzeptieren. Töten ist töten.“

Als wären jemals beim Counterstrike Menschen umgekommen. Ja sicher, für manches benebelte Politikergehirn (damit ist natürlich nicht Herr Nagel gemeint, ich vermute nämlich dass dieser nie Counterstrike gespielt hat…) mögen die Figuren in Counterstrike der Realität verblüffend ähnlich sehen – es sind trotzdem nur Pixel, wirklich!

Aber ernsthaft: Wieviele Strategiespiele gibt es, in denen keine der Spielfiguren getötet werden? Im an sich friedlich anmutenden und eher brettspielartigen “Civilization” lassen sich Millionenstädte mit Atombomben “leerräumen”, Spiele wie die (deutschen) Exportschlager der “Anno”-Reihe beinhalten als wesentliches Spielelement Schlachten, in denen man jede einzelne Figur sterben, bzw. töten sehen kann – auf Befehl des Spielers versteht sich. Selbst in “Die Siedler” kann man den eigenen Soldaten dabei zusehen, wie sie für das eigene “Volk” gegen andere Soldaten kämpfen – Gefangene werden dabei nicht gemacht. Wenn man die von Herrn Nagel geäußerte Definition wörtlich nähme, dann wären auch dies alles irgendwo “Killerspiele”, letzteres könnte man, wenn man besonders hartes und konsequentes Stammtischniveau erreichen möchte, sogar als rassistisch einstufen (immerhin kämpft hier Volk gegen Volk…).

Und sind nicht die Figuren beim klassischen Schach auch nur Symbole für richtige Menschen oder Truppen auf einem Schlachtfeld? In Counterstrike geht es im Wesentlichen auch nur darum, die agierenden gegnerischen Figuren auszuschalten – weniger darum sie zu “töten” – gleichwohl das nunmal im Spiel die einzige Möglichkeit ist, einen Terroristen bzw. einen Agenten einer Anti-Terroreinheit auszuschalten.

Nach diesem Zitat von Herrn Nagel zu urteilen, hat der Mann sich nicht besonders ausführlich mit dem Thema an sich beschäftigt – jedenfalls kann ich mir nicht vorstellen, dass er sich überhaupt ins Regelwerk von Counterstrike eingearbeitet und das Spiel mal wirklich unvoreingenommen ausgetestet hat.

Ähnlich schätze ich die bisherigen “Killerspiel”-Erfahrungen von Autorin Susanne Fröhlich ein, die ebenfalls anwesend war. Von ihr stammen Weisheiten wie “ich töte virtuell andere Menschen, übe also quasi Gewalt selbst aus“. Und da sie Spiele für “nicht elementar” hält, weil man sie “nicht zum Leben” bräuchte (mit diesem Ansatz ließen sich sicher problemlos sämtliche Medien zensieren oder verbieten…), ist sie der Meinung dass man sie verbieten sollte, “wenn das bei 5% der Bevölkerung solche Auswirkungen hat.” Die Zahl von 5% ist dabei offensichtlich eher willkürlich und so etwas wie ein “Worst-Case”, ansonsten hätten wir 4 Millionen potentielle Amokläufer in Deutschland. Und selbst wenn man “nur” unter den geschätzten 600.000 Extrem-Daddlern (die Zahl habe ich dem aktuellen Spiegel vom 27.11.2006, Seite 39, entnommen) wären das 30.000 (!) potentielle Amokläufer. Da man wohl kaum von einer größeren Dunkelziffer ausgehen kann, kann mit diesem Prozentsatz jedenfalls etwas nicht stimmen.

Mehrfach hat Frau Fröhlich auch folgende These verbreitet: “Alle Studien belegen, dass diese Spiele gefährlich sind” – ohne mal eine zu nennen oder zu definieren, wass sie mit “diese Spiele” denn genau meint und was nicht. Ich beschäftige mich mit Thema auch schon seit einer Weile, mir ist bisher keine solche Studie begegnet. Also auch diese Äußerung nur heiße Luft? Ich werde mal wohlwollend und verstärkt nach Frau Fröhlichs Studien Ausschau halten, um das zu überprüfen.

