Sep 30 2008
Schulpolitik: Zeit für Neues!
Jenseits aller Ideologie kann man wohl feststellen, dass die Hauptschule, so abgedroschen die Wendung auch klingt, “abgewirtschaftet” hat.
Ob zurecht oder zu unrecht ist eine überflüssige Streitfrage, wenn halt einfach kein Mensch mehr (und am Wenigsten Abgeordnete, die für den Erhalt der Hauptschule eintreten!) seine eigenen Kinder dorthin schicken will.
Trotzdem sei hier kurz angemerkt, dass es natürlich (in Niedersachsen) durchaus möglich war und ist, mit Hauptschulabschluss und ohne Abitur ein Studium zu beginnen. Das setzt einiges an Eigenleistung und Engagement voraus aber es geht und ging immer, vieles von dem überall geäußerten Gejammer ist daher offensichtlich übertrieben. Ich sage dass nicht einfach so, sondern vor dem Hintergrund, eine solche Biographie in der eigenen Familie zu haben und ich selber studiere auch ohne Abitur. Das ist nach meiner Erahrung überhaupt nichts Besonderes, auch wenn gerne so getan wird, sondern in etlichen Studiengängen völlig normale Praxis.
Aber als Anhänger der Marktwirtschaft muss man es irgendwann einfach zur Kenntnis nehmen und entsprechende Konsequenzen ziehen, wenn Produkte am Markt versagen. Und das Produkt Hauptschule tut dass schon seit vielen Jahren und mit zunehmender Tendenz. Da es sich um ein staatlicherseits angebotenes Produkt handelt, wurde, wie üblich bei staatlichen Angeboten, nur halbherzig und unzureichend reagiert und der Trend setzte sich, auch dass scheint sehr typisch bei staatlichen “Angeboten” fort.
Inzwischen hat die Hauptschule so gut wie keine überzeugten Anhänger mehr. Wer die Hauptschule erhalten will, seine Kinder aber woanders hinschickt, dessen Ansichten in dieser Frage möchte ich ehrlichgesagt weder besonders Ernst nehmen noch weiter kommentieren aber nach meinem Eindruck macht genau dass inzwischen den typischen Fan dieser Schulform aus. Wer selber betroffen ist, sieht die Sache in erdrückender Mehrheit völlig anders.
Die Frage ist: Was kann die Lösung sein? “Eine Schule für alle“, wie oft gefordert wird? Vielleicht.
Oder erstmal Hauptschulen schließen, die keiner mehr will? Ergebnis davon wäre wohl, dass erst die Realschulen erhöhten Zulauf bekommen dürften – aber dort, wo Haupt- und Realschule bereits zusammengelegt sind, erleben wir, dass diese Misch-Schulen zugunsten der Gymnasien an Kundschaft verliert. Das selbe Spiel also, nur eine Ebene verschoben.
Warum ist das so? Na weil Eltern sich von Gymnasien die beste Bildungsqualität erhoffen. Ob dass immer so angebracht ist, kann ich nicht beurteilen. Nach meiner persönlichen Erfahrung als Realschüler, der einige Abiturienten kennt, ist dass ganz sicher nicht automatisch so aber ich will dass auch nicht verallgemeinern. Tendenziell kann man wohl davon ausgehen, dass einem ein Abitur mehr Bildung bringt, als andere Abschlüsse, auch wenn man dadurch mehr Zeit als (meiner unbedeutenden Meinung nach) nötig auf der Schule vergeudet.
Im derzeitigen maßgeblich staatlich organisierten Schulsystem werden wir über kurz oder lang wohl überall stramm in Richtung Gesamtschule gehen müssen, und wenns nur in der Form ist, dass einfach das Gymnasium dazu wird, weil alle anderen Schulen aus nachvollziehbaren Gründen gemieden werden.
Dass man Eltern und Schüler nicht dazu zwingen sollte, eine bestimmte Schule zu besuchen, versteht sich hoffentlich von selbst.
Die Frage, der wir alle und insbesondere die politisch engagierten Menschen unter uns, uns endlich stellen sollten, geht über diese längst vom Markt getroffene Entscheidung hinaus.
Sie lautet:
Muss Schule unbedingt vom Gebäudelayout über die Ausbildung der Lehrer bis hin zur letzten Büroklammer durch Landesbürokraten vorbestimmt sein?
Oder wäre es angesichts der offensichtlichen Fehlentwicklungen der planwirtschaftlich organisierten Staatsschule, wie ich sie mal provozierend nennen will, nicht doch an der Zeit, kreativer zu denken und mutigere Visionen Wirklichkeit werden zu lassen?
