Jul 01 2008
Großes Trara um Sterbehilfe
Roger Kusch gehörte mal zur Regierung der schönsten Stadt der Welt.
Heute ist er hauptberuflich Sterbehelfer, wenn man so will.
Er hat einen Apparat entwickelt, mit dem sich Menschen sanft umbringen können. Der kam zwar noch nicht zum Einsatz, aber der Justizsenator a.D. hat einer 79 Jahre alten Frau Sterbehilfe geleistet.
Und es hagelt kritische Fragen und Vorwürfe: Darf der das? Wollte die Frau wikrlich? Ist das alles richtig?
Das Thema Sterbehilfe ist eigentlich immer heiß, diskutiert wird schnell emotional und es ist ja außerdem ein Thema, dass jeden irgendwie berührt – sofern man sich nicht für unsterblich hält.
Ich würde sagen, man kann in diesem Fall sicher davon ausgehen, dass die Frau wirklich sterben wollte. Das bedeutet natürlich nicht, dass man das Instrument Sterbehilfe nicht auch missbrauchen könnte und es bedeutet auch nicht, dass es nicht möglich wäre, Menschen zu überreden, sich beim sterben helfen zu lassen. Denkbar ist so Einiges in dieser verrückten Welt.
Aber reichen solche Argumente aus, um der Sterbehilfe und damit letztlich dem Wunsch von Menschen, sterben zu wollen, gesetzliche Riegel vorzuschieben? Ich denke nein. Nichts ist privater, als das eigene Leben und kein Mensch sollte irgendeinem Staat gehören, der an seiner statt bestimmen darf, ob ein Mensch leben oder sterben darf.
Eine andere Frage ist, ob man Sterbehilfe gewerblich betreiben dürfen sollte oder nicht. Geschäftemacherei mit dem Tod – ist das in Ordnung?
Die Frage ist eigentlich leicht zu beantworten: So wie Bestattungsunternehmen längst ihr Geschäft mit dem Tod machen und selbstverständlich, so makaber das auch klingt, mit mehr Leichen auch mehr Geld verdienen, so sollte das doch analog auf gewerbliche Sterbehelfer auch zutreffend sein.
Natürlich tu ich mich etwas schwer mit der Vorstellung, demnächst Werbespots von Kuschs Tötungsmaschine im Fernsehen zu sehen. Noch etwas skuriler wäre die Vorstellung von “Informationsveranstaltungen” in Altenheimen mit anschließendem Broschürenverteilen.
Das läge dann natürlich im Ermessen der Beteiligten, solche Werbemaßnahmen zuzulassen oder nicht aber das spricht ja so für sich genommen auch nicht dagegen, Derartiges gegen Geld anzubieten.
Der denkbare Missbrauch ist natürlich ein Thema. Aber keins, dass sich nicht auch vernünftig klären ließe. Man kann mit Zeugen arbeiten, mit Anwälten oder Notaren – Möglichkeiten gibts genug.
Ich bin der Meinung, man kann Sterbehilfe so regeln, dass sie sicher, menschlich und ethisch nicht nur als vertretbar, sondern auch als das einzig Richtige erscheint.
Und ich bin der Meinung, dass das jedem Kritiker letztlich auch klar ist. Das Brimborium das jetzt um Kusch gemacht wird und die emotionalen Ausbrüche, die solche Themen immer wieder hervorrufen, auch zum Beispiel als kürzlich das Thema Patientenverfügungen im Bundestag behandelt wurde, hat wohl letztlich seinen Ursprung in der Religion vieler Meinungsführer.
Für religiöse Menschen stellt sich die Frage nämlich anders. Das Schicksal des Betroffenen ist erstmal zweitrangig – vorher muss die Frage geklärt werden, ob er, also der Abgeordnete oder auch der Sterbehelfer, Gott spielen oder ihm zumindest assistieren darf. Wenn man den Vorzug genießt, nicht über einen konkreten Fall reden zu müssen, in dem vielleicht sogar ein Familienmitglied oder ein enger Freund oder Bekannter die tragische Rolle eines Sterbewilligen spielt, beantwortet sich die Frage nach dem Gottspielen sicher nicht mehr ganz so einfach.
