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Der Preis der Freiheit ist stetige Wachsamkeit.

Kopfnoten

Posted on | Oktober 14, 2008 | 9 Comments

Ich weiß nicht so recht, ob das Konzept der Kopfnoten jetzt wirklich unser Bildungssystem ganz weit nach vorne katapultieren wird. Ich wüsste da schon noch die eine oder andere Baustelle, die ich davor angehen würde.

Was ich aber heute bezüglich eines Gerichtsurteils im Radio gehört habe, hat mich ziemlich aufgeregt. Es ist wohl in Niedersachsen so, dass Kopfnoten nur bis zur zehnten Klasse gehen, wogegen geklagt wurde, von wegen Gleichbehandlung.

Das Gericht hat sinngemäß entschieden, dass die gängige Praxis so in Ordnung ist und dass man bei Gymnasiasten eine so ausgereifte Persönlichkeit voraussetzt, dass sie zum Zeitpunkt ihres Schulabschlusses keine Kopfnoten mehr benötigen würden, bei allen anderen wäre das aber dann doch noch nötig.

Wieviele Richter wohl Haupt- oder Realschulabschluss haben, dass sie dass wirklich beurteilen können, habe ich mich zunächst gefragt. Wahrscheinlich haben sogar die wenigsten Richter selber Kinder, die Haupt- oder Realschule machen.

Aber selbst wenn, sollte doch wohl jedem einleuchten, dass sich gerade Haupt- und Realschulabsolventen mit ihrem Abschlusszeugnis und meist auch mit den 1-2 davor bewerben gehen wollen. Wenn da dann ne komische Kopfnote drin steht, dann erschwert man diesem Menschen unnötig seine Zukunft, nur weil man meint, wer mit 16 oder 17 in den Beruf geht wäre potenziell ein schlechterer Mensch als einer, der mit 19, 20 die Schule verlässt und sich dann mit diesem Zeugnis womöglich um genau die Stellen bewirbt, die der Kollege von der Realschule wegen dieser Ungleichbehandlung nicht kriegt.

Dass kann es nicht sein! Jeder weiß, wer ein Gymnasium besucht hat, hat ohnehin die besseren Chancen – egal, ob er eine Handwerkerlehre (und so etwas kommt häufiger vor, als viele meinen) oder ein Studium beginnen will. Muss man denen, die sich trotz der bestehenden Nachteile noch für den Weg über die Haupt- oder Realschule machen, wirklich noch willkürlich Steine in den Weg legen?

Ich finde das eine Unverschämtheit.

Comments

9 Responses to “Kopfnoten”

  1. califax
    Oktober 14th, 2008 @ 18:35

    Zwischen 16 und 18 eine ausgereifte Persönlichkeit? Das ist gut.
    Ausgerechnet in diesem Alter? Schön! :)
    Aber daß mir das niemand den Militärs erzählt, sonst wollen die das Einberufungsalter auf 14 runtersetzen…

  2. Jan
    Oktober 14th, 2008 @ 18:58

    Ich find solche Altersgrenzen sowieso völlig willkürlich. Das ist doch wohl bei jedem Menschen anders. Aber was wirklich fürchterlich ist, ist diese Ungleichbehandlung, die von diesen Richtern da noch nicht einmal als solche beurteilt wird, obwohl sie absolut offensichtlich ist.

  3. Oliver Fink
    Oktober 14th, 2008 @ 18:59

    Die Argumentation des Gerichts ist von Merkbefreiung gekennzeichnet. Darüber kann kein Zweifel bestehen.

    Ich bin allerdings über einen anderen Punkt dieses Artikels gefallen, da ich gerade in einer Schulkonferenz (und vorher in der Elternvertretung) eine Diskussion über Kopfnoten hinter mir habe. Schon da hatte ich mich das gefragt, was ich mich auch bei diesem Artikel frage: Wieso wird eigentlich immer nur über die SCHLECHTEN Kopfnoten geredet? Ich denke, dass gerade auch schwächere Schüler mit GUTEN Kopfnoten den notwendigen Ausschlag bei der Bewerbung auf eine Lehrstelle geben können, es eben doch mit diesem Bewerber zu versuchen. Denn selbstgerechte Schlaumeier gibt es in vielen Betrieben genug – Mitarbeiter, die mit Fleiß und Ausdauer an ihren Schwächen arbeiten, sind nicht sooo breit gesät.

