Wann werden die Deutschen eigentlich soziale Netzwerker?
Posted on | November 26, 2008 | 8 Comments
So ungefähr jeder, den ich kenne, hat sich mittlerweile bei StudiVZ angemeldet und nutzt das weit aktiver, als ich jemals Lust hätte. Ich kenne Leute, die laden dort wirklich jedes noch so unbedeutende Fotoalbum hoch. Ich hab dort ein einziges Album mit lauter schwachsinnigen Bildern und ich hab nicht vor, dass in nächster Zeit zu ändern. StudiVZ ist für mich kein Online-Bilder-Dienst, dafür gibt es wirklich bessere Alternativen.
Die Pseudo-Twitter-Status-Funktion in StudiVZ ist völlig sinnlos, weil ich mich ernsthaft jedes Mal bei StudiVZ einloggen müsste, um dort meinen Twitter-Status manuell reinzukopieren oder den Status meiner Freunde abzufragen. Wer braucht sowas??
Und dann der total innovative StudiVZ-Instant-Messenger! Den kann immerhin kann man mit sage und schreiber EINER einzigen Desktopanwendung nutzen. Selten so gelacht.
Alternativ kann man das Teil natürlich auch, wie den ganzen anderen von der Welt abgekapselten StudiVZ-Kram auch (oh toll!) auf der Website selbst nutzen. Weil man ja nicht ohnehin 90% seiner Kontakte über echtes Instant-Messaging in ICQ & Co und damit in der Desktopanwendung seiner Wahl erreicht – unabhängig auf welcher Website man sich grade aufhält.
StudiVZ kommt mir zunehmend so vor, wie man sich ein Verzeichnis vorstellt. Es ist vielleicht eine bessere Telefonliste, Weil halt auf Bilder dabei sind und die Nutzer allen möglichen Gruppen beitreten und auch sonst allerhand Schabernack über sich verbreiten kann.
Mehr ist es denn aber auch nicht. Es ist ganz sicher nicht dass, was man ein soziales Netzwerk nennt, denn die Vernetzung findet allenfalls über Freundschaftsbeziehungen statt und ganz, ganz rudimentär vielleicht noch über die Gruppen oder die Funktion, Bilder markieren zu können.
Nach Barack Obamas Wahlsieg munkelte sich die Netzgemeinde Erwartungen und Ansprüche zurecht, inwieweit sich ein ähnlich webzwonulliger Wahlkampf denn in Deutschland veranstalten ließe. Meine Prognose: Solange der größte Teil der deutschen Internetnutzer StudiVZ für ein soziales Netzwerk und der Weisheit letzten Schluss hält, wird sich dergleichen arg in Grenzen halten. Zumal sich die möglichen alternativen Netzwerke, wie sie Blogs, bzw die Blogger selbst mit ihren völlig freien und recht offenen Vernetzung bieten könnten, ja auch nur langsam in der normalen Mediennutzerschaft durchzusetzen scheinen.
Es ist wohl kein Zufall, dass ein Viertel meiner Facebook-Kontakte entweder mit Politik oder dem Bloggen zu tun hat. Wer sich politisch engagiert und interessiert, der hat offensichtlich ein sehr viel größeres Bedürfnis nach echter Vernetzung, als der durchschnittliche StudiVZ-Nutzer. Wer bloggt sowieso.
Was so anders, so viel besser an Facebook ist, mal davon abgesehen, dass es blau und nicht rot ist? Zumindest dieser Aspekt könnte immerhin die hohe JuLi-Dichte dort erklären…
Aber Spaß beiseite: Wo die Möglichkeiten des StudiVZ aufhören, legt Facebook erst richtig los. Facebook kann alles, was StudiVZ auch kann – nur vieles schon von Haus aus deutlich besser und für so gut wie alles gibt es zudem noch zusätzlich installierbare Plugins.
Auch Facebook hat einen Messenger. Aber den kann man mit verschiedenen Programmen auch außerhalb der Seite nutzen. Der Facebook-Messenger hätte also das Zeug dazu, ICQ irgendwann mal abzulösen.
Auch über Facebook kann man Emailartige Nachrichten schreiben, die im Netzwerk selbst bleiben und darum 100% spamfrei bleiben. Das bietet StudiVZ auch. Aber während StudiVZ mir nur schreibt, dass ich eine neue Nachricht habe, liefert Facebook sie mir gleich mit – ich kann also entscheiden, ob ich sofort antworten möchte oder es noch etwas Zeit hat.
