Nov 21 2008
Monika Griefahn löst das Jazz-Problem
Heureka!
Improvisierte Musik spielt beim CD-Verkauf oder im Rundfunk nur eine untergeordnete Rolle. Deswegen und weil nach Meinung der Abgeordneten Improvisation unweigerlich mit der Bühne verknüpft ist, sehen sie den Förderschwerpunkt besonders beim Konzertbetrieb. In den letzten Jahrzehnten hatten immer mehr Clubs und Veranstaltungsorte schließen müssen oder ihr Programm nur noch rein kommerziell ausgerichtet. „Das künstlerische Engagement der Veranstalter und Initiativen, von denen viele sogar ehrenamtlich arbeiten, muss wieder mehr geschätzt und gefördert werden. Genau das wollen wir mit dem zusätzlichen Geld erreichen“, so Monika Griefahn.
Meldet der oder die Vorwärts (ich weiß immer noch nicht wie man das richtig sagt..). Dieses “zusätzliche Geld” lässt den Topf, mit dem die “Initiative Musik”, die sich um dieses drängende gesellschaftliche Problem kümmert, auf schlappe zwei Millionen Euro(!) anwachsen.
Solche Haushaltsposten sind der beste Grund, liberal zu wählen. Kultur ist, was in der Gesellschaft entsteht und besteht und nicht, was ein paar Avantgardisten dazu erklären.
Und im Übrigen: Ich habe schon improvisierten Rockkonzerten beigewohnt, die eben nur aus einer Gitarre und Gesang bestanden haben und spontan auf diversen Geburtstagsfeten entstanden sind.
Aber egal. Wer sich jedenfalls fragt, wie zum Himmel Steuersenkungen ala FDP finanzierbar sein sollen, dem habe ich soeben hoffentlich einen kleinen Hinweis geben können!
5 Kommentare



Als Liebhaber diverser Spielarten des Jazz kann ich nur sagen: Recht hast du.
Warum muss es das? Es kann, und zwar von denen, die sowas toll finden. Aber nicht von einigen Funktionären mit den Geldern derer, die es nicht toll finden.
Nun ja, recht interessant. Finde ich eigentlich gut, dass Gelder endlich dafür aufgewendet werden, denn in Sachen Musik haben wir recht großen Aufholbedarf. Ein gutes Beispiel in diesem Fall ist Kanada. Hier werden rund 100 Mio.$ für die Musikkünstler aufgewendet (http://fm4.orf.at/ondrusova/215363 –> sehr interessanter Bericht, der zeigt wie modern und erfolgreich ein Staat in Sachen Musikfürderung sein kann). Und das mit großen Erfolg. Bands wie Billy Talent machen auf der ganzen Welt Karriere und bringen über Steuern wieder eine ganze Menge zurück in die Gesellschaft, geschweig der Aufwertung und der Anerkennung die das Land gewinnt. Außerdem kann der Staat so die Jugend und die Künstler unterstützen und Trends à la Aggro-Berlin entgegenwirken. Ich bin allerdings auch nicht ganz mit Monika einverstanden. 2 Mio.€ ist ein Witz gemessen an den vielen Künstlern und den sonstigen Ausgaben.
Aber danke für die Info. Ich finde es gut, dass Monik dafür Engagement zeigt. Werde ich gleich mal weitergeben!
Julian,
1. geht es nicht um den Aufbau neuer Bands, sondern um die Förderung von Auftritten, weil Impro-Jazz nur live funktioniert.
2. glaubst du doch nicht im Ernst, dass Billy Talent aufgrund bescheuerter staatlicher Förderung weltberühmt geworden sind und nicht aufgrund ihres besonderen Stils und ausgesprochen geiler Mucke.
3. finde ich 100 Millionen Dollar nur für Musik beeindruckend behämmert in einer Welt, in der täglich Kinder verhungern. Was für Prioritäten setzt ein solcher Staat denn da? Wenn er ohnehin wegen allem und jedem intervenieren will, warum dann nicht wenigstens in Bereichen, wo das einen Sinn hat?
4. ist es das beste Beispiel, warum Staat sich eben nicht um Kultur kümmern sollte, wenn du damit anfängst, gewissen Trends entgegenzuwirken. Das ist nicht nur undemokratisch und obrigkeitsstaatlich gedacht, sondern damit sprichst du jungen Leuten, die eben solche Musik (die mir zugegebenermaßen ebenfalls überhaupt nichts gibt) mögen, jeden eigenen Geschmackssinn ab.
