Auch Nebensächlichkeiten können brisant werden
Posted on | Mai 26, 2008 | 14 Comments
Wer sich selbst schonmal etwas intensiver im StudiVZ umgesehen hat, kennt diese politisch völlig unkorrekten aber für jeden denkenden Menschen erkennbar nicht ernst gemeinten Gruppen bestimmt, die zum Beispiel
- Nach Frankreich fahr ich nur auf Ketten
- Krieg ist scheiße, aber der Sound ist geil
- Brot für die Welt – Fleisch für mich
- Wär’ ich Kreuzritter gewesen, hätten wir Jerusalem noch
heißen.
Wer in solchen Gruppen ist, von dem wird wohl niemand erwarten, dass er wirklich einen “Leo” bei der Bundeswehr klaut und durch den Arc de Triomphe brettert, sich in seiner Freizeit Maschinengewehrgeknatter anhört oder an einer Zeitmaschine tüftelt, um Jerusalem zu verteidigen.
Es gibt dort auch etliche andere, nunja, eher grenzwertige Gruppen, in denen sich teilweise sogar solidarisch mit irgendwelchen Diktatoren erklärt wird. Diese Sorte Scherz erlauben sich schätzungsweise hunderttausende StudiVZ-Nutzer. Ich möchte mal behaupten: Wären das alles potentielle Massenmörder, Militaristen oder gnadenlose Zyniker, wäre die Akademiker-Flucht aus Deutschland eher ein Segen als Fluch.
Nun sind StudiVZ-Nutzer aber meistens jung, haben dementsprechend Spaß an humoriger Provokation aller Art und denken dabei nicht unbedingt immer darüber nach, was humorlose Menschen über ihre manchmal derben Scherze denken könnten.
Die oben genannten und meiner Meinung nach allenfalls geschmacklosen, aber politisch absolut bedeutungslosen Gruppen, wurden nun einem 25-Jahre-jungen Politiker aus Hessen zum Verhängnis, der offensichtlich etwas bot, dass vielfach schmerzlich bei vielen jungen Leuten vermisst wird: Politisches Engagement. Er war Geschäftsführer eines Kreisverbandes seiner Partei, stellvertretender Landesvorsitzender der Jugendorganisation seiner Partei, Leiter eines Stadtverbandes dieser Jugendorganisation und Beisitzer des Stadtverbandes seiner Partei.
Jung, engagiert, interessiert und bereit viel Freizeit in die Politik zu stecken. Im Grunde genommen genau dass, was sich Parteien wünschen.
Das Bekanntwerden der oben genannten Gruppenzugehörigkeiten haben offenbar gereicht, um ihn zum Rücktritt von sämtlichen dieser Ehrenämtern zu bewegen, beziehungsweise ihn davon zu entheben.
Er hat nicht etwa eine Politik betrieben, die in Richtung eines Angriffskrieges ging, er hat auch nie dazu aufgerufen, die Spardosen von “Brot für die Welt” zu plündern um mit dem Geld Grillparties zu organisieren. Er hat einfach nur die beiden Mausklicks ausgeführt und war dann halt in den Gruppen, über die er vorher ein paar Sekunden lang geschmunzelt hatte.
Man kann sich jetzt hinstellen und sagen gut, aber von einem Politiker, auch einem jungen, erwarte ich immer und überall absolute ernsthaftigkeit und politisch unkorrekte Witze darf er nicht reißen, nichtmal auf einer politisch völlig unbedeutenden Internetplattform, die für derartige Späße bekannt ist.
Ich allerdings finde das übertrieben und albern und lasse daher auch jeden Hinweis weg, zu welcher Partei der junge Mann nun gehörte. Denn das ist nicht der Punkt. Ich bin mir sogar ziemlich sicher, dass man in jeder Partei jemanden finden wird, dessen Karriere man ebenso leicht aus dem Takt bringen könnte.
Aber mein gut gemeinter Ratschlag an politisch Aktive StudiVZ-Mitglieder: Macht, wenn ihr in lustigen, aber geschmacklich umstrittenen Gruppen seid und da drin bleiben wollt, vielleicht besser euren Namen unkenntlich, damit Spaßbremsen in euren Parteien oder die Medien oder gar der politische Gegner auf allerbilligste Weise den großen Aufklärer auf Eure Kosten spelen können.
