Gehts noch?
Posted on | August 5, 2009 | 13 Comments
Vier Monate lang hat es nichtmal die geballte Macht der Nato hinbekommen, die Hansa Stavanger aus der Hand der Piraten frei zu bekommen. Vier Monate, die sich die Besatzung in der Hand skrupelloser Verbrecher befunden hat und in denen die Gefangenen offenbar Scheinhinrichtungen ausgesetzt waren und wohl nie sicher sein konnten, diese Hölle lebendig oder auch nur gesund zu überstehen.
Es ist am Ende der Reederei zu verdanken, die zwei Millionen Euro Lösegeld für Schiff und Besatzung gezahlt haben soll, dass das Ganze zu einem guten Ende gebracht werden konnte. Nach meinem Empfinden wäre dass der Job der Bundesregierung gewesen – wenn nicht Lösegeld zu zahlen, dann zumindest diese Menschen zu befreien. Statt sich für ihr Versagen (das ihr angesichts der zugegebenermaßen schweren Aufgabe ja niemand wirklich übel nimmt) zu entschuldigen, entblöden sich Politiker der Regierungsparteien nicht, der Reederei vorzuwerfen, mit Millionen ihres Geldes Menschenleben gerettet zu haben:
Der Parlamentarische Geschäftsführer der SPD-Bundestagsfraktion Thomas Oppermann sagte der “Hannoverschen Allgemeinen Zeitung” (Mittwoch): “Das Problem der Piraterie wird dadurch nicht kleiner”. Der Westen finanziere mit Lösegeldzahlungen eine Entführungsindustrie in Somalia. Es seien “hoch professionelle Banden”. “Organisierte Kriminalität hat aus der Piraterie ein einträgliches Geschäft gemacht”.
Wie herzlos kann man eigentlich sein? Wenn ein Schiff gekapert und seine Besatzung gefangen worden sind, dann muss doch wohl die Befreiung Tagesordnungspunkt 1 sein und die Lösung des Gesamtproblems im Zweifel zurückstehen.
Wenn sich die Bundesregierung schonmal nicht darum kümmern wollte, wie es den Anschein hat, okay – gehört eben Mut zu, den in Berlin keiner hatte.
Aber dann ausgerechnet von deren Unterstützern im Bundestag private Rettungsversuche zu kritisieren, ist jawohl das Allerletzte.
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13 Responses to “Gehts noch?”
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August 5th, 2009 @ 10:30
Ich kann Dir weitgehend Recht geben. Ausser in einem Punkt: Es ist tatsächlich Aufgabe der Reederei, ihre Angestellten da raus zu holen. Sie haben sie da ja auch rein gebracht. Die Routen der Schiffe werden nach Profit gewählt. Große Umwege sind da nicht drin. Und der entsprechende Geleitschutz wäre finanziell zumindest ebenfalls Aufgabe der Reedereien. Es ist schließlich ihr Geschäft. Und wenn die Kosten steigen, dann muss eben anders kalkuliert werden. Aber es kann nicht die Aufgabe des Steuerzahlers sein, die Geschäfte irgendwelcher Multis zu schützen und deren Profit zu maximieren.
Aufgabe des Staates (und des Steuerzahlers) ist es, die Piraterie zu bekämpfen. Hier könnte durchaus mehr getan werden. Aber Diejenigen, die von solchen Schiffsfahrten profitieren, sollten auch für die Risiken aufkommen. So gesehen war die Zahlung des Lösegeldes nur folgerichtig. Auch, wenn das nicht im Sinne der Bekämpfung der Piraterie ist.
Wie macht man das eigentlich, wenn hier Jemand entführt wird, und Lösegeld erpresst wird? Da ermittelt die Polizei doch auch nach Lösegeldübergabe weiter. Ähnliches müsste hier auch gelten.
August 5th, 2009 @ 10:38
Ich habe mich wahrscheinlich etwas ungenau ausgedrückt denn im Prinzip gebe ich dir Recht:
Ich wäre schon dafür, dass Reedereien ihre Handelsschiffe anständig bewaffnen um sich selbst gegen Piraten verteidigen zu können.
