Monatsarchiv für Juli 2009

Jul 28 2009

Gewalt und so

Autor: Jan. Abgelegt unter In Eigener Sache

Eigentlich wollte ich das Thema Reball ja bis auf Weiteres auf sich beruhen lassen. Immerhin beschäftigen sich ja seit Jahren die Gerichte damit (gibt scheinbar nix Wichtigeres zu klären als Sportarten auf ihre “Menschenwürde” zu überprüfen – wie beneidenswert glücklich muss eine Gemeinde sein, die Zeit und Muße hat, sich mit solchen “Problemen” zu beschäftigen…) und deren Entscheidung müssen wir ja nun erstmal abwarten.

Doch wenn einzelne Zeitgenossen sich in bestimmter Weise zu dem Thema äußern, dann kommt man als beinahe einziger Vertreter der Befürworter dieses Sportangebots schlicht nicht um eine Reaktion herum.
In diesem Fall war es folgende, am 21. Juli gedruckte Äußerung eines Lesers unseres “Winsener Anzeigers”, die mich zu einer angemessenen Reaktion nötigte:

Gewalt  wird verherrlicht

Betriftt:,,8ürgermeisterin  gegen Reball” im WA vom 29. Mai 2009

Bravo,  Frau  Bürgermeisterinl Das  nenne  ich eintreten  für die Gesellschaft.  Gewalt  hat  in unserem  Lande  wie auch  in der Welt  nichts  zu  suchen  und  sollte mit aller  Entschiedenheit  zurückgewiesen  werden.

Auch Reball  verherrlicht  die Gewalt.  Leider  hört man von den  politischen  Parteien  zu  wenig über  die Bekämpfung  der Gewalt.

Frau Bürgermeisterin,  machen  Sie  so weiterl  Es  gibt  in Winsen  und  Umgebung  noch  zu viel Gewalt.

Alfred Frobarth. Winsen

Als ich damit fertig war, mich vor lachen zu kringeln, antwortete ich (und das wurde dann heute schließlich an gleicher Stelle im WA veröffentlicht)

Lieber Herr Frobarth,

vielen Dank für ihre köstliche Satire vom 21. Juli, in der sie die eigenartige Wahrnehmung mancher Zeitgenossen gegenüber gewissen Sportarten so herrlich auf die Schippe nehmen. Spätestens bei der Zeile “Reball verherrlicht die Gewalt” konnte ich nicht mehr vor Lachen und dachte nur: “Jaja genau – und Schach löst Weltkriege aus!”

Köstlich auch die Pointe, mit der sie quasi andeuten, Winsen wäre eine in Gewalt versinkende Stadt und deshalb müsse die Winsener Reball-Arena geschlossen bleiben. Mit dieser herrlichen Persiflage haben sie eine schöne Breitseite auf diejenigen abgegeben, die wirklich der Meinung sind, Reball hätte auch nur irgendetwas Gewaltverherrlichendes, Brutales oder gar Menschenverachendes an sich.

Davon scheint es in dieser Stadt ja leider immer noch einige zu geben – denen ich bei dieser Gelegenheit nachdrücklich empfehlen möchte, sich umgehend über diese Sportart Reball zu informieren; Anders scheinen solche Wahrnehmungsstörungen leider nicht ausgeräumt werden zu können.

Jan Filter,
Kreisvorsitzender Junge Liberale Harburg-Land

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Jul 27 2009

Einberufungsgerechtigkeit

Autor: Jan. Abgelegt unter Politik

Lieber Herr Jung,

sachlich aber bestimmt möchte ich sie darauf hinweisen, dass in Wahrheit kein einziger Jugendlicher der Bundeswehr “zur Verfügung” steht, wie sie dass ausgedrückt haben. Denn zum einen besteht nach wie vor die Wahl, ob sich ein junger Mann für Bundeswehr oder Zivildienst entscheidet.

Zum anderen ist die Wortwahl geradezu abartig wenn man bedenkt, dass viele Wehrpflichtige sich ja niemals freiwillig “zur Verfügung” stellen würden, sondern lediglich deswegen ihren Dienst tun, weil Sie, Herr Minister, sie dazu zwingen.

