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Schreckliche Taten, stereotype Reaktionen

Posted on | März 12, 2009 | 8 Comments

Zwei fürchterliche Amokläufe am gleichen Tag – manchmal scheint es, als liebte das Schicksal makabere Zufälle.

Im einen Fall hat der Täter offenbar den Großteil seiner Familie ausgelöscht und gleichzeitig noch einige Unschuldige, die ihm dabei wohl einfach irgendwie im Weg waren. Im anderen Fall hat nach jetztigem Kenntnisstand ein 17jähriger ehemaliger Schüler an seiner Schule ein Blutbad angerichtet und ist anschließend geflüchtet – wurde allerdings innerhalb weniger Stunden gestoppt.

Dieser makabere Zufall hat neben dem Entsetzen, dass diese unvorstellbar grausamen Taten auslösen, zu einer interessanten Beobachtung geführt.

Ich hatte kurz vor Bekanntwerden des zweiten Falles aus Deutschland zufällig einen Nachrichtensender laufen, der gerade Nachrichten brachte und von dem Amoklauf in Amerika berichtete. Die Moderatorin stellte wie immer in solchen Fällen die Frage, ob der Präsident sich angesichts dieser Bluttat nicht die furchtbar liberalen Waffengesetze Amerikas doch noch einmal ansehen sollte.

Nur Sekunden später kam dann die Meldung vom Deutschen Amoklauf ad hoc herein – und bewies sozusagen umgehend, dass es keineswegs liberale Waffengesetze braucht, um Psychopathen mit Menschenjagd-tauglichen Feuerwaffen auszustatten. 

Rein subjektiv scheinen mir solche Amokläufe in Amerika auch nicht häufiger vorzukommen, als beispielsweise in Deutschland. Vielleicht treibe ich nochmal konkrete Zahlen dazu auf aber die Möglichkeit, an Waffen zu kommen, scheint nicht unmittelbar damit zusammen zu hängen, wie oft Menschen durchdrehen und zu Massenmördern werden.

Das Thema Waffengesetze verstummte mit dem Fall in Deutschland augenblicklich. Wer angesichts der Bilder aus Winnenden behauptet hätte, scharfe Gesetze würden so etwas verhindern, hätte sich ja auch völlig unglaubwürdig gemacht.

Auf den ersten Schock folgte fast schon obligatorisch die sogenannte Suche nach den Ursachen, die eher an eine stupide Hexenjagt erinnert. An Ursachen ist ja auch in Wahrheit irgendwie keiner zumindest der politischen Vertreter interessiert. Die einen wittern eine Chance, ihre heißgebliebte Verbotspolitik weiter zu etablieren und salonfähig zu machen und die anderen wollen irgendwie so tun, als würden sie etwas unternehmen. 

Erstes wichtiges Forum für dieses immergleiche Spiel bot später am Abend die ARD mit “Hart aber fair”.

Nun habe ich nicht den ganzen Tag die Nachrichten zum Amoklauf in Winnenden bei Stuttgart verfolgt aber spätestens, als es hieß, der Täter sei 17 Jahre alt, war mir im Prinzip klar: Sofern dieses Arschloch nicht schon immer ein totaler Sonderling gewesen ist, wird man auf seinem Computer irgendwelche Ballerspiele finden. Denn mir ist praktisch kein männlicher Computernutzer unter 30 bekannt, der nie irgendwelche Ego-Shooter gespielt hätte.

Ich selber zähle dazu und war dementsprechend auch etwas irritiert, als Frank Plasberg in seiner Sendung “zum besseren Verständnis” ganze 22 Sekunden Counterstrike zeigte, in denen man eigentlich nichts sehen konnte, außer dass die Pixelfiguren, wenn sie getroffen wurden, Pixelblut verloren haben. Eine solche Zusatzfunktion kannte ich bisher nur aus anderen Spielen, bei Counterstrike war mir das neu.

Wirklich schlimm finde ich es nicht, ändert am Spiel selber schließlich auch nichts. Irritiert war ich, weil ein paar Kampfszenen über das Spiel selbst einfach nichts aussagen. Gerade Counterstrike ist ein Spiel, das alleine gar keinen Spaß macht. Es hat früher Samstagabende gegeben, wo ich mich mit ein paar Feunden getroffen habe und wir unsere Computer zusammenzustöpseln und uns gegenseitig um virtuelle Fabrikhallen und Häuserblocks zu jagen und gegenseitig mit den verschiedensten Feuerwaffen virtuell abzumurksen. Dabei lernt man vor allem eins: Counterstrike ist ein Spiel, dass taktisches Gespür erfordert. Ein bisschen wie Schach, nur muss man Entscheidungen sehr schnell treffen und eventuell auch Absprachen mit seinen Leuten treffen. Es ist jedenfalls keine hirnlose Ballerorgie, auch wenn das immer gerne so hingestellt wird. Da gibt es ganz andere Spiele – die ebenso wenig Schuld an solchen Amokläufen sind, vermutlich aber nicht ganz so hervorragend unter jungen Leuten verbreitet sind, wie Counterstrike.

