Jul 30 2008
Wasser predigen, Wein saufen
Wenn unsere großen Volkstribunen die Massen regelrecht besoffen machen mit ihren staatlich organisierten Segnungen wie Mindestlöhnen, gebührenfreiem Studieren, Sozialtarifen für Energie und dutzenden anderen Vorschlägen, bei denen eine “Solidargemeinschaft” geschaffen werden soll für Menschen, die weniger haben als andere, dann funktioniert das fast immer.
Fast immer finden sich ganz schnell große Mehrheiten in der Bevölkerung, die es als menschlich geboten und im Sinne einer noch nie definierten und darum schwammigen, schön dehnbaren “sozialen Gerechtigkeit” geradezu notwendig erscheinen lassen, immer mehr “soziale Errungenschaften” zu fordern und auf das unterdrückte Volk herabregnen zu lassen.
Gleichzeitig beobachten wir, dass ehrenamtliches Engagement spürbar nachlässt. Erste Feuerwehren werden quasi aus Personalmangel geschlossen oder mit anderen zusammengelegt, Sportvereine suchen händeringend nach engagierten Helfern, Umweltschutzorganisationen finden keine Mitglieder mehr, die bereit wären, Führungsaufgaben zu übernehmen.
Für mich ist ziemlich offensichtlich, dass es da einen Zusammenhang gibt. Dass beispielsweise ein BUND-Kreisverband seit Ewigkeiten seinen Vorstand nicht voll bekommt, das mag einerseits an gewissen bürokratischen Hürden hängen, auf die viele Engagement-willige Bürger schlicht keinen Bock haben. Schuld an diesen Hürden hat natürlich der Staat, der sie geschaffen hat.
Es könnte aber auch daran liegen, dass der Verein nicht mehr Mitglieder hat. Denn mehr Mitglieder bedeuten in der Regel natürlich auch mehr engagierte Mitglieder. Doch wozu einem Umweltschutzverein beitreten, wenn man schon Mitglied der Bundesrepublik Deutschland ist und einen immensen Mitgliedsbeitrag für Weltretter wie Angela Merkel oder Sigmar Gabriel zahlt?
Denn so ist doch die Wahrnehmung: Die Herrschaften eiern in der Welt herum und gerieren sich als die Umweltschützer schlechthin. Kein Wunder, dass viele mit dem Umweltschutz befasste Menschen das Gefühl bekommen, ihr privater Beitrag täte so nötig nun auch wieder nicht.
Das war ein Beispiel.
Ein anderes: Ich komme bekanntlich aus dem Speckgürtel um Hamburg. Zu uns ziehen häufig Großstädter, die gewohnt sind, dass Dinge wie Feuerwehr “von selbst” also mit Steuergeld und sonst gar nichts geregelt werden. Geht natürlich bei uns nicht, bei uns machen die Bürger diesen Job selbst, lediglich Gerät und Ausbildung werden mit Steuermitteln finanziert.
Das wiederum wissen aber viele der Zugezogenen nicht, vermutlich weil sie über den Zusatz “Freiwillige” vor “Feuerwehr” an den Gerätehäusern nicht weiter nachdenken und es ihnen sonst auch niemand erzählt. Ich unterstelle mal, einige können sich auch schlicht nicht vorstellen, dass man etwas so Wichtiges wie den Brandschutz tatsächlich mit ähnlichen Methoden sichern kann, mit denen sonst profane Schützenvereine oder Fussballclubs organisiert werden: Nämlich durch ganz normale Menschen mit ganz normalen Berufen. Okay, natürlich gibt es einen Haufen Gesetze und Vorschriften, die andere Vereine nicht haben – aber im Endeffekt sorgen lauter unbezahlte Amateure für Sicherheit in Orten ohne Berufsfeuerwehren – also in fast allen.
Was wir erleben ist, dass immer mehr Menschen das Gefühl bekommen, der Staat regele alles.
Und leider ist das nicht bloß so ein Gefühl, sondern vielfach die Realität.
Ich habe den Eindruck, dass dieses Denken längst eine gewisse Eigendynamik entwickelt hat. Die Menschen rufen inzwischen bei jedem Problem nach dem Staat. Wenn sie das zur Abwechslung mal nicht tun, kommt stattdessen irgendein Politiker daher, sagt “Chefsache” und kriegt dafür dann ebenfalls die Unterstützung der Bevölkerung.
Ist ja auch viel bequemer, als sich erstmal selbst darum zu kümmern. Oder sich auch nur zu fragen, ob man etwas tun kann.