Differenziertere Meinungen hatten da schon die drei anderen Gäste der Sendung zu bieten. Bei denen wurde auch deutlich, dass sie sich zumindest mal mit den Spielen selber beschäftigt hatten. Das Schauspieler Ralf Möller beim Thema Gewalt in den Medien generell eine spezielle Meinung haben muss liegt dabei natürlich an seinem Beruf, bzw. den Rollen auf die er dort mehr oder weniger festgelegt ist. Doch auch Bremens Bildungssenator Willi Lemke und ein gewisser Harald Dörig vom “Förderverein Gutenberg-Gymnasium Erfurt” rieten dazu, die Lösung “Verbot” nicht als Wundermittel zu sehen. Ich weiß nicht mehr wer von beiden es gesagt hat, es wurde aber in der Sendung dazu geraten, sich vor einem Verbot die Spiele genau anzusehen um zu verhindern, dass Millionen von Spieler in die Illegalität geschoben würden.

Willi Lemke wird auf der Website zur Sendung unter anderem wie folgt zitiert: „Ich finde, sich jetzt schwerpunktmäßig um die Ballerspiele zu kümmern, ist viel zu kurz gegriffen. Wir müssen über die Ursachen sprechen. [...] Wenn man sich die Tagesschau anguckt, wie viele Tote und Gewalttaten wurden da unseren Kindern und Familien vermittelt?“ und „Es ist laienhaft der Verwahrlosung unserer Jugendlichen mit einem Verbot zu begegnet. Es ist populistisch zu sagen: Wenn wir das abgeschaltet haben, dann gibt es keine Probleme mehr. Wer das sagt, geht an der Realität völlig vorbei.“

Dem kann ich mich so erstmal nur anschließen. Auch Herr Dörig vom Förderverein sagte einige kluge Sachen, unter anderem folgendes: “Schüler, die von der Schule ohne Abschluss verwiesen werden, darf man nicht alleine lassen.“ Lemke und Dörig haben sich also eher auf die wirklichen Ursachen konzentriert, während Fröhlich und Nagel die Rolle der ahnungslosen Populisten übernommen hatten.

Im Publikum saß derweil ein mehrfacher Counterstrike-Meister, der erläuterte, dass er das Spiel schon aus Trainingsgründen sehr oft spielen würde und trotzdem nichts von Gewalt halte, als Beweis führte er an, dass er den Wehrdienst verweigert habe. Währnd der 22jährige sprach, zeigte die Kamera immer wieder einen kopfschüttelnden Udo Nagel, was meiner Meinung nach den Eindruck erweckte, dass Herr Nagel außer seiner eigenen Meinung keine Argumente gelten zu lassen scheint.

Ich habe die Sendung nach etwa der guten Hälfte abgeschaltet, der Informationsgehalt war eher gering und ich hatte irgendwann einfach keine Lust mehr, weiter dabei zuzusehen wie die 5 Gäste darum stritten, wer von ihnen nun gut und wer böse war.

Was mir bei der aktuellen Debatte einfach gegen den Strich geht: Mal wieder versuchen ein paar vermeintlich “Auserwählte” zu bestimmen, womit sich Millionen Menschen in ihrer Freizeit zu beschäftigen haben und womit nicht. Das geht aber niemanden etwas an, auch nicht wenn, sich einige Gewalttäter von bestimmten Medien inspiriert fühlen mögen und so etwas nachahmen – gäbe es diese Medien (z.B. “Killerspiele”) nicht, so würden sie sie eben nicht nachahmen sondern ihre eigene Fantasie bemühen. Das macht für die Opfer letztlich aber auch keinen Unterschied.