Auch Facebook hat eine Status-Funktion, über die man der Welt mitteilen kann, was man grade tut. Aber: Bei Facebook kann die auch automatisch durch Twitter gefüttert werden. Und damit nicht genug: Diese Statusmeldungen können sogar auch noch von Freunden kommentiert werden! DAS nenn ich Vernetzung. Das was StudiVZ stattdessen anbietet, ist dagegen so brauchbar wie ein Blinddarm.
In StudiVZ ist es nicht einmal möglich, funktionierende Links einzutragen. Der Nutzer wird genötigt, Adressen entweder abzutippen oder zu kopieren. Was macht Facebook? Nicht nur, dass man Links offen mit Freunden und Profilbesuchern teilen kann, nicht nur, dass Im Profil eingetragene eigene Homepages wirklich so richtig angeklickt werden können (also so wie das selbst im Web 1.0 schon ging, nur eben in StudiVZ nicht), nein, Facebook lässt auch die Integration von Newsfeeds zu, so dass zum Beispiel dieser Artikel hier automatisch auch in Facebook zu lesen ist. Vernetzung halt.
Daneben gibt es bei Facebook hunderte, womöglich tausende Anwendungen, die sich zusätzlich installieren lassen. Darunter Onlinespiele, aber auch Tools zur Integration anderer Webdienste wie dem Google-Reader, Flickr und so weiter.
Wer auf die Technik pfeift, den begeistert vielleicht, dass er sich bei der Gestaltung seines Profils nicht einer fast schon sozialistische anmutenden Gleichermacherei eines StudiVZ unterordnen muss, sondern Individuum sein und vieles selbst entscheiden darf. Nicht soviel vielleicht, wie in anderen Netzwerken aber dafür findet man sich auch ein bisschen schneller auf fremder Leute Profil zurecht – das ist ja nunmal immer so der Spagat, den Social-Network-Betreiber beachten müssen.
Das einzige, was mich an Facebook derzeit noch nervt, ist dass es kein Mensch nutzt. ich habe dort sage und schreibe 10 reine Real-Life-Kontakte, der Rest sind, wie gesagt, Blogger und Junge Liberale. Insgesamt habe ich dort derzeit gut 40 Kontakte, Viele davon sind allerdings erst in den letzten Wochen dazugekommen, was irgendwo auch Hoffnung macht.
Im StudiVZ habe ich aber dagegen knapp 160 Freunde und fast alle davon sind sogar echte Kontakte, also nicht bloß einmal kurz gesehen und halt mal so eingetragen.
Man fragt sich, wieso. Denn grade heute hat mir StudiVZ wieder angeboten, “alle meine Freunde und Kommolitonen” einzuladen. Spaßeshalber habe ich das mal angeklickt. Und was kam? Ein Formular, in dem so ein Standard-Einladungstext stand und darüber ein Feld, in dem stand:
“Max. 20 E-Mail-Adressen bitte getrennt durch Kommata eingeben.”
Lieber nicht zuviele Nutzer auf einmal aufnehmen, wie? Und dann erwarten die doch ernsthaft, dass ich da von Hand(!) 20 Emailadressen eintrage. Ja, bin ich denn bekloppt?
Soll ich verraten, was Facebook macht? Dem muss ich nur erlauben, mal mein Emailadressbuch durchzugehen und mit seinem Datensatz zu vergleichen. Anschließend listet es sämtliche Übereinstimmungen auf – sogar, wenn das mehr als 20 sind. und wenige Mausklicks später befinden die sich alle in meiner Freundesliste (sofern sie das bestätigen, versteht sich).
Diese Liebe zum StudiVZ der Deutschen kann ich mir ganz im Ernst nur durch Unwissenheit und Desinteresse erklären. Rationale Gründe dafür gibt es jedenfalls nicht.
Comments
8 Responses to “Wann werden die Deutschen eigentlich soziale Netzwerker?”
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November 26th, 2008 @ 18:21
Richtig schöner Artikel und die Unterschiede klasse rausgearbeitet
Das mit der deutschen studiVZ-Besessenheit wird sich mir auch nie erschließen…
Kudos für den Beitrag, Jan
November 27th, 2008 @ 00:05
Jo, danke. Hoffen wir, dass es den einen oder anderen neugierig macht.
