Vernetzung ist eigentlich der Schlüsselbegriff, wenn es um „das Internet“ und „Web 2.0“ geht.
Vernetzung ist auch der Begriff, den die Verantwortlichen in Parteien meinen, wenn sie Plattformen wie my.fdp.de oder meine-spd.de launchen, wie wir hippen Internetkundigen sagen. Beides sind soziale Netzwerke, deren Grundfunktionen denen von StudiVZ, Facebook, Myspace, Xing und so weiter entsprechen: Kontakte speichern und mit ihnen kommunizieren, Gruppen und Foren Gründen und sich darin austauschen. Vernetzung halt. Im Grunde genommen ist so etwas ja innerhalb einer Partei wirklich sinnvoll, wie die informationstechnische Revolution der vergangenen 10-15 Jahre ohnehin für wahre Quantensprünge in der Zusammenarbeit politischer Verbände und Parteien bis runter zu den Ortsverbänden gesorgt hat.
Wie, Parteien und Politiker können echt Internet?
Na klar, und wenn es nur darum geht, dass heutzutage (hängt von der individuellen Arbeitsweise der jeweiligen Vorstände ab) gerne mal 50-90 Prozent der Absprachen flott per Email gemacht werden, wenn es um Pressemitteilungen geht zum Beispiel oder um das Finden von Terminen. Eine ordentliche Mailingliste ist ja im Prinzip sowas wie die Urform des sozialen Netzwerks und ich unterstelle mal, dass sowas so gut wie jeder Ortsverband so gut wie jeder Partei zu nutzen und zu schätzen weiß.
Wie es um das Verständnis des Internets und seiner ja weit darüber hinaus reichenden Möglichkeiten bestellt ist, kann man nur vermuten. Wahrscheinlich stark durchwachsen. Aber nach meinem Eindruck nicht zwangsläufig, wie man vermuten könnte, an irgendwelchen Altersgrenzen festzumachen.
Bei jeder Einschätzung beziehe ich mich in erster Linie auf die FDP, was deren Web-Aktivitäten angeht kenne ich mich halt am Bewsten aus. In der Tendenz muss man aber leider feststellen, dass außerhalb von einigen mitunter teuren Großprojekten, wie zum Beispiel dem genannten Netzwerk oder mehr oder weniger aufwändig gestalteten Video-Podcasts auf Youtube nicht allzuviel stattfindet – auf Landes- oder Bundesebene jedenfalls.
Manche Orts- und Kreisverbände sind da, abhängig vom Vorhandensein entsprechend findiger Mitglieder vor Ort, durchaus weiter. In eigentlich allen Parteien entwickelt sich zum Beispiel langsam aber sicher eine bloggende Basis. Hier sind JuLis mit ihrem Aggregat natürlich Vorreiter und es wäre mal eine Überlegung wert, sowas Ähnliches auch auf Bundes- oder Landesebene in den Parteien aufzulegen.
Mehr noch würde ich mir aber eine viel stärkere Öffnung der Parteien nach außen hin wünschen. Speziell im Fall der FDP hält die eine liberale Graswurzelbewegung, die es unzweifelhaft auch in Deutschland gibt, sicher einiges an Potenzial und Chancen für eine wirklich offene Partei bereit.
Und was die Vernetzung angeht: Eigene soziale Netzwerke sind gut und schön aber die Aktivitäten von FDPlern auf Facebook & Co gibt es halt trotzdem und man bricht sich als Bundesverband auch keinen Zacken aus der Krone, wenn man solcherlei Tätigkeiten nicht als Konkurrenz begreift, sondern aktiv nutzt und fördert. Wir alle, die wir politisch aktiv sind, sind ja nunmal nicht bloß Parteimitglied, sondern haben diverse Interessen und darum ist ein Netzwerk, dass alles zusammen bringt, dann doch etwas attraktiver als der theoretisch zwar jedem offen stehende, in der Praxis aber natürlich vor allem von Mitgliedern genutzte Weg in die parteieigene Community.
Und dann die für die Zuständigen Pressereferenten (oder wer immer sich um Internetmarketing und sowas kümmert) vielleicht schwierige Erkenntnis, dass es auch völlig unabhängig von offiziellen Parteiseiten, ja sogar außerhalb der Partei etliche liberal gesinnte Blogger gibt.
Die könnte man seitens der FDP ruhig mal etwas mehr beachten – man kann ja trotzdem darauf hinweisen, dass sich dort halt nicht stumpf an der Parteilinie entlanggehangelt wird, sondern frei von der Leber weg geschrieben wird, was den Autoren gerade am Herzen liegt. Ein bisschen mehr Mut auch zur Konfrontation wäre ganz gut und würde die FDP und ihre Diskussionskultur glaubwürdiger machen. Und: Das wäre dann endlich mal eine echte Vernetzung und man würde sich den Liberalismus als Bewegung zu Nutze machen, anstatt ungeachtet jeder Realität einfach zu behaupten, man wäre “Die Liberalen” und fertig. Wenn man das behauptet, dann könnte man wenigstens versuchen, diesem Anspruch gerecht zu werden und das könnte man auf alle Fälle prima mit einer etwas mutigeren Internetstrategie demonstrieren.