Letzteres allerdings hat bisher immer dafür gesorgt, dass die jeweils verteufelten Musikrichtungen und -arten und Bands (dazu gehörte wohl zum Beispiel auch mal der Jazz, später dann Rock n Roll und noch später Punkrock) erst recht sexy wurden.
Musik ist Geschmackssache. Genau wie Kunst. Aus beidem sollte sich der Staat tunlichst raushalten, höchstens mit der Ausnahme, bedeutende Kunstwerke zu erhalten, wenn das sonst niemand täte.
Monika Griefahns Kulturpolitik ist allerdings ziemlich gekennzeichnet durch massive staatliche Interventionen. Ist noch nicht lange her, dass sie eine der größten Verfechterinnen dieser saublöden Deutsch-Quoten-Regelung war, die dann Gott sei Dank gescheitert ist (ich glaube und hoffe, an der Pressefreiheit…).
Aber nun gut, du scheinst das alles so in Ordnung zu finden und würdest gerne noch mehr Geld in Impro-Jazz stecken. Darf man fragen, wieviel denn so in etwa und welche Dinge du dafür streichen würdest? HartzIV kürzen, vielleicht? Oder doch lieber Steuern hoch? Geht ja immerhin um eine wichtige Aufgabe.
Jan,
danke für die schnelle Antwort! Einige deiner Aspekte kann ich sehr wohl nachvollziehen. Allerdings sehe ich den ein oder anderen Punkt als etwas problematisch an:
@1. Ich denke, dass Monika damit einen ersten Schritt in Richtung Musikförderung getan hat. Dass sie vorerst nur Impro-Jazz unterstützen möchte, dass habe ich durchaus verstanden. Es geht um den “Ersten Schritt”, den symbolischen Wert.
@ 2. Inwiefern, Billy Talent von dem kanadischen Musikfond profitiert hat, darüber vermag ich nicht zu urteilen. Wesentlich ist doch, dass es viele Talente in der Gesellschaft gibt, die unausgeprägt bleiben. Bands, die sich nicht im großen Stil formieren können, weil sie keinen Anreiz sehen. Ein Musikfond bietet hier neben finanzieller Unterstützung einen symbolischen Wert. Er bietet Gelegenheiten an, sein Talent zu entfalten, anderen mitzuteilen. Es geht mir nicht um Billy Talent. Es geht mir darum, zu vermeiden, dass es nur eine kleine Auswahl von Künstlern in die Öffentlichkeit schafft, die es ggf. nur durch Beziehungen und unternehmerische Leistung erreichen konnten. Es ist doch wunderbar, wenn ein breiteres künstlerisches Spektrum unabhängig von Marktmechanismen den Sprung schafft und unsere Gesellschaft bereichert. Kunst und Kultur sehe ich nicht als reines Marktgut an.
@ 3. a.) Priorität?? Ich glaube, dass weder Kanada, noch Deutschland die Musikförderung als oberste Priorität ansehen oder stärker priorisieren als den Kampf gegen Armut und Hunger!
b.) ich gebe dir recht, dass 100 Mio.$ nur für Musik eine enorme Summe sind, vor allen Dingen für einen nicht gerade unglaublich bevölkerunsreichen Staat wie Kanada. Ich wollte hier jedoch ein Beispiel nennen und zeigen, als wie wichtig andere Staaten (und damit auch anscheinend deren Bürger) dieses Thema ansehen.
c.) Monika ist nun einmal als Mitglied und Sprecherin verschiedener Ausschüsse für Kultur und Medien für genau diese Themen und nicht für die grausamen Entwicklung in der Dritten Welt zuständig. Wir sollten uns hier lieber an Heidemarie Wieczorek-Zeul oder IGOs, wie die EU oder die UN, wenden. Geld wird in vielen anderen Bereichen verschleudert, z.B. der “großartigen” Agrar-Subventionierung, oder der Zwangsliberalisierung und der damit leider verbundenen Ausbeutung der Entwicklungsländer durch Weltbank, IWF und Co., Aber das ist ein anderes Thema und sollte es auch sein. Ich denke schlicht, dass man nicht zwei Paar verschiedene Schuh’ vergleichen sollte. Oder möchtest du auf deinen – in unserer Gesellschaft als Standard beschriebenen – Alltags-Luxus verzichten?