Wer von denen, die von einem Mindestlohn zwar nicht profitieren würden, ihn aber dennoch lautstark unterstützen, hat denn jemals seinem Frisör ein so hohes Trinkgeld gezahlt, dass der Frisör am Ende faktisch einen Lohn in Höhe des Mindestlohns gehabt hätte? Die Ausrede, solange das nicht jeder machen würde, würde das ja auch nichts helfen gilt nicht, es geht um die Bereitschaft, mehr zu zahlen und die müsste man, wenn man ehrlich ist, jawohl so oder so haben.
Aber ich habe nicht den Eindruck, diese Leute hätten auch nur eine Sekunde einen solchen Gedanken gehabt. Ebensowenig rennen Menschen, die sich als “sozial”bezeichnen würden ständig zum teuersten Frisör.
Oder zahlen für jeden “zu billig” gekauften Liter Aldi-Milch dem Milchviehhalter ihres Vertrauens 10 Cent extra.
Das wär zu kompliziert? Okay, also dann mein Alternativvorschlag: Wo bleibt der Verein, der diese 10 Cent zugunsten notleidender Landwirte einsammeln geht? Genug Freiwillige zum sammeln müsste es ja geben, Spendenwillige sowieso, so wie die Bevölkerung nach hohen Milchpreisen schreit.
Statt solcher Initiativen ist jeder Andere der Böse: Die Politik, wenn sie sich nicht kümmert (genau deswegen “kümmert” sie sich allerdings ständig, Politiker können es sich nicht leisten, böse zu wirken), “die Wirtschaft”, weil sie frecherweise nach marktwirtschaftlichen Prinzipien arbeitet, gerne auch mal “der Kapitalismus” insgesamt, denn wäre der erstmal abgeschafft, gäbs keine Geldsorgen mehr (wie auch, ohne Geld…).
Wer jedenfals nie schuld an irgendwelchen Miseren ist und wer nie einen Beitrag zur Verbesserung der Gesellschaft leisten kann, dass sind wir selbst, finden wir.
Und gehen weiter bei Lidl & Co billige Milch einkaufen*, freuen uns auch sonst über jedes Schnäppchen oder verbringen unseren Urlaub lieber mit Faulenzen als mit nervigem sozialem Engagement.
–
*Nur dass wir uns richtig verstehen: Ich kaufe ausschließlich nach dem Kriterium Preis ein, außer irgendwas taugt nichts. Aber ich halte niedrige Preise auch nicht für einen staatliche Interventionen rechtfertigenden Missstand
37 Kommentare



Sehr schöner Beitrag mit wichtigen Anmerkungen, die mir als zugezogenem Städter die Funktion der FW gut vor Augen geführt haben.
Klasse Artikel. Das Praxisbeispiel mit dem Friseur ist toll. Das werde ich beim nächsten mal in einer Diskussion anweden…obwohl die meisten haben dafür auch eine Ausrede. Ich glaube dein Blog merke ich mir mal.
Da muss ich auch applaudieren. Auch, wenn ich glaube, dass manche der von Dir angesprochenen Probleme tatsächlich staatliches Handeln benötigen, weil sie eben zu komplex sind, um auf unmittelbar zwischenmenschlicher Ebene gelöst zu werden. Wichtig ist aber die Anmerkung, dass die Probleme, die dort gelöst werden können, hier gar nicht mehr angegangen werden, weil die Bereitschaft zum Engagement fehlt!
@ freiburgerthesen
“wenn ich glaube, dass manche der von Dir angesprochenen Probleme tatsächlich staatliches Handeln benötigen”
Welche zum Beispiel?
Natürlich ist es ohnehin immer ein bisschen “Glaubensfrage”, was ohne staatliches Handeln funktioniert und was nicht.
Darum gehts aber im Kern gar nicht. Der Punkt ist doch, dass diese Frage gar nicht erst gestellt wird (außer von durchgeknallten Liberalen wie mir) und wir das allmählich verlernen. Ich finde das gefährlich.
Genau. Und deswegen spare ich mir auch eine Antwort auf Deine Nachfrage, weil wir sonst durch eine sicher schon oft durchgekaute Diskussion die wichtige Botschaft Deines Artikels verwässern würden.
Weise;)
Sehr fein. Yeap.
Beim Beispiel Feuerwehr befürchte ich aber oder gehe davon aus, dass diese Diensleistung in ziemlich kurzer Zeit nun komplett staatlich wird mit Hauptamtlichen Kräften/Berufsfeuerwehr. Aufgaben in den letzten 20 Jahren massiv gestiegen, verfügbare Leute und Zeit aber dramatisch gesunken.