Nur: Vielleicht ist der Betroffene gar nicht religiös? In dem Fall wäre es höchst unethisch, ihn den religiösen Regeln einiger Abgeordneter einfach so unterzuordnen.
Im Fall der Patientenverfügung, wo erst vor wenigen Tagen im Bundestag darüber debattiert wurde, ob der letzte Wille von Menschen, die im sterben liegen, unbedingt bindend befolgt werden müssen oder nicht, führt man noch ein anderes Argument an: Was, wenn der Patient zum Zeitpunkt des Abschaltens der Lebenserhaltenden Maßnahmen längst anderer Meinung ist, dass aber nicht mehr mitteilen kann?
Hier würde ich dafür plädieren, davon auszugehen, dass das nicht der Fall ist. Ich bin seit einiger Zeit Organspender und habe eingewilligt, dass man mir Organe entnehmen kann, wenn ich zwar technisch gesehen nicht mehr am Leben bin, mein Herz aber trotzdem noch schlägt. Selbstredend lässt es sich ohne Leber, Niere oder Herz erst recht nicht weiterleben, weshalb die Einwilligung zur Organspende natürlich nicht das Gleiche ist, wie eine Patientenverfügung – aber irgendwo artverwandt. Denn je nach Ausfertigung einer Patientenverfügung könnte die ja auch nahelegen, im Falle eines beinahe ausgeschlossenen Erwachens aus dem Koma, Lebenserhaltende Maßnahmen nach einer gewissen Zeit einzustellen.
Um die Einwilligung zur Organspende wird aber kein Glaubenskrieg geführt: Im Gegenteil: Hier diskutiert man ganz offen, ob nicht jeder Mensch von vornherein als Organspender gelten sollte und man dem erstmal widersprechen sollte. Das halte ich wiederum für nicht ethisch, zeigt im Zusammenhang aber ein merkwürdiges Menschenbild von Teilen der Politik auf die Menschen: Die Möglichkeiten jedes Einzelnen über sein Leben und seine körperliche Unversehrtheit zu etnscheiden, werden ohne große Bedenken beschnitten – wenn der Staat das selbe mit seinen Menschen tun will, dann finden sich plötzlich viele Befürworter.
Insofern muss man auf die ethischen Grundsätze diverser Meinungsfrüher nicht allzuviel Geben. Der Gesunde Menschenverstand empfiehlt allerdings: Ob bei Patientenverfügungen, Organspende oder Sterbehilfe, im Zweifel muss der Betroffene das entscheidende letzte Wort haben und das sollte dann auch möglichst respektiert werden.
PS: Da ich nicht müde werde, Organspendeausweise unter die Leute zu bringen, empfehle ich dir, lieber Leser, bei der Gelegenheit gerne nochmal, kostenlos einen zu bestellen. Man kann dort auch ankreuzen, dass man NICHT zum Spender werden möchte – dass nur als Tipp. Denn wer weiß, vielleicht setzen sich in diesem Land irgendwann doch diejenigen durch, die das Erstzugriffsrecht des Staates auf unsere Organe befürworten… ich empfehle allerdings, anderes anzukreuzen, Schließlich kann man selbst, die Freundin oder Frau oder die eigenen Kinder auch mal in die dumme Lage kommen, ein Spenderorgan zu benötigen.
19 Kommentare



[...] Wie kontrovers der Bereich der Sterbehilfe auch oder gerade heute ist, zeigt auch der Eintrag im Filterblog. Der Politiker Kusch hatte einer 79 Jahre alten Frau aus Würzburg mit der Verabreichung dreier [...]
Man akzeptiert doch auch Abtreibung!