Denn der Öffentlichkeit ist im Zweifel wirklich egal, dass ihr halt keine mit allen Wassern gewaschenen Medienprofis mit PR-Abteilung seid, sondern neben eurem politischen Leben auch noch eine Jugend habt und ein Privatleben, dass ihr im Gegensatz zu bezahlten Polit-Profies beides nicht zu 100% der Politik unterordnen wollt oder könnt.
Wenn politisches Engagement wegen solcher Nichtigkeiten entwertet wird, ist das einfach nur schade und völlig übertrieben. Aber die Welt ist schlecht – das sollten wir auch dann bedenken, wenn wir uns in vermeintlich unpolitischen Kreisen darstellen und äußern.
Comments
14 Responses to “Auch Nebensächlichkeiten können brisant werden”
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Mai 26th, 2008 @ 22:46
Irre ich mich gerade, oder handelte es sich dabei um einen Fall aus dem letzten Jahr, wo sich ein CDU-”Jungpolitiker” in einer “rechtsextremen Gruppe” aufhielt?
Ich jedenfalls finde tatsächlich, dass die politischen Karrieren solcher “Junpolitiker” bei so etwas sofort zu beenden sind. Ich kenne selbst zwei junge CDU und JU-Mitglieder aus meinem ex-Jahrgang die deutlich rechtsextrem sind. Es besteht der begründete Verdacht, dass das Beitreten solcher Gruppen dann tatsächlich mehr als nur ein schlechter Scherz ist.
Mai 26th, 2008 @ 23:00
Nein, darum geht es nicht. Ich habe einen aktuellen Fall zum Anlass genommen, mir gehts darüber hinaus aber weniger um den Fall an sich als ums Prinzip.
Soll heißen: Ich kenn den Mann nicht weiter und kann darum auch nicht ausschließen, dass er irgendwelche komischen Ansichten hat. Auch darum habe ich weder Namen noch Partei genannt. In den Erklärungen wird die Mitgliedschaft in den oben genannten StudiVZ-Gruppen als Grund genannt, weiter nichts. Und das sind für mich keine politischen Statements.
Das eine schließt das andere natürlich nie aus. Aber in diesem Fall wurde danach von Seiten diverser Medien nicht einmal nach gefragt. Die Mitgliedschaft in den Gruppen genügte völlig zur Diskreditierung und da stell ich einfach mal die Verhältnismäßigkeit in Frage.
Mai 27th, 2008 @ 23:21
Hinter jedem Scherz steckt ein Stück Wahrheit. Die
Mitglieder dieser Gruppen sind dies sicher nicht ausschließlich wegen dem
“lustigen” Spruch. Außerdem was soll jemand denken der beispielsweise
Angehörige im Krieg verloren hat und dann erfährt das ein Politiker, den
derjenige möglicherweise auch noch gewählt hat, sich öffentlich über Sprüche
wie “Krieg ist scheiße, aber der Sound ist geil” amüsiert?
Wenn man da nur von seinen Ämtern entlassen wird, sollte man froh sein. Ich
wäre dafür (egal welche Partei oder Person) solche Leute direkt und komplett
aus der Partei raus zu schmeißen!
Mai 27th, 2008 @ 23:31
Hm, das überleg dir aber nochmal. Denn wenn du derart krasse Reaktionen auf (sicherlich auf geschmacklose Weise ausgelegte) Meinungsfreiheit erwartest, reiben sich zum Beispiel religiöse Hardliner die Hände. Denn wenn jemand zum Beispiel die ungeheuerliche Vermutung äußert, Gott gäbs gar nicht, dann ist das für religiöse Menschen eine mindestens ebenso große Beleidigung, die mindestens ebenso harte Reaktionen erfordern müsste.
Schutz vor verletzten Gefühlen darf meiner Ansicht nach nicht höher als Meinungsfreiheit stehen, dazu ist sie zu wichtig.
Gerade den Spruch finde ich auch noch den harmlosesten von allen, “nach Frankreich nur auf Ketten” ist doch wohl deutlich härter.
