Dez 15 2008
Die Rattenfänger von Berlin
Ich glaube, ich lasse dass hier häufiger durchschimmern aber nur dass das mal wirklich klar ist: Bloß, weil jemand Mitglied der FDP ist, muss er noch lange kein Liberaler sein und erst Recht sind seine Ideen deswegen noch lange nicht alle toll, respektive fänden meine Unterstützung, wenn man denn nach dieser verlangen würde.
Und diese Idee hier, die kommt mir weder ausgesprochen liberal noch insgesamt besonders intelligent vor. Völlig beschissen aber ist ganz offensichtlich die Kommunikation zu dieser Sache, denn wenn ich lese:
“Unglaublich, aber wahr: Der Berliner FDP Politiker Henner Schmidt will die Berliner Rattenplage mit armen Menschen bekämpfen. Gegenüber der Zeitung “Berliner Kurier” sagte Schmidt: “Vor allem Leute, die sonst auch Flaschen sammeln, könnten dann für jede tote Ratte einen Euro bekommen,”
dann bedanke ich mich in Gedanken recht herzlich bei dem Berliner Kollegen und seinen Unterstützern, dass sie das (aus meiner Sicht schlicht falsche) Image der herzlosen Reiche-Leute-Partei, dass die FDP nicht zuletzt wegen solcher Äußerungen mal verpasst bekommen hat, derart eindrucksvoll bestätigen. Solange sich die Presse an solchen Verlautbarungen aufgeilen kann, können wir hier unten an der Basis natürlich machen was wir wollen, die Menschen werden uns nicht abnehmen, dass wir ganz normale Menschen sind, von denen sogar einige (so wie meine Wenigkeit) nichtmal ein Abitur vorzuweisen haben, dass es bei uns auch Menschen gibt, die jeden Euro umdrehen müssen und die sich wirklich als alles andere, denn als wohlhabend sehen.
Aber, so scheint mir, das Kind liegt eh im Brunnen. Also kümmern wir uns mal um die Fakten: Berlin hat offenbar eine Rattenplage.
Ich komme bekanntlich direkt von der Elbe, und zwar jenem Bereich, der die Sturmfluten der Nordsee oftmals voll abkriegt, da die Gezeiten nunmal bis hinter Hamburg wirken, was durch diverse Elbvertiefungen logischerweise auch nicht besser geworden ist. Will heißen: Wir lieben unseren Deich, beziehungsweise unser Hab und Gut und manchmal auch unser Leben hängt davon ab, dass das Teil mindestens so sturmfest ist, wie wir Niedersachsen uns so treffend in unserer Nationalhymne selbst besingen. Sich durch den Deich wühlende Ratten können da eine ernsthafte Bedrohung darstellen, so dass mir diese Viecher als Problemverursacher durchaus bekannt sind.
Ich weiß nicht, wie das heute so ist aber als ich Kind war, da bekam man für jeden abgelieferten Rattenschwanz eine Prämie von irgendeiner Behörde. Niemand wäre natürlich auf die Idee gekommen, konkret zu sagen, dass sich vor allem arme Leute mal ruhig darum kümmern konnten. So einen Blödsinn denkt man vielleicht, überlässt es aber doch einfach den Menschen selbst. Als Politiker hat man dazu erst Recht die Fresse zu halten. Wer Ratten fängt oder sammelt, kann doch der Politik egal sein, solange es geschieht.
Bei uns waren dass vor allem Kinder und Jugendliche, die natürlich Spaß daran hatten – und sich so außerdem noch ein bisschen Geld dazuverdienen konnten. Absolut skandalunträchtig, über sowas wurde nichtmal wirklich geredet, es geschah einfach.
Es spricht also aus meiner Sicht absolut nichts dagegen, eine ähnliche Regelung auch in Berlin einzuführen. Mag schon sein und ließe sich sicher auch nicht verhindern, dass es sich dann einfach so ergibt, dass gerade arme Menschen sich auf diese Weise ein paar Euro verdienen. Das aber dann unterschwellig als soziale Maßnahme verkaufen zu wollen, wie das offenbar hier versucht wird, ist sowas von unterste Schublade, dass ich mir, denke ich, jeden weiteren bissigen Kommentar dazu schenken kann. So geht das einfach nicht.
Ich wünsche mir, dass Henner Schmidt und wer die Idee sonst noch toll findet, mit gutem Beispiel vorangehen und gleich ein paar Ratten fangen. Sie müssen den Erlös, wenn sie mit ihrem Antrag denn durchkommen, natürlich nicht selbst behalten, sondern könnten ihn einfach mal der Berliner Tafel, so es eine gibt oder einer ähnlichen Einrichtung spenden. Nur so als Zeichen, dass man selbstverständlich die Probleme armer Menschen wahrnimmt und nur so als Zeichen, dass arme Leute selbstverständlich nicht dafür da sind, Ratten aus unseren Straßen zu beseitigen und man ihre Sorgen und Nöte wirklich ernst nimmt.