Einzig Frauen werden in dieser Hinsicht ja immer noch durch den Gesetzgeber “diskriminiert” und nicht gezwungen, mitzumachen – wenn sie also für “Einberufungsgerechtigkeit” sorgen wollen, dann wäre dies eine mindestens genauso wichtige Baustelle.

Einberufungsgerechtigkeit ist übrigens ebenfalls ein sehr interessantes Wort. Als würden sie Gerechtigkeit erzeugen, wenn sie noch mehr junge Menschen dazu zwingen, ihre Zeit zu verschwendenviele bestimmt gaaaanz wichtige Dinge fürs Leben zu lernen!

Und als wäre Gerechtigkeit hergestellt, wenn “nur” noch jeder fünfte in Frage kommende junge Mann gezwungen wird.

Bei Ihrem Gerechtigkeitsempfinden wird einem schlecht. Ich hoffe sehr, sie werden am 27. September zusammen mit einigen anderen Kollegen endgültig in Rente geschickt. Es reicht wirklich.

Herzlichst,

Jan

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Jul 24 2009

Piratenjagd im Kino

Autor: Jan. Abgelegt unter Medien

“Wer den neuen Harry-Potter-Film genießen will, muss offenbar damit rechnen, überwacht zu werden. Sicherheitsleute kontrollierten im Auftrag des Verleihers Zuschauer in zehn deutschen Kinos mit Nachtsichtgeräten. Das soll Filmpiraten abschrecken. Datenschützer ermitteln, ob diese Praxis legal ist.”

lesen wir in der Welt. Und ich frage mich: Warum um alles in der Welt sollte denn so etwas nicht legal sein? Jeder olle Supermarkt hat Kameras oder sogar Ladendetektive, die sozusagen die Einhaltung der Allgemeinen Geschäftsbedingungen und letztlich auch geltender Gesetze überwachen, indem sie die Kundschaft beobachten. In diesem Fall wird noch nicht einmal etwas aufgezeichnet – wo ist das datenschutzrechtliche Problem?

Ob sich Kinos, die so etwas in Kauf nehmen, um bestimmte Filme zeigen zu dürfen, einen Gefallen damit tun, ob das Ganze wirklich verhältnismäßig ist und sich Filmverleiher Warner, auf dessen Betreiben die Kino-Detektive unterwegs sind, nicht völlig zum Gespött unter Filmfans macht, wenn er meint seine wichtigste Zielgruppe mit solchen Mitteln überwachen zu müssen, steht auf einem anderen Blatt.

Verglichen mit anderen datenschutzrechtlichen Sauereien, beispielsweise jene der deutschen Bundesregierung, ist der Preis, dass ein paar Detektive checken, ob ich meinen Camcorder zuhause gelassen habe, doch ein Witz.

Aber mal was anderes: Wie sinnvoll ist eigentlich die Bezeichnung “Pirat” für Leute, die ihre Lebenszeit für das Mitfilmen im Kino verschwenden, nur damit andere sich die dann in völlig beschissener Qualität irgendwo aus dem Internet saugen können? Sind Piraten nicht normalerweise blutrünstig oder wenigstens gierig? Man sollte mal über eine treffendere Bezeichnung nachdenken. Wie wärs mit Urheberrechtsverletzer? Klingt wahrscheinlich zu harmlos.

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Jul 22 2009

Aktion Jugendkultur: Demo für Computerspiele in Berlin

Autor: Jan. Abgelegt unter Politik

Scheint, als sei die Gamerszene endgültig aufgewacht. Sehr schön, wurde aber auch Zeit. Ob diese recht einseitige Fixierung auf die Piratenpartei in diesem Politikfeld unbedingt sinnvoll ist, wage ich zu bezweifeln – Computerspiele nicht zu verbieten ist immerhin liberaler Konsenz und Regierungsbeteiligung der FDP immerhin ein kleines Bisschen wahrscheinlicher als dass die Piratenpartei in diesem Jahr auch nur einen einzigen Abgeordneten ins Parlament kriegt. Aber kann ja noch werden und die Berliner JuLis beteiligen sich natürlich auch an der Demo.

