“Über „soziale Unruhen“ wird derzeit viel diskutiert. Die einen warnen davor, die anderen warnen jene, die davor warnen und irgendwie scheint klar zu sein, „soziale Unruhen“ sind auf jeden Fall was negatives, das zu beherrschen, zu verhindern oder was auch immer ist.”
schreibt die Bundesvorsitzende der Jungsozialisten, Franziska Drohsel in ihrem Blog und fragt:
“Warum eigentlich?”
Ja, was ist an Unruhen, wie wir sie seit Monaten zum Beispiel in Griechenland oder Frankreich bewundern dürfen, denn eigentlich schlecht?
Ich verrats einfach mal: Da brennen Autos und werden Scheiben eingeschmissen. Es wird also viel Schaden angerichtet, bei diesen “sozialen Unruhen” – und zwar so gut wie immer bei Leuten, die eigentlich nicht Adressat solcher Unruhen oder überhaupt irgendeines “sozialen” Protestes sein sollten.
Nicht, dass ich etwas anderes erwartet hätte aber statt diese offensichtlichen Folgen zu sehen, leitet Franziska Drohsel sich mal eben munter herbei, dass soziale Unruhen in Wahrheit etwas Gutes sind:
“Sozial ist nach dem Duden als jenes, was der Allgemeinheit nutzt – Unruhe eine Störung. Gibt es einen Grund als linker Mensch gegen eine Störung zu sein, die der Allgemeinheit dient? Wohl kaum, ganz im Gegenteil.”
Das Menschen, die nach Drohsels Wertekompass “links” sind, sehr eigenartige Ansichten dazu haben, was denn wohl der Allgemeinheit dient und was nicht (womöglich gehören dazu neben dem Gesundheitsfonds, 19% Mehrwertsteuern und der Ablehnung von Wettbewerb auf dem Post-, Bahn- und am liebsten auch auf allen anderen Märkten tatsächlich auch brennende Autos dazu, wenigstens wenns Mercedesse sind oder “Axel-Springer-Verlag” drauf steht), führt uns aber dann zu der Frage, ob nicht zum Beispiel Angriffe militanter Kapitalisten auf öffentliche Einrichtungen aller Art und staatseigene Unternehmen nicht auch etwas Gutes wären, immerhin würden solche Leute genauso im Interesse der Allgemeinheit handeln – jedenfalls nach deren Wertekanon.
Und man könnte weiterhin die Frage in den Raum werfen, ob nach Drohsels Definition nicht auch prügelnde und zündelnde Nazis letztlich im Interesse der Allgemeinheit oder was diese eben dafür halten, handeln, weil diese Sorte Idioten es ja nunmal für unbedingt nötig hält, Ausländer loszuwerden.
Es gibt keine universelle Wahrheit darüber, was denn der Allgemeinheit dient und was nicht. So gut wie alle politischen Akteure und seien sie und ihre Thesen noch so hanebüchen, begründen ihre Ansichten letztlich damit, dass ihr Weg der beste für uns alle, für “die Allgemeinheit” wäre.
Und natürlich ist das aber völlig ausgeschlossen. Eine soziale Unruhe ist mindestens für den Steuerzahler schlecht, der das zugehörige Polizeiaufgebot finanzieren darf. Wird Gewalt angewandt, gibt es automatisch Opfer (und ja: auch bei Gewalt gegen Sachen ist das der Fall), die aber natürlich auch der Allgemeinheit angehören.
Was Drohsel also meint, ist ein Teil der Allgemeinheit und was ihr dient legt höchstens dieser Teil fest, wahrscheinlicher jedoch Drohsel selber.
In jedem Fall herrscht in diesem Land ja eigentlich auch deswegen Demokratie, damit solche Unruhen nicht sein müssen. Ein Parlament, eine Regierung, sollte im Optimalfall dem Wunsch der Allgemeinheit entsprechen, wenn der ganze Zirkus, den wir ständig darum veranstalten, überhaupt einen Sinn haben soll.
Wer Gewalttaten damit rechtfertigen will, dass sie zum Wohl der Allgemeinheit beitragen würden, so wie es die Bundesvorsitzende der SPD-Jugendorganisation tut, untergräbt letztlich die Demokratie. Es ist beim besten Willen nicht demokratisch gerechtfertigt, Unruhen anzuzetteln oder sich an ihnen zu beteiligen – was nicht heißt, dass es nicht trotzdem Rechtfertigungen geben mag, die ich zum Beispiel für mich gelten lassen würde. Aber mit Demokratie hat dass rein gar nichts zu tun. Ich fände es fair, wenn die Juso-Vorsitzende dass wenigstens auch mal deutlich erklären würde.
Am Ende ihres Artikels kommt dann der eigentliche Aufruf an die Jungsozialistinnen und Jungsozialisten (bei den Jusos gibts bekanntlich aus feministischen Gründen keine weiblichen Jungsozialisten):
“Wenn es jetzt breite gesellschaftliche Proteste gibt, die sich gegen den Markt als bestimmendes Element richten und für verbindliche Regeln, mehr soziale Gerechtigkeit und eine konsequente Umverteilung von oben nach unten kämpfen, ist dies zu unterstützen. Damit sich in dieser Gesellschaft endlich etwas nach links bewegt!”
Markt ist Angebot und Nachfrage, freier Markt ist, dass wir alle kaufen und verkaufen dürfen, was uns gefällt. Wie soll in einem System Freiheit existieren, wenn uns irgendjemand vorschreibt, wie wir unser Geld zu verdienen haben, mit wem wir handeln dürfen und mit wem nicht, für wen wir arbeiten und was wir dabei verdienen dürefen?
Es liegt der Verdacht nahe, dass in Drohsels Weltbild die Einführung eines Sozialismus Gewalt rechtfertigt. Die Absage an die Freiheit überrascht dabei weniger, die Absage an das ziel ihres “demokratischen Sozialismus” aber ein wenig schon.
Jedenfalls für die offizielle Jugendorganisation einer Partei, die seit über 10 Jahren regiert.