Was noch ehrenamtlich laufen kann ist der Bevölkerungsschutz. Hilfe untereinander im Katastrophenfall und Vorsorge. Etwa Personalreserven in jedem Ort samt Material und Übungen für Hochwasser, Waldbrände, Unwettereinsätze, etc., wo sich die Leute wie früher bei den Eimerketten auch untereinander geholfen haben. Nur halt etwas professioneller aufgezogen.
Sicheren Innenangriff, Gefahrstoffeinsätze, komplizierte Technische Hilfeleistung bei Verkehrsunfällen, etc. können zwar auch viele FF-Einheiten derzeit noch ganz gut, aber das ist eigentlich ein eigener Full-Time-Job für Spezialisten und nicht mehr für den gutmeinenden Ehrenamtlichen.
Das hängt aber doch sehr von der jeweiligen Bevölkerungsdichte ab. Da wo ich herkomm wird technische Hilfeleistung bei Verkehrsunfällen so schnell kein Fulltimejob. Wo dass so ist, spricht natürlich nix dagegen, dass dann so zu machen. Muss sich aber irgendwo auch im Verhältnis Aufwand/Nutzen lohnen.
Hauptamt für einmal im Monat los bringt ja niemandem was.
Und einen sicheren Innenangriff kriegen meine Kameraden hier schon deswegen ganz gut hin, weil sie in den meisten Gebäuden im Ort ohnehin schon einige Male gewesen sind (is halt so aufm Dorf), ich glaub nicht dass es dazu nun unbedingt Profis bedürfte.
Aber du hast natürlich insofern Recht, als dass mit stetigem Fortschreiten der Technik auch an die Ausbildung immer höhere Anforderungen gestellt werden. Zwangsläufig kommt irgendwann der Punkt, an dem eine breite Ausbildung für alle Feuerwehrleute so teuer wird, dass hauptamtliche Spezialisten sinnvoller werden. Dass das aber nun flächendeckend “in ziemlich kurzer Zeit” passieren soll, kann ich mir nicht vorstellen.
In Monheim plant der Bürgermeister, wie man vor einigen Tagen hörte, die Freiwillige Feuerwehr auch anderweitig einzusetzen. Nicht zum Bevölkerungsschutz allerdings, sondern als Ersatz für das schwindende Ordnungsamt – die FF’ler sollen Parkknöllchen schreiben, Sperrstunden und das Nichtrauchergesetz überwachen u. ä. Seiner Ansicht nach säßen die Herrschaften ohnehin die meiste Zeit nur herum, da könnten sie sich auch nützlich machen. Und eine Fangprämie will er ihnen auch zahlen.
Ehrenamtliche Überwacher, weil der Staat sparen muss. Großartig – so kann man auch den Respekt auch derjenigen vor der Feuerwehr zerstören, die bisher nicht dachten, dass die “ja eh nur saufen”.
Hier noch der Link dazu:
Radio Neandertal
Bezeichnend, dass hier keiner auf die Idee kommt, dass der Rueckgang ehrenamtlichen Engeagements auch etwas mit der einer Zuhnahme marktfixierten Denkens zu tun haben koennte. In einer Marktgesellschaft ist die Grunderwartung nun mal, dass eine Leistung nur gegen eine unmittelbare Gegenleistung erbracht wird. Mit anderen Worten: es sind die Taetigkeiten interessant, die das (je eigene) Einkommen sichern oder steigern und sehr viel weniger solche, die vornehmlich geeignet sind sich (“nur”) mit Ruhm und Ehre zu bekleckern. Nach “dem Staat” wird dann geschrieen, wenn der entsprechende Bereich leider keine ausreichenden Gewinnerwartungen fuer lukrative privatwirtschaftliche Investitionen erwarten laesst und deshalb ohne entweder ehrenamtliches oder staatliches (eigentlich: oeffentliches) Engagement zu versauern droht. Und da man ehrenamtliche Taetigkeiten nur schwer einfordern kann (Versuche, das zu tun, gibt es ungeachtet dessen dennoch bereits, Stichwort: Buergerarbeit),weil so das Ehrenamt zur Zwangsarbeit pervertiert wuerde, bleibt eben nur noch eine Instanz an die sich Forderungen stellen lassen: die oeffentliche Hand (sei es nun als Staat, Land oder Kommune).