Es sind weder Computerspiele, noch Waffen oder Heavy Metal Musik, die Menschen durchdrehen lassen. Wäre das so, wäre ich mit der beschriebenen Vergangenheit und dem Ticket fürs diesjährige Wacken-Open-Air wahrscheinlich als Sicherheitsrisiko einzustufen, auch wenn ich keinen legalen Zugang zu Feuerwaffen habe.

Nein, solche oberflächlichen Dinge drücken weder aus, dass mit den Leuten etwas nicht stimmt, noch lösen sie aus, dass sie durchdrehen. Dass Leute wie Wolfgang Bosbach oder Professor Christian Pfeiffer so etwas denken, liegt daran, dass sie selber mit so etwas zu tun gehabt haben. Bosbach hat es selber in der Sendung gestern gesagt:

“Muss ich denn Urwaldbaum sein, um den Regenwald zu schützen?”

Das erwartet niemand. Von Politikern, die für Verbote eintreten, dürfen wir aber vielleicht schon erwarten, dass sie sich wenigstens mit der Materie ein kleines bisschen befassen. Mal ne Runde Counterstrike zu zocken ist da wohl kaum zu viel verlangt, denke ich. 

Professor Pfeiffer fand, dass die Eltern dieses zum Killer gewordenen Jungen schuld wären, weil sie eine Sammlung von Feuerwaffen besitzen. Das würde ein schlechtes Beispiel geben. Das sagt er in einem Land, in dem junge Männer immer noch dazu gezwungen werden, sich im Umgang mit Waffen ausbilden zu lassen. Na wenn er meint. Nach dieser Logik dürfte wohl auch jeder bewaffnete Streifenpolizist seinen Kindern ein schlechtes Vorbild abgeben. 

Pfeiffer zitierte außerdem eine grandiose Studie, die nachwies, dass Computerspieler beim spielen und danach aggressiver und aufgewühlter sind, als zum Beispiel beim Sehen von Horror- und Actionfilmen.Für ihn schien dass aber so eine Art Beweis zu sein, dass man beim lenken einer um sich ballernden Spielfigur so ungefähr das Gleiche empfindet, wie bei einem Amoklauf. Würde man den selben Test mit Menschen machen, die ein harmloses Autorennen spielen und zum Vergleich die Werte von Leuten hernehmen, die grade “Tage des Donners” angucken, bekäme man zweifellos das gleiche Ergebnis: Spiele sind aufregend – das macht nämlich ihren Reiz aus und Spiele die keinen Nervenkitzel auslösen, will eben kein Mensch haben.

Würde Waffenbesitz an sich einen schlechten Einfluss ausüben, müsste sich meine Heimat im Übrigen längst in eine Hölle auf Erden verwandelt haben, wo doch quasi alle 2-3 Häuser ein paar Feuerwaffen zu finden sind (aufm Land gibts halt viele Jäger).

Ich kann verstehen, dass sich jeder nach solchen Tragödien Lösungen wünscht. Verhindern wird man so etwas aber nie können. Nicht mit Verboten, auch nicht mit Waffenkontrollen oder ähnlichem (wenngleich sich damit die Tatorte wahrscheinlich verlagern ließen, was eventuell für Schulen gar nicht mal so uninteressant wäre – wenn man bereit ist, Schulen zu Festungen umzubauen). Amokläufe hat es jedoch auch lange vor dem Computerspielzeitalter gegeben und die waren deswegen auch nicht minder schrecklich. Wer Computerspielen den Vorwurf macht, sie würden Mord trainieren, der muss erklären, wieso das selbe in Schützenvereinen oder der Bundeswehr nicht gelten soll.

Wer morden will, der findet immer einen Weg. Immergleiche dumme Debatten oder gar Verbote helfen nicht, so etwas grauenhaftes zu begreifen.

Comments

8 Responses to “Schreckliche Taten, stereotype Reaktionen”

  1. Blog von Thomas Möhle
    März 12th, 2009 @ 14:20

    Der Amoklauf und seine politischen Folgen…

    Als ich gestern um kurz nach halb 10 mein RSS-Reader aufpiepte, war mein erster Gedanke “Oh mein Gott, nicht schon wieder”.
    Schon wieder müssen unschuldige Menschen sterben, schon wieder sind Kinder betroffen und schon wieder ahnte ich die…

  2. Die falsche Verlockung der Sicherheit | ars libertatis
    März 12th, 2009 @ 22:19

    [...] jan filter – Schreckliche Taten, stereotype Reaktionen [...]