@ 4.) “Das ist [...] undemokratisch” – Dass ich unserem politischen System auch mehr direkte Demokratie wünsche, sei dahingestellt, aber das Handeln unserer demokratisch gewählten Repräsentanten als undemokratisch zu beurteilen, halte ich für problematisch. Wir, als Volk, haben die Möglichkeit ein nächstes Mal anders zu wählen, selbst politisch aktiv zu werden (was du mit diesem Blog tust und was ich übrigens sehr schätze), gar zu demonstrieren etc. Aber das Volk scheint damit d’accord zu sein. Außerdem reden wir doch nicht von einer extremistischen Organisation, die unberechenbar und volkommen sinnfrei handelt und das Volk entmündigt. Bei dieser Geldvergabe gibt es doch nun vielmehr Möglichkeiten der gesellschaftlichen Repräsentatur (unabhängig von Kaufkraft), als sie der Markt bieten würde. Den Staat – als Institutionlisierung unserer Gesellschaft – in diesem (nun, ich wage bei 2 Mio. € im Vergleich zu 82 Mio. Bürgern und Gesamtausgaben von rund 1.170 Milliarden € zu sagen) banalen Fall fast als Monster daruzstellen und Moika “massive staatliche Interventionen” vorzuwerfen, halte ich für äußerst übertrieben und grenzt für mich fast ans Lächerliche.
Deine Frage, wo gekürzt werden sollte, um diese “enormen” nocht nicht einmal 2,5 Cent pro Kopf aufzuwenden, ist ein anderes Thema, das meines Erachtens nach, den Rahmen dieses Kommentars sprengen würde (was – verzeihe mir – wahrscheinlich eh schon kurz davor ist zu geschehen).
Wie dem auch sei, ich finde dein Engagement in diesem alternativen unabhängigen Blog klasse und möchte mich für deine Gedankenanregung bedanken. Abschließend möchte ich (um nicht wieder als Kommunist, Sozialist oder derlgeichen abgestempelt zu werden) noch kurz bemerken, dass ich liberale Elemente durchaus für sehr vernünftig halte, jedoch extreme Auswucherungen generell als ungeeignet für unsere pluralistische Gesellschaft und Demokratie halte.
Erster Schritt? Naja. Es fließt eine ganze menge Geld in alle möglichen kulturellen Dinge, pbwohl immer wieder bewiesen wird, dass selbst wirklich großartige Dinge wie etwa die Love Parade oder das Wacken Open Air auch von ganz allein entstehen und zu echten Exportschlagern deutscher Kultur werden können, ohne dass ein paar Auserwählte sie erst mit meinem Geld dazu machen müssen. Es gibt keinen vernünftigen Grund, für so etwas zwangsweise eingetriebenes Geld auszugeben.
Schön für dich, dass zwei Millionen Euro in deinen Augen einen “symbolischen Wert” darstellen. Für mich, der ich dann doch aus eher bescheidenen Verhältnissen komme, ist dass mehr Kohle, als ich mir vorstellen kann und mich regt es ehrlich auf, wenn soviel Geld, dass weder Frau Griefahn noch dir oder mir gehört, für etwas ausgegeben wird, dass die paar Liebhaber dieser besonderen Musikform auch problemlos selbst ausgeben könnten. Siehe Rayson, der von dieser Förderung überhaupt nichts hält, obwohl er offenbar davon direkt profitieren wird.
Du schreibst, ohne eine völlig irre Musikförderung blieben Talente “unausgeprägt”. Mir kommt es allerdings eher so vor, als blieben diese Talente höchstens ganz normale Menschen und keine Millionenschweren Stars. Ja und? Der Tag, an dem sich mit Musikaufnahmen an sich sowieso kein Geld mehr verdienen lässt, ist doch sowieso nicht mehr fern. Wieso sollte es denn im Interesse des Gemeinwohls sein, eine bestimmte Anzahl von professionellen und meiner Meinung nach hoffnungslos überbezahlten Musikern künstlich zu erschaffen?
