Filterblog

Der Preis der Freiheit ist stetige Wachsamkeit.

Der Abend, an dem die SPD mir ein Bier ausgab

Posted on | Juni 29, 2007 | No Comments

Der war nämlich gestern. Natürlich nicht einfach so, sondern im Rahmen einer Veranstaltung, auf der jeder der Anwesenden das erste Getränk von den Gastgebern bezahlt gekriegt hat.

Da soll nochmal einer sagen, die Sozialdemokraten wären nicht mehr sozial…

Aber bevor jetzt falsche Verdächtigungen entstehen: Freibier war nicht der Grund meiner Anwesenheit. Denn es ging auf dieser Veranstaltung um die geplante Elbvertiefung, die auch mein Zuhause direkt betrifft. Denn wir sind nicht nur Elbanrainer, sondern bei uns spielt der Tidenhub der Nordsee noch eine große Rolle, da wir stromabwärts von Geesthacht und dem dortigen Wehr liegen.

Das Ganze fand direkt bei mir im Ort in einem der letzten Lokale mit echtem Elbblick stat, was angesichts des Themas einen besonderen Charme hatte.

Kurz zum Thema allgemein: Hamburge will seinen Hafen für größere Schiffe zugänglich machen, dazu muss jedoch die Fahrrinne der Elbe zwischen Nordsee und Hamburg vertieft werden. Eine Elbvertiefung führt zu einem größeren Tidenhub und zu schnellerer Strömung der Elbe. Ersteres kann zu höheren Pegelständen führen, letzteres zu Schäden auch am für unser Dorf lebenswichtigen Deich.

Diese Gefahren, die in Extremfällen (zu denes fast jedes Jahr kommt) schnell zu echten Lebensgefahren werden können, rechtfertigen eine Ablehnende Haltung gegenüber einer Elbvertiefung voll und ganz. Aber natürlich hat auch diese Frage ihre zwei Seiten: Nicht wenige Menschen hier in der Gegend leben nämlich direkt oder indirekt vom Hamburger Hafen, dessen Weiterentwicklung von dieser Vertiefung abhängt.

Es stehen also Arbeitsplätze gegen Sicherheitsaspekte. Und da das Land Niedersachsen eigene Häfen an der Nordsee ausbauen will, kommt noch ein föderalistischer Wettbewerbsaspekt dazu.

Hauptrednerin der Veranstaltung war “unsere” Bundestagsabgeordnete Monika Griefhahn, die ihre Sache insgesamt ganz gut gemacht hat. Was ein bisschen genervt hat, war das ständige Hinweisen auf den Klimawandel, der zwar irgendwo auch mit Deichsicherheit zu tun hat, in diesem Fall aber nicht der Kern des Problems war. Das Rumreiten auf diesem Punkt wirkte so, als wollte man um jeden Preis alles Mögliche mit der Klimakatastrophe in Zusammenhang bringen, um die eigenen Ansichten mit diesem Totschlagsargument alternativlos erscheinen zu lassen. Das tun zwar im Moment verdammt viele Entscheidungsträger aber das macht es nicht weniger nervig.

Ansonsten waren viele der vorgebrachten Argumente richtig und wichtig – auch die der anderen Redner (Griefhahns Bundestags-Kollege Holger Ortel, außerdem Landtagsabgeordneter noch Uwe Harden und eine weitere Landtags-Kollegin, dessen Namen mir entfallen ist, außerdem ein Verteter des “Landesbetriebs für Wasserwirtschaft, Küsten- und Naturschutz” und Ronald Oelkers vom Deich- und Wasserverband Vogtei-Neuland, sozusagen als Vertreter meiner Heimat) haben nach meinem Eindruck zum Erkenntnisgewinn des Publikums beigetragen.

Gefehlt hat mir ein Vertreter, der konsequent für die Vertiefung gesprochen hätte. Denn die Pro-Argumente, die die Anwesenden nun nur zitieren und dann zerpflücken konnten existieren ja und es wäre interessant gewesen, zum Beispiel mal jemanden vom Hamburger Hafen dazu zu hören.

So aber war man sich natürlich weitgehend einig, dass eine Vertiefung abzulehnen ist.

Auch im Publikum fand sich niemand, der für eine weitere Vertiefung der Elbe sprechen mochte. Dafür fielen Argumente wie “hohe Deiche schränken unsere Lebensqualität ein” in Verbindung mit “Geld ist nicht alles” (auf die Forderung, Hamburg müsse Schäden aus Vergangenheit und Zukunft tragen) und es wurde außerdem auf eine Benachteiligung der Landwirtschaft eingegangen (entstehend durch Überflutungen wegen des extremer werdenden Tidenhubes).