November 27th, 2008 @ 18:47
Ganz richtig, und was ich am schlimmsten fand im StudiVZ (mittlerweile hab ich meinen Account dort gelöscht): Diese Massenpanik rund um die neuen AGB, wo dann alle plötzlich ihre Namen änderten, aber trotzdem noch authentische Profile mit Fotos und allem hatten. Das war ja mal extrem kindisch, und Leute, die sich erst später anmeldeten, fanden halt auch keinen mehr.
Von den ganzen Stalkern, Professionellen und ähnlichen Wunderlichkeiten, die sich mittlerweile dort herumtreiben, ganz zu schweigen – das alles gibt es bei Facebook nämlich definitiv nicht.
November 27th, 2008 @ 19:13
Die vielen Namensänderungen konnte ich auch nie so wirklich nachvollziehen. Als würden sie sich nicht den vorherigen Zustand ohnehin auch abspeichern… davon mal abgesehen, dass wohl der Name so ziemlich die unwichtigste Information für die Werbetreibenden ist.
Allerdings hilft die Camouflage ja vielleicht gegen neugierige zukünftige Personalchefs etc.
Dezember 4th, 2008 @ 00:13
glückwunsch zur erwähnung in der netzeitung.
kann deine analyse nur bestätigen.
meine aktivität bei facebook ist auch längst wesentlich höher als im studiVZ. logisch, dort passiert ja auch praktisch nichts von belang!
Februar 20th, 2009 @ 13:33
Ein rationaler Grund ist das einfach so viele Menschen einen Account bei Studi haben… Was bringt es wenn ich mich im Facebook registriere und dort niemanden finde ?
Das errinert mich an die diskussion mit einem Freund ( anderes Thema jedoch gleicher Kern)
Wie kann sich etwas verändern wenn nicht irgendjemand der ersten schritt macht ? Meine Aussage dazu war das die Gruppendynamik einfach in machen fällen überwältigend groß ist , was dazu führt das einzelne leider nichts am großen und ganzen ändern werden/können.
Ich würde es auch toll finden wenn STudi so langsam “den geist” aufgeben würde, und die User erkennen das es bessere Platformen gibt die es zu nutzen gilt. Aber wer macht den ersten schritt ? Wer wird dafür sorgen das alle wechseln werden ?
Es ist einfach eine feststellung zu tätigen das es bessere Möglichkeiten gibt als andere, es ist einfach zu sagen das es unverständlich ist wie so viele Menschen so blind sein können… Schwierig wird es jedoch wenn man die Ursachen ergründen möchte, also den Ursprung des übels. Und nur wenn man den schwierigen Weg geht wird man die richtige Antwort finden welche vielleicht dazu führen wird das schlechtes zu gutem wird.
Aber das ist nur meine bescheidene Meinung .
März 4th, 2009 @ 14:34
Aus meiner Sicht ist es nur eine Frage der Zeit bis der kritische Punkt erreicht wird und die Mehrheit von StudiVz zu Facebook wechselt. Die Möglichkeiten dort sind nahezu unbeschränkt und die Entwicklung von ähnlichen Inhalten für StudiVz rentiert sich mangels Masse (weltweit) nicht. Zumal das bei StudiVz nur durch das Unternehmen selbst und nicht durch die Nutzer erfolgen kann.
In meinem Freundes- und Bekanntenkreis finden zunehmend Wechsel statt. Klar, die meisten bleiben noch bei StudiVz registriert, nutzen den Account aber nur noch sporadisch. In Facebook findet man sie dagegen fast täglich. Zugegeben, es sind viele JuLis unter den Wechslern, aber eben auch die typischen StudiVz-Freunde mit denen man in der Schule, im Sportverein oder an der Uni war.
Bin mal gespannt wie lange es dauert. Würde mich nicht wundern, wenn der kritische Punkt bereits dieses Jahr erreicht würde. Als einen Katalysator dafür sehe ich vor allem den Wahlkampf für die Europa- bzw. die Bundestagswahl. Vor allem da über die Netzaktivitäten der Parteien und ihrer Kandidaten zunehmend nicht nur in den Online-Medien, sondern auch in Tageszeitungen, Radio und Fernsehen berichtet wird.
März 4th, 2009 @ 14:49
Ich hab vor ein paar Tagen schonmal ne größere Einladungsrunde veranstaltet. Das interessante ist, wenn man bei Facebook Leute einlädt, kann man ihnen auch gleich ein paar Freunde vorschlagen, von denen man weiss, dass die sich kennen. Beim einen oder anderen hat das die Entscheidung sicherlich etwas leichter gemacht.