Mit der Flucht weg von Haupt- und Realschule, die wohl nicht nur in meinem Land, sondern in der ganzen Bundesrepublik spürbar stattfindet, ist bewiesen, dass Eltern die Bildung ihrer Kinder alles andere als egal ist und sie im Zweifel die bessere Alternative wählen. Warum also lassen wir nicht zu, dass sie noch bessere Alternativen bekommen können, als sie staatliche Gymnasien bieten?
Konkret ausgedrückt: Mit welchem Recht wird der Besuch einer staatlichen Schule anders gefördert, als der einer privat betriebenen Schule? Wer den Bürger für mündig hält, der sollte ihm die Souveränität zugestehen, so wichtige Fragen wie Art, Umfang und Qualität der Schulbildung jedenfalls im Detail selbst zu entscheiden.
Das würde nicht nur zu mehr Qualität in der Bildung, mehr Auswahl für Schüler, Eltern und natürlich auch arbeitssuchende Lehrer führen, sondern langfristig wohl auch Kosten sparen, weil endlich die Ideologie aus den Schulen verbannt würde und nicht länger Mehrheiten Entscheidungen treffen würden, die für viel Geld am eigentlichen Bedarf vorbei in Bildung investieren.
Den Wettbewerb der Schulformen gibt es längst und die Hauptschulen werden von ihm bereits aussortiert.
Lassen wir uns endlich ehrlich auf dieses Spiel ein! Lassen wir die Betroffenen entscheiden, was gut für sie ist, statt es ihnen weiterhin (zumal mit der politik-typischen Überheblichkeit und dem klammheimlichen Gedanken im Hinterkopf, dass wir als politische Akteure ja sowieso am längeren Hebel sitzen und notfalls auch gegen den Willen der Menschen entscheiden könnten) von oben herab zu erklären.
Es ist Zeit für Neues in der Schulbildung. Zeit für einen ehrlichen Markt der Ideen und Konzepte.
8 Kommentare



Als jemand, der selbst einige Zeit auf der Hauptschule verbracht hat, bevor er ins Gymnasium wechselte (tja, das Aussortieren nach der 4. Klasse halte ich auch für Schwachsinn!), fühle mich ein bisschen qualifiziert hier auch meinen Senf dazu zu geben.
Da ich auch jetzt noch Kontakt zu den Vorgängen in der Hauptschule habe, da meine werte Mutter dort tätig ist, sehe ich auch, dass sich die Situation höchstens verschlimmert hat.
Wo früher die Hauptschule noch anständig auf einfach Berufe vorbereitet hat, in dem sie das Grundrüstzeug vermittelt hat, ist dies trotz Bemühungen heute nicht mehr möglich. Viel zu oft müssen Hauptschullehrer Defizite aus dem Elternhaus aufräumen und gleichzeitig eine “IS-mir-doch-scheiß-egal” Haltung bekämpfen. Die Folge ist natürlich, dass wesentliche Grundlagen wie Schreiben-Lesen-Rechnen nicht mehr ausreichend vermittelt werden. Sicher, es gibt auch dort immer den einen oder anderen Ausreißer, der klar über dem Durchschnitt liegt, aber diese Menschen machen am Ende auch ihren eigenen Weg.
Was ich mir jedoch bei dem Weg “Eine Schule für alle” immer als Frage stelle: Passen sich die Störenfriede den guten Schülern an oder werden die guten Schüler von den schlechten runter gezogen! Haben wir also letztlich dann Rüttli-Gesamtschulen oder haben wir Goethe-Gymnasien für alle.
Auch finde ich die starren Schulfächer, wie sie heutzutage noch in den verschiedenen Schulformen genutzt werden für ausgedient. Mehr Selektion nach eigenen Vorlieben wäre hier angebracht. Es ist eben nicht jeder ein Ass in Deutsch oder Geschichte, aber dafür gut in Mathe und Physik. Wie es heute schon bei Kunst und Musik in der Oberstufe der Fall ist.
Ich denke dies könnte auch die Klassen so verändern, dass die guten nicht durch die schlechten und unwilligen aufgehalten werden und sich langweilen und die schlechten nicht ein ewiges Neidgefühl entwickeln oder sich durch den Stoff überfordert fühlen.
Über das “Ab wann” kann sich dann der Pädagoge streiten =)
Kann ich alles nachvollziehen, was du schreibst – sowohl gedanklich, als auch aus eigenen Erfahrungen. Du lässt allerdings jetzt wieder ausser Acht, dass “Eine Schule für alle” mehr als ein Konzept unter mehreren ist. Es ist der Weg, auf dem sich Eltern und Schüler schon lange befinden. Dem gilt es irgendwo Rechnung zu tragen, ganz egal, wie man selber dazu stehen mag. Eine realistische Alternative dazu besteht im Prinzip schon lange nicht mehr, weil es daran nach Jahrzehnten des Niedergangs schlicht kein großes Interesse mehr gibt.