Zu der wiederum sind weitere Infos auf der zugehörigen Website zu finden. Es wäre schön, wenn das Engagement der Daddelszene anhält – von selbst merken die alten Männer und Frauen nämlich nicht, dass Computerspieler in Wahrheit ganz liebe Menschen sind.

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Jul 22 2009

FDP wählen und mehr Sex haben!

Autor: Jan. Abgelegt unter Allgemeinbildung

Wen weder das Grundprinzip der individuellen Freiheit, noch das Deutschlandprogramm und nicht einmal strategische Erwägungen überzeugen, dem könnte ja vielleicht wenigstens diese Meldung zur Überzeugung verhelfen, die FDP zu wählen:

“Laut der am Mittwoch veröffentlichten Umfrage haben die Freidemokraten durchschnittlich 2,1 mal Geschlechtsverkehr pro Woche und liegen damit vor Union und Linken (jeweils 1,8), Grünen (1,7) und Sozialdemokraten (1,5).”

Wir erfahren in diesem Artikel außerdem, dass FDP-Wähler tendenziell am Treuesten sind und sich lediglich 47 Prozent eine verbotene Affäre vorstellen können.

Bliebe nur noch zu klären, wie man darauf kommt, solche seltsamen Umfragen zu starten…

Update: Pornos gucken FDP-Wähler übrigens auch weniger, schreibt Bild-Online und liefert noch ein paar weitere wichtige(?) Details zur Umfrage.

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Jul 21 2009

Seltsame selektive Wahrnehmung

Autor: Jan. Abgelegt unter Politik

In Deutschland gibt es über 80 aktive oder stillgelegte Tagebaue. Wie gefährlich Energie aus Braunkohle ist, haben wir gerade vor Augen geführt bekommen.

Auch der hochsubventionierte Steinkohleabbau in Nordrhein-Westfalen und dem Saarland verfügen über ein gewaltiges Gefahrenpotenzial. Wer weiss schon, ob nicht übermorgen irgendwo ein alter Stollen einbricht und darüber liegende Wohnhäuser zerstört und weitere Menschenleben gefährdet?

Wie kommt es, dass die Atomenergie, der man ohne handfeste Beweise alles Mögliche nachsagt ein deutlich gefährlicheres Image hat, obwohl durch andere Energiegewinnungsformen nachgewiesenermaßen Menschen umkommen und ganze Ortschaften gefährdet oder vernichtet werden (selbst ein Tagebau, der von Unglücken verschont wird, verschlingt im ganz normalem Betrieb ab und zu mal ein ganzes Dorf!)?

Berichte, nach denen aus Biogasanlagen entwichenes Gas, dass unsichtbar, geruchslos aber tödlich für den Menschen ist, durch dumme Zufälle Menschen umbringt, liest man auch immer wieder.

Mir scheint, viele Menschen kümmern sich zu sehr um gefühlte Gefahren, während sie tatsächliche billigend in Kauf nehmen. Auch nach dem fürchterlichen Erdrutsch in Sachsen-Anhalt vom Wochenende scheint ein Braunkohle-Ausstieg immer noch kein Thema zu sein.

Rund um die Debatten ums Kernkraftwerk Krümmel in den letzten Wochen haben wir eine ganz andere Aktivität erlebt – obwohl bisher zumindest kein direkter Zusammenhang zwischen dem Kraftwerk und Krankheits- und Todesfällen in der Umgebung hergestellt werden konnte und außerhalb des Kraftwerks auch nichts zusammengebrochen, verschüttet worden oder abgebrannt ist.

Bei Atomkraft genügt der reine Verdacht für bundesweite Massenhysterie, bei der Braunkohle führen nichtmal zu 100% nachgewiesene Todesfälle und schreckliche Unglücke auch nur zu einer kleinen Grundsatzdebatte. Pennt die Umweltlobby? Sind die Deutschen einfach nur blöde? Oder einfach nur Herzlos?