@freiburgerthesen:
Das geht natürlich nicht aber ich würde in so einem Fall ohnehin augenblicklich austreten. Und wäre sicher nicht der Einzige.
Gleichwohl gibts sogar in meiner eigenen Stadt längst Bestrebungen, eine ehrenamtliche Truppe neben Polizei und Ordnungsamt aufzustellen. Noch fehlt da wohl eine Mehrheit für aber wundern würde mich nicht, wenn diese “Bürgerstreife”, so sie denn irgendwann doch kommt, nicht auch genau diese Tätigkeiten machen soll.
Auf Provisionsbasis für solche Sachen geht natürlich gar nicht – dann würden wir von Fällen wie 5 Euro für Nutzung einer dänischen Parkscheibe vermutlich regelmäßig hören.
@Roger Beathacker
“dass der Rueckgang ehrenamtlichen Engeagements auch etwas mit der einer Zuhnahme marktfixierten Denkens zu tun haben koennte”
Würd ich grundsätzlich nicht ausschließen, gehört für mich aber in die selbe Kategorie: Über den bösen Kapitalismus aufregen, gegen Globalisierung und Markt demonstrieren, aber selber keinen Finger rühren, wenns keine Kohle dafür gibt, finde ich ähnlich verlogen wie den reflexhaften Ruf nach Vater Staat.
“bleibt eben nur noch eine Instanz an die sich Forderungen stellen lassen: die oeffentliche Hand”
Sofern einem nichts anderes einfällt, als von irgendwem irgendwas einzufordern, versteht sich. Das ist doch genau dass Problem! Wer irgendeinen Bedarf an irgendwas anmeldet, der kommt meist gar nicht erst auf die Idee, dass man gewisse Sachen auch selber mal anstoßen kann.
@Jan:
Wie man hört, war die Reaktion der Berufsfeuerwehr, die zunächst dafür vorgesehen war, sehr negativ. Und auch aus der Freiwilligen hört man nicht gerade die große Freude über den möglichen Zuverdienst ausbrechen…
Aber ist es nicht aus liberaler Sicht geradezu katastrophal, wenn nun ausgerechnet ursprünglichste hoheitliche Aufgaben, nämlich die Aufrechterhaltung der öffentlichen Ordnung, in ehrenamtliche Hände gelegt werden sollen?
@Roger:
Ich denke, beide Faktoren spielen eine Rolle. Blindes Staatsvertrauen und eine sich ausbreitende marktradikale Ethik .
@ freiburgerthesen
Sehe ich genauso – und mit mir die Fraktion meiner Stadt, die aus genau diesen Gründen strikt gegen solche Ansinnen ist.
[...] in der schönen neuen Welt der Bundesrepublik nun "Freiwillige Feuerwehr" oder "Bürgerstreife" [...]
@Jan:
Schön zu hören. Ich hatte schon die Befürchtung, dass manch kommunaler Liberaler aufgrund zweier Schlüsselwörter (“Einsparungen” und “zivilgesellschaftliches Engagement”) dahinterstehen könnte…
[...] ich vorigen Artikel schon hervorgehoben, ich möchte aber auch den ganzen Beitrag empfehlen: Jan Filter formuliert die staatskritische Theorie zum Rückgang ehrenamtlichen Engagements. In den [...]
@freiburgerthesen
Naja, halte ich andernorts für durchaus denkbar. Aber bei uns halten weder Fraktion, noch Vorstand was davon und mir ist auch kein einziger Parteikollege bekannt, der etwas für Bürgerstreifen übrig hätte.
Fairerweise muss man allerdings anmerken, dass Winsen auch keine mit anderen Städten vergleichbaren finanziellen Probleme hat. Es herrschte immer eine recht vernünftige Ausgabendisziplin. Vielleicht wären die Verhältnisse anders, wenn wir in der Vergangenheit nicht auf teure Wahlgeschenke verzichtet hätten.
[...] an “den Staat”, weil der da gar nicht die Rolle spielt, die ihm zugewiesen wird -, daß einem solchen ja ganz spannenden Text nun ausgerechnet unsere Negative Freiheit-Apologeten aus dem liberalen Lager [...]
Ich bin da grundsätzlich skeptisch, ob fehlende Bereitschaft zum Ehrenamt allzu eng mit ideologischen Behauptungen verbunden werden sollten.