Abtreibung ist auch eine Art von “Sterbehilfe”, nur dass der eigentlich Betroffene nicht selbst mitentscheiden kann. Nicht dass ich gegen Abtreibung wäre, im Gegenteil, ich befürworte es außerordentlich. Jede Frau sollte über Ihren Körper selbst entscheiden können. Aber wird dabei nicht auch eine Art der Sterbehilfe geleistet? Ganz gesetzlich und ganz legal?
Also, wenn man Abtreibung für gesetzlich richtig hält, warum sollte man dann Menschen, die mit eigenem freiem Willen aus dem Leben treten wollen, jegliche Unterstützung untersagen?
Jeder Mensch, der bei klarem Verstand ist, sollte entscheiden können, wann und wie er aus dem Leben scheiden will!
Guter Punkt. Wobei ich “akzeptiert” so nicht sagen würde. Man nimmt es eher hin – in einigen konservativen Kreisen nach meinem Eindruck auch sehr widerwillig.
Ausgerechnet ein FDP-Politiker, nämlich Baden-Württembergs Justizminister Ulrich Goll, macht sich zum Vorkämpfer eines weiteren staatlichen Verbotes gegen die individuelle Selbstbestimmung! Eine Schande!!!
Lesetip:
http://ad-sinistram.blogspot.c.....e-tod.html
@ Höchberg
Um so wichtiger ist es darum ja zu erwähnen, dass es auch eine Liberale Sichtweise zu diesem Themenkomplex gibt.
Das ist natürlich Polemik und ein Totschlagargument, und das weißt Du auch. Selbstverständlich hat jeder Mensch das Recht, aus dem Leben auszuscheiden, wenn er es wünscht – die Möglichkeit besteht auch heute. Es kann jedoch nicht sein, dass mit dem Sterben ein Geschäft getrieben wird. Auch im Tod kann es Würde geben. Die Antwort auf eine immer älter werdende Gesellschaft kann nicht sein, alte Menschen implizit dazu zu drängen, dass es doch für alle besser wäre, sie wählten den schnellen und bequemen Tod, die Antwort muss der schwierigere Weg sein: Palliativmedizin, das bedeutet: ein schmerzfreier Tod im Kreis der Familie, vielleicht sogar in den eigenen vier Wänden. Staatlich genehmigte Hilfe zum Selbstmord lehne ich ab. Das ist nicht der Staat, in dem ich leben möchte, der derlei Verhaltensweisen billigt.
“Es kann jedoch nicht sein, dass mit dem Sterben ein Geschäft getrieben wird. ”
Warum denn nicht? Und warum sollte das würdelos sein? Ich bin dafür, dass solche wichtigen Fragen von jedem selbst entschieden werden.
@Christian S.
Auch ein “Selbstmord” kann würdevoll sein. Ich wäre jedenfalls froh, wenn es eine Stelle, egal ob staatlich oder privat, geben würde, an die ich mich im Fall der Fälle wenden könnte , um mir einen würdevollen Abschied aus dem Leben zu ermöglichen, anstatt auf irgendwelche diversen und möglicherweise illegalen und nicht funktionierende Mittelchen zurückgreifen zu müssen.
Jeder sollte über seinen Tod selbst bestimmen und so sterben, wie ER oder SIE es sich wünscht.
Selbstverständlich. Habe ich nie bestritten. Wer allerdings technischen und rechtlichen Beistand vom Staat braucht, um aus dem Leben zu scheiden, muss allerdings ziemlich unfähig sein.
Ich glaube, dass hier aus einigen Befürwortern die Lust am Widerspruch um des Widerspruchs Willen spricht. Ich denke, dass Selbstmord-Willige einen Weg finden, Selbstmord zu begehen, wenn es ihnen ernst damit ist – dafür braucht man keinen Verein, keine Organisation und auch nicht den Staat. Die Debatte bedient lediglich die Eitelkeit des Herrn Kusch.
@8: Weil das meines Erachtens nicht mit GG Art. 1 vereinbar ist.
