Sep 23 2008
Gedanken zum Ehrenamt
Ich habe schon häufiger erwähnt, dass ich diverse ehrenamtliche Tätigkeiten ausübe. Nichts Besonderes und ich tus auch nicht, damit ich mich hinstellen und feiern lassen kann, sondern weil ich von den Dingen, die ich mache, überzeugt bin. Und weils natürlich Spaß macht, jedenfalls meistens.
Ich unterstelle mal, dass die allermeisten ehrenamtlich in irgendeiner Weise tätigen Menschen ähnliche Gründe haben. Eigentlich sind das ja auch so ziemlich die besten Gründe, die man haben kann, etwas zu tun.
Und es gibt die verschiedensten Dinge, die man machen kann. Angefangen vom Sportverein, wo praktisch immer engagierte Leute gesucht werden über konkrete Hilfsmaßnahmen nach Katastrophen, wie nach dem Tsunami 2004, als z.B. mein Ort spontan eine Art Partnerschaft zu einem Ort in Sri Lanka aufgebaut hat, den es besonders schlimm getroffen hatte, bis hin zur Freiwilligen Feuerwehr, die schon per Gesetz dazu verdammt ist, immer genügend Freiwillige zu finden.
Der Gedanke, der hinter dem Ehrenamt steht, ist urliberal. Er lautet so in etwa: Es muss nicht alles durch den Staat organisiert werden, freies bürgerschaftliches Engagement kann und will viel bewegen, wenn man es lässt. Und wir sehen, das dass in vielen Bereichen ganz wunderbar funktioniert.
Aber: Nicht in allen. Und: Der Wunsch nach noch mehr noch engagierteren Bürgern besteht, oft sogar von staatlicher Seite, die so hofft, weniger Geld für als notwendig erachtete Aufgaben locker machen zu müssen.
Genau solche Überlegungen sind es, die zu Dingen wie der “Ehrenamtscard” führen. Dass ist eine Art Rabattkarte für Menschen, die ein bestimmtes Mindestmaß an Engagement überschreiten. In Niedersachsen muss man für so eine Karte beispielsweise nachweislich 5 Stunden in der Woche oder 250 Stunden im Jahr ehrenamtlich tätig sein.
In meiner Stadt gibts außerdem politische Akteure, die Kindern den Eintritt ins städtische Schwimmbad spendieren möchten, wenn sie irgendwo irgendwas ehrenamtlich machen.
Wie finden wir solche Ideen? Naja, erstmal gut, weil wir sehen, dass die Allgemeinheit ehrenamtliches Engagement mit Steuermitteln belohnt. Ehrenamtlich tätige Menschen geben der Gesellschaft etwas und die Gesellschaft kann ihnen auf diese Weise etwas zurückgeben. Eigentlich fair, oder?
Aber wie verträgt sich eine Gegenleistung mit dem ursprünglichen Gedanken, etwas ehrenamtlich zu tun, statt sich dafür bezahlen zu lassen? Sicher, ein paar Vergünstigungen sind nicht das selbe wie ein Stundenlohn. Aber dennoch besteht die “Gefahr”, dass unter solchen Umständen mancher eben nicht nur aus den ursprünglichen Motiven Spaß an der Sache und der Überzeugung, etwas Gutes zu tun ehrenamtlich handeln möchte, sondern auch, weil ihm dass ein bisschen versüßt wird.
In dem Ausmaß, wie das heute geschieht, muss man dass nicht verurteilen oder schlimm finden. Dennoch ist es eine Art Tabubruch, wenn dass ursprünglich private Ehrenamt immer mehr von staatlicher Seite übernommen und organisiert wird.
Die Ansätze dazu sehen wir bereits heute und wir sollten darauf achten, dass wir nicht irgendwann eine Art bezahltes Ehrenamt haben und es rein privates nicht mehr gibt, weil kein Mensch mehr bereit ist, etwas einfach nur so, eben aus Lust und Überzeugung zu tun. Denn spätestens dann hätten wir jene entsolidarisierte und völlig vom Staatsglauben durchsetzte Gesellschaft, die eigentlich niemand wollen kann.
Die Frage lautet aber: Wo sind die Schmerzgrenzen?