Variante A: Weniger Staat -> Mehr Hilfbereitschaft/Ehrenamt
Variante B: Marktfundamentalismus/Egoismus -> Weniger Hilfbereitschaft/Ehrenamt
Ich will damit nicht sagen, dass sich nicht für beide Varianten gute Begründungen und Teil-Argumente finden lassen. Jan Filter hat für Variante A einige brauchbare Argumente angeführt.
Mein Punkt ist: Die Veränderungen der Bereitschaft zum Ehrenamt haben deutlich komplexere Ursachen. Ich überschaue das nicht, aber ich halte folgende Vorstellungen für gewichtig bzw. für ebenso beachtlich:
Variante C: Allgemeiner Wertewandel -> Weniger Ehremamt
Variante D: Allg. Verfall sozialer Bindungen -> Weniger Ehremamt
Variante E: Berufliche/außerberufliche Belastungen sind gestiegen
Variante F: Zunehmende Mobilität -> Weniger Ehrenamt
(Das klingt vermutlich erst mal widersinnig. Ich vermute aber, dass die gewachsene berufliche und geografische Mobilität der Bevölkerung, die ja ansonsten sehr gelobt wird, auch einige Seiten- und Nebeneffekte mit sich bringt. Beispiel: Wenn eine Familie neu an einem Ort ist, wird sie sich in Sachen Ehremamt voraussichtlich zunächst zurückhalten. Ob das ein sinnvolles Verhalten darstellt, ist noch mal eine andere Frage – ich würde vom Gegenteil ausgehen. Aber oft ist es eben so, dass sich das Ehrenamt aus gewachsenen, etablierten sozialen Bindungen heraus bildet bzw. anregen lässt.)
Variante G: Veränderte gesellschafttl. Leitbilder -> weniger Ehrenamt
(Ein Beispiel dazu: Das Leitbild eines parternalistischen Unternehmenschef von früher, der sich um Belegschaft und Dorf gründlich kümmert, ist im verschwinden begriffen.)
Variante H: Arbeitsmarktanforderungen -> weniger Ehremamt
(Das lässt sich auch genau ander herum beurteilen. In Deutschland – in den USA ist das umgekehrt – wirkt sich ein umfassendes ehrenamtliches Engagement eines Arbeitnehmers tendenziell eher als Einstellungshindernis auswirkt, es sei denn im Ausnahmefall, es zählt als Beleg zu den verlangten “Führungseigenschaften”)
Variante I: Allg. Rückgang der dt. Vereinskultur -> weniger Ehrenamt
Variante J: Ökonomische Erosion der Mittelklasse -> Erosion von Ehrenamt
Variante K: Vorbildwirkung der ökon. Eliten -> weniger Ehrenamt
Variante L: Erosion von Kirche/Religion -> weniger Ehrenamt
Variante M: Rückgang der Familie -> weniger Ehrenamt
Variante O: Zynismus u.ä. in den Medien und/oder Verachtung von “Gutmenschen” -> weniger Ehrenamt
Variante P: Gesellschaftliche Desintegration -> weniger Ehrenamt
(Ökonomische und soziale Prekarisierung setzt tatsächlich die Bereitschaft zum Ehrenamt faktisch herab. Wollte man aus rechtsbürgerlicher Perspektive dagegen polemisieren, wäre das vermutlich ein hübscher Anlass, um von “Sozialschmarotzern” zu sprechen. Vielleicht aber ist es so, dass die Zunahme von prekären und des-integrativen Verhältnissen einer Gesellschaft einfach nicht gut tut.)
Variante Q: Ehrenamt als Zumutung, Bürger als Melk-Kuh -> Widerstand gegen das Ehremamt
So.
Und ich bin sicher, dass ich nur ganz wenige Aspekte erwähnt habe. Die These A (weniger Staat -> mehr Ehremamt) halte ich allerdings für “zu schön” um wahr sein zu können.
In staatsfreien bzw. staatsarmen Gesellschaften (z.B. Somalia) gibt es jedenfalls nicht mehr Ehrenamt. Überhaupt glaube ich, dass kulturelle Faktoren ein größere Rolle spielen als Fragen zur Sozial- und Wirtschaftsverfassung.
- Sorry, falls ich mit meinem Kommentar irgendwen verärgert haben sollte –
Da mag was dran sein (auch wenn ich einige Punkte auf Anhieb nicht nachvollziehen kann). Nur ging es mir ja mal gar nicht nur um das Ehrenamt, sondern dass bei jedem Problem sofort staatlicher Handlungsbedarf ausgerufen wird. Die Alternative ist nicht immer gleich eine Vereinsgründung oder sonstiges Engagement.