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Jul 20 2009

JuLis Niedersachsen engagieren sich für Paintball

Autor: Jan. Abgelegt unter Politik

Schon mehrfach habe ich darauf hingewiesen, dass Paintball, beziehungsweise Reball (das im Prinzip das Gleiche, nur spielt mans mit massiven Plastikkügelchen, statt mit zerplatzenden Farbpatronen – erstgenannte sind deutlich kostengünstiger, darum) nicht nur zu den ersten politischen Themen dieses Blogs gehörte, sondern mich nach längerer Pause wieder zurück in die aktive Politik gebracht hat. Ich konnte damals, vor fast drei Jahren, so wenig verstehen wie heute, was an dieser modernen Variante der seit Generationen üblichen und völlig unverdächtigen Erbsenpistolen-Schießerei denn falsch sein soll, zumal zum Beispiel Firmen, Feuerwehren oder Polizeieinheiten den Sport nutzen, um ihre Teamfähigkeit zu trainieren.

Ich selbst habs noch nie gespielt und habe das auch nicht vor – mir geht es in diesem Fall, wie in praktisch allem, was mich politisch bewegt, ums Prinzip und nicht um persönliche Vorteile. Und ich habe nach wie vor wenig Verständnis für Politiker, die diese vergleichsweise harmlose Sportart (jedenfalls verglichen mit blutrünstigen Gewaltorgien beim Fussball oder beim Boxen, wo es immer wieder zu Knochenbrüchen und anderen ernsten Verletzungen aufgrund echter körperlicher Gewalt durch den Gegner kommt) immer wieder ins Fadenkreuz nehmen.

Noch weniger Verständnis habe ich dafür, dass sich offenbar sämtliche politischen Jugendorganisationen zu fein dafür zu sein scheinen, die meistens jungen Sportler vor den Verleumdungen der Politiker, die in ihnen offenbar potenzielle Killer sehen, in Schutz zu nehmen.

Halt stopp – sämtliche Jugendorganisationen? Nein, natürlich nicht.

julis_paintball

Mein eigenet Kreisverband der Jungen Liberalen engagierte sich ja schon seit Jahren für die politisch unerwünschte Winsener Reball-Anlage und am Wochenende kämpfte der der niedersächsische Landesverband der JuLis wortwörtlich und medienwirksam für den Sport:

“Das ist eine Kurzschlussreaktion. Die große Politik sucht ein Bauernopfer. Und Uwe Schünemann war bestimmt noch nicht hier”, sagt dazu David Piotrowski aus Wolfsburg, der im Landesvorstand der Julis sitzt und die Demo gegen ein Verbot von Paintball initiiert hat. “Dabei ist Paintball eine Mannschaftssportart und nichts für einzelne. Wir sind gegen ein Verbot der Mannschaftssportart Paintball”, so der einhellige Tenor der Julis. “Jemand, der Amok läuft, spielt nicht Paintball”. “Wenn man Paintball verbietet mit dem Argument, dass da geschossen wird, dann muss man auch Schützenvereine verbieten. Denn viele Amokschützen sind auch Sportschützen”, sagte Piotrowski. Auch Völkerball in den Schulen sei ein Spiel, bei dem es darum gehe, die Gegenspieler zu treffen.

Dem ist nichts hinzuzufügen, vernünftige Argumente, Paintball zu verbieten, habe ich bis heute keine gehört. Mit mangelnder Menschenwürdigkeit der Sportart zu kommen, wie das bei uns in Winsen nach wie vor gemacht wird, ist schlichtweg lächerlich, immerhin spielt mans ja freiwillig und gibt dafür in der Regel auch ne ganze Menge Geld aus.

Nach der jüngsten Aktion der JuLis Niedersachsen dürfte den Paintballern im Lande nun wenigstens bewusst werden, dass sie in uns eine vielleicht nicht sehr große, dafür aber entschlossene Lobby für ihren Sport haben.

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Jul 20 2009

Wahlversprechen

Autor: Jan. Abgelegt unter Politik

Wir alle haben so unsere Erfahrungen mit Wahlversprechen gemacht. Und zwar meistens negative, zumindest merkt man sich die leichter.

