Als JuLi-Kreisvorsitzender bietet es sich an, dass man von Zeit zu Zeit mal bei den Ortsverbänden der FDP vorbeischaut, wenn es dort neue Mitglieder oder Interessenten gibt, die im JuLi-Alter (also zwischen 14 und 35) sind. Darum war ich gestern beim Ortsverband Neu Wulmstorf, auch wenn dass für mich den sechsten Tag in Folge bedeutete, an dem ich mich mit der FDP beschäftige – macht aber nichts, der Abend war zwar sehr lang, aufgrund verschiedener politischer Gewitter dort aber hochinteressant.
Hauptsächlich kämpft man dort gegen einen vollkommen überdimensionierten Logistik-Park, der vis a vis der Wohnbebauung errichtet werden soll. Hatte ich schonmal angeschnitten – da gehts wirklich hoch her.
Mit “man” sind in diesem Fall neben der entsprechenden Bürgerinitiative allerdings ausschließlich FDP und Grüne gemeint. die beiden großen Parteien (die in Neu Wulmstorf voraussichtlich mit den nächsten Wahlen dramatisch schrumpfen werden) vertraten in dieser Sache offenbar die Ansichten der ehemaligen Landbesitzer (nichts neues auf kommunaler Ebene, eigentlich).
Es geht dabei um fast 15 Millionen Euro, für die ein Investor das Gelände (es ist nunmal riesig) gekauft hat. Den Begriff Provinzposse mag man bei solchen Größenordnungen schon gar nicht mehr verwenden. Da der Investor infolge der Finanzkrise einige Schwierigkeiten hatte, das Geld zusammenzukriegen, ist dann auf Wunsch von CDU und SPD allenernstes die Gemeinde eingesprungen und hat einen gewissen Kredit aufgenommen.
Dieselbe Gemeinde hat vor kurzem übrigens erstmal eine Haushaltssperre verhängt. Der Tag, an dem der Investor eigentlich zahlen müsste, rückt auch immer näher – es bleibt die nächsten Wochen auf jeden Fall noch spannend in Neu Wulmstorf.
In diesem Zusammenhang wurde auf der gestrigen Sitzung, auf der sich auch viele Gäste und Angehörige der Bürgerinitiative gegen den besagten Logistikpark eingefunden hatten, auch viel darüber diskutiert, dass viele Bürger erst dann aufwachen, wenn alles viel zu spät ist. Anwesend war ein anderer Bürger (und FDP-Mitglied), der angab, seit den 70ern gegen die Führung einer Hochspannungsleitung zu kämpfen, die quasi sein Haus überqueren würde. Er sei dafür jahrzehntelang von seinen Nachbarn ausgelacht worden. “Ich kann nicht lachen. Aber die anderen lachen jetzt auch nicht mehr,” waren seine Worte, denn der Bau ist beschlossene Sache – gab ja kaum Widerstand. Eine Gegenstimme allein zählt in einer Demokratie eben gar nichts.
Bei anderen “drohten” Bahnlinien und Bundesstraßen, beziehungsweise Brücken davon die Lebensqualität und die Grundstückspreise zu vernichten.* Auch so etwas sind äußerst langfristige Planungen und man hätte sich damit beschäftigen können, bevor alles beschlossen und bezahlt ist.
Ratsherr Manfred Karthoff wies dann auch darauf hin, dass viele Sitzungen des Rates und seiner Ausschüsse doch öffentlich seien, jeder also hingehen könnte. Wies dann noch auf eine Ausschusssitzung hin, die gleich heute Abend stattfinden sollte.
Einige der Anwesenden schienen die Auffassung zu vertreten, dass es allein Aufgabe der Politik sei, den Bürger über bestimmte Entwicklungen zu informieren. Das Problem dabei: Die Bürger überschätzen die personellen und finanziellen Möglichkeiten kleiner Parteien vor Ort maßlos. Im Regelfall sprechen wir da von einer Handvoll engagierter Menschen, die Kasse ist im Grunde immer leer – wenn was drin ist, dann spart man gerade auf einen Wahlkampf oder so. Mal eben ein paar tausend Flugblätter zu drucken, ist keine Kleinigkeit, sie zu verteilen auch nicht. Klar, es geht – wenn es wirklich wichtig wäre. Aber wenn man, wie sich das gestern anhörte, sowas alle paar Wochen machen soll, dann geht das einfach nicht.
Wer so etwas erwartet, ohne sich selbst politisch zu engagieren, der hat irgendwie ein Brett vorm Kopf. Demokratie lebt vom Mitmachen. Wenn nicht genug mitgemacht wird, lebt sie von der Lobbyarbeit einzelner – so scheint es in Neu Wulmstorf derzeit in verschiedenen Vorhaben zu laufen.
Ein Neumitglied des Ortsvereins (der wächst aufgrund der Streiterei natürlich gerade sprunghaft) sah das ähnlich und erklärte sinngemäß, dass man dem Bürger schon zumuten könnte, sich selbst um seine Interessen zu kümmern – gerade als FDP, der Partei der Eigenverantwortung.
Und so ist es auch. Das schließt ja auch nicht aus, dass man auf bestimmte Sachverhalte mit etwas mehr Nachdruck hinweist aber einen Anspruch seitens der Bürger gibt es dafür einfach nicht, zumal Parteien ja auch recht offene Veranstaltungen sind. Jeder kann zu einer Ortsverbandsversammlung erscheinen, ohne vorher Mitglied werden zu müssen oder allzuviel über sich Preis geben zu müssen. Aber selbst als ehrenamtlich politisch aktiver Mensch hat man wirklich mehr als genug Action, als dass man sich nebenbei auch noch darum kümmern könnte, dass jeder Mensch, den unter Umständen irgendein Thema interessieren könnte, mit sämtlichen vorliegenden Infos dazu aktiv versorgt. Wer fragt, kriegt natürlich Antwort – aber auf Verdacht irgendwas zu liefern wird 1. oft ohnehin nicht angenommen, führt 2. dazu, dass die Leute zu seltsamen Schlüssen kommen (“guck mal, wieder n Flyer von Partei XY, die müssen ja Geld haben” oder “ach, die wollen ja nur gewählt werden” usw. usf.). Das Kosten-Nutzen-Verhältnis für eine besonders engagierte aktive Kampagnentätigkeit scheint mir in vielen Fällen einfach nicht gegeben zu sein.
Und dass ist eben auch nicht der Grundgedanke einer Demokratie. In der Demokratie können und müssen diejenigen, die bestimmte Interessen haben, letztendlich schon selbst dafür sorgen, dass sie vertreten werden. Das erfordert nunmal ein Mindestmaß an Eigeninteresse und Engagement. Die Alternative bedeutet Bevormundung – da kann man nur appellieren, seine verfassungsmäßigen Rechte bitteschön denn auch wahrzunehmen, statt hinterher zu meckern.
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* Wer sich über die Masse von verkehrstechnischen Bauvorhaben in einer 20.000-Einwohner-Gemeinde wundert, sollte einen Blick auf ihre geographische Lage werfen. Die Verkehrsinfrastruktur in halb Norddeutschland wird im Prinzip vom Tor zur Welt in Hamburg bestimmt – aber in unmittelbarer Hafennähe, noch dazu westlich, wo ja irgendwann der Verkehr zwischen den niedersächsischen Seehäfen und dem Hamburger Hafen dramatisch zunehmen soll, wird derzeit buchstäblich einiges ins Rollen gebracht.