Post-Wettbeweb wird beerdigt
Posted on | Dezember 4, 2007 | 11 Comments
Was passiert, wenn Gewerkschaften plötzlich auch für diejenigen Verhandeln, die sie eigentlich gar nicht vertreten dürfen, weil sie nunmal nicht Mitglied sind, schreibt Spiegel Online:
“Wegen des von der Großen Koalition geplanten Mindestlohns stoppen der niederländische Postdienstleister TNT und der Paketversand Hermes ihre Pläne, der Deutschen Post auf dem Briefsektor Konkurrenz zu machen. Post-Aktien notierten daraufhin deutlich im Plus.”
Auf der anderen Seite des Verhandlungstisches saß freilich ein Arbeitgeberverband, der ebenfalls fremde Akteure vertrat, die nicht Mitglied sind.
Die Post-Aktien sind wahrscheinlich deshalb gestiegen, weil die bösen Kapitalisten, die an der Börse spekulieren, plötzlich Fans von Mindestlohn und Einheitstarifen geworden sind und nicht, weil ein Monopol die beste Garantie für hohe Profite ist.
Und könnte mir nochmal einer von diesen Wirtschaftsexperten bei Verdi, SPD oder CDU erklären, was es anderes als Arbeitsplatzabbau ist, wenn demnächst hunderte von Briefträgern ihren Job nicht machen dürfen, weil man ihnen verbietet das für den Lohn zu tun, für den sie sich haben einstellen lassen? Die Pin Group wird sich wohl kaum leisten können, es Behörden gleichzutun und diese Menschen in einen “Mitarbeiterpool” auf Abruf zu stecken (was nebenbei bemerkt auch reichlich unwürdig sein muss).
Andererseits: Leute, die der Meinung sind, dass Arbeitslosigkeit (=Leben auf Staatskosten) immer noch besser ist als ein Stundenlohn von 5-6 Euro, werden mir vermutlich gar nichts so erklären können, dass ich es nachvollziehen kann.
Noch ein bisschen drastischer schildert Karl Stritzinger den Sachverhalt, der mich auch auf den oben genannten Artikel bei SPON gebracht hat.
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11 Responses to “Post-Wettbeweb wird beerdigt”
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Dezember 4th, 2007 @ 21:50
Aus aktuellem Anlaß
Dezember 5th, 2007 @ 11:22
[...] Debatte um die Mindestlöhne und die Reaktion einiger Politiker auf die Entlassungsankündigung der PIN AG [...]
Dezember 16th, 2007 @ 16:44
Meinst Du, es werden so viel mehr Briefe befördert, wenn es mehrere Anbieter gibt? Entweder die Arbeitsplätze fallen bei der PIN weg, oder sie fallen bei der Post weg.
Und wenn doch mehr Briefe befördert werden, dann nicht, weil Privatleute mehr Briefe schreiben, wenn sie nur noch 45 statt 55 Cent bezahlen. Nein, es kommt noch mehr Werbespam zum Wegwerfen.
Ist Call-Center-Stalker auch ein ehrenwerter Job?
Dezember 17th, 2007 @ 07:59
@ Marko
“Meinst Du, es werden so viel mehr Briefe befördert, wenn es mehrere Anbieter gibt?”
Definitiv ja. Denn wenn Preise sinken, steigt die Nachfrage automatisch. Aus dem gleichen Grund könnte der private Postmarkt nach dieser Monopolverlängerung stagnieren oder sogar kleiner werden. Das bedeutet für die Arbeitsplätze langfristig sicher auch nichts gutes (außer natürlich wir zahlen die Zeche am Postschalter, falls wir wirklich mal was verschicken müssen).
Um das mal klar zu stellen: Der größte Teil des postalischen “Werbespams” kommt längst nicht mehr mit der Post, sondern von Prospekteverteilern. Das ist meistens ein Job, den Schüler und Studenten machen (ich hab das selber schon gemacht) und was die so kriegen ist Meilenweit von einem Mindestlohn entfernt.
Selbst kleine Teil der Werbe-Post, die mit “der” Post kommt, ist hier aber nicht der springende Punkt. Denn im Geschäftskundenbereich gibt es ja längst genügend Alternativen. Der Mindestlohn soll ja auch nur für den Bereich gelten, der ab 1.1.2008 für Konkurrenten geöffnet werden sollte denn um genau das zu verhindern, wurde er ja schließlich eingeführt.
Dezember 17th, 2007 @ 08:01
@ Marko
“Ist Call-Center-Stalker auch ein ehrenwerter Job?”
Weiß ich nicht, hab ich noch nie gemacht. Ist er es? Wenn nicht: Was hat das hiermit zu tun und spielt es überhaupt eine Rolle, ob ein Job “ehrenwert” ist oder nicht, was sowieso eine seltsame Kategorie ist – immerhin verdienen Menschen damit ihre Brötchen, was soll daran ehrlos sein?
Dezember 20th, 2007 @ 12:23
“Denn wenn Preise sinken, steigt das Angebot automatisch.”
Ich nehme an, Du meinst die Nachfrage. Aber ist das wirklich so, im Privatkundenbereich? Würdest Du Deiner Oma öfter einen Brief schreiben, wenn das Porto 10 Cent billiger wäre?