Der größte Wahlbetrug der letzten Jahre auf Bundesebene dürfte wohl die von der SPD beschlossene Mehrwertsteuererhöhung um 3 Prozentpunkte gewesen sein, nachdem sie monatelang ausgerechnet gegen eine Erhöhung um 2 Prozentpunkte, wie sie die CDU/CSU im Falle eines Wahlsieges angekündigt hatte, massive Kampagnen gefahren hatte. Die Genossen scheinen über ein bewundernswertesbemerkenswertes Maß an Mut und Unverfrohrenheit zu verfügen, denn dreister kann man gegenüber den Wählern an sich kaum noch auftreten. Ich für meinen Teil war damals angesichts dieser Riesenfrechheit ziemlich fassungslos. Obwohl ich der SPD damals schon einiges zugetraut hatte, empfand ich das als total daneben und im Hinblick auf die Außenwirkung als eine Riesendummheit.

Aber auch wenn diese Geschichte den traurigen bisherigen Höhepunkt in der Wählerverarschung darstellt, muss man klar sagen, dass bisher noch jede Partei irgendwann mal Wahlversprechen gebrochen hat – und sei es nur, weil die fast immer nötigen Koalitionspartner natürlich eine gewisse Flexibilität und Kompromissbereitschaft einfordern.

Guido Westerwelle hat wiederholt und letzten Freitag ein weiteres Mal für die FDP versprochen, dass seine am 27. September zu wählende Fraktion einen Koalitionsvertrag nur mit dem Partner unterschreiben wird, der zu einer grundlegenden Änderung des Steuersystems bereit ist:

„Ein neues und faires Steuersystem ist für die FDP Koalitionsbedingung“, heißt es in einer Erklärung, die am Freitag in Saarbrücken von den Fraktionsvorsitzenden aus Bund, Ländern und Europaparlament verabschiedet wurde. Parteichef Guido Westerwelle sagte, faire Steuern müssten „niedriger, einfacher und gerechter“ als bisher sein.

In dieser Deutlichkeit und zu diesem Zeitpunkt dürfte das als ernsthaftes Wahlversprechen gemeint sein, an dem sich die FDP insgesamt und vor allem Guido Westerwelle persönlich wird messen lassen müssen, sofern sich denn tatsächlich ein Koalitionspartner finden lassen wird, der groß genug für eine Regierungsmehrheit zusammen mit den Liberalen ist.

Nun ist es so, dass praktisch seit dem FDP-Parteitag in Hannover im vergangenen Mai Gegner wie Befürworter der FDP darüber spekulieren, ob Steuersenkungen überhaupt machbar sind, mitten in einer Wirtschaftskrise und damit verbundenen erwarteten Steuerausfällen.

Jüngst hat zum Beispiel das Bundesfinanzministerium (= Peer Steinbrück = Stellvertretender Bundesvorsitzender der SPD, *zwinker*) “festgestellt” oder zumindest medienwirksam verlautbaren lassen, dass das FDP-Steuerkonzept nicht finanzierbar sei, weil dann schließlich 80 Milliarden Euro fehlen würden – zusätzlich zu den ebenfalls vom stellvertretenden SPD-Vorsitzenden erwarteten “Mindereinnahmen”.*

Da im Jahr 2008 das Steueraufkommen ungefähr 100 Milliarden über dem von 2005 – also vor gerade einmal vier Jahren(!) gelegen hat. Man möge mich einen kühnen Visionär schimpfen – aber wo es ohne Weiterees möglich ist, mal eben innerhalb von drei Jahren 100 Milliarden mehr auszugeben, da müsste es doch machbar sein, einen deutlich kleineren Betrag einzugsparen, zumal ohnehin kein Weg (zumindest, sofern man einen völligen Staatsbankrott nicht als Weg bezeichnen will) daran vorbei führt, den Haushalt endlich mal in den Griff zu bekommen.