Und jene Verbots-Befürworter, die sich immer wieder als beeindruckend schlecht informiert outen, zeigen eigentlich nur eines: Die vielzitierte “Digitale Kluft” existiert tatsächlich. Mit Schreibprogrammen, Email und Internet kann zwar heute im Grunde genommen fast jeder umgehen (zumindest von denjenigen, die es brauchen oder wollen). Für andere Bereiche gilt aber, dass alles als verdächtig gilt was denjenigen, die sich nicht näher damit beschäftigen, irgendwie suspekt vorkommt. Laut aktuellem Spiegel sind fast 70% der Deutschen dafür, dass “gewaltverherrlichende Computer- und Videospiele verboten” werden sollten. Natürlich gibt es keine allgemeingültige Definition, wo Gewaltverherrlichung anfängt. Mich würde es jedoch nicht verwundern, wenn sich diese guten zwei Drittel der Bevölkerung eher wenig für Computeranwendungen außerhalb von Büroanwendungen interessieren und ihnen Counterstrike allenfalls aus den Medien bekannt ist. Auf der Website zur Christiansen-Sendung gibt es eine eigene Umfrage, die die digitale Kluft sozusagen “beweist”: Hier sind 93% der Abstimmenden gegen ein Verbot von “Killerspielen” (auch hier ist nicht weiter definiert was damit gemeint sein soll). Es ist davon auszugehen, dass hier nur Leute abgestimmt haben die das Thema wirklich interessiert. Der Rest hat halt entweder nicht auf der Seite abgestimmt oder befindet sich einfach jenseits jener “Kluft”.

Wann immer ein Amoklauf oder andere brutale Gewalttaten den Blätter- und Bilderwald aufwirbeln, finden sich bei den Tätern Spiele wie Counterstrike, gerne wird übrigens auch immer wieder auf angeblich gewaltverherrlichende Musik (Slipknot, Böhse Onkelz, Marylin Manson…) hingewiesen, die die Täter “ständig” gehört haben oder gehört haben sollen. Natürlich sind die Spiele im Moment aus Sicht unserer populistischen Freunde aus Politik und Medien eindeutig böser als die Musik. Aber wer sagt, dass es dann beim nächsten Gewaltausbruch nicht auch jeglicher Musik an den Kragen geht, die die gleichen Helden des Stammtisches nicht gefällt die jetzt schon nichts für Computerspiele übrig haben?

Manche scheinen wirklich zu glauben, dass man Gewalt auf diese Weise verringern kann. Wenn sich nach einer solchen Verbotswelle einmal mehr gewundert wird, dass die Politikverdrossenheit unter jungen Menschen wieder zugenommen hat, dann wird vermutlich wieder Keiner merken, dass es unter anderem auch daran liegt, dass die Politik immer nur dadurch auffällt, dass sie aufgrund weniger wackliger Hinweise Populismus Dinge verbieten, will die Spaß machen. Weil sie sie nicht verstehen, weil sie nicht bereit sind sie überhaupt wirklich kennen zu lernen und weil die Mehrheit der Menschen eben älter ist und sich genau so wenig dafür zu interessieren scheint – jedenfalls solange meine Generation und folgende für Ihre Renten aufkommt…

Alle Zitate aus sowie mehr Informationen zur erwähnten Christian-Sensendung gibt es hier. Kommentare zur Sendung sind im dazugehörigen Blog zu finden.

UPDATE#1: Bei Spiegel-Online gab es kürzlich einen Artikel über Studien zu “Killerspielen”. Besonders interessant ist dabei folgendes Zitat, mit dem der Artikel schließt: ” “Letztlich bestätigen aktuelle Forschungsbefunde die schon länger gültige Aussage, dass manche Formen von Mediengewalt für manche Individuen unter manchen Bedingungen negative Folgen nach sich ziehen können.” Das entspreche nicht dem Bedürfnis der Öffentlichkeit nach einfachen Antworten, aber die gebe es nun einmal nicht. “Gewalt in den Medien darf in ihrem Gefährdungspotenzial nicht verharmlost werden, es ist aber auch nicht angebracht, Mediengewalt zum Sündenbock für Gewalt in der Gesellschaft zu stempeln.”