Es kostet keine Zeit, seinem Frisör dass zu zahlen, was man für ihn als Mindestlohn fordert. Das kann jeder einfach so tun und er müsste es sogar, wenn seine Forderung wirklich ehrlich gemeint wäre.
Es ist diese Grundeinstellung, alles von vorn herein staatlich machen zu wollen, die mir Angst macht. Die ist aber nunmal in der Bevölkerung weit verbreitet und wenn ich daran etwas ändern will, dann muss ich ja zumindest mal ein bisschen skizzieren, wie es eben auch geht.
Wenn sich in Somalia bisher kein gebildet hat, dann hängt das womöglich auch mit fehlendem Wohlstand zusammen. Natürlich kann man nicht erwarten, dass irgendwer irgendwas umsonst tut, wenn er dann verhungert. Das spielt natürlich eine Rolle (entspricht wohl in etwa deiner Variante J) und kann sich irgendwann auch mal ändern.
Wen hättest du damit eigentlich verärgern wollen?
Jan, weltanschauliche Fragen und Ideogisierungen führen schnell mal zu Verstimmungen. Man merkt das daran, wie schnell feindselige Töne angestimmt werden im Kampf der Parteiungen und Meinungen innerhalb der Blogosphäre. Es hat kommen immer ganz schnell Miss-Stimmungen hinein, besonders, wenn ein politischer Gegner widerspricht. Allein schon die Art und Weise, wie ich in meinem Kommentar oben den Begriff Gutmensch eingesetzt habe, könnte zu Verärgerungen führen.
Ich glaube Jan, dass du in deinem Artikel so manches von Bedeutung übersehen hast. Und so geschickt es auch sein mag, aus dem Thema Ehrenamt Vorwürfe gegen Menschen zu gewinnen, die sich für soziale Gerechtigkeit interessieren, so unzureichend finde ich diese parteiliche Grundtendenz. Denn: Leute, die sich nicht ausreichend an Ehrenämtern beteiligen, gibt es in allen politischen Richtungen.
Mehr als genug…
Und ich glaube, dass es dir garnicht gefallen würde, wenn alle diejenigen, die nach deinem Geschmack zuviel über soziale Schieflagen sprechen, die von dir vorgeschlagenen Konsequenzen ziehen würden. Wenn jetzt alle Linken, von heute auf morgen, ehrenamtlich Vollgas geben, während die übrigen Bürger (die nicht-linken) die Dinge einfach so belassen, wie sie sind.
Und im Wesentlichen nichts tun.
Hör dich mal unter den rechtslibertären Bloggern um: Sehr viele dort sprechen davon, dass “der Sozialstaat” die ehrenamtliche Initiative abgetötet hätte.
Frag mal:
(Ich glaube, das das ehrenamtliche Nichtstun weitgehend der Normalzustand ist. Durchaus: leider. Als dezidiert Links-Liberaler bin ich der Meinung, dass jeder für sich selber entscheiden sollte, was er in seinem persönlichen Bereich für Konsequenzen aus seinen politischen Überzeugungen zieht. Man kann das Ehrenamt gerne loben, aber das Thema fürs Linken-Bashing einzusetzen, finde ich aus den oben angeführten Gründen sehr fragwürdig. Fast schon schäbig.)
Ich glaube es ist immer noch nicht ganz rübergekommen, was ich meine.
Was ich auf keinen Fall wollte ist, irgendein Mindestmaß an Ehrenamt einzufordern, dass jeder erfüllen soll, der sich irgendwie politsch äußert. Ich finde es einfach nur bedauerlich, wenn Menschen sich über irgendwas beklagen, selber aber nix dagegen tun oder auch nur auf den Gedanken kommen, dass sie ja selber etwas ändern könnten..
“Und ich glaube, dass es dir garnicht gefallen würde, wenn alle diejenigen, die nach deinem Geschmack zuviel über soziale Schieflagen sprechen, die von dir vorgeschlagenen Konsequenzen ziehen würden. Wenn jetzt alle Linken, von heute auf morgen, ehrenamtlich Vollgas geben, während die übrigen Bürger (die nicht-linken) die Dinge einfach so belassen, wie sie sind.”
Da muss ich widersprechen. Ich glaube, mir würde es sehr gut gefallen, wenn ab morgen zum Beisipiel niemand mehr einen Mindestlohn fordert, sondern ihn stattdessen einfach bezahlt.
Was ich auch nicht machen wollte, ist Linken-Bashing. Mir gehts um die Sache und nicht um irgendwelche Richtungen, die ich sowieso nicht vernünftig unterscheiden kann.
