Aug 17 2009
SPD-Forderung nach Monokultur
Natürlich ist es schlecht, dass die Länder so tief in die Schulen hineinregieren, wie sie es tun, das ist doch gar keine Frage. Es ist nicht nötig, dass die Beschaffenheit jedes Türdrückers durch ein Landesministerium kontrolliert wird und auch bei der Auswahl der Lehrer sollte die Politik unbedingt weniger als heute zu sagen haben.
Meine spontane Reaktion auf Christians Tweet
91 Prozent der Eltern würden die Länderzuständigkeit für Schulen am liebsten beseitigen. http://bit.ly/10A6v9 #fb
war denn auch, ebenfalls über Twitter:
@christiansoeder ich auch!
Das war natürlich augenzwinkernd gemeint – denn die SPD und mutmaßlich auch Christian wollen natürlich nicht den viel zu großen Einfluss der Politik in die Schulbildung verringern, sondern sozusagen den Bock zum Gärtner machen und die Länderzuständigkeit durch eine Bundeszuständigkeit ersetzen, also im Prinzip den Föderalismus in Deutschland weitgehend beseitigen – denn die Bildungspolitik gehört zu den letzten wichtigen Bereichen, um die sich die Länder immerhin noch kümmern dürfen.
Es ist immer sehr einfach, die jeweils bestehende Bildungspolitik schlecht zu finden. Wer schulpflichtige Kinder hat, dem fällt praktisch ständig auf, was alles nicht optimal läuft. Und natürlich wissen und finden wir alle, dass auf jeden Fall auch mehr Geld in die Schulen gesteckt werden sollte.
Wie man im Ernst meinen kann, dass all das automatisch besser laufen würde, wenn im fernen Berlin statt im nahen Hannover oder gar – wie ich mir das wünschen würde – in genau der Stadt, in der die Schule steht über bestimmte Dinge entschieden würde, erschließt sich mir nicht.
Das sich trotzdem 91 Prozent der Eltern eine Art bundesweite Einheitsschule zu wünschen scheinen, mag mit den oben genannten realen schlechten Erfahrungen zu tun haben und mit dem daraus erwachsenen Wunsch, dass sich einfach jemand anders um Bildung kümmern sollte. So vor die Wahl gestellt, ob sich um Schule nun lieber Land oder Bund kümmern soll, ist es relativ leicht, sich für den Bund zu entscheiden.
Der Bund allerdings ist genauso hoch verschuldet wie die Länder, ringt genauso um jede Ausgabe (zumindest, wenn nicht gerade Wahlen anstehen wie in diesem Jahr) und dürfte sich überdies mit regionalen Besonderheiten und ortsgerechten Lösungen noch schwerer tun, als das in den Ländern ohnehin der Fall ist. Die Chance, dass sich ein künftiger Bundesbildungsminister höchstpersönlich genau meiner Schule und ihrer Probleme annimmt, ist sicher nicht größer als mit einem Landesbildungsminister, der sich “nur” um sämtliche niedersächsischen Schulen kümmern muss.
Ich kann nur davor warnen, auf derlei simple Heilsversprechen hereinzufallen. Vieles, was an Schule nervt liegt weniger daran, dass die Landespolitik dort das Sagen hat, sondern dass überhaupt die große Politik so tief in alle denkbaren Regeln und Richtlinien in Sachen Bildung eingedrungen ist – oder an fehlendem Geld.
Nicht mehr Zentralisierung sondern mehr Wahlfreiheit und mehr Wettbewerb sind der Schlüssel zu besseren Schulen. Denn letzten Endes wissen Eltern und Schüler immer besser als eine kleine Gruppe Auserwählter (egal ob die nun in Hannover oder Berlin sitzt), wie Schule sein muss, damit sie damit zufrieden sind.
Aber sei’s drum: Von mir aus soll doch die Bundesregierung testweise mal ein paar eigene zusätzliche Schulen aufmachen und zeigen, dass sie es wirklich besser kann. Konkurrenz belebt schließlich das Geschäft und wenn dann wirklich 91 Prozent der Schüler plötzlich freiwillig wechseln würden, wären die Landesschulen wohl wirklich so schlecht wie ihr Ruf.