Ich sage noch mal: Entweder die Arbeitsplätze fallen bei der PIN weg, oder sie fallen bei der Post weg. Sollten unter dem Strich doch zusätzliche Arbeitsplätze entstehen, dann eben wegen Werbespam aus Niederaula etc. und nicht, weil Du Deiner Oma öfter schreibst.
“Der größte Teil des postalischen “Werbespams” kommt längst nicht mehr mit der Post, sondern von Prospekteverteilern. ”
Gegen Prospekte kann ich mich mit einem einfachen Aufkleber wehren, der effektiver ist als jeder elektronische Spamfilter. Adressierter Werbung ist leider viel schwerer beizukommen. Adressierte Werbung ist so was Ähnliches wie Call-Center-Stalking (“Outbound im Privatkundenbereich”), und deswegen gehört es hierher. Man kann davon ausgehen, dass auch geschäftliche Massenmailings noch billiger werden, wenn Pin und Co. ein Verteilernetz aus Hungerlöhnern vorhalten (dürfen).
“spielt es überhaupt eine Rolle, ob ein Job “ehrenwert” ist oder nicht, was sowieso eine seltsame Kategorie ist – immerhin verdienen Menschen damit ihre Brötchen, was soll daran ehrlos sein?”
Spielt natürlich ü-ber-haupt keine Rolle, womit jemand seine Brötchen verdient. Sozial ist, was Arbeit schafft, z.B. Morden, Rauben und Menschenhandel. Das sind bedeutende Wirtschaftszweige, die auch unqualifizierten Arbeitskräften ein Auskommen sichern, die dann dem Staat nicht zur Last fallen. Alles bingo, alles happy. Was soll daran ehrlos sein?
Dezember 20th, 2007 @ 15:43
Sorry, ein bisschen in Eile gewesen – natürlich war Nachfrage gemeint.
Und ja: Das ist so. Ich schreibe meiner Oma nie aber selbst wenn wär das kein Beleg für oder gegen diese Binsenweisheit. Wenn Preise keine Rolle für die Nachfrage spielen würden, warum erhöht die Post ihre Preise nicht noch ein bisschen mehr, als Monopolist kann sie das doch? Ganz klar: Weil dann eben mehr digital gemacht wird oder man sich andere Ausweichmöglichkeiten sucht, was die Post auch nicht will. So ähnlich funktioniert doch die OPEC beispielsweise auch: Man bildet ein Kartell und hält die Preise knapp unterhalb der Schmerzgrenze.
“Ich sage noch mal:” Das macht es doch auch nicht wahr! Die Arbeitsplätze bei der Pin GAB es schon, wenn sie wegfallen sind sie nicht mehr da und wenn man Konkurrenten den Zugang zum eigenen Markt erschwert, dann IST das zweifellos eine Hürde.
Willst du Arbeitsplätze verbieten, die zu Werbung führen? Mord, Raub, Menschenhandel sind Straftaten, das Verteilen von Werbezetteln bisher nicht. Straftaten sind selbstverständlich keine “Jobs”, auch wenn sie in Krimis gerne so genannt werden.
Insofern spielt es natürlich schon eine Rolle womit jemand sein Geld verdient – aber Mörder und Werbeleute gleichzusetzen, das find ich seltsam. Mir kommt es vor, als wolltest du jedem der mit Werbung Geld verdienen, genau das zum Vorwurf machen.
Dezember 20th, 2007 @ 16:27
Ich habe Call-Center-Stalker nicht mit Mördern gleichgesetzt, sondern Dein Argument, dass jeder Broterwerb per se ein ehrenwerter sei, ad absurdum geführt. Nicht jeder Job ist ethisch vertretbar, nur weil es ein Job ist. Und Werbemüll aus Niederaula mit staatlich subventionierten Hungerlöhnen zu verbreiten, gehört nicht zu den förderungswürdigen Arbeitsplätzen. Auch unterhalb der Schwelle zur Strafbarkeit gibt es ethisch fragwürdiges Verhalten. Ja, ich mache es Werbeleuten zum Vorwurf, wenn sie versuchen, Deiner Oma per Telefon Versicherungen, Telefonanschlüsse oder Lotterielose aufzuschwatzen (“Wir machen da eine Umfrage…”)
Die Arbeitsplätze bei der PIN gab es mit der Erwartung, ab 1. Januar 2008 der Post Marktanteile abzujagen, wodurch selbstverständlich Arbeitsplätze bei der Post verlorengegangen wären. Damit wären auskömmliche Arbeitsplätze durch staatlich bezuschusste prekäre Jobs ersetzt worden. Ich hätte das mit meinen Steuern und über meine Sozialversicherungsbeiträge mitfinanziert. Ich hätte die PIN sogar mitfinanziert, wenn ich gar keine Briefe verschickt hätte. Und dabei noch nebenbei die Werbeflut gefördert. Sollen die Werbeleute doch Geld verdienen. Aber bitte nicht mit staatlicher Förderung.