Was ich geschrieben habe, war aber mehr auf die herrschende Situation bezogen: Wenn da schon Kriegsschiffe rumkreuzen, wenn wir schon Militär gegen Piraten einsetzen, dann wäre es deren verdammte Pflicht, solche Entführungsopfer zu befreien.
Für mich ist die Grundsatzfrage, was gegen Piraterie machbar ist oder auch nicht das Eine. Wie man Menschenleben und letztlich auch gekaperte Schiffe (da gehts halt schon um existenzielle Werte für deutsche Firmen, dass sind ja nun nicht “Multis”, wie du schreibst sondern oft kleine und mittlere Unternehmen und Anteilseigner) retten kann aber etwas ganz anderes. Sowas ist ein Notfall und da gehören alle Hebel in Bewegung gesetzt.
August 5th, 2009 @ 11:20
Hmmm, kann ich nachvollziehen. Allerdings ist es nicht einfach für das Militär dort. Einerseits müssten sie die Erlaubnis bekommen, viel eher scharf zu schießen. Andererseits wissen wir ja, was für “Rambos” zum Teil dort Dienst tun. Und für Geiselbefreiungsaktionen sind sie weder ausgebildet noch ausgerüstet. Das Militär dort kann allenfalls eine gewisse Prävention betreiben. Mehr nicht. Leider.
Die Schiffe zu bewaffnen wäre vielleicht eine Lösung. Dann aber auch mit der entsprechenden Besatzung. Bezahlt von den Reedereien. Allerdings dürfte das eine Rüstungsspirale in Gang setzen. Das sollte man einkalkulieren. Aber man könne auf solchen großen Containerschiffen allerdings genügend Feuerkraft installieren, um Piratenangriffe abzuwehren. Das geht eben auf Kosten der Ladung (und damit des Profits), und kostet Material und Personal. Vielleicht könnte man wenigstens das mit dem Personal reduzieren auf gefährdete Gebiete (so ähnlich wie Lotsen, die auch von Bord gehen). Aber die Geräte (Geschütze) müssten auf jedem Schiff installiert werden. Das kostet.
Den Umständen entsprechend machen die Soldaten dort durchaus einen brauchbaren Job. Man soltle das nicht all zu sehr kritisieren. Aber es könnte in der Tat effektiver sein.
August 5th, 2009 @ 11:23
Noch eine Idee: Früher bildete man vor der Durchquerung solcher Gebiete Convois. Diese wären dann problemlos durch die Kriegsschiffe zu beschützen. Echter Geleitschutz eben. Aber dazu müssten die Schiffe eben abwarten, bis sich ein Convoi gebildet hat. Das kostet halt Zeit. Wäre aber wohl billiger, als jedes Schiff einzeln militärisch hochzurüsten.
August 5th, 2009 @ 13:08
Militärische Operationen zur Geiselberfreiung können grandios schiefgehen (bedenkt man was Siegfried schreibt, ist das sogar recht wahrscheinlich) während Lösegeldzahlungen eines Staates diesen als erpressbar ausweisen. Unter anderem könnte man dann wohl mit steigenden Lösegeldern rechnen, denn Staaten können sich i.d.R. mehr leisten als Private. Ganz einfach ist die Situation also wirklich nicht.
In der Kritik der Politikeräußerungen stimme ich Dir aber völlig zu, die sind eine Unverschämtheit. Wie fast alles, das man derzeit aus dieser Ecke hört.
August 5th, 2009 @ 13:27
Also bitte, eine Geiselnahme kann mit oder ohne Militär in einer Katastrophe enden, dass an sich ist jawohl kein besonders zündendes Argument. Klar ist – da gebe ich Sigfried auch Recht – dass also entsprechend ausgebildet werdern muss. Klar ist auch, dass wir sowas von Ministern, die lieber ein paar hunderttausend Mann zur Kanonenfutterausbildung zwangsverpflichten eher nicht erwarten können.
