Eine neue Form des Interviews scheint das SMS-Interview zu sein. Fragen und Antworten sind dabei naturgemäß eher kurz, so wie das ganze Interview. Das muss – wie wir seit Twitter wissen – kein Nachteil sein. Aufs Wesentliche beschränkt bedeutet schließlich auch frei von größerem Geschwafel. Ob es sich trotzdem durchsetzt, muss man mal Abwarten.
Cicero hat jedenfalls nach diesem Prinzip jetzt die Vorsitzenden der großen politischen Jugendorganisationen befragt. Es sind jeweils nur ein paar Fragen und die Antworten sind kurz und knackig. Aber schon die ausgesuchten Überschriften zeigen, wo die Reise für den Parteinachwuchs hingeht:
JuSos werben mit Sozialismus, Grüne Jugend mit Fantastereien und die JU im Ernst mit Zwangsarbeit. Die JuLi-Forderung ist da wohl, auch wenn ziemlich umstritten in der Gesellschaft, die eindeutig sozialverträglichste Position.
Einige Antworten sind bemerkenswert. Franziska Drohsel von den Jusos erklärt zum Beispiel:
Der letzte Juso-Buko hat das Ende des Kapitalismus eingeläutet. Viele in der Partei werden begeistert sein, andere werden sich dem Schicksal fügen müssen.
Sich fügen müssen – so etwas von einer bedeutenden politischen Organisation im Jahr 20 nach der Berliner Mauer – wenn man so etwas liest wünscht man sich als freiheitsliebender Mensch, dass die SPD aufhört zu existieren oder gänzlich in Bedeutungslosigkeit versinkt, bevor Drohsel und ihre sozialistischen Freunde dort wirklich etwas zu sagen haben.
Andererseits bestünde vielleicht ja doch die Chance, dass die Juso-Vorsitzende in einer verantwortungsvollen Position vielleicht mit der Realität konfrontiert und von ihrem irren Zielen abgebracht werden könnte. Ihre Ziele definiert sie nämlich wie folgt:
1. Überwindung des Kapitalismus. 2. Offene Grenzen. 3. Luxus für alle. Nummer eins erfüllt bereits die Folgeziele.
Das ist natürlich Blödsinn denn Nummer eins widerspricht selbstredend völlig den Folgezielen. Die Grenzen der DDR waren jedenfalls, trotz ernsthaft versuchter Abschaffung des Kapitalismus, nicht besonders offen. Man mag andere DDR-Errungenschaften als Luxus empfinden aber Jahrzehnte auf ein “Auto” oder Telefon warten zu müssen, empfände ich schon als ausgesprochen unluxuriös.
Ähnlich an der Realität vorbei ist, was die Vorsitzende der Grünen Jugend, Kathrin Henneberger in ihrem SMS-Interview so fordert:
Der Zwangsdienst Wehrpflicht muss abgeschafft und die Bundeswehr zum Technischen Hilfswerk umgebaut werden. Ja, ich will Friede, Freude, veganer Eierkuchen!
Eierkuchen ohne Eier – ja klar. Zu meinen, der Rest der Welt würde automatisch ein friedliches Regenbogenland, bloß weil Deutschland seine Bundeswehr abschafft, spielt in der gleichen intellektuellen Liga. Mit der Realität hat beides nichts zu tun.
Phillip Mißfelder von der Jungen Union antwortet immerhin auf die Frage nach Differenzen zur Mutterpartei und wie er seine Partei “auf Linie” bringen will:
Bei Computer- und Videospielen müssen wir den einen oder anderen noch weiter aufklären.
Das ist freilich eine ziemlich verharmlosende Beschreibung der Kenntnisse innerhalb der Partei der Computerspielverbieter, Internetzensierer und Überwachungswahnsinnigen. Und ehrlichgesagt habe ich meine Probleme, diese Antwort für voll zu nehmen – Mißfelder ist nach meinem Empfinden längst CDU-Establishment, sitzt ja immerhin schon eine Weile in Bundestag und Parteipräsidium. Vielleicht sind CDUler im Hinblick auf Medienkompetenz wirklich sowas von beratungsresistent, dass man mit solcher Aufklärung auf Granit beisst. Ich fürchte allerdings, dass ihm möglicherweise ab und zu Karriere und parteikonforme Äußerungen vorgehen, als seinen Kollegen die Meinung zu geigen, wie es sich gehören würde.
Ein anderes Highlight stellt die Forderung,
“die Wehrpflicht zu einer allgemeinen Dienstpflicht für Männer weiterzuentwickeln”
zu wollen, dar.
Na schön, in der CDU, die die Bundeswehr am liebsten als Polizeitruppe einsetzen würde, wird so eine Forderung möglicherweise schon als revolutionär empfunden.
Und die “Wehrpflicht weiterzuentwickeln” an sich könnte vielleicht sogar auch anderswo auf Gegenliebe stoßen. Wer sagt denn, dass die junge Grüne Henneberger sich als Kompromiss vielleicht auf eine “Dienstpflicht für Männer” einlassen würde, wenn es sich nur um soziale Dienste handeln würde? Für sie schien ja schlißelich nicht so sehr der Zwang das große Problem zu sein, sondern hauptsächlich das Schießen.
In “Dienstpflicht für Männer” stecken bei Lichte betrachtet natürlich gleich zwei Ungeheuerlichkeiten. Als Nicht-Jurist, der ich nunmal bin, werde ich wahrscheinlich nie verstehen, wie ein geschlechterdiskriminierender Zwangsdienst mit unserem Grundgesetz oder auch nur mit den Fundamenten eines freiheitlichen Rechtsstaates zu vereinbaren ist oder jemals war.
Etwas Schlimmes in Johannes Vogels’ SMS-Interview zu finden ist mir trotz angestrengter Suche nicht gelungen. Ja klar: Das Cannabis-Thema ist nicht einfach, jedenfalls für manche Menschen. Echten Bullshit, wie bei seinen Kollegen, sucht man aber vergebens – wer welchen findet, darf ihn trotzdem gerne als Kommentar hinzufügen.