Allerdings ist das in dem Ausmaß voraussichtlich noch nicht einmal nötig, denn FDP-Finanzexperte Solms weist (wahrscheinlich zurecht) darauf hin, dass die Schätzung des Finanzministeriums wahlkampfbedingt getrost als etwas großzügig gerechnet gewertet werden sollte:

“So halte das Ministerium alle Mehreinnahmen, die das liberale Steuerkonzept beinhalte, aus den Berechnungen heraus. Als Beispiele nannte er die Erhöhung der Körperschaftssteuer von 15 auf 25 Prozent, den Wegfall von Subventionen und Bürokratiekosten und die Einführung eines Kommunalzuschlags auf Einkommen- und Körperschaftssteuer.”

Dies alles Bedenkend, erscheint nun das FDP-Konzept doch nicht so unrealistisch, wie häufig dargestellt – wenngleich es natürlich ambitioniert ist.

Dass sich allerdings am deutschen Steuersystem endlich einiges ändern muss, dass scheint in der Gesellschaft weitgehend Konsenz zu sein. Es ist eindeutig zu kompliziert und Gesetze, die keiner versteht sind nunmal unfair. Dass fast jeder Normalverdiener ab und an einen Steuerberater oder zumindest eine entsprechende Computersoftware konsultiert macht deutlich, dass beim Thema Steuern, selbst wenn man ihre Höhe als unbedingt geboten betrachten mag, ein großer Handlungsbedarf besteht.

Ist es da wirklich so schwer, dieses Wahlversprechen als ernste Absicht mit äußerster Priorität zu begreifen, zumal mitten in einer Wirtschaftskrise?

Ein anderes Wahlversprechen sollte allerdings – leider – weniger ernst genommen werden: Die Abschaffung der Wehrpflicht nämlich, die der FDP-Chef heute nochmal in einem Interview betont hat:

“Ich weiß nicht, ob es uns gelingt, das direkt am Anfang in einer Regierungskoalition mit der CDU/CSU durchzusetzen. Ich weiß nur, dass wir sehr viel dafür tun werden, denn Wehrgerechtigkeit ist ein wichtiges Anliegen der FDP. Und dass die einen dienen und die anderen in der Zeit schon verdienen, ist absolut unfair.”

In der Tat ist zu befürchten, dass sich die Union mit diesem Vorhaben schwer tun wird (gerade heute beim öffentlichen Gelöbnis der Bundeswehr vor dem Reichstagsgebäude in Berlin hat die Bundeskanzlerin sich nämlich wieder ziemlich deutlich zur Wehrpflicht bekannt) und dass die SPD, mit der ein längst überfälliges Ende der Wehrpflicht vermutlich dann doch etwas einfacher zu realisieren wäre, bei den Wahlen nicht stark genug abschneiden wird, als dass sie als Koalitionspartner für die FDP in Frage kommt.

Allerdings liegen ja auch Welten zwischen der Entschlossenheit, die Guido Westerwelle beim Vorhaben des neuen Steuersystems und beim Projekt Wehrpflichtabschaffung vermittelt.

Und auch wenn ich mir sicher bin, dass in einer Wirtschaftskrise sowohl ein besseres Steuersystem, als auch 70.000 junge Männer, die arbeiten, Werte schaffen und nicht zu vergessen auch ihren Lohn wieder ausgeben, statt gegen ihren Willen durch den Schlamm zu robben gleichermaßen sinnvolle Vorhaben sind, werde ich mich wohl damit abfinden müssen, dass beides auf einmal kaum machbar erscheint.

Wenn Westerwelle davon spricht, “viel dafür tun” zu wollen, dann verbinde ich das allerdings mit der vagen Hoffnung, dass der Kompromiss am Ende lauten könnte, die Internetzensur wieder abzuschaffen und die Vorratsdatenspeicherung noch dazu, wenn die FDP sich eben wenigstens für weitere vier Jahre mit der unfairen, sexistischen und seit vielen Jahren absolut überflüssigen Wehrpflicht arrangieren kann.

