Kleiner Jahresrückblick zu 2008
Posted on | Dezember 30, 2008 | 1 Comment
Der Kuckuck ist ein ziemlich fieses Biest. Er legt seine Eier in fremder Vögel Nester und lässt sie seinen Nachwuchs ausbrüten. Der Nachwuchs wiederum ist nicht minder fies, er wirft seine quasi-Geschwister irgendwann einfach raus, was für die natürlich den sicheren Tod bedeutet.
Da drängt sich die Frage auf, was wir denn von einem Jahr erwarten konnten, in dem dieses wohl asozialste Arschloch des gesamten Tierreichs vom NABU zum “Vogel des Jahres” gemacht wird?
Gemessen daran, sind wir in Deutschland mit Bankenkrise und dem Vergeigen des Endspiels der Europameisterschaft als die beiden wahrscheinlich größten nationalen Katastrophen eigentlich noch ganz glimpflich davongekommen.
Aber vielleicht liegt das aber auch daran, dass es sich außerdem um das Jahr der Kartoffel, des Wisents, der Walnuss, der Mathematik und des interkulturellen Dialogs handelte. 2008 war übrigens auch das Jahr des Planeten Erde, der Sprachen und der Rüstung, der Großen Winkelspinne und der Braunerde. Achja, und nicht zu vergessen: Das Moos des Jahres war das “Hübsche Goldhaarmoos”, was mir als altem Scheibenweltleser, ähnlich wie die Orchidee des Jahres, dem “Übersehenen Knabenkraut” geradezu Pratchettesk vorkommt.
Aber was hat uns das Jahr 2009 sonst noch gebracht und was nicht? Was hat es uns genommen, was wird bleiben? Zeit für einen kleinen Jahresrückblick, den ich im Unterschied zu ARD & Konsorten selbstverständlich tatsächlich erst jetzt, am Jahresende, statt einem Monat vorher bringe.
Gebracht hat uns 2008 natürlich die Vorratsdatenspeicherung. Sie ist der Grund, aus dem wir uns seit diesem Jahr alle so höllisch sicher und geborgen fühlen. Jedes Knacken in der Telefonleitung, jede Fehlsendung einer Email löst seitdem in uns einen wohligen kleinen Orgasmus aus: Die Sicherheit in diesem Land ist mit Händen zu greifen und dafür sollten wir tagtäglich den Herren Schäuble und Schily, der Großen Koalition von Angela Merkel und nicht zu vergessen Osama Bin Laden danken, ohne den wir wohl gar nicht auf die Idee gekommen wären, dass jeder von uns ein Terrorist sein könnte.
Mit der Gewissheit, jedenfalls nicht durch einen Terroranschlag umkommen zu können, konnten wir uns darum auch über den Fall des Briefmonopols der Post anfang des Jahres freuen. Wir dürfen jetzt endlich, nach Jahrhunderten, unsere Briefe wem immer wir wollen geben, damit er sie dorthin bringt, wo sie hin sollen. Wie schön!
Schöner wäre natürlich gewesen, wenn der Eigentümer der Post (dabei handelt es sich um die Regierung, hihi), nicht gleichzeitig mit sowas von verdächtig just-in-time beschlossenen Mindestlöhnen nachhaltig dafür gesorgt hätte, dass ihrem Schützling dadurch auch ja keine SklavenKunden verloren gehen. Mit Erfolg: Bis heute ist keine einzige für Privatleute brauchbares Konkurrenz entstanden. Wir haben also eine weitere vergeigte Privatisierung erlebt, weil man den Wettbewerb von vornherein abgetötet hat. Das wird uns nicht davon abhalten, alles, was die Post in Zukunft “falsch” macht (z.B. Leute entlassen oder Preise erhöhen), wir kennen das ja von anderen Vergeigungen, dem bösen Kapitalismus in die Schuhe schieben.
Aber wir hätten uns so etwas ja denken können. Es ist schließlich nunmal so: Egal wer ein Unternehmen besitzt, er ist raffgierig. Beneidenswert naiv ist der, der glaubt(e), der Staat würde hier eine Ausnahme bilden.
2008 war auch für Europa ein interessantes Jahr. Die Iren haben uns Resteuropäer beispielsweise vor den Lissabon-Verträgen bewahrt. Freilich nur, weil sie die einzigen in ganz Europa waren, die das überhaupt selbst entscheiden durften – beim Rest hat man vorsichtshalber das doofe Volk gar nicht erst gefragt. Weil es ja hätte nein sagen können.
Seit dieser Abstimmung wird fieberhaft an einer neuen Verfassung gearbeitet, wie sie nicht die für solche Fragen nun wirklich irrelevanten Regierungen, sondern die Europäerinnen und Europäer wünschen.
Das war natürlich ein zynischer Scherz. So läuft das vielleicht in einer besseren Parallelwelt. Bei uns tut man derzeit Folgendes: Unsere weisen Führer setzen sich zusammen und knobeln aus, welche Zugeständnisse man an Irland machen muss, damit die Menschen bei der nächsten Abstimmung über den an sich gleichen, aber eben mit etlichen Irland-Sonderregeln ausgestattete Vertrag ihn plötzlich geil finden.
Das hat ja auch durchaus traurige europäische Tradition. Der völlig überflüssige zweite Sitz des Europaparlamentes existiert schließlich auch nur, weil die Franzosen sonst angeblich gar nicht Teil Europas hätten werden wollen.