Ein anderer Ansatz könnte aber auch sein, dass Parteien versuchen ihre einfachen Basismitglieder etwas für das schreiben eigener Blogs zu begeistern. Viele wissen ja immer noch nicht, was das eigentlich ist – warum nicht mal einen Workshop anbieten, warum nicht einen eigenen Award ins Leben rufen (aber dann bitte auch außerparteiliche Blogger nicht ausschließen!)? Mit ein bisschen Fantasie lassen sich da einige interessante Möglichkeiten erahnen.
Es fehlt aber auch oft an ganz einfachen Sachen. Warum gibt es noch keinen abonnierbaren Kalender der FDP? Kost nix hilft aber viel. Für meinen Ortsverband habe ich darum jetzt immerhin mal einen Angefangen (muss allerdings noch etwas gefüllt werden, bevor ich den hier verlinke) und auch für meinen JuLi-Kreisverband habe ich so etwas vor Kurzem mal eingerichtet.*
Aber weder auf Landes- noch auf Bundesebene habe ich jemals etwas in der Art gefunden. Und dass obwohl sämtliche Termine bestimmt hundertfach in irgendwelchen Outlooks stecken – der Mehraufwand für eine Bereitstellung auch im Internet in abonnierbarer Form wäre da doch wirklich ein Klacks!
Man teilte mir allerdings kürzlich mit, dass zumindest mein JuLi-Landesverband etwas in der Art in Planung hätte. Fände ich sehr schön, wenn das klappt.
Was immerhin allmählich besser wird, ist das Angebot an Newsfeeds. Mein niedersächsischer Landesverband muss da zwar noch unbedingt nachziehen, auf Bundesebene bin ich aber zufrieden.
Ob sich die Twitterei in Spitzenpolitikerkreisen wirklich durchsetzen wird, weiß ich dagegen nicht. Ob sie es muss, wage ich trotz einiger Begeisterung fürs Microblogging aber sowieso zu bezweifeln. Wenn überhaupt, dann sollte man so etwas – ungeachtet der Kritik in den Medien - in der Form machen, wie der Generalsekräter der SPD, Hubertus Heil oder FDP-Bundesgeschäftsführer Hans Jürgen Beerfeltz im Augenblick (keine Ahnung ob die das nach ihrem Besuch in Denver noch weiterführen) tun. Nämlich auf persönliche Art, schnell mal eigene Eindrücke schildern, wozu auch mal Belanglosigkeiten gehören dürfen. Das findet nicht jeder interessant, muss aber auch nicht.
Worauf es ankommt ist, jedenfalls im Fall von Politikern, dass es authentisch ist. Für tiefschürfendere Gedanken gibt es nämlich genügend andere Formate.
Definitiv eine gute Idee ist das neueste FDP-Projekt: Ein Blog der Bundestagsfraktion. Es bleibt abzuwarten, wieviele der im Titelbild versprochenen “61 Liberalen” dort regelmäßig schreiben werden. Aber der Ansatz ist auf alle Fälle richtig. Denn welches Medium könnte geeigneter sein, um die eigenen Gedanken, Positionen und Überzeugungen ohne die in fremden Medien zwingend auftretenden Einschränkungen des Umfangs darzulegen?
Das ein Bedürfnis besteht, von Politikern auch abseits von Pressekonferenzen und oft sowieso ziemlich glatt geschliffenen Pressemitteilungen erklärt zu bekommen, was sie sich bei bestimmten Aktivitäten eigentlich wirklich gedacht haben, zeigt ja schon lange der Erfolg von Abgeordnetenwatch. Ein solches Blog ist da nur der konsequente nächste Schritt. Ich vermute, die anderen Fraktionen im Bundestag werden bald nachziehen (wenns sowas nicht sogar schon gibt, ohne dass ich es mitbekommen hätte – von dem FDP-Fraktionsblog weiß ich auch nur dank einer entsprechenden Pressemitteilung) und ich hoffe sehr, dass die in der Tagespresse viel zu selten vorkommenden Landtagsfraktionen sich daran schnell ein Beispiel nehmen.
Fazit: Licht und Schatten also, was die Internetaktivitäten der großen Politik angeht. Dennoch werden wir sicher sehr schnell erleben, dass das Tempo deutlich anzieht. In einem Jahr sind schließlich Wahlen und da alle Parteien sich sehr aufmerksam anschauen, was im US-Wahlkampf so passiert, werden wir uns vermutlich binnen weniger Monate vor immer neuen Websites und Services unserer Parteien kaum retten können. Solange da ein gewisses Augenmaß dafür sorgt, dass die Ergebnisse vernünftig werden, ist das sicher uneingeschränkt zu begrüßen. Aber, lieber Leser, wir wissen glaube ich beide, dass es so glatt nicht laufen wird, oder? Mit ein wenig trial-and-error werden wir wohl leben müssen. Am Ende des kommenden Jahres werden wir uns aber trotzdem wahrscheinlich aus mehr vernünftigen Informationsquellen versorgen können, als jemals zuvor.
Nachträglicher Hinweis, weils so schön passt: Robert beschäftigt sich auf FDP-Watch eingehend mit FDP-Bloggern.
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* In besagten Kalender trage ich übrigens alle Termine ein, die irgendwas mit den JuLis zu tun haben – also nicht nur regionale Sachen, sondern auch Termine von Landeskongressen in anderen Ländern sowie wichtige Demos und andere externe, aber irgendwie verbandelte und passende Veranstaltungen. Wer den Kalender mit benutzen oder sogar pflegen möchte, ist herzlich eingeladen, einfach melden. Das Nutzen geht natürlich auch ohne Melden, der Link zum abonnieren ist auf der Seite enthalten.