Grüner Konservatismus
Posted on | August 3, 2009 | 1 Comment
Selten teile ich die Meinung des Kollegen Christian Soeder – in diesem Fall aber stimme ich ihm voll und ganz zu und schließe mich seiner Behauptung, die Grünen – oder wenigstens Teile davon – hätten gefährlich konservative Ansichten und letztlich das Ziel, eine Art Nanny-Staat zu errichten an. Als Beleg zitiert er einen Kommentar eines Sympathisanten für die grüne Alkoholverbotspolitik, wie wir sie vornehmlich im Südwesten Deutschlands erleben – und von wo sie übrigens mit der aktuell schonwieder angestoßenen Debatte zu Verkaufsverboten in Tankstellen sich dummerweise auch auf den Rest der Bundesrepublik auszubreiten droht.
Den ganzen Kommentar wiederzugeben spar ich mir, den findet man ja schon entweder bei der Originalquelle oder RotStehtUnsGut, dem SPD-Blog. Einige Passagen sind es aber wert, gesondert kommentiert zu werden. Zum Beispiel diese hier:
“Mit dem Alkohol halte ich’s wie mit der Religion: Soll jeder soviel nehmen, wie er möchte. Aber bitte nicht in der Öffentlichkeit.”
Ich gehöre nun eher nicht zu den religiösesten Menschen aber jedes Zeichen von Religiösität aus der Öffentlichkeit zu verbannen ist ein ziemlich bescheuertes Vorhaben, was den Vergleich mit einem Alkoholkonsumverbot umso absurder erscheinen lässt. Ja okay: Sollten in diesem Land irgendwann alle Kirchen, die aussehen wie Kirchen und damit eindeutig religiös motivierte Bauwerke sind, abgerissen worden sein, weil ein mehrheitlich erwünschter Grüner Bundeskanzler das so gewollt hat, dann gäbe es vermutlich auch keine nennenswerte gesellschaftliche Opposition gegen ein Verbot, ein Birchen in Fußgängerzonen zu trinken. Aber so sehr mich Kirchengebimmel nervt, sie sind Teil unserer Kultur und gehören so, wie sie sind. Ich will auch nicht in einem Land leben, in dem Menschen in den Knast kommen, wenn sie öffentlich beten und auch wenn ich wirklich gar nichts für sie übrig habe, gehören in meinen Augen auch Bibelhausierer nicht zwangsweise aus der Öffentlichkeit verbannt. Soviel Toleranz muss sein. Soviel Toleranz bringe ich all jenen entgegen, die anderes glauben und meinen als ich selbst und soviel Toleranz fordere ich auch von meinen Mitmenschen ein, wenn ich meinen Interessen und Lieblingsbeschäftigungen nachgehe – die auch nicht immer jedem gefallen mögen, wenn sie öffentlich stattfinden.
Gegenseitige Toleranz ist ein Grundwert einer freien, offenen Gesellschaft und er beginnt im Kleinen mit genau solchen Fragen. Kommentator Leschnewsky zeigt einige Sätze später aber wieder, dass ihm dieser Grundwert nichts bedeutet und er ihn am liebsten einer Art politischen Oberaufsicht unterwerfen würde:
“Es gibt kein Grundrecht, sich in der Öffentlichkeit besaufen zu dürfen. Außerdem halte ich das Mitführen von alkoholischen Getränken zum Zwecke des Verzehrs in der Öffentlichkeit für eine Unsitte. Oder ist es etwa ein erhebender Anblick, wenn einem jemand in der U-Bahn gegenübersitzt, der demonstrativ seine Bierflasche zwischen den Beinen hält, um ab und zu einen Schluck daraus zu nehmen?”