UPDATE#2: Zum Thema Digitale Kluft, weniger zum Thema “Killerspiele”, ist folgender, bei SZ-Online zu nachzulesender Sachverhalt interessant: “Unter den Jugendlichen (zwischen 14 und 18 Jahren) nutzen immerhin 71 Prozent der Befragten eine Firewall. Ein noch stärkeres Gefälle gibt es beim Antivirenschutz: Während sich 84 Prozent der Jugendlichen mit einem Antiviren-Programm schützen, sind es unter den Eltern lediglich 29 Prozent.”

UPDATE#3: In diesem Blog habe ich folgendes, die Debatte befeuerndes Argument gefunden: “Sowohl Marc David Chapman, der Mörder von John Lennon, als auch John Hinkley Jr., der 1981 ein Attentat auf Ronald Reagan verübte, waren besessen von J.D.Salingers Roman Der Fänger im Roggen. Wieviele Deutsche befürworten wohl ein Verbot dieser Englisch-Leistungskurs-Standardlektüre?”

Comments

6 Responses to ““Wenn man keine Ahnung hat…”

  1. kno
    November 25th, 2007 @ 19:21

    Dem muss nichts mehr hinzugefügt werden. Sehr gutes Essay zum Thema “Ahnungslosigkeit und Killerspiele” *****

    Im Übrigen wäre auch noch die Reihe “age of empires” zu erwähnen in der ganze Völker niedermetzeln kann…

    Dagegen ist die “Sieder”-Reihe ja noch vergleichsweise niedlich …

    Das Update 2 finde ich besonders interessant, aber da die Generationen in unsere Familie von einander lernen nutzen bei uns alle eine Firewall und einen Virenschutz.

  2. Jan
    November 26th, 2007 @ 14:51

    Danke Dir. Ich wollte ja gerade mit dem Beispiel der Siedler Reihe ein allgemein als vollkommen Harmlos geltendes Spiel nennen. Age of Empires ist bei allem geschichtlichen Lerneffekt den es so nebenbei bietet dagegen geradezu blutrünstig.

    In meiner Familie ist es übrigens nicht so, dass ich meinen Eltern viel beibringen könnte. Es interessiert sie einfach nicht – wenn was ist, dann kümmere ich mich, alles weitere ist aber egal. Funktioniert auch soweit bestens – aber ohne mich würden sie vermutlich auch weder Virenscanner noch Firewall kennen oder benutzen.

  3. Jens
    Mai 2nd, 2008 @ 09:09

    Hallo,

    scheinbar setzt Du Dich intensiv mit dem Thema auseinander. Das ist natürlich vernünftig, aber ich denke, daß Du damit eher eine Minderheit in der Gamer-Community darstellst. Natürlich regt Ihr Euch auf, wenn “etwas verboten” werden soll, was Euch Spaß macht und ich muß Dir auch zustimmen, daß Politiker das Thema einfach nur populistisch angehen, anstatt sich intensiv damit auseinanderzusetzen.

    Trotzdem finde ich, dass das ganze Thema in Deutschland zu lasch gehandhabt wird. Ich glaube ja auch nicht, daß jeder zum Amok-laufenden-Killer wird, der öfters Counter-Strike spielt. Aber tendenziell hat sich die Art und Schwere von Gewalttaten in den letzten Jahren geändert. Daran mögen “Killerspiele” nicht schuld sein, aber sie haben gewiß Einfluss auf die Grundeinstellung eines Heranwachsenden.