In der ersten Pressemitteilung, die ich in meiner neuen Eigenschaft als OV-Vorsitzender verfasst habe, habe ich die Praxis, Mitglieder der Winsener Jugendfeuerwehr kostenlos ins Schwimmbad zu lassen, als sinnvolle Werbemaßnahme für die städtische Feuerwehr verteidigt. Die Jugendfeuerwehr ist ja eigentlich auch nur zur Hälfte eine ehrenamtliche Organisation. In erster Linie ist sie eine Methode, um Kindern Lust auf die echte Feuerwehr zu machen, bis sie alt genug sind, dort mitzumachen. So gesehen ist eine solche Förderung, wie sie die Stadt Winsen mit dem freien Eintritt ins Schwimmbad betreibt, nur ein kleiner Ausbau der Nachwuchsförderung der Feuerwehr.
Diese Ehrenamtscard ist da schon ein anderes Kaliber. Allerdings kriegt die ja wirklich nicht jeder. 5 Stunden wöchtentlich oder 250 Stunden im Jahr, dass dürften eher wenige Menschen an Zeit für Ehrenämter aufbringen. Schwer vorstellbar, dass jemand nur aufgrund dieser Karte und der Vergünstigungen, die sie ihm bringt, sein Engagement von Null auf ein solches Maß steigert. Ich denke daher, sie geht in Ordnung – auch wenn ich ihren Sinn insgesamt dann doch anzweifle. Der mit ihr verbundene Aufwand scheint mir nämlich im Verhältnis zu ihrem Nutzen weit jenseits jeder Vernunft zu liegen – aber meine Güte, das tut ja nun weiß Gott Vieles…
Worauf es in diesem Zusammenhang jedoch wirklich ankommt, ist der Gedanke, dass Ehrenamt Ehrenamt und Hauptamt Hauptamt bleiben muss. Wenn der Staat oder eine Regierung der Meinung ist, dass bestimmte Ehrenämter so wichtig sind, dass sie nicht länger freiwillig und allein aus Überzeugung und Spaß an der Sache ausgeübt werden sollten, dann wäre dass einzig Folgerichtige, daraus einen ernsthaften Job zu machen, der aber dann auch bezahlt werden muss. Ein Mischding aus beidem braucht kein Mensch.
18 Kommentare



Eine spannende Frage, in der Tat.
Mich beschäftigt immer mehr die Frage, wie man dem ehrenamtlichen Engagement seinen alten gesellschaftlichen Status zurückgeben kann. Jemand, der sich in freiwilligen Aktivitäten für die Gemeinschaft engagiert hat (ja, auch Kommunalpolitik), der war früher jemand, der besondere Wertschätzung und Ehre innerhalb der Gesellschaft genoss. Mittlerweile ist die gleiche Person aber ein “blöder Vereinsmeier”, jemand, über den man sich lustig machen und an dem man sich im Zweifal auch mal die Füße abtreten kann.
Das lässt sich auch durch Geld nicht ausgleichen. Wobei die monetäre Entschädigung ja auch ein typisches Zeichen unserer Zeit ist, die eben ehrenamtliches Engagement und Aktivitäten aus Überzeugung heraus nicht mehr sehen will, sondern nur noch über Geld redet.
Die Ehrenamtlichen werden von ganz alleine wieder mehr Respekt bekommen. Die Verachtung, die Vereinsmeier oft bekommen, gilt ja dem Spießertum der uniformierten Dackelzüchter aus dem bekannten Klischee mit ihren seltsamen aus der Kaiserzeit stammenden Traditionen.
Schaut Euch mal bei Linux-user-Groups oder auf WLAN-Parties um. Oder bei Schülerparties.
Das Ehrenamt feiert unter jungen Leuten fröhliche Parties.
Dort ist es aber eben so natürlich und spontan, daß man gar nicht weiter über “ehrenamtliches gesellschaftliches Wirken” reden muss.
Man tut es einfach. Und so gehört sich das auch.
@ freiburgerthesen
Ist nicht Geld fürs Ehrenamt eher etwas, dass den “blöden Vereinsmeier” nur noch blöder aussehen lässt? Auch Neid ist schließlich etwas recht Verbreitetes.
Allerdings ist das Ansehen von ehrenamtlich Tätigen wahrscheinlich regional sehr unterschiedlich. In meinem Ort jedenfalls redet niemand verächtlich von Vereinsmeiern, man ist irgendwo schon noch froh, dass andere sich kümmern.
