Neuer offener Brief zum “Winsener Parkscheibenproblem”
Posted on | Juli 31, 2008 | 7 Comments
Provinzposse trifft es eigentlich ziemlich gut. Wer die Geschichte nicht von Anfang an verfolgt hat, für den fass ich das nochmal schnell zusammen:
- Winsen-Besucher aus dem nahen Ausland (Dänemark) parkt auf einem parkscheinpflichtigen Parkplatz, der zuständige Automat ist allerdings
im Arkaputt und also legt der Mann seine Parkscheibe ins Fenster (soll man nämlich, steht da so) - Besagter Besucher findet ein Knöllchen an seinem Auto und geht von einem Irrtum aus, geht umgehend zum Rathaus
- Dort erklärt man ihm, dass dänische Parkscheiben nicht zählen und er bezahlen soll
- verständlicherweise etwas von den Socken, verfasst der Besucher einen offenen Brief an die Bürgermeisterin, in der er die Geschichte erzählt
- Dieser Brief löst einige Empörung, einen Blogartikel und mehrere Leserbriefe, sowie einen Schriftwechsel zwischen dem “Parksünder” und der Bürgermeisterin, sowie weitere zwischen ihm und Winsener Zeitungslesern und einem Blogautoren aus
- Etwas überrascht von der Resonanz verfasst der Besucher dann einen weiteren offenen Brief
Und den hat er mir dann bei der Gelegenheit dankbarerweise auch gleich geschickt. Hier isser:
Nach einem Telefongespräch mit einem netten Leser des WA und des Elbe und Geest Wochenblattes erscheint es mir sinnvoll, die Sache mit der Parkscheibe meinerseits abzurunden.
Auch wenn ein paar Umschläge mit den ganzen Artikeln und Leserbriefen noch auf dem Weg zu mir in der Post sind.
Ich hatte mir in meiner wildesten Fantasie nicht vorgestellt, wie viel Staub mein offener Brief an die Bürgermeisterin aufwirbeln würde.
Frau Bürgermeisterin Bode kontaktierte mich gestern per Email, und teilte mir von dem öffentlichen Aufsehen mit, von dem ich hier in Dänemark nichts mitgekriegt hatte.
Ausserdem ist sie der Meinung, die ich nur teilen kann, „dass die Verwarngeld-Entscheidung von wenig Flexibilität und Fingerspitzengefühl bei der Rechtsanwendung zeugt. Mag das Verwarngeld formal-juristisch nicht zu beanstanden sein, so hätte darauf jedoch in Ausübung des Ermessens verzichtet werden sollen.”
Über meinen Besuch im Rathaus schreibt sie „Dass Sie sich beschwert und dabei erregt haben, ist verständlich. Nicht akzeptabel ist es jedoch, wenn Verwaltungsbedienstete gegen ihren ausdrücklichen Willen fotografiert und
Bürotüren lautstark zugeschlagen werden.”Ich war in der Tat erregt, hatte als Tourist auch meine Kamera dabei, habe aber niemanden fotografiert. Dass sich kommunale Türen in Winsen so lautstark zuschlagen lassen, hat auch mich erstaunt. Das geht nicht mit dänischen kommunalen Türen.
Freundlicherweise hat mir die Bedienstete eine deutsche Parkscheibe ausgehändigt, die ich bei meinem nächsten Besuch in Winsen mit Vergnügen benutzen werde.
Dass ich in meinem offenen Brief von „stumpfsinnigen Beamten” der Stadt spreche, betrachtet Frau Bode als eine Beleidigung und ist als solche von ihr auch zur Anzeige gebracht worden.
Ich habe es aber durchaus nicht so dargestellt, als würde die Stadt Winsen von stumpfsinnigen Beamten regiert. Meine Frage war, welches Bild ausländischen Gästen vermittelt werden soll.
Schliesslich teilte Frau Bode mir mit, dass sie bereit wäre, von dem Verwarngeld abzusehen, allerdings unter der Voraussetzung, dass ich mich für mein Auftreten im Rathaus und die beleidigende Äußerung in meinem offenen Brief entschuldige. Sie würde dann auch ihre Strafanzeige zurücknehmen.