Mai 28th, 2008 @ 11:53
Es geht mir nicht um die Meinungsfreiheit, wenn jemand solche Sprüche lustig findet, soll er das. Dann hat er aber nichts in einer demokratischen Partei zu suchen. Dann soll er doch in die Offensive D oder so was gehen. Ein Atheist hätte ja auch nichts in einer christlichen Partei verloren, wobei mich das persönlich nicht interessieren würde.
Mai 28th, 2008 @ 12:02
Es geht in diesem Fall aber wie gesagt nicht um politische Statements mit seltsamem Inhalt und der junge Mann hat diese Sprüche nichtmal selbst gesagt. Ich finde schon, das das ein Unterschied ist.
Ich denke schon, dass beispielsweise die CDU auch Menschen aufnimmt, die nicht getauft sind.
Mai 28th, 2008 @ 12:48
Nur weil StudieVZ keine politsche Plattform ist, sind es nicht gleich keine politischen Statements. Wenn die Merkel jetzt im Bundetag bei einer Rede “Türken raus” schreien würde oder bei einem Abendessen mit ihrem Mann, würde man dann auch einen Unterschied machen? Und auch wenn es Witze sein sollen, so bleiben es politische Aussagen.Ich glaube aber nicht das die CDU es einfach hinnehmen würde wenn eines ihrer Mitglieder Gott und Religion als Grund für viele Kriege angibt und weiter behauptet ohne Christentum wären wir besser dran.
Mai 28th, 2008 @ 13:03
Es sind aber auch nicht zwangsläufig politische Statements.
Bundeskanzlerin Angela Merkel mit einem politisch tätigen, aber mandatslosen Jugendlichen zu vergleichen ist doch wirklich kein Argument. Wenngleich ich hoffen will, dass Angela Merkels private Gespräche mit ihrem Mann nie und unter keinen Umständen irgendeine Rolle spielen, denn das ist eindeutig privat.
Ich kenn die Interna der CDU nicht, trau ihr auch durchaus zu, historische Tatsachen zu verleugnen. Aber trotzdem könnte ein Atheist ihr doch beitreten.
Mai 28th, 2008 @ 15:08
Klar, ein Atheist KANN zu der CDU gehen, genau wie ein Kommunist zur FDP gehen kann oder ein Kapitalist zu Die Linken. Macht bloß alles keinen Sinn! Außerdem steht jeder in einer politischen Verantwortung, egal ob Bundeskanzlerin oder Mitglied eines Jugendverbandes.
Mai 28th, 2008 @ 15:19
Als würde sich CDU-Politik an der Bibel orientieren.
Ansonsten sehe ich einen erheblichen Unterschied, ob ich jemanden mit meinem Steuergeld bezahle, damit er mich in irgendeinem Parlament vertritt, oder ob das ein ungewählter Parteienvertreter ist.
Die Worte einer Bundeskanzlerin betreffen mich persönlich, weil ich halt Deutscher bin.
Mai 28th, 2008 @ 22:00
Das die CDU nicht (mehr) ausschließlich christliche Politik macht ist eine andere Sache. Und der im Bericht angesprochene Mensch, war Vetreter einer Partei in der Ortsgruppe. Also betrifft es die Mitglieder dieser Partei und wenn die meinen das die Person ihre Ämter nieder legen muss, haben sie doch auch das recht das zu fordern. Wenn ich in einer Partei wäre und da würde sich jemand so verhalten würde ich mich jedenfalls dafür einsetzen das er ausgeschlossen wird!
Mai 28th, 2008 @ 22:07
Mag ja sein. Ich find es albern.
Juni 3rd, 2008 @ 22:00
[...] Vor einigen Tagen lernten wir bereits, dass Zugehörigkeiten zu den falschen StudiVZ-Gruppen, auch wenn deren “Programme” offensichtlich nicht ernst zu nehmen sind, politische Karrieren beenden können, bevor sie begonnen haben. [...]
Juni 4th, 2008 @ 23:25
[...] In einer StudiVZ-Gruppe mit eher mittelprächtiger Satire ein Nachbarland beleidigen, führt zu ernsten Konsequenzen, wenn man einer politischen Jugendorganisation angehört. [...]