    Es geht letztendes darum festzustellen, welches Spiel wie auf den Spieler einwirkt und ich meine eine deutlichen Wechsel in der Art der Einflussnahme festzustellen. Bei Shootern, wie z.B. Counterstrike finde ich prinzipell eindeutig, dass sie eben nicht in einer dem Spieler bekannten Situation spielen. Ein Spieler kann ganz gut unterscheiden, dass das Spiel vorbei ist und er jetzt in der “echten” Welt ist und nicht mit einem Maschinengewehr bewaffnet durch zertümmerte Häuserschluchten kriecht und Panzer zerstört. Wäre das anders, würde eine ganze Generation Deutscher, die viel “Tom & Jerry” gesehen haben, Klaviere auf andere aus dem Fenster werfen.

    Aber trotzdem gibt es bei Spielen auch in dieser Hinsicht einen “Qualitätsunterschied”. Spiele wie GTA (1-4) zeigen das deutlich.
    Der Spieler wird aufgefordert
    - Probleme mit Gewalt zu lösen
    - Gewalt mehr oder minder nach Lust und Laune anzuwenden
    - Gewaltätiges Verhalten wird belohnt
    - Das Umfeld im Spiel sind dem Spieler durchaus bekannte Locations
    - Das Spiel bewegt sich in einem Verbrecher-Milieu
    - und eine Verbrechens-Laufbahns-Simulation

    Vielleicht wird keiner sofort zum Verbrecher, aber es werden Hemmschwellen abgebaut oder vielleicht auch nur junge Spieler abgestumpft. Und -das ist natürlich persönliche Meinung- wenn es eine Definition von “gewaltverherrlichend” gibt, trifft sie auf GTA4 voll zu – denn das Spiel verherrlicht die Anwendung von Gewalt. Als der Hustler-Gründer Larry Flynt wegen der Verbreitung von Pornographie auf der Anklagebank saß, hatte ein Richter zu entscheiden, wann eine Abbildung “einfach nur sexy” und wann “pornografisch” ist. Er war weise genugm das nicht genau zu definieren. Seine Meinung (sinngemäß):”Ich weiß nicht genau, wie Pornografie aussieht, aber ich erkenne sie, wenn ich sie sehe.”

  4. Jan
    Mai 2nd, 2008 @ 11:46

    Also zunächst mal: Ich bin kein Gamer, gehöre auch nicht der Gamer-Community in irgendeiner Form an. Ich daddel höchstens mal zum Spaß und mit Freunden im Netzwerk sowieso nur alle Jubeljahre (und über Internet gar nicht). Außerdem spiele ich wenn, dann doch lieber klassische Strategiespiele als Ego-Shooter. Das mal vorab.

    Mir geht es nämlich ums Prinzip und es geht mir um die Ablehnung von Verboten, die nichts bringen.

    Und bei Computerspielen geht es nicht einfach darum, dass etwas verboten wird, dass Menschen Spaß macht. Es geht um staatliche Entmündigung aller Bürger, zumindest dann, wenn Spielverbote auch für Erwachsene gelten (dass an indizierte Medien in jedem Fall schwer ranzukommen ist, dürfte bekannt sein). Das ist nichts weniger als eine Zensur und dahinter steht der Gedanke, dass der Staat besser weiß was okay ist und was nicht als der einzelne Bürger.

    Wenn du behauptest, manche Spiele seien gewaltverherrlichend, gleichzeitig sagst, dass Gewaltverherrlichung offensichtlich keinerlei Einfluss auf das alltägliche Verhalten von Konsumenten hätte, dann wirft das schon die Frage auf, wozu dann ein Verbot nützlich sein soll – wenn nicht ausschließlich zur Beruhigung und Befriedigung rechtsgerichteter Politiker oder von einschlägigen BILD-Nachrichten aufgeschreckte Bürger, deren ganze Erfahrungen mit Computerspielen sich auf eben solche Meldungen beschränkt.

    Wer Computer spielt, wendet keine Gewalt an, es handelt sich nur um eine Simulation, an der man mittels Tastatur und Maus teilnimmt. Parallelen zu tatsächlichen Straftaten und zu Gewalt sind allenfalls auf dem Bildschirm erkennbar – aber zu behaupten, der Spieler würde zu Gewalttaten aufgefordert ist doch etwas arg übertrieben.