Meine Entschuldigung hat Frau Bode gerne akzeptiert. Strafanzeige und Strafantrag hat sie zurückgenommen.
Wir haben uns darauf geeinigt, die Rückerstattung der 5 Euro bei meinen nächsten Besuch in Winsen zu erledigen. Ich sehe keinen Grund, Steuermittel für eine Überweisung zu verschwenden.
Was hat diese ganze Aktion gebracht?
Ich würde mich freuen, wenn man von Seiten der Verwaltung Verordnungen mit ein wenig gesundem Menschverstand dem Sinn nach anwenden würde. Und nicht unbedingt formal-juristisch auf sein Recht bestehen würde.
Ich denke, die Botschaft ist im Rathaus verstanden worden. Auch wenn der ganze Verlauf nicht unbedingt von ausgeprägtem politischen Fingerspitzengefühl zeugt.
Und eine Bitte an die Parkwächter der Stadt: Drückt ab und zu mal ein Auge zu. Der nächste Parksünder kommt bestimmt. Auch wenn er nach bester Überzeugung alles richtig macht und niemanden schadet oder gefährdet.
Zuletzt möchte ich mich herzlich bei den Winsenern bedanken, die ihre Sympathie für meine Aktion ausgesprochen und sich in Leserbriefen engagiert haben.
Mit freundlichen Grüssen
JR
Er will also nicht nur wiederkommen, sondern dann auch “mit Freuden” seine neue deutsche Parkscheibe zum Einsatz bringen. Was will man mehr? Nix!
Naja, wobei… eine entsprechende Änderung der Straßenverkehrsordnung, wie sie die Leipziger Jungen Liberalen gerne haben wollen (dort hatte man es offenbar mit ähnlich albernen Vorfällen zu tun), ist sicherlich wünschenswert. Ich nehme an, dass außer mir auch die Mehrheit der JuLis bei uns im Kreis einer solchen Änderung zustimmt. Es ist einfach Quatschkram, dass eine Parkscheibe unbedingt blau sein muss und dass sie unbedingt diese und jene Maße haben muss. Das Ding soll kenntlich machen, seit wann ne Karre irgendwo steht und dass kann notfalls auch ein ordinärer Notizzettel leisten, wenn man halbwegs ordentlich schreibt.
Im nicht ganz so weit von Winsen entfernten Uelzen gabs ebenfalls “Probleme” mit dänischen Parkscheiben, dort wurde dem Vorfall nicht mehr als das Mindestmaß an Bedeutung beigemessen, das er verdient:
“Fragen, für die man im Rathaus womöglich bislang nicht ausreichend sensibilisiert war, räumt Bürgermeister Otto Lukat augenzwinkernd ein. Und nimmt den aktuellen Fall zum Anlass, “den Sachverhalt im Sinne der deutsch-dänischen Beziehungen in unserem Hause nochmals genau zu prüfen”. Noch am Nachmittag teilte dann das Ordnungsamt mit, dass man ab sofort ausländische Parkscheiben akzeptiere.”
Friede, Freude, Eierkuchen und gewonnen hat der gesunde Menschenverstand.
Was Uelzen schafft, sollte Winsen doch wohl schon lange schaffen, oder?
–
Danke an den Winsen-Besucher JR für den ersten und zweiten offenen Brief, sowie den Link aus Uelzen.
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7 Responses to “Neuer offener Brief zum “Winsener Parkscheibenproblem””
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Juli 31st, 2008 @ 22:33
[...] Filterblog » Neuer offener Brief zum “Winsener Parkscheibenproblem” Filterblog » Neuer offener Brief zum “Winsener Parkscheibenproblem”. Dieser Eintrag wurde von Daniel Fallenstein am Do, 31. Jul 2008 um 22:32 geschrieben, abgelegt [...]
Juli 31st, 2008 @ 22:37
Tja siehste Jan, wenn ich die Geschichte hier in Dänemark erzähle, lachen sich alle halb tot.
