Nationalfeiertage
Posted on | Juni 17, 2008 | No Comments
Im Jahr 1998 besuchte ich zum zweiten Mal in meinem Leben Frankreich und zum ersten Mal in meinem Leben Paris. Es war Hochsommer. Es waren nur zwei Tage seit dem Endspiel der Fussball-Weltmeisterschaft vergangen. Und die Franzosen hatten sie gewonnen. Das Endspiel war in Paris gewesen.
Man kann sich vorstellen, dass auch zwei Tage danach noch eine euphorische Stimmung in der ganzen Stadt herrschte. Der Tag an dem ich ankam, war also der 14. Juli. Wer Französischunterricht hatte wird wissen, dass das der Nationalfeiertag der Franzosen ist. Nun kamen wir erst spät Nachmittags an, so dass die dort übliche Militär-Parade schon gelaufen war und ich den reichlichen Frankreich-Schmuck noch für Reste der Feierlichkeiten der WM hielt – weil mir das Datum erst nicht bewusst war.
Aber wahrscheinlich war es von beidem ein bisschen. Jedenfalls folgte ein ziemlich denkwürdiger Partyabend.
Wenn die Franzosen ihren Sturm auf die Bastille feiern, dann stellen sie in der ganzen Stadt Grills auf (ja, mitten in Paris!), Musik überall, die lauteste damals direkt unter dem Eiffelturm in Form eines Gratis-Konzertes von Jean-Michel Jarre, von dem ich zufällig erst Wochen zuvor meine erste CD gekauft hatte. Irgendwann dann noch Feuerwerk und Party die ganze Nacht.
So feiern Franzosen ihren Nationalfeiertag. Man kann von der Militärparade halten was man will, ich hätte sie mir aus Interesse auf jeden Fall angesehen, auch wenn ich derartige Dinge albern finde. Man kann auch drüber streiten, ob Nationalfeiertage überhaupt gefeiert werden sollten.
Aber ich denke, wenn man sie schon begeht, dann kann man das ruhig in so fröhlicher, ausgelassener Weise tun, wie die Franzosen, die mich vor fast 10 Jahren damit schon ziemlich beeindruckt haben.
Nun liegt unser Nationalfeiertag im Oktober. Am Anfang zwar, wo oftmals doch noch erträgliche Temperaturen herrschen. Aber im Vergleich mit den Temperaturen im Juni oder Juli ist das ja doch eher stimmungshemmend.
Dabei können wir froh sein, dass man sich nicht für den 9. November entschied. Das hat man aber wohl eher getan, weil dieser Tag historisch betrachtet doch noch mehr darstellt, als den Fall der Mauer – und andere Ereignisse dieses Tages sind bekanntermaßen wenig feierlich. Das November war, wird jedenfalls nicht den Ausschlag gegeben haben und der Mauerfall wäre mit Sicherheit auch der bessere Anlass zum Feiern gewesen, wie der künstlich geschaffene 3. Oktober, der eigentlich nichts weiter als den bürokratischen Teil der Wiedervereinigung symbolisiert, nicht aber die Kraft eines über Jahrzehnte eingesperrten, entrechteten Volkes, dass sein mörderisches Regime unblutig und erfolgreich entmachtet hatte.
Heute ist der 17. Juni. Ehemalige Geschichtsstreber wie ich wissen, was heute vor 55 Jahren passiert ist (auch wenn in meinem Geschichtsunterricht alles, was nach dem zweiten Weltkrieg kam, äußerst sparsam behandelt worden ist – meine Schulzeit endete übrigens ebenfalls 1998 und vielleicht waren den staatlichen LeerLehrplanschreibern die 50er Jahre noch nicht lange genug her, immerhin dürften sich viele von ihnen noch daran erinnern können…).
Es gab damals, im Juni 53, so etwas wie den Versuch, die Mauer einzureißen, bevor sie in Beton gegossen da stand. Ein gescheiterter Versuch allerdings und ein Versuch, der Menschen das Leben gekostet hat, die für ihre Freiheit gekämpft haben. Am 17. Juni 1953 demonstrierten in der noch jungen “Deutschen Demokratischen Republick” die Untertanen gegen die Lebensumstände, gegen ihre Arbeitsbedingungen und gegen die politischen Missstände. Tags darauf wurden Rädelsführer der Aufstände durch die Rote Armee festgenommen und ermordet. Mächtige Staatsapparate wissen sich eben zu wehren und da zählte ein Menschenleben noch nie viel.
36 Jahre lang war der 17. Juni deutscher Nationalfeiertag. Da er eine gescheiterte Freiheitsrevolution symbolisiert, die noch dazu Menschenleben gekostet hat, wäre eine Party wie in Frankreich allerdings womöglich so oder so nie angebracht gewesen. Wer feiert schon gern insgesamt tragische Ereignisse?
Aber einen Feiertag im Juni durch einen im Oktober zu ersetzen, dass ist irgendwie auch so richtig typisch deutsch. Motto: Hauptsache historisch korrekt, dass die Leute mit so nem Tag weniger anfangen können, interessiert erstmal nicht, immerhin gehts um den Nationalfeiertag. Die Ausgelassenheit der Franzosen, auch wenn sie 1998 doch noch viel mit der Weltmeisterschaft zu tun gehabt haben mag, werden wir so jedenfalls nie bekommen. Die Franzosen können zu ihrem Land stehen, wie sie wollen, in jedem Fall haben sie aber eine schöne Party.
Wir haben bloß einen Herbsttag frei und mit Glück erinnert sich der eine oder andere noch, warum.
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