OK, bevor ich das nächste Mal selbst einen Eintrag schreibe, schaue ich erst einmal, ob nicht jemand anders schon über selbiges Thema geschrieben hat.
Zum Thema: Eine Art “Selbstmordindustrie” würde ich auch für makaber halten, jedoch geht es doch einfach niemanden – und auch sicherlich nicht dem Staat – etwas an, wenn jemand Hilfe für den dringenden (und wohl überlegten) Sterbewunsch benötigt.
Ich finde es immer wieder erschreckend, wie unfrei wir tatsächlich noch sind, und wieviele fremde Menschen und Gruppen sich (per Gesetz) in unser Leben einzumischen versuchen – und das oft genug erfolgreich.
@Christian
Wie soll ich dass denn verstehen, “technischen und rechtlichen Beistand vom Staat”? Sowas braucht selbstverständlich kein Mensch. Aber so etwas bietet der Staat auch nicht an, im Gegenteil: Wer mir beim Sterben helfen möchte, der macht sich womöglich auch noch strafbar. Ich finde, dass ist ein seltsamer Zustand.
Was spricht dagegen, Menschen die sich nunmal dafür entscheiden, sterben zu wollen, das auch in sauberer, schmerzfreier Weise zu ermöglichen? Sicher kriegt es jeder hin sich umzubringen, ist auch ein echt netter Anblick, eine Wasserleiche zu bergen oder Menschenreste eines Selbstmörders einzusammeln, der “den Zug genommen” hat. So sehen nämlich die Selbsttötungsarten in der Praxis aus, die du hier ernsthaft als Alternative zu einer Giftspritze “empfiehlst”. Selbst wer so etwas noch nicht mit eigenen Augen sehen musste dürfte der Meinung sein, dass das wirklich würdelos ist.
Wenn Selbstmörder keine Vereine, Firmen oder den Staat zum Sterben brauchen, dann spricht auch nichts dafür, derartiges zu verbieten. Was keiner braucht verschwindet schließlich sowieso.
Herr Kusch war so clever, sich eines solchen Themas anzunehmen. Darüber hinaus ist der Mann nun nicht unbedingt jemand, der meine Bewunderung genießt aber das Problem ist trotzdem da und die Debatte eindeutig gerechtfertigt.
Sterbehilfe verstößt nicht gegen die Menschenwürde, sie stellt sie her. Ob dabei Geld fließt oder nicht halte ich für weitgehend unerheblich, zumal das wohl kaum besondere Unsummen sein dürften.
Ich finde das nicht seltsam, sondern völlig richtig so. Ich denke auch nicht, dass man als “echter” Liberaler für die Sterbehilfe sein muss und finde es daher gut, dass sich der baden-württembergischer Justizminister klar gegen derlei Dinge ausspricht.
“So wie Bestattungsunternehmen längst ihr Geschäft mit dem Tod machen und selbstverständlich, so makaber das auch klingt, mit mehr Leichen auch mehr Geld verdienen, so sollte das doch analog auf gewerbliche Sterbehelfer auch zutreffend sein.”
Diese “Anlogie” hat einen m.E. schwerwiegenden Fehler: der Bestatter “produziert” sich seine Klienten nicht. Um es vielleicht klarer zu sagen: Es ist schon etwas deutlich anderes, fuer Bestattungen zu werben als dafuer, sich “bestattungfertig” machen zu lassen.
Der Vergleich hinkt zugegebenermaßen etwas, beides ist aber irgendwo ein “Geschäft mit dem Tod”.
Ein Auftragsmord ist auch ein “Geschäft mit dem Tod”, erlaubt ist es trotzdem nicht.
Natürlich nicht aber der Vergleich hinkt ja nun wirklich noch mehr als meiner.
Siehe auch .. (klick!)
[...] gibt es viele Diskussionen über Sterbehilfe (1 2 3 4 5 6 7). Roger Kusch, Hamburgs Ex-Justizsenator, hat eine “Sterbehilfemaschine” [...]