Ein Krieg gegen Menschen
Posted on | August 17, 2008 | 12 Comments
Es ist faszinierend, wie stereotyp die Menschen auf den Kaukasuskrieg reagieren. Wer sich als “Links” oder sozialistisch bezeichnet, ist mit hoher Wahrscheinlichkeit ohne mit der Wimper zu zucken auf der Seite Russlands. Und dass, obwohl genau diese Leute sonst gern die Verbrechen der Sowjetunion damit entschuldigen, dass der russische ja gar nicht jener Sozialismus gewesen wäre, den man selber im Sinn hätte und als nächstes zu verwirklichen gedenkt.
Und dass das heutige Russland wahrscheinlich noch weiter von diesem utopischen Sozialismus entfernt ist, tut diesem irrationalen Automatismus offenbar auch keinen Abbruch – Zettel hat das gerade erst sehr schön erklärt. Es ist verrückt, wie weit die alte Waffenbrüderschaft reicht. Oder wie unkritisch der mit der russischen Regierung gemeinsame Hass auf Amerika manche Leute macht.
Auf der anderen Seite haben wir Georgien, dass aufgrund seiner strategischen Lage für den Westen (zu dem wir gehören, jedenfalls sofern wir Auto fahren…) schon lange von Amerika gehätschelt, aufgerüstet und auf dem Weg in die Nato gebracht wurde. Grund genug für konservative und liberale, sich genauso schnell zu Georgien zu bekennen und zu rechtfertigen, dass die georgische Armee Südossetien besetzt hat.
Südossetien – die Gegend, um die es geht, ist für die meisten von uns geographisch (Luftlinie ungefähr 2800 Kilometer von Hamburg) und politisch (ehemaliger Ostblock eben und eines der Länder, die man als normaler Mensch wirklich nicht auf dem Schirm hat) so weit weg, dass die meistenwohl viele, die sich dazu eine Meinung gebildet haben, dass nur aufgrund mehr oder weniger objektiver Medienberichte getan haben werden.
Die unstrittigen Fakten in kürzest-möglicher Form sind wohl die Folgenden:
- Georgische Armee marschiert in Südossetien ein
- Russische Armee antwortet mit einem Einmarsch und vertreibt die georgische Armee
- Russische Armee greift Georgien an
- Russische Armee zieht sich zurück
Egal wie man zu dieser russischen Antwort an sich steht, muss man aber doch feststellen, dass sie verblüffend schnell und verblüffend kräftig ausgefallen ist. Militärisch ein bisschen zu perfekt organisiert, als dass man den Eindruck gewinnen könnte, Georgien hätte Russland mit seinem Angriff irgendwie überrascht.
Für mich steht ausser Frage, dass Südossetien unabhängig sein können sollte, wenn die Menschen dort das wollen. Aber das wird es mit diesem Nachbarn Russland mindestens genauso wenig sein, wie mit Georgischen Truppen im Land.
Nüchtern betrachtet geht es um einen Konflikt zwischen Georgien und Russland, wobei Georgien verständlicherweise einiges Unbehagen angesichts eines so starken und aggressiven Nachbarn hat. Die (gewählte) Regierung hat sich zu einem proamerikanischen Kurs bekannt und es ist ja nun eine Binsenweisheit, was man im Moskauer Kreml von solchen Spärenzchen zu halten Pflegt, zumindest wenn sie in offenbar nach wie vor als irgendwie zur Sowjetunion zugehörig gefühlten Staaten gehört. Dieses Russland erwartet, dass in solchen Staaten nach der russischen Pfeife getanzt wird und setzt das, man sieht es, halt auch mit allem Mitteln durch.
Das rehtfertigt keine militärischen Handlungen, wie sie, ausgehend von Georgien, geschehen sind aber deswegen muss man ja noch lange nicht Russland für seine Reaktion applaudieren.
Insgesamt finde ich die Frage, wer der Böse und wer der Gute ist, wer angefangen hat und wer Schuld hat aber viel nebensächlicher, als man aufgrund verschiedener Stimmen pro oder contra der einen oder anderen Seite im ersten Moment meinen könnte.