Im August dieses Jahres rächte sich das Universum übrigens für diesen bürokratischem Unfug auf seine eigene Weise und ließ kurzerhand das Dach dort einstürzen. Die Parlamentarier freuts: Die halten, sofern sie nicht aus Frankreich kommen, sowieso nichts von zwei Parlamentssitzen, allein schon der bescheuerten Reiserei wegen, von den Kosten ganz zu schweigen.
Eine seltsame Ironie der Geschichte hat dafür gesorgt, dass in dem Jahr, in dem der Bezwinger des höchsten Berges der Welt, nämlich Edmund Hillary, im stolzen Altern von 89 Jahren starb, die gesamte Weltwirtschaft gewaltig bergab zu gehen scheint. Die Antwort der Regierungen in aller Welt lässt wenig Gutes erwarten: Man druckt halt mehr Geld und bürdet den sowieso de facto insolventen Haushalten noch mehr Schulden auf, so einfach ist das.
All diese aus dem Hut gezauberten “Lösungen” werden sich irgendwann bitter rächen und mit Sicherheit schlimmere Folgen haben, als die derzeitige Krise – aber mit etwas Glück und den nötigen Wahlschlappen müssen sich dann eben andere Regierungschefs und Finazminister damit herumärgern und die derzeitigen können dann, ganz “Elder Statesman” gewissermaßen aus dem off kluge Kommentare abgeben, gegen Honorar Reden vor erlesenem Publikum halten und mit klugscheißerischen Büchern den Bürgern das bisschen verbliebene Geld aus den Taschen saugen. Feine Aussichten also für mich, der ich noch keine 30 bin und Meinesgleichen, die wir somit die Fehler von Vergangenheit, Gegenwart und der zu erwartenden unmittelbaren Zukunft sicherlich noch in vollen Zügen genießen dürfen werden. Wir gehen aufregenden Zeiten entgegen.
Abgesehen von einer gewissen Kontinuität, was politische Dummheiten angeht (die aber leider Gottes nunmal nicht anders zu erwarten waren), hat sich aber personell und koalitionstechnisch in der Politik vieles Getan: Aus einer schwarzen Regierung in Hamburg wurde die erste Schwarzgrüne auf Landesebene und die funktioniert sogar besser als von vielen erwartet. In Bayern muss sich die CSU der Post-Stoiber-Ära nun von einer durchaus unbequemen FDP aus ihrer jahrzehntelangen Allmacht reißen lassen.
Desweiteren heißt der neue Putin Medwedew, der neue Bush Obama und der neue Koch mindestens bis Januar Koch.
Okay, ich erwarte zugegebenermaßen schon, dass Obama sich von seinem Vorgänger mehr unterscheiden wird, als Medwedew wiederum von seinem. Und was Koch angeht, erkennt man den von vor den diesjährigen Wahlen auch irgendwie kaum wieder – so flexibel sind unsere Berufspolitiker!
Bei den Olympischen Spielen in Peking gelang es der dortigen Regierung ihre Botschaft an die Welt zu überbringen: Das Kollektiv ist alles, das Individuum nichts. Mit geballter Staatsgewalt produzierte das autoritär geführte Land seine Medaillensammler und die räumten entsprechend ab wie Hulle. Bei den Eröffnungs- und Abschlussfeiern gabs Bilder wie seinerzeit zur 40-Jahrfeier der DDR, 1936 in Berlin oder sonst nur in Nordkorea: Klassische Massenchoreographien eben. Gleichzeitig faszinierende und schauerliche Bilder waren das.
Immerhin scheint der Klimawandel in diesem Jahr Pause gemacht zu haben: 2008 war nach Messung der UNO-Organisation “World Meteorological Organisation” das älteste Jahr der letzten 5 Jahre.
Dafür heizten die Griechen zum Jahresende ordentlich ein. Zündeten Autos an, spielten Krieg mit der Staatsgewalt. Worum es da in Wirklichkeit genau geht, habe ich noch immer nicht durchschaut. Mit Demokratie scheint es aber nicht viel zu tun zu haben. Wenns dort wirklich um Armutsbekämpfung ginge, hielte ich allerdings Zerstörung und Gewalt für eigenartige Methoden. Dass man dort vereinzelt bereits von einer “Jugendrevolte” spricht, lässt zumindest für Pessimisten auch für unser Land, in dem Generationengerechtigkeit quasi nicht stattfindet, allerdings düstere Zukunftsszenarien zu.
Soweit also das auslaufende Jahr. Morgen ist Silvester und falls ich bis dahin noch eine diesem ereignisreichen Jahr angemessene Party finde, wird der Wechsel natürlich gefeiert.
Was danach abgeht, können wir uns aber bereits denken: Europaparlament, Bundestag und Bundespräsident werden gewählt, dazu die Landtage von Hessen, dem Saarland, Sachsen, Thüringen und Brandenburg. Außerdem finden noch Kommunalwahlen in 6 Ländern statt. Es ist zu erwarten, dass das Jahr von teurer Wahlkampfpolitik bestimmt wird, denn die Menschen wollen natürlich beschenkt werden, bevor sie irgendeine Regierung wiederwählen und eine ebenfalls wahlkämpfende Große Koalition im Bund bietet da wunderbare Voraussetzungen. Machen wir uns also auf einiges gefasst.
Comments
One Response to “Kleiner Jahresrückblick zu 2008”
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Dezember 31st, 2008 @ 10:41
Sehr schön zusammengefaßt, es ist dem kaum noch etwas hinzuzufügen. Das mit den neuen Schulden ist “nett”, daß mit der Post ebenso. Ein Schelm der Böses dabei denkt.