An meiner Einstellung zum Thema hat die Veranstaltung nichts geändert. Die Gefahren sehe ich und habe ich auch vorher gesehen, ein paar neue Aspekte (wie der der Landwirtschaft) sind allerdings dazu gekommen.

Der Linie “Geld ist nicht alles, möglichst viel Lebensqualität muss gewährleistet werden” kann ich nicht folgen. Natürlich ist unsere Mauer nicht schön und der alte Deich hat mir auch besser gefallen. Die Vorstellung, dass beides in ein paar Jahren nochmal wieder erhöht werden könnte, macht auch mich nicht glücklich.

Die Bedeutung großer, Wettbewerbsfähiger Häfen für den Wirtschaftsstandort Deutschland ist aber nunmal auch nicht zu unterschätzen. Große Häfen ziehen Wirtschaft an, vor allem Exportwirtschaft. Und die ist unser wirtschaftliches Fundament. Wenn wir das gefährden, dann brauchen wir irgendwann auch keine Deiche mehr, weil man hier ohne Arbeit eben auch nicht leben kann.

Daher machen es sich einige etwas zu einfach, wenn sie bestimmte Vorhaben als rein wirtschaftliche Interessen brandmarken. Wirtschaftliche Interessen sind auch unsere Interessen. Natürlich betrifft dass in der Industrie arbeitende Menschen zunächst mehr als Rentner, Landwirte oder Mitarbeiter der Kirche. Aber auch diese drei Gruppen bekommen Ihr Geld letztlich nur, weil eine starke Exportwirtschaft für den Wohlstand sorgt, der Renten auszahlen, Kirchen unterhalten und frische Äpfel kaufen kann. Und gerade exportorientierte Unternehmen legen nun einmal wert auf eine möglichst gute Verkehrsanbindung – primäre Verkehrsmittel für den Welthandel sind und bleiben möglichst große Containerschiffe. Die transportieren nicht nur billiger als jede denkbare Alternative, sie tun das überdies auch relativ Umweltfreundlich und Effizient in jeder Hinsicht.

Natürlich darf man der Wirtschaft nicht alles unterordnen und schon gar nicht die Sicherheit der Menschen hinter den Deichen.

Womit ich gar nicht zurecht komme, dass sind Umweltschützer die es wohl am liebsten sähen, wenn Dörfer wie Hoopte, Fliegenberg oder Drage, die nunmal ganz dicht an der Elbe und damit im ursprünglichen Überschwemmungsgebiet liegen, einfach aufgegeben würden und man alles der Natur zurückgeben würde.

Klar, das würde der ganzen Problematik ihre Brisanz nehmen. Aber Ideen, die in diese Richtung gehen, sind verkehrt und aus Sicht der betroffenen Bewohner sogar ein bisschen menschenverachtend.

Auch wenn es “nur” darum geht, neue Überschwemmungsflächen zu schaffen, die immer mit dem Verkleinern von Ackerflächen und so auch mit einer stückweisen Entsiedelung einhergehen. Menschen aus Naturschutzgründen einen Umzug oder die Aufgabe oder Verkleinerung eines Betriebes aufzuzwingen, das ist genauso falsch als würde man wirtschaftlichen Interessen die Deichsicherheit unterordnen.

Wenn Hamburg alle Verteuerungen und Verschlechterungen, die durch eine neue Elbvertiefung entstehen, ausgleicht, dann nehme ich eine Vertiefung in Kauf.

Was angeht, bin ich mit unserem FDP-Landtagskandidaten Nino Ruschmeyer einer Meinung. Der ist nebenbei bemerkt ebenfalls Elbanrainer und zudem als Feuerwehrmann, genau wie ich, auch was den Sicherheitsaspekt angeht mehr involviert ist als mach Anderer.

Allererste Voraussetzung bleibt allerdings, dass die bereits entstandenen Schäden ausgeglichen werden. Vorher ist an eine neue Vertiefung nicht zu denken, da bin ich ganz Hoopter und Elbanwohner und diese Position teilt der Deich- und Wasserverband ebenfalls, wie Ronald Oelkers (den Monika Griefhahn versehentlich abwechselnd mal Rainer Oelkers oder auch mal Ronald Oelker nannte) auf der Veranstaltung mehrmals betont hat.

Comments

Leave a Reply





Protected by WP Anti Spam
  • Löffel voller Weisheit

    Die Freiheit ist niemals mehr als eine Generation von ihrer Vernichtung entfernt. Wir haben sie unseren Kindern nicht auf dem Blutweg vererbt. Wir müssen sie erkämpfen, beschützen und ihnen übergeben, damit sie dasselbe tun. — Ronald Reagan

  • Filterblog@Facebook


  • Switch to our mobile site