Und dass ist irgendwo hausgemacht: Wieso verdient ein Hauptschullehrer weniger als einer auf dem Gymnasium? Wieso werden Hauptschulen finanziell schlechter ausgestattet als Gymnasien? Wer sowas macht, der darf sich natürlich auch nicht wundern, wenn eine Massenflucht in die Gymnasien stattfindet.
“Wo früher die Hauptschule noch anständig auf einfach Berufe vorbereitet hat, in dem sie das Grundrüstzeug vermittelt hat, ist dies trotz Bemühungen heute nicht mehr möglich.”
Das sehe ich auch so, allerdings: Selbst wenn dass noch gewährleistet wäre, müsste man sich trotzdem fragen, ob eine solche Schule überhaupt zeitgemäß und sinnvoll ist. Du sagst ja selber, dass es schwierig ist, jemanden nach der vierten Klasse bereits in solcher Weise realistisch einschätzen zu können. Ich behaupte: Dass kann man letztlich noch nichtmal nach der neunten oder zehnten. Oder wieso gehen so viele Realschüler nach einer Berufsausbildung irgendwann studieren? Ist ja nach den geltenden Systemen zwar möglich aber nicht unbedingt als Normalfall vorgesehen.
Die Frage wäre also: Wozu brauchen wir eine Schule, die vor allem auf dass ausüben “einfacher Berufe” vorbereitet, während sie auf die vom System durchaus bewusst zugelassenen weiteren Möglichkeiten, wie zum Beispiel ein Studium, nur mangelhaft vorbereitet? Was aus ihm wird weiß weder der Hauptschüler noch sein Lehrer, wenn er in der fünften oder wie früher siebten Klasse auf seine Schule wechselt.
“Wesentliche Grundlagen wie Schreiben-Lesen-Rechnen” finden auch auf dem Gymnasium kaum noch statt, zumindest in der Oberstufe nicht – und die soll es doch eigentlich sein, die den Hauptschulabschluss vom Abitur unterscheidet.
Es ist klar, dass Hauptschullehrer mit etlichen Leuten ihre Liebe Müh haben, gar keine Frage. Auch dafür könnte aber ein Plus an Markt eine Lösung finden, wenn dass denn endlich politisch wirklich gewollt wäre. Starre Lehrpläne und ein durchgeplantes System versucht jeden in irgendwelche Raster zu pressen, sowas fordert offensichtlich Opfer. Ein System, dass sich nach dem Bedarf richtet, kann hier eigentlich nur Vorteile bringen.
Darum glaube ich, dass deine Frage “Haben wir also letztlich dann Rüttli-Gesamtschulen oder haben wir Goethe-Gymnasien für alle” am Kern der Sache vorbeigeht. Letztlich kommt es natürlich auch ein bisschen auf den Schüler an. Wer keinen Bock hat, dem ist dann irgendwann einfach nicht mehr zu helfen. Aber die Chance, wirklich gut zu sein oder zu werden, die muss ein gutes Schulsystem jedem bieten und ich denke, da besteht derzeit eindeutig noch viel Luft nach oben.
Und einen wesentlichen Baustein sehe ich, wie du, in besserer Differenzierung in den Fächern. Leider findet sowas eben nur in der gymnasialen Oberstufe statt. Haupt- und Realschüler werden in die für ihre Schule von oben verordneten Standards gedrückt. Auch dass also ein Grund mehr, von diesen Schulformen zu flüchten – und wer wollte ihnen dass auch verdenken?
Ich weiß nicht, ob sich da vielleicht bereits jetzt etwas verbessert hat aber zu meiner Zeit hatte ich, was Fächer angeht folgende Möglichkeiten:
Zu Beginn:
Religion: ja, nein oder katholisch
Französisch: ja oder nein
Nein bedeutete in jedem Fall frei haben. Ich hab mich trotzdem beide Male für ja entschieden aber bei solchen Wahlmöglichkeiten ist es vielleicht auch ein bisschen zu verlockend für so kleine Dreikäsehochs statt der anstrengenden Jagt nach guten Noten ein bisschen durch die Stadt zu bummeln…
Später, so ab der 8. oder 9., weiß ich nicht mehr genau, hatte ich die Wahl zwischen Französisch und einem Dutzend anderer Fächer, von denen mich etliche wirklich interessiert hätten.