    Und zur Darstellung von Verbrechen in den Medien: An dem Tag, an dem der Tatort aus diesem Grund verboten wird, wäre ähnliches für GTA oder Counterstrike oder Battle-Chess sicherlich ebenfalls gerechtfertigt und folgerichtig. Vorher ist es einfach nur der Ahnungslosigkeit der Mehrheit der Bevölkerung geschuldet.

    Ich finde die Meinung des Richters nicht weise, ich finde es überheblich und selbstherrlich. Allerdings möchte ich dazu passend daran erinnern, dass mein JuLi-Kreisverband bereits vor Jahren darauf hingewiesen hat, dass es keine gesetzlichen Definitionen für Pornographie gibt, auf die sich ein Richter berufen könnte. Das führt zu Willkür und Ungleichheit in der Rechtsprechung und sollte eigentlich von Jedermann als Problem erkannt werden.

  5. Jens
    Mai 2nd, 2008 @ 14:27

    Wo habe ich denn gesagt, daß Gewaltverherrlichung offensichtlich keinerlei Einfluss auf das alltägliche Verhalten eines Konsumenten habe. Im Gegenteil, ich zitiere mich mal selbst: “Vielleicht wird keiner sofort zum Verbrecher, aber es werden Hemmschwellen abgebaut oder vielleicht auch nur junge Spieler abgestumpft.”

    Und ich sage auch nirgends, daß durch gewaltverherrlichende Spiele zu Gewalt aufgefordert würde. Die Wirkung ist viel subtiler und indirekt. Ich finde auch Bud Spencer-Filme dumm, weil sie auch nichts tun, als sinnlose Gewaltanwendung darstellen.

    Ich möchte mich falsch verstanden werden: Ich bin gegen totale Zensur, aber ich bin für Regelungen und deren Einhaltung. Und es gibt einen Unterschied zwischen Alterkontrolle und der Indizierung von Spielen/Filmen. Pornografische Inhalte dürfen Jugendlichen unter 18 weder gezeigt, noch zugänglich gemacht werden. Die sind eindeutig “auf dem Index”. Warum denn nicht auch GTA4? Das steht in jedem MM frei rum. Ok, unter 18 darf man es nicht kaufen, aber es ist ein entscheidener Unterschied, ob ich erst in “die Erwachsenen-Ecke” gehen muß und Mami und Papi die Hemmschwelle haben, dort etwas zu kaufen, oder ob ich nur mal nen Typ im MM fragen muß, ob er mir das kauft oder ich es ohne Alterskontrolle bei Ebay kaufe.

    Lange Rede, kurzer Sinn: Ich bin für eine Regelung und gegen ein pauschales Verbot von Spielen, in denen Gewaltanwendung eine entscheidene Rolle im Spielverlauf einnimmt. Das entmündigt die Bürger doch nicht! Wäre natürlich schön, die würden alle nachdenken, bevor sie Ihren Kindern ein Spiel kaufen oder mal gucken, was die kleinen da am Computer überhaupt machen. Tun sie aber nicht. Zumal viele auch gar keine Ahnung davon haben oder ein Spiel total fehleinschätzen. Da hilft doch ein ordentliche Klassifizierung eines Spieles. Aber gerade bei der GTA-Serie finde ich, ist die voll danebengegangen! Mittlerweile arbeitet der Bund und die Spielehersteller so eng zusammen (!), dass Spiele nicht auf dem Index landen, daß sowas dabei rauskommt. Ein Spiel, wo man übt, wie man Verberecher wird und die Werbung, in der der Hauptcharakter (die Identifikationsfigur) mit Sonnenbrille als Held durch Gewaltszenen und Explosionen läuft, soll nicht als Idol dargestellt werden? In ner Umfrage Anfang 2000 gaben mehr als 30% von 1000 befragten Kindern und Jugendlichen als Berufswunsch “Gangster/Gangster-Rapper” an. Ein Drittel! (also fast). Ist GTA eine Reaktion auf die “Ich-will-ein-böser-Bube-sein”-Welle oder eventuell der (Mit-)Auslöser?