Der Ehrenrettung halber sei gesagt, dass Schmidt in seiner eigenen Presseerklärung zu diesem Thema mit keinem Wort erwähnt, wer denn seiner Meinung nach konkret Ratten fangen gehen sollte. Es kann, da oben zitierte Quelle mutmaßlich eher wenig mit liberaler Politik zu tun haben dürfte, daher ein wenig übertriebener dargestellt worden sein, als es tatsächlich ist. Dort steht das Problem im Vordergrund – und dass es sich um eines handelt, dürfte sicherlich unbestritten sein.
Insofern: Der Handlungsbedarf besteht, die Maßnahme ist grundsätzlich bedenkenswert. Aber wenn sie so verkauft wird, wie es in oben genanntem Artikel steht, dann hat das nichts mit der FDP zu tun, in der ich Mitglied bin und sein will. Liberale Politik darf nicht auf dem Rücken armer Menschen lasten.
Update: Der entsprechende Spiegel-Online-Artikel zum Thema.
7 Kommentare












Ratten statt Pfandflaschen
Danke für diese Ausführungen, besonders für den Anfang des Textes. Als BWL Student, FDP Mitglied und FAZ Leser habe ich es heute schon schwer nicht in irgendeine Schublade gesteckt zu werden. Solche Aussagen sind einfach überflüssig und zeugen nur von den weltfremden Ansichten mancher Politiker!
Eine Fangprämie für Ratten ist an sich ist nicht menschen verachtend, nur wenn man dies als sozial-Leistung verkaufen möchte was es natürlich nicht ist.
Ich habe leider keine Ahnung von dem Gewerbe daher weiß ich nicht viele viele Ratten man so durchschnittlich pro Stunde fangen kann…
Ein Anders Problem könnte die Gesundheitsgefährdung der Ratten-Jäger sein, denn Ratten können nach allgemeiner Auffassung Krankheiten übertragen …
@ SVISS (die Striche hab ich mir jetzt mal gespart, hoffe das ist nicht schlimm..)
Ich weiß ja selber, wovon ich rede. Es ist schon ein wenig frustrierend, jeden Tag gegen genau diese Vorurteile zu argumentieren und würgt einem irgendwer mit dermaßen unqualifizierten Sprüchen voll einen rein. Aber man ist ja Leidgeprüft als FDPler, nech…
@ Kolia
Wieviele Ratten du kriegst, hängt wohl ziemlich direkt mit der Schwere der Plage zusammen und wie du deine Fangmethoden perfektionierst. Ich könnte mir sogar vorstellen, dass sich manche Menschen einen regelrechten Sport aus so etwas machen könnten, was ja auch okay ist – bloß dieser Hinweis, dass das ja vor allem was für arme Leute wäre, geht natürlich nicht.
Ich würde die Biester übrigens nicht versuchen lebendig und womöglich noch von Hand zu fangen. Wie das genau ist, weiß ich auch nicht aber übertragen die nicht Krankheiten vor allem, wenn sie beißen?
Ich würde diesen Punkt aber nicht allzu hoch hängen wollen. Jeder tote Vogel kann Krankheiten übertragen, trotzdem muss man sie ja irgendwie nehmen und wegräumen. Für sowas gibts zudem Schutzhandschuhe und die kosten nicht viel.
[...] Schwachköpfen auf eine Stufe zu begeben.” Schmidts Parteifreund Jan vom Filterblog nennt den Vorschlag “weder ausgesprochen liberal noch insgesamt besonders intelligent”. [...]
[...] degenerierten Schwachköpfen auf eine Stufe zu begeben.” Schmidts Parteifreund Jan vom Filterblog nennt den Vorschlag “weder ausgesprochen liberal noch insgesamt besonders intelligent”. Soviel zum [...]
Warum wundert es eigentlich nicht, dass Henner Schmidt von der FDP, der diesen Vorschlag gemacht hat, ein ehemaliger Mc Kinsey Mitarbeiter ist? Diese Leute sind ja hinlänglich bekannt dafür, dass sie mit Worten wie “sozial” oder “ethisch” nicht viel anfangen können. So etwas hat in ihrem Koordinatensystem einfach keinen Platz.
Ich habe einen anderen Vorschlag: Die feinen Pinkel aus Mitte sollen sich selber um ihr Rattenproblem kümmern, und zwar verpflichtend mit der Androhung einer Zwangsabgabe in Höhe von mehreren Hundert Euro. Denn schließlich verusrsachen sie den Dreck, in dem die Ratten gedeihen, selbst.