Als ich den ersten Offenen Brief an den WA schickte, schrieb ich:
„Liebe WA-Redaktion,
ihr dürft den Offenen Brief gerne als Leserbrief zur allgemeinen Unterhaltung im Sommerloch drucken.
Vielleicht geling es ja irgendwann, Beamten ein Mindestmass an gesundem Menschenverstand beizubringen.“
Es ist erstaunlich viel Unterhaltung für 5 Euro geworden.
Was das zweite Ziel angeht, ist man in Winsen sicher ein gutes Stück weitergekommen.
Habe jedenfalls keine allzu grossen Bedenken, die Stadt wieder zu besuchen und meine neue Parkscheibe zum Einsatz zu bringen.
Bei einem Einsatz in Flensburg hat sie sich schon bestens bewährt. Eben deutsche Qualität.
Das Rathaus werde ich aber sicher nicht betreten bevor man die Türen dort schallgedämpft hat.
Der Schreck von dem lauten Knall sitzt mir immer noch in den Knochen.
Was ich sonst noch so denke will ich mal lieber für mich behalten. Die Aussicht, den Rest meiner Tage im dusteren Schlosskerker bei Wasser und Brot zu verbringen, ist nicht verlockend.
Juli 31st, 2008 @ 22:56
Glaub mir, in Winsen lachen sich die Leute auch tot – spätestens, wenn sie mit dem aufregen/schämen (je nach Veranlagung) fertig sind.
Naja, in jedem Fall haben wir aber auch schonmal langweiligere Sommerlochfüller erdulden müssen.
August 1st, 2008 @ 12:58
Hmmmm…da wieht ja mal wieder der Winsener Amtsschimmel.Aber ich hatte in der selbigen Strasse auch so meine Probleme….
Dort darf man zu bestimmten Zeiten vor em Arztzentrum mit Parkscheibe parken…aber nur bis 12 oder 13.oo uhr.Aber dann muss man ein Parkticket ziehen,und die Parkschibe reicht nicht mehr zum Parken.
So kam es das ich beim Arzt länger warten musste,und dann als ich fertig war ,(so gegen 13.15),ein Ticket an der Scheibe.Parken ohne Parkschein.Macht auch 5€.Ich habe mich zwar auch gewaltig über solche “Bürokratischen Schwachsinn” auch ziemlich geärgert,auch wenn es nur 5€ waren.
Aber ich kann Sie als Däne gut verstehen,das man sowas nicht gerade als Gastfreundlich empfindet.Aber schön das Sie trotzem nochmal nach Winsen kommen wollen.Aber ein kleinen Seitenhieb muss ich ja doch noch mal verteilen….In Dänemark (Kopenhagen),hätte ich beinahe 165 Euro wegen Parken ohne Schein bezahlt.
August 1st, 2008 @ 13:39
Anderswo sind die Bußgelder extrem hoch, finde ich auch alles andere als in Ordnung. 165 Euro fürs Schwarzparken ist n bisschen doll.
Qualitativ aber noch ein kleiner Unterschied zu dem Fall aus Winsen, hier wurde ja vollständig ordnungsgemäß geparkt, es nur nicht nach StVO “bewiesen”, sondern “freestylish”. Aber es wurde bewiesen.
August 1st, 2008 @ 22:40
Das schönste ist, die Stadt hat sich ein Eigentor geschossen. Wie Morgen zu lesen ist (oder auch die, die das Elbe Geest schon heute bekommen), hat die Stadt zur Landesgartenschau 2006 eine Parscheibe rausgegeben. Dort ist unter anderem auch die Gans “Luhi” zu sehen. Diese Parkscheibe soll nicht dem Gesetz entsprechen. Da haben die sich wohl zu weit aus dem Fenster gelehnt.
August 1st, 2008 @ 23:24
Das klingt doch gut mit der Gans Luhi und der kreativen Parkscheibe.
Da zeigt die Stadt sich weltoffen und lässig.
Wenn man etwas von dieser Stimmung in den Alltag mitnehmen könnte, wäre das doch toll.
Engagierte Privatpersonen gibt es doch genug in Winsen. Man muss sich ja nicht unbedingt von der sinnigen Verwaltung bremsen lassen.