    Ein typisch deutsches Phänomen, die negativen Aspekte einer Angelegenheit breitzutreten, die positiven zu ignorieren?

  4. Jan
    Oktober 14th, 2008 @ 19:53

    Über die guten Kopfnoten redet kein Mensch, weil die kein Problem sind. Natürlich können die auch eine Chance darstellen, gar keine Frage.

    Wenn ich ein Problem mit einem bestimmten Lehrer habe, der einen gewissen Einfluss auf meine Kopfnote hat, dann habe ich womöglich ein Problem.

    Und: Wer hat wohl im direkten Vergleich die Nase vorn: Der Schüler ohne Kopfnote oder der mit einer guten drei?

  5. Oliver Fink
    Oktober 14th, 2008 @ 20:16

    Und weil wir so konsequent sind, schaffen wir dann auch gleich die schlechten fachlichen Noten ab? Dann sind wir bei der Kuschelpädagogik der Linken angekommen. Glückwunsch!

    Jeder Lehrer hat Einfluss auf meine Kopfnoten und meine fachlichen Noten. Kann er mich über die Kopfnoten nicht bewerten, zieht er mich halt von meiner guten Drei, die mir zustände, auf eine Vier. Das geht nicht? Meine Erfahrung zeigt etwas anderes.

    Da ich in den letzten Jahren durchaus die eine oder andere Bewerbung auf den Tisch bekommen habe – in einem Jahr ca. 150 auf 4 Ausbildungsplätze – kann ich nur sagen, was für mich gilt: Je besser ich einen Kandidaten einschätzen kann, desto höher sind seine Chancen. Und um die Frage ganz konkret zu beantworten: Ein Schüler mit einer guten Drei und guten Kopfnoten ist mit Sicherheit nicht chancenlos. Aber vielleicht bin ich ja untypisch. Glaube ich aber nicht so wirklich…

    Ich sehe ein Zeugnis als Chance, zu zeigen, wo die persönlichen Stärken liegen. Je mehr Möglichkeiten einem Schüler dazu eingeräumt werden, desto besser, denn das verbessert seine Lebenschancen. Nehme ich jemandem mit einer “Fleißdrei” die Möglichkeit, dieses zu dokumentieren, dann ist er von dem Einserkandidaten mit der “Faulheitsdrei” nicht mehr zu unterscheiden. Und es gibt wirklich genug Jobs, wo Fleiß und Sorgfalt unabdingbar sind. Und ohne diese “Zusatzoption” Kopfnote ist die Drei bereits eine reichlich wenig attraktive Note, das muss auch mal gesagt werden…

  6. Jan
    Oktober 14th, 2008 @ 20:54

    Da ich keine Ahnung habe, wie Kopfnoten letztlich zustande kommen, halte ich mich mit einer grundsätzlichen Bewertung dieser Praxis ja entsprechend zurück. Da es aber vermutlich kein eigenes Fach zur Erlangung dieser Noten geben wird, stelle ich mir vor, dass die Note letztlich alle anderen ein bisschen überstrahlt, während punktuelle Schwächen in Sport oder Mathematik (abhängig von der angestrebten Stelle) weniger stark ins Gewicht fallen könnten. So gesehen ist das schon etwas Besonderes.

    Sofern Kopfnoten nur dazu da sind, es Arbeitgebern zu erleichtern, ihre Leute auszuwählen, fände ich sie übrigens ausgesprochen fragwürdig. Ist Schule dazu da, Firmen zu sagen wen sie einstellen sollen oder um Wissen zu vermitteln?

  7. Oliver Fink
    Oktober 14th, 2008 @ 21:53

    Kopfnoten sind dazu da, den Schüler in einem Bereich zu bewerten, der über keine fachliche Note abgebildet wird. Vielmehr werden hier seine sozialen Fähigkeiten, aber auch so genannte “Sekundärtugenden” (Ein gaaaaanz gefährlicher Begriff, siehe auch “http://de.wikipedia.org/wiki/Sekundärtugend”. Damit bin ich in den Augen einiger schon fast Nazi…) sowie sein Lernverhalten bewertet.