Verloren haben die Menschen in Südossetien. Viele ihr Leben, noch mehr ihr Zuhause. Schuld daran haben, ganz wertneutral ausgedrückt, große politische Machtapparate. Der ganze Konflikt dreht sich um “staatliche Interessen”, wie sie nur Regierungen formulieren können – der normalen Russe oder der normalen Georgier hat keine Vorteile davon, wenn sein Land um 3900 Quadratkilometer und 75.000 Einwohner größer ist. Es geht in diesem Krieg nicht um “gut oder böse”, die Befreiung Südossetiens durch die Russen wird für die Menschen in der Region ihren Preis haben und die ganze Operation war offensichtlich präzise kalkuliert.
Ist es also wirklich wichtig, ob man sich nun als prorussisch oder progeorgisch bekennt? Ich bekenne mich lieber dazu, im Zweifel prosüdussetisch zu sein und darauf zu hoffen, dass die Menschen dort irgendwann unbehelligt von fremden Truppen in Ruhe ihr Leben leben können.
Dass die deutschen Friedensbewegten nur dann in Aktion treten, wenn man wirklich gut auf Amerika herumhacken kann, wie Gideon Böss für uns festgestellt hat, sollte in dem Zusammenhang wenigstens dem selber denkenden Teil jener sich als “Links” bezeichnenden Menschen einige Überlegungen wert sein. Krieg geht immer von Staaten aus, die man dafür verurteilen kann aber er richtet sich letztlich immer gegen die Menschen, die das Pech haben, in Krisengebieten zu leben.
Das macht jeden Krieg schlecht und schränkt die gerechtfertigten Gründe für Kriege (zum Beispiel bin ich als freiheitsliebender Deutscher froh, dass der Ami vor einigen Jahrzehnten erfolgreich einen Krieg gegen Deutschland geführt hat) deutlich ein.
Ich wünschte, dass unabhängig von irgendwelchem Lagerdenken das Leben, die Freiheit und das Zuhause der von Kriegen betroffenen Menschen im Zentrum unseres Denkens und unserer Bemühungen um Frieden, wie auch immer die aussehen mögen, stehen. Daran ständig irgendwelche Wunschvorstellungen was politische Macht angeht zu knüpfen und im Zweifel halt nur selektiv zu protestieren, ist peinlich und zeugt gewiss nicht von einem aufrichtigen Wunsch nach Frieden in der Welt.
Comments
12 Responses to “Ein Krieg gegen Menschen”
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August 17th, 2008 @ 17:12
Neben all den vielen Dingen, die man dazu anmerken kann:
Wenn Du all das ernst nimmst, dann bist Du auch nicht “pro-südossetisch”, denn das würde wieder ein (durchaus problematisches) staatliches System bezeichnen.
Dann wärest Du “für die Unschuldigen”. Und da sind vermutlich die meisten, die Du kritisierst, Deiner Meinung.
August 17th, 2008 @ 17:54
Naja, ich wollte mich damit nun nicht zu irgendeiner südossetischen Regierung bekennen, wenn es denn eine gibt, sondern zu den Menschen dort. Ich denke doch, dass ist deutlich geworden.
Mich nervts, dass Machtansprüche und Interessen, die weit außerhalb dessen liegen, was den Leidtragenden vor Ort irgendwas bringt. Und mich nervt, dass das neben all den Schuldzuweisungen ziemlich vernachlässigt zu werden scheint.
August 17th, 2008 @ 19:08
Mir fehlt die Kritik an Südossieten. Bei flüchtigem Blick auf den Krieg und das Medientralala fällt auf, dass die Rolle der Südossieten nicht beleuchtet wird. Bei näherem Studium der Geschichte und der jüngsten Geschehnisse in dieser Region, muss ich feststellen, dass die Wahrscheinlichkeit für die “Schuld” der Südossieten am größten ist.
August 17th, 2008 @ 20:52
[...] wenn sein Land um 3900 Quadratkilometer und 75.000 Einwohner größer ist.1 Filterblog – Ein Krieg gegen Menschen [↩] « Buchpreisbindung vs. Liberalismus This post was written by Benjamin B., [...]