  6. Jan
    Mai 2nd, 2008 @ 15:00

    Das habe ich mal daraus geschlossen, dass du geschrieben hast, dass Computerspiele keine Schuld an zunehmender Gewalt tragen und dass du unterstellst, dass Spieler den Unterschied zwischen Realität und Spiel kennen würden.

    Von irgendwelchen angeblichen subtilen Wirkungen zu reden, ohne einen Beweis zu bringen ist sehr einfach. Willst du so eine Entmündigung rechtfertigen? Finde ich sehr gewagt.

    Über Jugendschutz-Regelungen lasse ich gerne mit mir reden, dafür lassen sich aber auch vernünftige Argumente finden. Nur: Was auf dem Index steht, ist wie gesagt auch für 18jährige mitunter schwer erreichbar.

    Es ist der Job der Eltern, ihre Kinder zu erziehen. Aber letztlich kann ich vom Staat nicht erwarten, dass er dafür Sorge trägt, dass Eltern dabei nicht versagen können. Wo soll denn das bitteschön hinführen, brauchen wir dann irgendwann einen “Elterntüv” und eine daran gekoppelte Geburtenkontrolle? Immerhin wäre dann sichergestellt, dass alle Kinder nach den staatlichen korrekten Vorgaben erzogen werden und bestimmte Medien nicht in die Finger bekommen.

    Ich denke, wir fahren eindeutig besser, wenn wir Elternversagen in Kauf nehmen und darauf bauen, dass dieses Versagen durch die Gesellschaft direkt ausgeglichen werden kann, als dass hier wieder mit Kontrollen, Gesetzen und Verboten zugeschlagen werden muss. Davon gibt es wirklich mehr als genug.

    Natürlich reizt an der GTA-Reihe auch, dass Gewalt simuliert wird. In dem Spiel kann man gewalttätig spielen, ohne Konsequenzen (außer jenen im Spiel – Verhaftung und Gefängnis mit Punkteverlust gehören zum Beispiel dazu) zu fürchten. Trotzdem weiß doch jeder Spieler, dass er in der Realität härter als nur mit irgendeinem Punkteabzug bestraft würde, wenn er mit einer Kettensäge auf Menschen losginge.

    Insgesamt denke ich, dass z.B. die Wehrpflicht deutlich mehr zur Verrohung in Bezug auf Waffengewalt beiträgt, als jedes noch so blutige Computerspiel es jemals könnte. Mir leuchtet nicht ein, wie man praktische Ausbildung an echten Waffen nicht nur nicht bestrafen, sondern sogar junge Leute zur Teilnahme daran zwingt und gleichzeitig meint, in mehr oder weniger realistischer Software eine reale Gefahr ausgemacht zu haben.

    Die GTA-Reihe besticht übrigens nicht nur durch Gewalt. Das Karriereelement macht das Spiel zu einer Art Lebenssimulation – vergleichbar mit Second Life oder The Sims, nur eben in anderem Millieu. Der Erfolg der beiden anderen genannten Spiele beweist allerdings, dass es nicht das “Gangstersein” oder die Gewalt allein sind, die ein Spiel erfolgreich machen. Es ist reizvoll, in andere Rollen zu schlüpfen, unrealistische Rollen eben. Das macht den Kick aus. Alles andere ist reine Spekulation.

Leave a Reply





Protected by WP Anti Spam
  • Löffel voller Weisheit

    Die Grünen sind die edlen Ritter, die die Menschheit vor Risiken des Fortschritts bewahren. Die Risiken der Fortschrittsverweigerung sind dagegen eher selten ein Thema. Es gibt mittlerweile zahlreiche Opfer grüner Verhinderungspolitik, doch die werden kaum beachtet. — Michael Miersch

  • Filterblog@Facebook


  • Switch to our mobile site