    Man kann generell die Frage nach der Notwendigkeit von Noten stellen, einige Schulformen lehnen sie auch konsequent ab. Ich sehe sie in erster Linie zunächst einmal als eine Rückmeldung an den Schüler und seine Eltern, wie die Lehrer seinen Entwicklungsstand bewerten. Dieses wurde durch die Fachnoten in der Vergangenheit überwiegend mit Fixierung auf die inhaltlichen Leistungen in den einzelnen Fächern vorgenommen. Gerade eine Rückmeldung über die Bewertung des Sozialverhaltens, mit neuen Lehrmethoden aber auch die zunehmend wichtige Einschätzung des Lernverhaltens, kommen bei den Zeugnissen aktuellen Stands zu kurz.

    Wenn ich schreibe, dass Noten hauptsächlich der Rückmeldung an Schüler und Eltern dienen, dann muss man das natürlich ein wenig relativieren. Zum einen dienen Zeugnisse auch der Beurteilung, ob ein Schüler geeignet ist, die nächste Klassenstufe oder – zumindest in einigen Schulsystemen – die aktuelle Schulart zu besuchen. Sie dienen weiterhin neuen Lehrern als Grundlage zur schnellen Einarbeitung und Einschätzung einer Klasse. (Hierbei ist allerdings auch zu beachten, dass andere Lehrer durchaus auch zu anderen Ergebnissen gelangen können!)

    Zum anderen dienen Bewerbungszeugnisse natürlich auch dem potentiellen Arbeitgeber zur Auswahl künftigen Personals, sofern noch keine Zeugnisse von vorherigen Arbeitgebern existieren. Diese Arbeitszeugnisse enthalten dann übrigens im Text in der Regel auch “Kopfnoten” über das Sozialverhalten des Bewerbers. Ich denke, es ist legitim, wenn man als Arbeitgeber den besten der Bewerber einstellen möchte – im Sinne des Firmenergebnisses aber auch der Kollegen, die mit dem “Neuen” arbeiten sollen/dürfen/müssen. Und auch da gelten nicht nur die fachlichen Fähigkeiten. Ach ja, und wenn erst studiert werden soll, könnte der NC ja auch noch zuschlagen. Schön dann, wenn eine 1 in einer Kopfnote dann die nötigen Punkte fürs Studium bringt – schlecht, wenn die 5 den Zugriff auf das Wunschfach verhagelt. Gerecht ist’s nie…

    Zeugnisse haben eine große Stärke, die gleichzeitig auch ihre Schwäche sind. Sie abstrahieren und komprimieren Informationen. Das lässt sich am Beispiel der 150 Bewerber auf die 4 Ausbildungsplätze festmachen. Ich hätte für 150 mal 30 Minuten Bewerbungsgespräch (Das ist in meinen Augen nicht viel!) knapp 2 Wochen fast ausschließlich mit Bewerbern sprechen müssen, die alle hätten anreisen müssen, könnte ich nicht auf die Zeugnisse zurück greifen. Da ich nicht hauptberuflich Personalchef bin, sondern nebenbei auch “arbeiten” muss, ist das nicht darstellbar – zumal die vier Stellen von drei Abteilungsleitern besetzt wurden, die sich also über alle Gespräche hätten abstimmen müssen oder diese hätten gemeinsam bestreiten müssen.

    Das ist die gute Seite der Abstraktion und Kompaktheit – man kann eine Vorauswahl treffen. Die schlechte ist, dass ein Zeugnis nicht allen Aspekten des Bewerteten gerecht werden kann, weil es abstrahiert und komprimiert. Deswegen glaube ich auch, dass die Aufnahme weiterer Bewertungskriterien wie auch der Kopfnoten den Schülern gerechter wird – in allen guten und schlechten Beurteilungen.

    Ich glaube übrigens nicht, dass Kopfnoten alles andere überstrahlen. Sie werden wie alle anderen Noten in der Zeugniskonferenz von allen Lehrern beschlossen, unterliegen also einer größeren Abstimmung innerhalb der zugehörigen Lehrer, als die einzelne Fachnote. Generell ist es so, dass die Kopfnoten im Gegensatz zu früher fast völlig in der Bedeutungslosigkeit verschwunden sind und durch nichtssagende Texte ersetzt wurden. Das Problem hierbei ist unter anderem, dass diese Texte schwer vergleichbar sind und vor allem für Kinder ausländischer Mitbürger auch oft nicht zu verstehen sind. Kopfnoten zeigen auch diesen Eltern, wo ihre Kinder stehen. Vielleicht sehe ich hier als Elternvertreter einer Grund- und Hauptschule Probleme, die beispielsweise an Gymnasien eher Randthemen sind…