Die Post erhöht ihre Preise u.a. deshalb nicht, weil es – oh Graus! – eine staatliche Regulierungsbehörde gibt.
Dezember 20th, 2007 @ 21:39
Lass es mich noch mal so erklären: Für die meisten Privathaushalte ist die Portokasse kein entscheidender Posten im Monatsbudget.
Nehmen wir an, Supermarkt A verkauft Tafelsalz für 19 Cent, Supermarkt B verkauft Tafelsalz für 99 Cent. Meinst Du, die Leute verbrauchen weniger Salz, wenn sie 99 Cent dafür bezahlt haben? Die Angebot-Nachfrage-Regel funktioniert eben nicht immer.
Genauer: Das Angebot besteht nicht nur aus den Kosten des Portos. Der größere Teil meines Aufwands besteht darin, einen Brief zu schreiben, Zeit und Kreativität zu investieren und ihn zum Briefkasten zu bringen. Womöglich ist der Weg zum PIN-Briefkasten sogar noch weiter. Womöglich kann ich PIN-Briefe nur während der Öffnungszeiten an irgendeinem Kiosk abgeben und nicht abends, wenn ich Zeit habe. Die 10 Cent, die ich bei der Konkurrenz spare, spielen da überhaupt keine Rolle mehr bei meiner Entscheidung.
Dezember 21st, 2007 @ 14:01
Und inwiefern ist nun gerade deine Entscheidung so bedeutend, dass sie die Verhinderung von Wettbewerb rechtfertigt? Davon mal abgesehen wissen weder du noch ich noch sonst irgendwer, wie sich das Angebot der PIN entwickelt hätte. Obejtkiv betrachtet kann man doch nicht ausschließen, dass sie neben jeden Post-Briefkasten ihren eigenen aufgestellt hätte, oder? In meinem Wohnort gibt es inzwisczhen nur noch einen einzigen Briefkasten, die meisten Leute müssen also 1-2 Kilometer latschen, bis sie Post verschicken können. Wer sagt dir, dass die PIN sich solche schlecht versorgten Gebiete nicht vorgeknöpft hätte?
Ich verstehe nicht, was deine Rechenbeispiele eigentlich zeigen sollen. Natürlich wirkt es sich auf den Verbrauch aus, wenn sich der Preis für irgendwas verfünffacht. Nun ist Salz insofern ein schlechtes Beispiel, als dass es unverzichtbarer ist als einen Brief zu verschicken, denn den kann ich notfalls auch selber irgendwo hinbringen (was ich im Fall von Bewerbungsschreiben auch schon getan habe). Aber mal angenommen, du müsstest 100 Kilo Salz kaufen und der Preis dafür wäre wirklich von 19 Euro auf 99 Euro gestiegen – vermutlich würdest du pberlegen, ob es wirklich 100 Kilo sein müssten oder man nicht einsparen könnte.
Meinetwegen führen höhere Preise nicht immer zu weniger Nachfrage – aber ganz sicher führen sie nicht zu mehr Nachfrage und nur mehr Nachfrage bringt Arbeitsplätze, wie du sicher zugeben wirst.
Dezember 22nd, 2007 @ 09:02
Ja wie? Nur weil ich es ablehne, Wettbewerb zu verzerren, sage ich nicht, dass ich die Bundespost verbieten will!
Unternehmen starten _immer_ klein. Sogar dann, wenn sie Giganten im Rücken haben, wie bei Pin (wie weit solche “Loyalitäten” reichen lässt sich leider täglich in den Medien ablesen, was man objektiv auch ohne jeden Vorwurf sehen muss, denke ich)
Weil ein Unternehmen klein ist, verdient es keine Unsterstützung? Nichtmal gegenüber einem Monopolisten?? Sorry, sehe ich anders.
Da die PIN keine Chance hatte, in den Privatmarkt einzusteigen, erübrigt sich jede Debatte über geplante oder nicht geplante grüne Briefkästen irgendwie. Aber warum die Konkurrenz die stiefmütterlich behandelten Gebiete genauso ignorieren sollte wie die gelbe Post, das habe ich noch nicht verstanden.
Wir reden immer noch vom “Briefe in den Kasten werfen” und nicht vom Roboterprogrammieren. Ich kann bestimmte Medienberichte schwer vollwertig bewerten, gönne (wie mehrfach erwähnt) jedem Post- oder anderswo Angestellten ein Vielfaches seines Gehaltes. But There Aint nothing like a free lunch. Auch Traumgehälter für unqualifizirte Jobs müssen letztlich mehr einbringen, als sie kosten – kann ich auch nix zu.
Wenn du wirklich “mehr” Wettbewerb willst, dann kannst du doch nicht ernsthaft völlig gegen die Entstehung eines Postwettbewerbs argumentieren, oder? Und um nichts weniger geht es mir. Ich halte keine Aktien an der Pin und ich liebe meine Postbotin (die ist super, wertet mein Bild von der Post AG um ca 120% auf!) ich führe hier weder eine Privatfehde noch verfolge ich andere zwielichtige Interessen. Ich habe nur Probleme damit, wenn der Staat mir vorschreibt, mit wem ich meine Briefe verschicken soll oder was das zu kosten hat.