Wetten würde ich allerdings nicht drauf, womit wir wieder beim Ausgangspunkt dieses Artikels und den bisherigen Erfahrungen mit Wahlversprechen wären…

* Der Begriff “Mindereinnahmen” ist ein bisschen komisch, wie Matthias Fischbach hier mit einer interessanten Grafik belegt – denn selbst Steinbrücks Ministerium, dass in dieser Hinsicht und gerade jetzt im Wahlkampf zu einem gewissen Berufspessimismus zu neigen scheint, rechnet nicht damit, dass die Einnahmen in den kommenden Jahren niedriger als – zum Beispiel – 2006 werden; “Mindereinnahmen” meint lediglich, dass es eine Differenz zwischen neuerer und älterer Steuerschätzung gibt. Im Prinzip bedeutet der Begriff “Steuermindereinnahme” also mehr oder weniger, dass irgendwer sich beim Blick in seine Glaskugel / Kaffeesatzlesen um einen Betrag X vertan hat, aber nicht zwangsläufig wirklich Geld fehlt.

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Jul 20 2009

Das Quiz der sinnlosesten Steuern

Autor: Jan. Abgelegt unter Politik

Ein kleines Quiz zum Wochenanfang: Drei der nachfolgend genannten Steuern werden in Deutschland nicht, beziehungsweise nicht mehr erhoben – welche mögen das wohl sein, wo sie doch eigentlich alle ziemlich bescheuert und überflüssig klingen?

  • Alkopopsteuer
  • Biersteuer
  • Branntweinsteuer
  • Fenstersteuer
  • Feuerschutzsteuer
  • Jagd- und Fischereisteuer
  • Kaffeesteuer
  • Kinosteuer
  • Lotteriesteuer
  • Schankerlaubnissteuer
  • Schaumweinsteuer
  • Speiseeissteuer
  • Vergnügungsteuer
  • Zuckersteuer
  • Zweitwohnungsteuer

Die Auflösung gibts dann morgen, zu gewinnen gibt es die wichtige Erkenntnis, dass es nichts gibt, dass sich nicht besteuern lässt und die Fantasie der Politik keine Grenzen kennt, wenns ums Geld eintreiben geht.

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Jul 17 2009

“Desertec” – nur Science Fiction?

Autor: Jan. Abgelegt unter Politik

Nachdem sich der erste Wirbel um diese “Desertec”-Idee gelegt hat, also dem Vorhaben, Strom in der Sahara zu gewinnen und dann nach Deutschland zu transportieren, ist es vielleicht erlaubt, doch nochmal kurz ernsthaft über das Vorhaben nachzudenken.

Als gelernter Elektriker hatte ich mich ja von vornherein gefragt, wie man denn auch nur ansatzweise wirtschaftlich Strom über tausende Kilometer transportieren will – das widersprach schließlich weitgehend dem, was ich so zum Thema zu wissen glaubte. Und offensichtlich bin ich nicht allein, ist diese Frage so etwas wie die Achillesferse des Projektes:

“So wies RWE-Mann Prof. Dr. Ing. Helmut Alt von der FH Aachen darauf hin, dass solarthermisch erzeugter Strom etwa fünfmal teurer kommt als Strom aus heimischen Kern- oder Braunkohlekraftwerken. Hinzu kämen die Kosten des Stromtransports über 5.000 Kilometer. Erfolge diese mithilfe der bislang für die Leitung von 400 kV Wechselstrom verwendeten Aluminium/Stahlseile mit einem Leitungsquerschnitt von 240/40 Quadratmillimetern, müsse mit Übertragungsverlusten von 50 Prozent gerechnet werden. Wähle man dagegen größere Querschnitte, könne man diese Verluste zwar theoretisch auf 15 Prozent verringern, man benötige dann aber riesige Mastkonstruktionen, die noch nirgends erprobt sind und höchstwahrscheinlich in keinem der möglichen Transit-Länder wie Spanien oder Frankreich akzeptiert würden.”

Mag ja sein, dass sich dafür Lösungen finden lassen. Eine wäre zum Beispiel, das Kraftwerk doppelt so groß zu bauen, um die Verluste ausgleichen zu können. Damit wäre die erzeugte Energie dann zwar schon zehn mal teurer als der derzeitige Stand der Technik. Aber Klimaschutz hat halt seinen Preis und das “Desertec” so eine aus dem Hut gezauberte Wunderlösung ohne Nachteile sein würde, hat hoffentlich sowieso keiner geglaubt, oder?

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