Erklären muss mir aber bei Gelegenheit nochmal einer dieser Antiföderalisten aus der SPD und anderen Zentralismusfans, warum denn eine bundesweit einheitliche Bildungspolitik und nicht etwa eine europaweite der Weisheit letzter Schluss sein soll, wenn doch “alles das Gleiche” ihrer Meinung nach der ultimative Erfolgsgarant sein soll.
12 Kommentare












Ich finde die Idee, den Ländern die Verantwortung für die Schulen zu entziehen, einfach perfekt. Allerdings darf die dann nicht zum Bund wandern, sondern muss bei den Kommunen angesiedelt werden. Bei den Ländern dürfte dann nur doch die Kompetenz für den Rahmen der Bildung verbleiben (Prüfungsordnungen, Mindeststandards u.ä.).
Bei den Kommunen ist man deutlich dichter an den Eltern und ihren Anforderungen dran. Die Kommunalpolitik muss sich im Zweifel sehr direkt mit den Konsequenzen ihrer Entscheidungen und den Reaktionen darauf auseinander setzen. Das führt zwangsweise zu einer mehr am tatsächlichen Bedarf und weniger an Ideologie ausgerichteten Bildungslandschaft.
Wenn man das dann noch mit Bildungsgutscheinen und der Gleichberechtigung von Schulen in freier und privater Trägerschaft verbindet, erhält man einen guten Mix aus öffentlich und privat betriebenen Schulen, aus dem sich Eltern und Schüler ein passendes Angebot mit hoher Qualität auswählen können. Landes- und Bundespolitiker bekommen so etwas nachgewiesenermaßen nicht hin.
Ich betrachte dies aus 2 Blickwinkeln: der Wunsch der Eltern (und anderer) nach einer “bundeseinheitlichen” und die “örtlichen Gestaltungsmöglichkeiten”. Der Wunsch der Eltern nach einer bundeseinheitlichen Schule basiert auf den unterschiedlichen Lehrplänen. Es kann doch in einem Land (DE), in welchem die Bürger flexibel sein sollen, nicht angehen, dass ein Umzug in ein anderes Ländchen, den Kindern derartige Probleme bereitet wie derzeit. Was in Bayern in der 9. Klasse vermittelt wird, muss auch für Hamburg gelten!
Praktische Entscheidungen, die die Schulen betreffen, die können (@Oliver Fink) in den Kommunen angesiedelt sein.
Wichtigster Punkt für mich ist: Entzieht den Landesfürsten die Schulpoitik als Profilierungsinstrument, denn dazu ist dies ein zu wichtiges Thema.
Der Bildungsföderalismus ist eine wunderbar deutsche Idee, die so deutsch ist wie nur irgendwas – Bürgernähe ja, praktischer Bezug ist egal. Man kann so schön daran Rumtheoretisieren. Vor allem gilt das häufig für diejenigen, die nicht ein einziges Mal als Schüler zwischen Bundesländern die Schule wechseln mußten. Oder gar zwischen dem Ausland und der Schule. Bei dieser Gruppe von Menschen gehen die Meinungen dann doch sehr weit vom schönen deutschen Bildungsföderalismusideal weg.
Während Auslandschulen einem weitgehen einheitlichen Standard folgen und den Wechsel von einer zur anderen Schule zulassen, was sehr sinnvoll ist, fordert zwar Wirtschaft und gesellschaft die berufliche Flexibilität von den Menschen, die Schüler werden aber, auch wieder typisch deutsche Bildungspolitik, nicht beachtet. Ich selber durfte fünf Schulen in vier verschiedenen Bundeländern durch beruflich bedingte Umzüge der Eltern genießen, plus zwei Auslandsschulen. Ich kann als Betroffener nur sagen: wer für den Bildungsföderalismus ist, kann nicht wissen, wovon er redet oder hat es eben nie mitgemacht. Keine einheitlichen Prüfkritereien, keine einheitlichen Lernpläne mit entsprechenden Fortschrittsstufen, keine einheitlichen Ziele bezüglich des Lernstoffs in ein und demselben Fach. So einen Mist können sich nur theorieverliebte Deutsche ausdenken. Dabei muß heutzutage beides gelichzeitig gefördert werden: der Wissenstand der Kinder und die beruflilche, räumliche Flexibilität der Eltern. Föderalismus ist in diesem Bereich völlig kontraproduktiv, denn er fördert genau das, was hier so vehement verdonnert wird: die bürokratische und politische Selbstverwirklichung Einiger zu Lastern derjenigen, um die es gehen sollte.