    Ich persönlich halte Kopfnoten für etwas Sinnvolles, das allen Beteiligten Entscheidungsgrundlagen an die Hand gibt. Ich kann allerdings auch damit leben, wenn es die nicht gibt. Mein Seelenheil hängt gar nicht so sehr davon ab. Ich finde es nur nervig, wenn bei Zeugnissen egal welcher Art immer darauf herum geritten wird, dass sie ja auch schlecht ausfallen können. Ja, das können sie! Könnten sie das nicht, bräuchten wir sie auch nicht. Und vermutlich hätten wir uns alle dann auch ganz doll lieb. In einer idealen Welt durchaus erstrebenswert. Nur mein Glaube an diese ideale Welt ist nicht besonders groß…

  8. Christian
    Oktober 14th, 2008 @ 23:42

    Ich schließe mich meinem Vorredner an, was die grundsätzliche Einschätzung der Kopfnoten angeht. Nicht die Neuerfindung des Rades, aber potenziell nützliche, zusätzliche Möglichkeit für Schüler sich zu profilieren sowie Ansporn, die zunehmend wichtigen sozialen Fertigkeiten zu erwerben.

    Die Frage hier war ja aber, warum nicht für Oberstufler? Und hier gebe ich nach etwas Nachdenken Jan recht. Gerade im Alter von 16 bis 19 ist doch bei vielen das Alter, in dem sich der Charakter festigt und wo eben auch “Sekundärtugenden” sich ausbilden oder nicht. Außerdem ist es ein Alter, wo auch der Schüler wirklich etwas mit diesem feedback anfangen kann.

    Nun aber das große ABER: Mein grundsätzliches Problem ist die Frage, wer die Noten bestimmt. Zwar ist eine Konferenz mit vielen Lehrern dazu geeignet, jeweilige Einzelmeinungen zu relativieren und mit einem Durchschnitt etwas Objektivität in die Benotung zu bringen. Aber jeder einzelne Lehrer hat weder die Zeit noch – sein wir mal ehrlich – die Ausbildung die wirklich wichtigen Aspekte zu beurteilen. Da wird “Betragen” zu “Aufmerksamkeit im Unterricht” – eigentlich Teil der mündlichen fachlichen Note. Da wird “Ordnung” (also eigentlich die Fähigkeit, sich zu organisieren) zu “Schönschrift im Heft”. Ich weiß nicht welche Kopfnoten konkret im Gespräch sind, aber eines steht fest: Die Summe von Einzelmeinungen, gegründet auf 45 Minuten geteilt durch 30 Schüler, kann keine Beurteilung über ganz grundsätzliche oft auch gerade außerhalb der Schule gezeigte Kompetenzen ergeben.

    Hier haben wieder ein Element, dass in anderer Schulform sich bewährt hat, sich in unseres aber nicht implementieren lässt. Hätten wir ein Ganztagsschulsystem, wo auch sämtliche Freizeitaktivitäten über die Schule organisiert sind. Eine Schule in der es effektive “psychologische” (oder so) Beratung für Schüler gibt und in der die Lehrer nicht hauptsächlich Fachkompetenzen erworben haben. Dann könnte sich ein Weg finden, fachunabhängige Noten zu vergeben, die allen Beteiligten nützen. So haben wir – typisch Deutschland – wieder populistischen Aktionismus.

  9. Halleluja
    Oktober 15th, 2008 @ 10:09

    Ich sehe Kopfnoten auch nicht als Nachteil an – sondern eher als Vorteil! Das Stichwort lautet hier “Risikostreuung”!
    Dadurch, dass es mehr Bereiche gibt, in denen ein Bewerber seine Kompetenzen darlegen kann, hat er mehr Möglichkeiten eventuell vorhandene Schwächen auszugleichen. Dadurch dass sich die Notengebung (bei mehr Zensuren) auf eine größere Anzahl von Lehrern und Prüfungen verteilt, ist er weniger vom Wohlwollen einzelner Lehrer oder der persönlichen Verfassung am Tag der Prüfung abhängig. Insofern ist es aus Sicht eines Absolventen/Bewerbers stets ein Vorteil eine breitere Notenbasis aufzuweisen.
    Man könnte sogar argumentieren, dass Abiturienten, deren Note doch zu einem großen Teil von wenigen (Abitur-)Prüfungen abhängt, aus oben genannten Gründen ein größeres Risiko haben und damit im Nachteil sind (wenn man Risikoaversion unterstellt).

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