Kommunalpolitik lasse ich allerdings meisens schon weg, wenn ich von Ehrenämtern rede. Weil man sich dafür dann noch am Ehesten dumme Sprüche anhören dürfte. Letztlich ist natürlich aber auch politisches Engagement, für dass es ja nur in eher wenigen Ausnahmefällen ein bisschen Kohle gibt (z.B. für Mandatsträger aber reich wird man davon ja nun auch nicht) vor allem im Spaß an der Sache und eigenen Überzeugungen begründet. Kann allerdings auch der Schritt zu einer Karriere sein, weshalb gewisse Vorbehalte gegen den ehrenamtlichen Politiker nicht immer von der Hand zu weisen sind.
@ califax
Es wäre schön, wenn diese Aktivitäten von der Gesellschaft auch mal wirklich wahrgenommen würden. Stattdessen sonnt man sich ja doch eher im Klischee vom egoistischen, unengagierten Jugendlichen, der so viel desinteressierter ist als alle Generationen vor ihm.
Ich kann mir nicht vorstellen, dass jemand, der aus Überzeugung ehrenamtlich tätig ist, diese “Ehrenamtskarte” beantragen wird. Allein der Nachweis der geleisteten Stunden und die jährlich wohl immer wiederkehrende Kontrolle ist ein riesiger bürokratischer Aufwand (für beide Seiten). Ich glaube, dass der Dank der Personen, denen ehrenamtlich geholfen wird, dem ehrenamtlich tätigen viel mehr wert ist, als evtl. im Kino einen Euro einzusparen!
@jan: Träum weiter.
Die aktuelle Jugend ist immer die schlimmste, die es je gab. Das hat Kontinuität seit Sokrates.
Alles wird immer schlimmer; früher war alles besser; als die Menschen noch jeden Winter zu Tausenden verhungert sind, war das die Goldene Zeit ohne “Konsumterror” (während die übergewichtigen McDonalds-Kunden heute von “tiefster Armut und Existenznot bedroht” sind); na und die Jugend erst!
Seit man nicht mehr zu Tausenden auf die Straße geht, um Massenmörder zu abzufeiern, gilt die Jugend den roten Alten als politisch uninteressiert.
So what?
(Aber es gibt den Lichtstreif am Horizont.
Bei Attac-Veranstaltungen wie Heiligendamm gehen Tausende auf die Straße, um die Zerschlagung ihrer eigenen Lebensgrundlage zu fordern. Da ist sogar der Geißler ganz gerührt von der Jugend.)
“@jan: Träum weiter.”
Ja, noch mach und darf ich dass doch wohl ab und zu mal tun, oder;)
@ Wilfried
Könnte ich mir auch vorstellen aber ich schätze, allzuviele Ehrenamtliche kommen in Wirklichkeit auch bei vollständigem Nachweis gar nicht Frage. Ich hab nun keine Ahnung, wie toll die Vergünstigungen jetzt wirklich sind aber viel mehr als kleine Aufmerksamkeiten werde wohl kaum bei rüberkommen. Und ob man sich dafür dann so einen Stress macht, will ich auch mal bezweifeln.
@ Jan
In deinem Beitrag geht es um das Ehrenamt, aber auch um die Rolle, die der Staat dabei spielt. Und was die anbelangt, ist Kritik in der Tat angebracht.
Zum einen wird von staatlicher Seite auch nach meiner Einschätzung das Ehrenamt oftmals nur deshalb gern gefördert, um schlicht und ergreifend den staatlichen Stellen die sonst selbst zu erbringenden Leistungen durch billige Ehrenamtliche – man könnte auch sagen: nützliche Idioten – erledigen zu lassen. Und zum anderen sollen wohl auch die als zusätzlicher Anreiz und Belohnung gedachten zu gewährenden Vergünstigungen in diese Richtung gehen.
Dieser “böse” Staat macht damit nicht nur das “gute” Ehrenamt kaputt, es zeigt sich damit auch, daß der einst angeblich so gefräßige und aufgeblähte Staat auch als klammer Minimalstaat ein schrecklicher Leviathan sein kann.
Entschuldige bitte meine Nachfrage aber dass, was heute herrscht, dass nennst du jetzt nicht im Ernst “Minimalstaat”, oder?
Entschuldige bitte meine Nachfrage aber dass, was heute herrscht, dass nennst du jetzt nicht im Ernst “Minimalstaat”, oder?
Gemeint war vermutlich die Tendenz: wenn diese Entwicklung fortgesetzt und verstärkt wird, dann hat man möglicherweise irgendwann einen Minimalstaat, der seine vorherigen Aufgaben aber nicht an die Wirtschaft, sondern an “Ehrenamtliche” abgegeben hat.