Sehr guter Artikel und spannende Diskussion in den Kommentaren. Ausgesprochen konstruktiv fand ich dabei auch die lange Liste möglicher alternativer Gründe für das Schwinden von ehrenamtlichem Engagement (Dr. Dean).
Einen in meinen Augen ganz wesentlichen Punkt hat die Debatte hier bislang aber ausgeklammert: Den demografischen Wandel. In Deutschland gibt es zu wenig Nachwuchs. Und diese (jüngeren) Leute fehlen überall, nicht nur im Ehrenamt, sondern auch teilweise schon am Arbeitsmarkt.
Ein Lösungsansatz für das Ehrenamt wäre die Einbeziehung der Ausländer bzw. Migranten. Integration über das Ehrenamt gewissermaßen! In Ludwigshafen, nach der verheerenden Brandkatastrophe in einem nur von türkischstämmigen Bürgern bewohnten Haus, hat die Feuerwehr anschließend erstmals (!) Helfer mit Migrationshintergrund in ihre Reihen aufgenommen, um künftig den Vorwurf besser entkräften zu können, man würde Brände in von Deutschen bewohnten Häusern schneller und gezielter löschen als in Häusern, die von Migranten (Türken) bewohnt werden. Ob dieser Fall anderen (freiwilligen) Feuerwehren ein mahnendes Beispiel war?
Irgendwie ist es immer die gleiche Erfahrung, die man mit bestimmten Liberalen macht. Was sie so mir-nichts-dir-nichts mit der größten Selbstverständlichkeit von sich geben, klingt einfach und sympathisch, ist aber geradezu romantisch verklärt, wie aus der “guten alten Zeit” eben:
Der je Einzelne, das starke und verantwortungsvolle (bei manchen mit moralinem Tugendpathos verknüft) Individuum wird es schon richten und mögen die Probleme der heutigen Welt auch noch so groß und schwierig sein. An den Beiträgen von “Dr.Dean” kann man gut ablesen, daß es mit der “Hauruck”-Methode von Jan eben nicht getan ist.
Mir scheint, daß hinter diesem vereinfachenden Denken ein gerüttelt Maß an Frust über das kompliziert und unübersichtlich gewordene heutige Leben steckt und daher auch und gerade eigentlich “helle Köpfe” Zuflucht bei einfachen Lösungen suchen.
@ Matthias
Soweit ich weiß, MUSS jeder in der Feuerwehr aufgenommen werden, sofern keine triftigen Gründe für eine Ablehnung vorliegen. “Türkesein” gehört wohl nicht dazu.
@Markus
Was für ne “Hauruck-Methode” soll ich denn entworfen haben?
Um es mal salopp zu sagen, die “Reiß dich mal zusammen”-Methode. Denn so scheint es, wenn sich jeder nur genug anstrengt, gibt es kein Problem, daß zu groß wäre, um nicht gelöst werden zu können. Und das “pralle Dorfleben” dient dann mit Beispielen aus dem Alltag als Vorbild.
Bei der selbsternannten “Freiheitsstatue der Nation” Guido Westerwelle wird das Ganze dann zu flachem Populismus mit Anschuldigungen an die “Gescheiterten” und Anklagen an den angeblich ausufernden Staat, der die schöne einfache Welt immer so schwierig und kompliziert mache.
Aha. Hab ich aber so nicht gemeint.
Dass ich Beispiele nenne, von denen ich etwas verstehe, ist ein Vorwurf mit dem ich leben kann. Aber auch in größeren Städten gibt es genügend Beispiele (hier werden welche genannt), wo nicht erstmal nach dem Staat gerufen wird, sondern selber was auf die Beine gestellt wird.
Und nur darum gehts doch. Nicht gemeint habe ich damit, dass sich ALLES so lösen lässt, ich hab nichtmal gesagt, dass mans immer erstmal so versuchen MUSS. Ich habe lediglich den Wunsch geäußert, darüber ein bisschen mehr nachzudenken, bevor man anfängt irgendwelche Ansprüche zu stellen.
Und ich stehe auf dem Standpunkt, dass wer fordert, bestimmte Dinge für alle seine Mitmenschen verpflichtend einzuführen (z.B. hohe Milchpreise) er wenigstens mit leuchtendem Beispiel voranzugehen hat, um seine glaubwürdigkeit zu bewahren.