Was für eine beschissene Wahlmöglichkeit ist das? Da ich nicht auf eine zweite Fremdsprache verzichten wollte, sind mir wirklich wichtige Fächer wie Informatik oder Technik völlig flöten gegangen. Dafür haben aber ausnahmslos alle Nähen und Holzfeilen lernen müssen. Doch, so war das damals, und es ist erst 10-12 Jahre her.
Die Prioritäten, wie sie damals von ein paar offensichtlich in ihrer eigenen, komischen Welt lebenden Bildungspolitikern gesetzt worden sind, haben mir in meiner bisherigen Laufbahn wirklich gar nichts gebracht. Dass einzige, was ich aus der Schulzeit wirklich immer noch nutze und brauche, sind die Basics in lesen, schreiben und rechnen und auch in den naturwissenschaftlichen Fächern, auch wenn ich da inzwischen längst einen ganz anderen Stand erreicht habe.
Der Rest war vollständig Quark, von den Dingen, die mich persönlich interessiert und begeistert haben mal abgesehen. Aber mit meinen Lieblingsfächern konnte man dafür die meisten meiner Mitschüler jagen…
Ich gehe nicht davon aus, dass sich da nun maßgeblich was verbessert hat, auch wenns sicher heute etwas anders aussehen wird. Eine Differenzierung fand nicht statt, obwohl ich sicherlich zum Beispiel in Deutsch oder Geschichte durchaus gymnasiales Niveau hätte liefern können, wenn mans mal von mir gefordert hätte. Auf diese Weise verkümmern wahrscheinlich hunderttausendfach Talente. Ein System, dass das zulässt, gehört einfach verbessert!
Ich denke auch, eine Schule mit möglichst umfassender interner Differenzierung wäre tatsächlich die – verglichen mit allen Bestehenden – weit Überlegene.
Daher bin ich mir sicher, dass sich genau dass aus einem echten Wettbewerb herauskristallisieren würde und sich jede politische Debatte, wie eine tolle Schule auszusehen hätte, erübrigen würde.
Und was ist jetzt die Konklusion? Mehr staatliche Förderung für private Schulen? Dann aber bitte so, dass für Eltern dadurch auch weniger Kosten entstehen. Ansonsten wäre so ein System nicht tragbar.
“Und was ist jetzt die Konklusion? Mehr staatliche Förderung für private Schulen?”
So würde ich das sagen, ja.
“Dann aber bitte so, dass für Eltern dadurch auch weniger Kosten entstehen.”
Wie auch sonst?
Lass doch mal solche Albernheiten sein. Es ist die ideologisch verblendete CDU, die die Hauptschulen viel zu lange am Leben erhalten hat. Auf Kosten der Schüler, wohlgemerkt!
In meinem Land hat die SPD sie allerdings auch nicht abgeschafft. Die Chance hätte sie bis 1998 durchaus gehabt.
Die Äußerung war bewusst nicht parteipolitisch gemeint, weil es völlig egal ist wer regiert, wenn Missstände beseitigt werden sollen. Das dauert immer ewig und drei Tage, wenn überhaupt was passiert, liegt ja auch in der Natur der Sache.
Und wie waere es, wenn man das staatliche Schulwesen einfach “oeffentlicher” machen und (radikal?) demokratisieren wuerde?
Man darf nicht vergessen: Leistungstraeger in der Schule sind (auch) die Schueler. Insofern ist Bildung eben keine Ware, die sich wie eine x-beliebige andere (be-)handeln liesse.
Läuft dass nicht letztlich aufs Selbe hinaus? Marktentscheidungen sind schließlich auch demokratische Entscheidungen.
Und um eine freie Schulwahl käme man in so einem System auch nicht herum, oder was soll ich machen, wenn außer mir nur Idioten auf einer Schule sind? Im Extremfall müsste ich auch da meine eigene gründen dürfen.
Natürlich ist Bildung keine Ware. Bildende Dienstleistungen, Bücher und freie Klassenräume sind es allerdings schon.
So schlecht finde ich deine Idee erstmal gar nicht aber meinst du nicht, dass ein Wettbewerb unterschiedlicher Konzepte nicht doch letztlich mehr bringt, als demokratische Entscheidungen von Menschen mit unterschiedlichen Interessen? Wenn die Mehrheit zum Beispiel Dauerkarten für den HSV für sinnig und bildungsfördernd hält (lässt sich garantiert sogar irgendwie pädagogisch begründen…) und damit bereits einen Großteil des Geldes verpulvert, dass man zur Verfügung hat, guckt der Rest, der lieber ein, zwei Schulbücher hätte, dumm aus der Wäsche.