In der Tat würde mich interessieren, wie Jan sich das merkwürdige Verhalten des neoliberalisierten “Minimalstaats” in Sachen Ehrenamt erklärt.
@ Markus
Wenn du mir erklärst, was du damit meinst, kann ichs gerne versuchen zu interpretieren. Auch wenn neoliberal und Minimalstaat sich irgendwie widerspricht.
@ Jan
Stellen streichen und Ehrenamt fördern, merkst du etwas?
Warum widerspricht sich neoliberal und Minimalstaat? Ist letzterer nicht Ziel des ersteren?
@ Markus
“Stellen streichen und Ehrenamt fördern, merkst du etwas?”
Nein, nicht direkt, weil ich nicht sehe, dass Arbeitsplätze zu ehrenamtlichen Stellen umgewandelt würden. Das geht auch gar nicht, weil man ein Ehrenamt per Definition umsonst macht und was jemand ohne finanzielle Gegenleistung tut, dass kann schwer jemals ein Arbeitsplatz werden (außer mit Gewalt, natürlich).
“Warum widerspricht sich neoliberal und Minimalstaat? Ist letzterer nicht Ziel des ersteren?”
Das wäre mir neu. Ich zitiere mal Wikipedia zum Thema:
“Betont wird der wechselseitige Zusammenhang von politischer und wirtschaftlicher Freiheit, sowie die Notwendigkeit einer Rechtsordnung, die den Wettbewerb fördert und das Entstehen von privaten Machtpositionen zu verhindern sucht.”
Ich glaube kaum, dass sich dass mit einem Minimalstaat vereinbaren ließe. Auch wenn Minimalstaat sicher auch Definitionssache ist.
@ Jan
Sparpolitik im öffentlichen Bereich muß sich nicht im direkten Streichen von Stellen äußern, sondern kann auch einfach dadurch entstehen, daß frei gewordene Stellen nicht mehr besetzt werden und die verbliebenen Mitarbeiter die Mehrarbeit aufgebürdet bekommen, oder eben, indem man Ehrenamtliche (wo es sich einrichten läßt) für einen “feuchten Händedruck” die Arbeit machen läßt. Mit einer solchen “Bürgergesellschaft” können die Menschen auf den sich zurückziehenden Minimalstaat eingeschworen werden.
Dein angeführtes Zitat könnte von Walter Eucken stammen. Die Ordoliberalen wollten durchaus einen “starken Staat” schaffen, der den Wettbewerb aufrechterhält, aber dieser Staat ist kein Sozial- oder gar Wohlfahrtsstaat. Die heute tonangebenden Neoliberalen wollen aber einen mehr oder minder autoritären Minimalstaat errichten.
Und Neoliberal ist, wer von dir dazu ernannt wird, oder wie? Dass ist doch Blödsinn. Du gibst einfach so einem Wort eine andere Bedeutung und willst dann darüber diskutieren und ich soll dass dann noch so alles nachvollziehen können, oder wie? Ich denke es bringt nicht viel, mit irgendwelchen Begriffen um sich zu werfen, wenn man sich nichtmal einig werden kann, was es bedeutet.
Davon mal ab ist es mir persönlich völlig egal, wie du oder diese Leute sich selbst bezeichnen, wenn sie einen autoritären Staat wollen. Dafür bin ich in keinem Fall zu haben.
Niemand “lässt” jemanden ehrenamtliche Arbeit machen, die wird aus Eigeninitiative getan oder sie ist per Definition kein Ehrenamt mehr. Dass Problem, dass du beschreibst, sehe ich nicht.
Mir geht es darum, die Möglichkeit der staatlichen Instrumentalisierung des Ehrenamtes aufzuzeigen. Und das hat mit der herrschenden Lehre des Neoliberalismus einiges zu tun.
Sehe ich anders aber auch mir geht es darum, dass Ehrenamt zu bewahren und nicht zu versauen.
Das Gute am ehrenamtlichen Engagement ist natürlich, dass man etwas unterstützt, wovon man überzeugt ist, aber darüber hinaus bildet es einen auch persönlich, fachlich, gesellschaftlich weiter aus. Und so kann man dann auch immer mehr leisten für das, wofür man sich engagiert. Bei mir ist es so, und ich mache es immer lieber und lieber. Mir hilft auch, dass ich mich für einzelne Projekte einsetzen kann und diese unterstütze. Tolle Angebote dafür gibt es hier: http://www.realisr-blog.com/20.....hrenamtes/