Mehrheitswahlrecht
Posted on | September 3, 2008 | 3 Comments
Ist es nicht faszinierend, wie detailversessen die Wahlkampfstrategen der beiden größten amerikanischen Parteien sind? Nichts überlässt man dem Zufall. Viel Zeit und Geld wird aufgewendet, um die Kandidaten glatt zu schleifen, ihnen unerwünschte Ecken und Kanten zu nehmen. Und die Ecken und Kanten, die man den Kandidaten nicht abschleifen kann, versucht man eben auszugleichen.
Also kriegt der mit den Stempeln “wenig erfahren” und “beunruhigend jung” versehene Obama eine Art demokratisches Pendant des republikanischen Kandidaten McCain als Vize an die Seite gestellt und McCain, der in religiöseren Kreisen als zu liberal gelten soll, bietet seinen Wählern eine so krasse konservative Kandidatin an, dass es schon als Skandal gilt, dass deren Tochter Mutter wird.
Am Ende werden beide Parteien mit einer Mischung aus Menschen und Programm dastehen, dass sich vielfach überlappt und sie so theoretisch für beinahe Jeden Amerikaner ein bisschen attraktiv macht. Die eine Seite wird dann durch Zufälle, Missgeschicke und vielleicht auch die geringfügig bessere strategische Aufstellung am Ende die Nase vorn haben.
Wahrscheinlich kann man das vollendete Demokratie nennen. Denn Demokratie bedeutet die Herrschaft der Mehrheit über die Minderheit und daher werden die Methoden, Mehrheiten zu gewinnen, bis zur Perfektion ausgearbeitet.
Wir wissen jetzt schon, dass es nach diesen Wahlen kein revolutionär anderes Amerika geben wird. Der Obamasche Chance wird, sofern all diese Worte bis nach der Wahl bestand haben, halt ein bisschen mehr Umverteilung bringen und das McCainsche ein bisschen weniger. Außenpolitisch wird auch künftig vor allem Öl die Agenda bestimmen, weshalb sämtliche Versprechen wohl etwas mit vorsicht zu genießen sind, wenn wir mal ganz ehrlich sind.
Die Programme beider Seiten enthalten natürlich auch viele konkrete Unterschiede. Doch letztendlich wird sich nunmal um genau die selben an Fünfzigprozentplusx fehlenden Wähler gestritten, weshalb man sich logischerweise um die selben Probleme kümmern muss und letztendlich sowas wie ein gemeinsamer Mainstream entsteht.
Ein Teil der Menschen wählt immer die Demokraten, beziehungsweise Republikaner (vielleicht auch immer eine Frau oder immer einen schwarzen oder immer einen Weißen, Alten oder Jungen) und muss darum gar nicht weiter beworben werden, wenn der Kandidat dieses Kriterium erfüllt.
Darum entscheidet am Ende fast zwangsläufig die Seite das Rennen, die den restlichen Mainstream am besten ködern kann.
Das alles bedenkend, wirkt das deutsche Wahlrecht mit Direktkandidaten und zusätzlichen, nach Verhältniswahlrecht gezählten Listen ungleich interessanter. Der Wähler muss sich nicht einfach nur zwischen zwei verschiedenen Darstellungen des Mainstreams entscheiden, sondern kann Signale zeigen, indem er etwas ausgefalleneren Nischenmeinungen zu einer Regierungsbeteiligung verhilft.
Comments
3 Responses to “Mehrheitswahlrecht”
Leave a Reply
September 3rd, 2008 @ 18:43
“Wahrscheinlich kann man das vollendete Demokratie nennen. Denn Demokratie bedeutet die Herrschaft der Mehrheit über die Minderheit”
Abgesehen davon, dass mir diese Definition neu ist, finde ich sie ziemlich naiv. Niemand ist (in jeder Hinsicht) Mehr- oder Minderheit. Und insofern kann man von “Mehrheiten” bestenfalls reden, wenn man so ziemlich alle Aspekte bis auf (irgend)einen ausblendet. Diese “Mehrheit” bliebe freilich illusionaer.
Es mag eine Mehrheit von Waehlern (Stimmzettelabgebern) darueber entscheiden, wer herrschen soll – dadurch herrscht diese “Mehrheit” aber nicht selbst.
Und manch einer wird sich schon bald nach der Wahl in der einen oder anderen Hinsicht auf der Seite der Beherrschenten (in einer Minderheitenposition) wiederfinden, auch wenn er “mehrheitlich” gewaehlt hat.
September 3rd, 2008 @ 21:42
In der repräsentativen Demokratie gilt das natürlich nur im übertragenen Sinn und kann sich darum hinterher über seine Fehlentscheidung öfter mal ärgern. Das scheint aber eher selten vorzukommen, weil sowohl in Amerika als auch bei uns Regierungen verdächtig oft mindestens einmal wiedergewählt werden.
September 5th, 2008 @ 13:51
Denn Demokratie bedeutet die Herrschaft der Mehrheit über die Minderheit.
Hier muss man jedoch aufpassen: wenn diese “Herrschaft der Mehrheit” zur “Diktatur der Mehrheit” wird, dann kann man nicht mehr von Demokratie sprechen, so wie wir sie kennen. Zu Zeiten der Jim-Crow-Gesetzgebung verhinderte die Mehrheit in den Südstaaten, vertreten durch die Demokratische Partei, die damals eine rassistische Partei war, dass Schwarze sich am öffentlichen Leben im gleichen Umfang wie Weiße beteiligen konnten.