Nov 30 2007
Her mit dem Mindestlohn, Schluss mit dem neoliberalen Gewäsch
Disclaimer vorab: Natürlich weiß ich, dass “neoliberal” etwas völlig anderes bedeutet, als uns all jene ständig erzählen wollen, die die “soziale Wärme” sozusagen exklusiv gepachtet haben. Um aber mal so richtig polemisch rüberzukommen, ist das Wort in diesem Fall im umgangssprachlichen Sinn von Linkspartei, SPD, Grünen und CDU gemeint.
Es geht, natürlich, um den sehnsüchtig erwarteten und endlich beschlossenen Post-Mindestlohn.
Dazu noch ein Disclaimer vorab: Ich mag unsere Briefträgerin und bin davon überzeugt, dass sie jeden Cent ihres Lohnes wert ist. Sie ist schnell, unkompliziert, hilfsbereit und sympathisch. Darum wird sie auch in diesem Jahr, wie immer, eine kleine Aufmerksamkeit zu Weihnachten bekommen.
Und ein letzter Disclaimer: Der eine oder andere Satz mag etwas zu zynisch und/oder ironisch rüberkommen aber angesichts der um sich greifenden Volksverdummung war mir einfach danach.
So, nachdem das geklärt ist, kanns ja losgehen.
“Die Mehrheit der Deutschen findet Mindestlöhne gut und gerecht,” das ist sozusagen common sense und man kann es jeder Umfrage und jeder Zeitung entnehmen.
Das an sich ist schon ein durchschlagendes und alles entscheidendes Argument! Dann muss ein Mindestlohn wirklich die Lösung für all unsere wirtschaftlichen Probleme sein. Außerdem haben ihn ja alle um uns herum schon längst – auch dass ist mittlerweile, siehe Rauchverbot, siehe Tempolilmit, ein guter Grund, endlich mit dem Strom zu schwimmen.
Es gibt natürlich diese Skeptiker (=unsoziale Schweine oder Schlimmeres), die in jedem Internetforum relativ schnell den Stempel “marktradikal”, “neoliberal”, “wirtschaftsfreundlich”, “unsozial” verpasst bekommen. Diejenigen, die mit solchen Begriffen um sich werfen, haben zwar oft keinen Schimmer, was das alles überhaupt bedeutet und sie kennen die, die sie stigmatisieren auch nicht näher, so dass sie lediglich diese Einzelpositionen bewerten können, was niemandem gerecht wird und reichlich oberflächlich ist.
Wer aber gegen den Strom schwimmt, der kann ja nunmal nicht ganz dicht sein. Wie kann man als guter Deutscher nur so aus der Reihe tanzen? Unfassbar, wie manche Menschen völlig grundlos unsere schöne Meinungsharmonie zerstören!
Wenn (bis auf ein paar dumme egoistiesche Spinner) alle dafür sind, kann es also gar nicht falsch sein, einen Mindestlohn einzuführen. Und es kostet keine Arbeitsplätze, natürlich nicht!
Warum sollten steigende Preise auch irgendwie die Nachfrage beeinträchtigen? Eine geradezu hahnebüchene Vorstellung! Warum sollten teure Postdienstleistungen zu mehr elektronischem Versand führen? Völlig unmöglich, in was für einer Welt leben diese Zweifler denn nur! Außerdem wird die liebe Post ihren Service womöglich soweit verbessern, dass demnächst niemand mehr Emails verschicken wird, weil es per Brief so viel bequemer ist.
Und eine so hochqualifizierte Tätigkeit wie das stecken von Umschlägen in Briefkästen, die kann nunmal nicht Jeder einfach so! Das ist auch nicht das gleiche, wie Prospekte verteilen oder Zeitungen austragen, weshalb hier selbstverständlich bisher keine Mindestlöhne gelten. Aber wenn das so wäre, dann wäre natürlich trotzdem jeder bereit, ein paar Euro mehr im Monat für seine Zeitung zu berappen, alles andere wäre nicht etwa sparsam oder angesichts sinkender Qualität der meisten Zeitungen sogar vernünftig, sondern schlicht unsozial!
Außerdem ist die Post in einer Welt, die uns mit lauter feindlichen und bösen, weil profithungrigen (es gibt nichts übleres, als Unternehmen, die Gewinn machen wollen!) Unternehmen umgibt, unser Freund, weil es sie nämlich als einziges Unternehmen in ganz Deutschland gibt, jawohl! Deswegen heißt sie ja auch DoiDeutsche Post!
Okay, ein paar tausend Postfilialen auf dem Land mussten geschlossen werden. Die in unseren beiden Nachbarorten zum Beispiel (bei uns direkt hats eh noch nie eine gegeben, soweit ich weiß). Daran sind aber irgendwie auch nur diese blöden Neoliberalen Schuld und das wird ganz sicher nicht besser, wenn man der Konkurrenz erlauben würde, auf dem platten Land Filialen aufzumachen. Denn die wollen gar nicht unsere Briefe ausliefern, die wollen nur Profit!
Nein, es bleibt dabei: Die Post ist gut und will nur unser Bestes. Das gilt auch für ihre Angestellten, darum will sie ihnen freiwillig mehr zahlen, als der Wettbewerb vorgibt. Was für ein Vorbildliches Unternehmen!
Das rechtfertigt alles, was man politisch unternehmen kann, um ihr zu helfen – inklusive dem Erhalten ihres Monopols, damit sie auch morgen noch der einzige Postdienstleister ist, der wirklich überall ist (wo es noch Filialen gibt). Eine einzige Post reicht doch schließlich auch völlig aus, um Briefe zu verschicken.
Und Thomas Gottschalk kann sich doch eh nicht zerteilen und für zwei Unternehmen werben. Wer braucht schon Wettbewerb, wenn die Post alles bietet? Wer will denn bitteschön, dass die Nachfrage den Preis für einen Brief bestimmt und nicht der Postvorstand?
Nein, man kann wirklich froh sein, dass die Mehrheit der Deutschen all das so sieht. Jedenfalls bei der Post – was die Strompreise angeht, hält sich das Verständnis für künstlich hoch gehaltene Preise erstaunlicherweise noch sehr in Grenzen.
Aber das wird schon noch. Auch hier wird sich bestimmt noch die visionäre Erkenntnis durchsetzen, dass Wettbewerb letztlich überflüssig ist und es zur sozialen Verantwortung jedes Einzelnen gehört, die verordneten Preise zu bezahlen. Und zwar egal wie hoch die auch sein mögen, denn die Höhe haben weise Männer so festgelegt. Wir haben sie zu bezahlen, es sei denn wir wollen selber unsere Post ausliefern oder unseren Strom produzieren.
Ansonsten wird bezahlt, was verlangt wird, wir sind hier nämlich nicht bei Wünsch dir was und das Leben ist kein Ponyhof. So gebietet es nunmal die soziale Gerechtigkeit – und dafür ist uns wirklich kein Preis zu hoch.
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