Wie Reedereien ihre Schiffsverteidigung organisieren ist mir ehrlichgesagt herzlich egal aber ich nehme an dass sowas schon an den deutschen Waffengesetzen scheitern würde und so gesehen ohnehin unrealistisch ist. Von daher muss eigentlich zwangsläufig der Staat einspringen, wenn er seine Bürger und Gewerbetreibenden systematisch entwaffnet…
David: Eine staatliche Lösegeldzahlung fände ich übrigens in jedem Fall falsch. Ist hier ja aber auch nicht geschehen.
August 5th, 2009 @ 13:37
Hatte Dich da anders verstanden. Diese Stelle hier schien mir staatl. Lösegeldzahlungen durchaus als Option zu betrachten:
August 5th, 2009 @ 14:42
David hat das Dilemma sehr schön benannt. Die Situation ist wirklich nicht einfach. Und was die Bewaffnung der Handelsschiffe und das Waffengesetz angeht, hast Du Recht. Deshalb auch meine Idee mit der Convoibildung mit staatlichem Geleitschutz.
Das Problem der Flotte ist ja, dass ein recht großes Gebiet überwacht werden muss. Da ist die Wahrscheinlichkeit groß, dass die Flotte grad nicht zur Stelle ist. Und die Pireaten sind schnell. Bildet man hingegen einen Convoi, muss das Gebiet gar nicht mehr überwacht werden. Es muss nur noch der Convoi auf seiner Fahrt überwacht werden. Das konzentriert die Flotte an genau der Stelle, an der Gefahr ist. Keine Patrouille mehr, einfahc nur mit der Handelsflotte (dem Convoi) mitfahren. Wenn die Piraten abseits davon spazieren fahren, wen Juckt’s? Und für diese Art der Prävention ist die Flotte durchaus ausgebildet. Das würde gehen. Ich frage mich, warum noch Niemand auf die Idee gekommen ist. Meine Vermutung ist, dass die Reedereien ihr Schiff nicht ein paar Tage vor Ort still liegen lassen will, bis ein Convoi zusammen ist. Aber das wäre die billigste, sicherste und effektivste Methode.
August 5th, 2009 @ 15:26
David,
Richtig: Lösegeld zu zahlen bleibt immer eine Option – ob ich dass nun befürworte oder nicht. Ich befürchte halt, dass so ein Schritt wahrscheinlicher zustande kommen würde und habe sie deswegen genannt.
Siegfried,
ich vermute, dass der Schiffsverehr normalerweise (mag derzeit etwas anders sein, keine Ahnung) an einigen neuralgischen Punkten sowieso fastdich t an dicht stattfindet, als wäre ständig Convoi – aber vielleicht ließe sich dass tatsächlich etwas besser organisieren. Trotzdem kann aber immer noch irgendwie so etwas passieren und dafür müssen einfach mal ein paar vernünftige Lösungen her, denke ich.
August 5th, 2009 @ 15:46
Der Verkehr ist dort recht dicht. Aber nicht so dicht, dass man nicht noch wesentlich weiter konzentrieren könnte. Das Hauptproblem dürfe eine Kostenfrage sein: Ein Schiff, das still liegt, kostet. Und zwar nicht unerheblich. Und eine Convoibildung würde zwangsläufig etliche Schiffe ein paar Tage (2-3?) stillegen. Allerdings dürfte das immer noch billiger sein, als wenn ein Schiff 4 Wochen still liegt, weil gekapert.
August 5th, 2009 @ 20:08
Lösegelder haben immer den Nachteil, dass sie weitere Enführungen motivieren und dazu dienen können den Piraten eine bessere Ausrüstung zu finanzieren. Daher sollte man Befreiungsversuche stehts bevorzugen. Die Kosten dafür dürfen gerne die Reeder tragen.
August 6th, 2009 @ 02:37
Wenn sies eh selbst bezahlen sollen sollen sie aber schon auch selbst entscheiden dürfen, welchen Weg sie wählen.
August 6th, 2009 @ 09:27
@Jan: Da ist was dran.