Wie passt es überhaupt zusammen, dass du zwar findest, dass Kunst im Allgemeinen und Musik im Besonderen nicht allein Spielbälle des Marktes sein sollten, du aber künstlich mehr Musikern, Produzenten und dem ganzen Rattenschwanz zum (in jedem Fall wirtschaftlichen) Erfolg verhelfen willst? Warum sind für dich denn Musiker nicht schon dann eine Bereicherung für die Gesellschaft, wenn sie nebenbei eben auch noch einen normalen Beruf ausüben? Findest du diese Einstellung nicht ziemlich kommerziell? Ich schon.
“Oder möchtest du auf deinen – in unserer Gesellschaft als Standard beschriebenen – Alltags-Luxus verzichten?”
Den in unserer Gesellschaft üblichen Luxus hat freilich nicht der Staat, sondern die Marktwirtschaft erzeugt. Aber das ist wirklich etwas anderes – es passte nur grundsätzlich, weil jeder Euro, der nicht für die wahren Aufgaben des Staates ausgegeben wird, sondern sinnlos verschleudert wird, diesen Wohlstand natürlich mindert.
Ich meinte nicht Monika Griefahns Förderpolitik undemokratisch, sondern deine Meinung, bestimmten musikalischen Richtungen per Subventionskeule irgendwas anderes entgegensetzen zu wollen. Kultur in einer Demokratie sollte nicht durch Impulse aus der Politik gelenkt werden. Kultur muss aus der Gesellschaft heraus entstehen, ohne wenn und aber. Du vertritts offensichtlich das genaue Gegenteil und willst staatliche Lenkung. Das ist für mich dann wirklich keine Kultur mehr, mit der ich mich identifizieren möchte, sondern letztlich irgendein mit Macht durchgedrückter Scheiss, den ich toll finden kann oder nicht aber immer dafür blechen soll. Wozu denn? Was hab ich davon?
Es sind auch nicht bloß diese zwei Millionen. Es geht eine Menge Geld drauf für die Filmförderung. Wozu? Damit Bully Herbig irgendeinen Klamauk drehen und sich dumm und dämlich dran verdienen kann? Toll! Welche kulturelle Bereicherung! Oder reden wir mal über diese Quotenpläne für Radiosender. Wenn das keine extreme staatliche Intervention sein soll, was denn dann? Es sind eben nicht nur diese 2 Millionen, die sind nur der jüngste Ausdruck des selben Denkens, das hinter all diesen Dingen steht.
“Bei dieser Geldvergabe gibt es doch nun vielmehr Möglichkeiten der gesellschaftlichen Repräsentatur (unabhängig von Kaufkraft), als sie der Markt bieten würde”
Ahja? Wenn ich mir für 99 Cent einen Song runterlade, dann ist das undemokratischer, als wenn ich alle vier Jahre Griefahn und ihre Kulturausschuss-Kollegen und damit die voraussichtlich geförderten kulturellen Strömungen wählen kann? Erkläre mir bitte mal, wieso.
Von der steigenden Zahl von unter Creative-Commons-Lizenzen veröffentlichter freier Musik ganz zu schweigen. Dort wird Musik veröffentlicht, die nur davon lebt, dass sie etwas taugt. Völlig frei von jeder weitergehenden Marktwirtschaft, aber eben auch und zum Glück frei von staatlicher Förderung. Sollte nicht eher so die Zukunft aussehen?
Und auch wenn für dich zwei Millionen offenbar wirklich ein Pappenstiel zu sein scheinen, müssen sie irgendwo her kommen. Angenommen, du wolltest so einen Betrag zur Produktion der deutschen Billy Talents ausgeben, woher würdest du sie nehmen? Du machst es dir zu einfach, den Betrag klein zu reden, denn er muss trotzdem irgendwo her kommen. Also: Willst du die Steuern erhöhen? Oder doch lieber Opel pleite gehen lassen? Vielleicht die Rente kürzen? Jede Ausgabe, auch wenns nur schlappe zwei Millionen sind, bedeutet Prioritäten zu setzen, dass ist doch klar.
Freut mich, dass du liberale Elemente zulässt. Ich sehe es umgekehrt: Ohne Freiheit gibt es keine pluralistische Gesellschaft und der Liberalismus sollte schleunigst wieder ins Zentrum des politischen Denkens der Massen rücken, sich also vom Element zum Elementaren entwickeln, um den fiesesten Fehlentwicklungen dieser Zeit endlich entgegenwirken zu können. Auch das ist aber ein anderes Thema.