Dazu muss man feststellen: Es gibt ein naturgegebenes Grundrecht, tun und lassen zu dürfen worauf man gerade Bock hat. Das findet seine Grenzen spätestens dort, wo anderer Leute Freiheit in Mitleidenschaft gezogen wird und im Übrigen durch andere Gesetze, die nicht alle sinnvoll sein mögen – aber gegen öffentliches Besaufen an sich gibt es meines Wissens kein explizites Gesetz, sofern denn daraus keine Straftaten oder Ordnungswidrigkeiten entstehen. Mit anderen Worten: Selbstverständlich hat jeder das Recht, sich in der Öffentlichkeit zu betrinken. Er hat nicht das Recht, anschließend Passanten anzupöbeln oder anderen verbotenen Unsinn zu machen und das ist auch gut so. Öffentliches Trinken für eine Unsitte zu halten ist legitim – aber reine Privatsache. Ich empfinde es als Unsitte, erwachsenen Menschen so etwas verbieten zu wollen und fordere trotzdem kein Verbot konservativer Ordnungsfanatiker.
Es gibt ganz sicher auch kein Gesetz, dass alles, was in der Öffentlichkeit stattfindet einen erhebenden Anblick abzugeben hat. Wenn doch fielen mir übrigens auf einen Schlag dutzende von Dingen ein, deren Anblick ich wenig erhebend finde. Wie soll ein friedliches Zusammenleben eigentlich funktionieren, wenn wir anfangen, unseren Mitmenschen solche Maßstäbe anzulegen? Also jedenfalls ohne eine im Gleischritt marschierende uniformierte Gesellschaft schaffen zu wollen, meine ich?
Man kann aber auch noch absurder argumentieren:
“Betrachtet man das Trinken von Alkohol dagegen als alltäglichen Verzehr von Nahrungsmitteln, so gehört dieser erst recht in die eigenen vier Wände.”
Jawohl, Schluss mit all diesen Restaurants, Weg mit den Würstchenbuden vor Supermärkten und in Innenstädten!
Nein im Ernst: Es ist ja schön, dass Ingo Leschnewsky es schöner findet, zuhause zu essen und zu trinken (dass er “beichtet”, dabei auch mal einen Rotwein zu trinken wirkt fast beruhigend zwischen all den intoleranten Ansichten) aber sowas dann zur allgemein gültigen einzigen Wahrheit machen zu wollen, an die sich gefälligst jeder zu halten hat, dass führt zuende gedacht zu einer Gesellschaft ohne selbstverständliche Freiheiten.
Wüsste ich es nicht besser, würde ich hoffen, dass Henning Schürig, auf dessen Blog Ingo Leschnewsky seinen Kommentar hinterlassen hat und dessen Meinung zu öffentlichen Alkoholverboten eine liberale ist, zur Mehrheit derjenigen gehört, die in solchen Fragen bei den Grünen den Ton angeben. Aber Anti-Alkohol und Anti-Tabakpolitik haben nunmal bei den Grünen eine erschreckend große Lobby. In solchen und ja auch vielen anderen gesellschaftspolitischen Fragen sind liberale Ansichten in dieser Partei eben nicht teil Grüner Prinzipien sondern oft höchst umstritten.
Übrigens zeigt sich hier nicht nur eine normale Meinungsverschiedenheit sondern auch der grund, warum Grüne Grüne und Liberale Liberale sind: Grüne wollen die Welt ändern, indem sie das Verhalten der Menschen ändern. Liberale dagegen wollen die Welt ändern, damit sie zu den Menschen und ihrem Verhalten passt.
Comments
One Response to “Grüner Konservatismus”
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August 3rd, 2009 @ 16:41
Es gibt nicht nur ein naturgegebenes Grundrecht, zu tun oder zu lassen, was man will. Das steht sogar im Grundgesetz: “Jeder hat das Recht auf freie Entfaltung seiner Persönlichkeit” (Art. 2 Abs. 1 GG). Und dazu zählt auch das Trinken auf der Straße, ob es einem passt oder nicht. Wer dieses Recht einschränken will, braucht gute Gründe, und dafür reicht der manchmal unschöne Anblick mit Sicherheit nicht aus.