  3. Franziska
    März 13th, 2009 @ 11:43

    Sehr, sehr guter Beitrag. Du hast fast alles ausgesprochen, was ich auch denke.
    Was ich noch hinzufügen möchte: die Schuldfrage zu stellen, ist unvermeidlich und wichtig. Nur die Antworten darauf dürfen nicht immer die gleichen sein.
    Die Antworten deuten nämlich zu schnell auf irgendjemand anderen. Ich denke, jeder muss sich fragen, welchen Beitrag er selbst unter Umständen zu einer solchen Tragödie geleistet hat. Damit meine ich nicht, dass die Eigenverantwortung des Täters nicht gegeben ist! Aber es ist doch so, dass wir Menschen manchmal schnell und unüberlegt mit Worten und Taten sind und selten abschätzen können, wie das beim Anderen ankommt.
    Was ich meine: wir müssen im Umgang miteinander aufmerksamer sein!
    Nur so kann man in einen Dialog kommen und eventuell auch vorher erkennen, ob sich jemand verletzt, missverstanden oder nicht respektiert fühlt – ich denke, dass ist (fast) allen Amokläufern gemein – sie fühlten sich unverstanden und fehl am Platz.
    Wie viele Menschen erleben tagtäglich Erniedrigungen durch Mitmenschen? Wie viele braucht es, um durchzudrehen? Wie schwer ist es, mit jemandem mitzufühlen und zu sagen: du kannst mit mir reden, ich höre zu?
    Ich befürchte, verhindern kann man solche Taten nicht, aber es wäre doch gut, wenn wir uns alle bewusst werden, dass nicht immer nur “die anderen” schuld sind.

  4. SG
    März 13th, 2009 @ 12:01

    Wer morden will, der findet immer einen Weg.

    Na, wenn das mal nicht auch eine stereotype Reaktion ist.

  5. Jan
    März 13th, 2009 @ 13:00

    Es ist weniger eine Reaktion als der Schluss daraus, dass es Amokläufe nunmal schon immer gegeben hat.

  6. SG
    März 13th, 2009 @ 13:54

    Richtig, Amokläufe hat es schon immer gegeben. Man weiß aber nicht, wieviele Amokläufe es nicht gegeben hat. Das ist ein prinzipielles Problem, das entsteht, wenn man über diese Dinge redet. Wenn jetzt die entsprechende Software verboten wird und in einem Jahr gibt’s wieder einen Amokläufer, heißt das nicht, dass das Verbot unproduktiv war, denn man weiß ja nicht, wie viele andere Amokläufe es wegen des Verbots nicht gegeben hat.

  7. Jan
    März 14th, 2009 @ 11:52

    Ein Verbot bedeutet unter dem Strich, freie Menschen gewaltsam davon abzuhalten, Sachen zu tun, die sie gerne tun würden. Es ist so ziemlich das drastischste Mittel des Rechtsstaat und sollte entsprechend sparsam verwendet werden. Idealerweise – in der Bundesrepublik hat man das so natürlich nie verstanden aber das kann ja nicht mein Maßstab sein.

    “Software verbieten” klingt in Zeiten des Internet ein wenig nach Quadratur des Kreises. Warum sollten irre, die weder davor zurückschrecken, illegal an Waffen zu kommen und damit wahllos Menschen zu töten, von einem Verbot irgendwie beeindrucken lassen? Die 99,9999% geistig normalen Spieler allerdings kriegen einen ordentlichen Tritt vors Schienbein und müssen sich ja bereits jetzt dafür rechtfertigen, dass sie ausgerechnet Ballerspiele ihr Hobby nennen und nicht Briefmarkensammeln.

    Ein Verbot gehört grundsätzlich verdammt gut begründet. Dass es Verrückte auf der Welt gibt ist keine gute Begründung für ein Computerspielverbot. Im Übrigen müssten anschließend natürlich umgehend außer Spielen auch andere Kulturgüter auf Gewalttätigkeit geprüft werden. Filme, Bücher, Gemälde, Musik die Mord darstellen, sind den Verbotsforderern ja ebenso ein Dorn im Auge und würden sich über einen solchen Dammbruch bei der Meinungsfreiheit zweifellos freuen.

  8. Fritz
    Mai 13th, 2009 @ 09:52

    Religion muss demnach auch verboten werden. Führt ja schließlich zu Terroranschlägen und Amokläufen. Bereits in den 70er Jahren gab es spektakuläre Fälle, wie der des wahnsinnigen Sektenführers Charles Manson, der sich von Gott beauftragt fühlte, Menschn zu töten. Da Herr Wolfgang Bosbach römisch-katholisch ist, ist er also ein potentieller Killer.

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