@Jan
Danke. Ich empfinde es übrigens als ausgesprochen wohltuend, wie du dich phrasenreichen Grundsatzdebatten entziehst, obwohl es nicht an Versuchen fehlt, dich dahin zu ziehen.
Ich teile übrigens sowohl deinen Wunsch als auch deinen Standpunkt.
@ Rayson
Wer keine Grundsätze zu haben scheint, drischt selber nur (radikale) Phrasen.
@ Jan
Dann bin ich ja beruhigt, daß du nur ein Nachdenken anstoßen wolltest und nicht gleich Druck auf die untätigen Zeitgenossen ausüben willst.
Übrigens wird das übersichtliche Leben der Dorfgemeinschaft auch von informellen Beziehungen geprägt, die von selbst einen gewissen Anpassungsdruck ausüben, der in der (Groß-)Stadt mehr oder weniger fehlt (“Stadtluft macht frei”). Dort muß dann der Staat im Sinne des Allgemeinwohls formell tätig werden.
Damit soll das selbsttätige Individuum nicht diskreditiert werden, es darf aber auch nicht mit Anforderungen überzogen werden, die außerhalb seines Einflußbereiches liegen. Um für bestimmte Produkte und Dienstleistungen etwa mehr zu zahlen, liegt nicht nur an der Bereitschaft und dem “guten Willen” jeden einzelnen, sondern schlicht auch an den individuell zur Verfügung stehenden finanziellen Mitteln; und die sind bekanntlich höchst ungleich verteilt.
@ Markus
“und nicht gleich Druck auf die untätigen Zeitgenossen ausüben willst”
Ich bin ja selber “untätig”, was bestimmte der von mir genannten Beispiele angeht. Aber ich stelle auch keine Ansprüche, die ich selbst nicht zu erfüllen bereit wäre. Um den Zusammenhang gehts und nicht darum, dass irgendwer irgendwas tun soll, damit ich ihn toll finde.
“Um für bestimmte Produkte und Dienstleistungen etwa mehr zu zahlen, liegt nicht nur an der Bereitschaft und dem “guten Willen” jeden einzelnen, sondern schlicht auch an den individuell zur Verfügung stehenden finanziellen Mitteln; und die sind bekanntlich höchst ungleich verteilt.”
Weshalb es doch Wahnsinn ist, höhere Preise zu fordern, ohne eben diese Verteilung zu beachten, oder? Genau darum sag ich doch, dass die zahlen sollten, die behaupten bereit dazu zu sein und dass sie den Rest der Welt bitteschön damit in Frieden lassen sollen.
Übrigens gibts auch viele Dörfer, in denen es mit Gemeinschaft nicht weit her ist. Ganz so einfach ist das also da auch nicht. Aber ich glaube, dass grundsätzliche soziale Unterschiede zwischen Stadt und Land unabhängig vom eigentlichen Problem zu sehen sind. Geizige Mindestlohnforderer gibts schließlich überall.
Was sind denn “geizige Mindeslohnforderer”? Sind die geizig bei der Höhe des Mindestlohns oder halten die sich im Alltag nicht an ihre eigenen Wertvorstellungen? Mit den sog. Selbstverpflichtungen ist es eben nicht immer weit her, in Politik, Wirtschaft und auch im “richtigen Leben”.
Wenn du nur die Ansprüche stellst, denen du auch selbst gerecht werden willst und kannst, ist das für dich okay. Nur, wer definiert die Ansprüche, die an andere gestellt werden? Manche Liberale können da ziemlich rigoros werden und geradezu missionarischen Eifer entwickeln.
Das sind Menschen, die nicht bereit sind zu zahlen was sie behaupten zahlen zu wollen. Wie im Artikel beschrieben. Sie halten sich also im Alltag nicht an ihre eigenen Wertvorstellungen. Genau davon handelte der Artikel doch.
Liberale mit missionarischem Eifer, der letztlich nur darauf abzielt, Menschen dazu zu bringen irgendwas zu tun, sind nicht zwangsläufig liberal. Sippenhaft für jeden, der sich selbst als liberal bezeichnet, lehne ich ab.
Wenn wohlklingende Selbstverpflichtungen nicht helfen, müssen es für alle gleichermaßen geltende Gesetze regeln, denn spendable Mindestlohngegner gibt es nicht wie Sand am Meer. – Um so besser, daß du kein neoliberalistischer Heilsprediger sein willst.
Naja, es geht wie gesagt in diesem Fall allein um die Befürworter. Gegen etwas sein und es konsequenterweise gar nicht erst unterstützen ist ja nun moralisch kaum verwerflich.