Filterblog

Der Preis der Freiheit ist stetige Wachsamkeit.

Newspeak

Posted on | November 27, 2007 | 4 Comments

Wenn man, wie ich, ab und an in die Verlegenheit kommt, sich über politische Situationen und Maßnahmen zu unterhalten, dann vergisst man manchmal, dass es Menschen gibt für die es wichtigere Dinge im Leben gibt und die deshalb unter Umständen nicht ganz so vertraut sind mit den häufig irreführenden Niederungen politischer Begrifflichkeiten.

Ein Musterbeispiel dafür scheint mir “HartzIV” zu sein. Der profane Satz “Ich krieg Hartzvier” zum Beispiel bedeutet entgegen aller Logik natürlich nicht, dass das örtliche Sozialamt diesem Menschen ein Gesetzbuch in die Hand drückt. Trotzdem ist HartzIV aber eigentlich der Name eines Gesetzes.

Und übrigens weder der eines vierten Entwurfes noch einer vierten Version, wie ich es inzwischen schon mehrfach habe aufschnappen müssen.

Die Vorschläge der einstigen “Hartz-Kommission” wurden nur eben in vier einzelne Gesetze gegossen und so verabschiedet. Und während es (jeweils schwerpunktmäßig) in

  • Hartz I zum Beispiel um Bildungsgutscheine, Unterhaltsgeld der Arbeitsagentur und Zeitarbeit ging, in
  • Hartz II um Minijobs und Ich AGs, in
  • Hartz III um die Umwandlung der Bundesanstalt in die Bundesagentur für Arbeit, ging es in
  • Hartz IV, dem “Vierten Gesetz für moderne Dienstleistungen am Arbeitsmarkt” um die Zusammenführung von Arbeitslosen- und Sozialhilfe,

 weshalb man das Ergebnis dieser Zusammenführung im Volksmund eben heute einfach “Hartzvier” nennt.

Es ist für die Debatte eigentlich egal, ob man genau weiß was Hartz 1-3 so gebracht haben aber von den merkwürdigen Begrifflichkeiten in der Politik, gerne auch Politikersprech genannt, sollte man sich insgesamt nicht hinters Licht führen lassen.

Daher mein Ratschlag: Ab und zu mal bei Wikipedia nachschlagen, statt befremdliche Begriffe einfach so in den eigenen Sprachgebrauch zu übernehmen.

Diesen Ratschlag wird man sicher auch in Zukunft noch beherzigen können. Denn dass sich Politiker und Journalisten künftig direkter und ehrlicher Ausdrücken, ist angesichts der Gefahr, dass die Bevölkerung dann doch zu schnell merken könnte, wann geschwafelt und wann Tacheles geredet wird, eher unwahrscheinlich.

Das geniale Konzept der irreführenden Sprache hat übrigens Orwell maßgeblich entwickelt, auch wenn “Hartz IV” als Begriff nicht unbedingt zu den wirklich gefährlichen Euphemismen gehört sondern lediglich nichtssagend ist. Aber wer “1984″ gelesen hat weiß, wie weit man es mit solchen Methoden treiben kann.

Comments

4 Responses to “Newspeak”

  1. Marko
    Dezember 20th, 2007 @ 12:54

    Inwiefern wird mit dem Begriff “Hartz IV” die öffentliche Wahrnehmung manipuliert? Was hat das mit Newspeak zu tun? Für mich ist “Hartz IV” eine simple, althergebrachte Metonymie.

  2. Jan
    Dezember 20th, 2007 @ 15:53

    Der Begriff wird nicht synonym für Sozialhilfe verwendet, was er eigentlich dem Charakter nach wäre, sondern fast immer als Drohkulisse bei Arbeitslosigkeit. Das stimmt zwar selbstverständlich auch – aber es bleibt ja eine gewisse Tatsachenverdrehung – wenn auch keine Schlimme.

    Was mich aber zu dem Beispiel bewegt hat war, dass ich mich mit jemandem unterhalten hatte, der tatsächlich gedacht hat es hieße “Hartz IV” weil Hartz I bis III vorher schlechte Gesetze waren und gescheitert sind. Um dieses Missverständnis, das noch mehr Menschen haben dürrften (der Betreffende ist nämlich durchaus intelligent und auch keineswegs unwissend oder wenig politisch interessiert, er hat es nur einfach nicht besser gewusst), auszuräumen, habe ich es an dieser Stelle mal erklärt – unter dem Label “Allgemeinbildung”.

  3. Marko
    Dezember 20th, 2007 @ 16:40

    Sozialhilfe war auch schon eine Drohkulisse. Es ist egal, wie Du es nennst. Tatsache ist, es ist wenig Geld mit dem Gedanken, dass es den Empfängern möglichst schlechter gehen soll als den Billigst-Verdienern. Wenn Du es ALG II nennst, wird der Begriff auch nicht freundlicher.

    Aber da Du schon auf sprachliche Präzision Wert legst: Orwell hat das Konzept der irreführenden Sprache natürlich nicht entwickelt, sondern kritisiert.

  4. Jan
    Dezember 21st, 2007 @ 14:37

    Er hat es literarisch entwickelt und in Form eines Romans erläutert. Kritisiert hat er es damit eigentlich nicht. Als Leser nimmt mans natürlich als Bedrohung wahr, was sicher auch Absicht ist.

Leave a Reply





Protected by WP Anti Spam
  • Löffel voller Weisheit

    Die Zensur ist die jüngere von zwei schändlichen Schwestern, die ältere heißt Inquisition. Die Zensur ist das lebendige Geständnis der Großen, daß sie nur verdummte Sklaven treten, aber keine freien Völker regieren können. — Johann Nepomuk Nestroy, Freiheit in Krähwinkel, 1. Akt, 14. Szene

  • Filterblog@Facebook


  • Switch to our mobile site