August 17th, 2008 @ 22:56
@ Eugen
Ich sehe mich im Augenblick außer Stande, dem beizupflichten oder zu widersprechen aber wenn es denn so ist, dann erwarte ich nicht, dass sich dass (beispielsweise) mit einer dauerhaften Besetzung durch russische Truppen wesentlich verbessern könnte.
August 17th, 2008 @ 23:53
Hast du eigentlich jemals mit Linken oder Sozialisten über diesen Krieg gesprochen? Die meisten modernen linksorientierten Menschen setzen sich für Menschenrechte und Demokratie ein, sie hassen Russland deswegen fast genau so stark wie Amerika. Gleichzeitig nehmen sie Russland übel das die Sowjetunion mit ihrer menschenverachtenden Version vom Sozialismus bei vielen Menschen den Eindruck hervorgerufen hat, Sozialismus sei von Grund auf etwas schlechtes. Die meisten Linken stellen sich eher Blind auf die Seite Georgiens, weil diese sich getraut haben sich mit einer wirtschaftlichen Großmacht anzulegen.
Genau so bezweifel ich das sich alle Konservativen und Liberalen auf die Seite von Georgien stellen, immerhin riskiert man damit die guten wirtschaftlichen Beziehungen zu Russland!
August 18th, 2008 @ 00:05
Naja, ich habe genügend gelesen, was mich dazu veranlasst hat, das hier zu schreiben.
Was meinst du, warum ich nicht verallgemeinere und schreibe “die linken denken das und das” oder “die konservativen finden dies und das”? Die, die sich nicht angesprochen fühlen, sind auch nicht gemeint.
Ich glaub auch nicht, dass du für jeden sprechen kannst und willst, der links ist. Immerhin gibts da ja schon auch welche, die die DDR in all ihrer “Pracht” wiederhaben wollen.
August 18th, 2008 @ 00:42
Es scheint es ein ziemliches Komplexes Thema zu sein, aber ich denke es geht um mehr als um ein paar Quadratkilometer Land …
Nur leider ist mir der Grund von Georgiens Verhalten nicht ersichtlich, der von Russland allerdings schon eher …
August 18th, 2008 @ 01:36
Nur leider vermute ich das die meisten westlichen Staaten auch nicht besser als Georgien reagieren werden …
August 18th, 2008 @ 17:59
@Jan: Du verallgemeinerst zwar nicht, behauptest aber hier das diese mit “hoher Wahrscheinlichkeit” sich auf eine bestimmte Seite Stellen. Ich weiss zwar nicht auf welche gelesenen Quellen du dich dabei beziehst, meine Erfahrung ist allerdings genau umgedreht wie von dir geschildert!
August 18th, 2008 @ 18:04
[...] und allgemeine Einsichten das nicht der Total-Schutz der Landschaft, sondern verantwortungsbewusste Nutzung möglich sein muss – schreckt auch ab. Das ein Braunbär der durch artuntypisches Verhalten ein [...]
August 18th, 2008 @ 18:06
Das waren verschiedene Artikel und Kommentare. Darunter folgender Ausschnitt aus dem SED-Hausblatt “Neues Deutschland”:
“Eine künftige Pakt- Mitgliedschaft Georgiens will man allerdings noch nicht prinzipiell in Frage stellen. Obwohl diverse NATO- Staaten durchaus erleichtert scheinen, dass eine Entscheidung über den vor allem von Washington geförderten Beitritt auf dem Allianz- Gipfel im April in Bukarest verschoben wurde. Sähe man sich doch sonst heute in einer von Tbilissi gleichsam erpressten Beistandspflicht und stünde selbst im Krieg mit Moskau. Nur, bleibt der Nordatlantik-Pakt bei seiner Strategie der Umzingelung Russlands, ob durch Ostausdehnung oder Raketenstationierung, wäre wohl auch das nur eine Frage der Zeit.”
Nachzulesen bei Zettel (hatte ich oben auch verlinkt).
Und anders als du habe ich nirgends etwas wirklich Russland-kritisches von links gelesen. Daher mein Eindruck – aber falls der getäuscht haben sollte, umso besser.