Oliver, ich würde sagen, wir sind uns da weitgehend einig.
Lore Ress,
warum soll denn ein Umzug innerhalb Europas quasi schlechter gestellt sein als einer innerhalb Deutschlands? Mein Land heisst nunmal erstmal Niedersachsen, dass sich halt irgendwie auch noch in Deutschland befindet aber deswegen muss ja trotzdem nicht hier alles wie in Hamburg oder Bayern sein.
Davon abgesehen wäre es ganz schön heftig, wegen einer winzigen Minderheit, die halt während der Schulzeit mal in ein anderes Land wechselt, dermaßen gewaltige Kompetenzverschiebungen zu machen. Das steht nun wirklich in einem Missverhältnis.
Carsten Jung,
um einheitliche Prüfkriterien und den anderen Kram zu schaffen haben wir eigentlich eine Kultusministerkonferenz. Dass die offenbar nicht funktioniert ist ein anderes Thema. Föderalismus fördert im besten Fall nunmal auch Wettbewerb, wenn man den mal endlich zulassen würde. Ohne den tut sich gar nichts – siehe die Debatten, für die es erst eine Vergleichsstudie wie PISA gebraucht hat, die ja nichts anderes tut als den Wettbewerb etwas besser begreifbar zu machen.
Die einheitliche Bildungspolitik in anderen Ländern wird immer als Tatsache vorausgesetzt. Meinen Informationen nach ist beispielsweise in Finnland eine so hohe Autonomie der Schulen gegeben, dass diese sogar den eigenen Lehrplan in wesentlichen Zügen selbst bestimmen. Und Finnland wird uns doch als “PISA-Sieger” sonst immer als Vorbild vorgehalten. Warum nicht hier?
Selbst innerhalb eines Bundeslandes, also unter der Hoheit einer Regierung, kann es bei entsprechender Unfähigkeit dazu kommen, dass ein Schulwechsel ausgeschlossen ist. In Schleswig-Holstein gibt es beispielsweise die Kontingentstundentafeln, in denen lediglich festgelegt wird, in welchem Zeitraum welches Fach mit welcher Gesamtstundenzahl zu unterrichten ist. Da kann als also passieren, dass in einer Schule zunächst Erdkunde und dann Geschichte unterrichtet wird, in der anderen halt anders herum und in einer dritten über den gesamten Zeitraum beides mit reduzierter Stundenzahl. Auch hier ist ein Wechsel zwischen den Schulen gleicher Art im gleichen Bundesland mit außerordentlichen Problemen für den Schüler verbunden.
So etwas würde bei bundeseinheitlicher Regelung natürlich nicht besser. Ich kann mir durchaus eine Schule nach bundeseinheitlichem Standard als Angebot vorstellen. Aber unabhängig davon müsste es ebenso anderen Schulbetreibern möglich sein, davon abweichend eigene Konzepte umzusetzen. Und dann obliegt es den Eltern, gemäß Artikel 6 des Grundgesetzes ihrer Verantwortung für ihre Kinder nachzukommen. Dann wären die bundeseinheitliche Schule und die übrigen Anbieter in einem Wettbewerb um das beste Konzept. Es gibt nämlich keinen Grund, hierbei die Eltern zu entmündigen und zwangsweise ein Einheitsschulsystem für alle einzuführen.
ich finde die länderzuständigkeit für schulen ganz gut, denn man sieht ja wie man es machen kann, siehe bayern und wie nicht, siehe berlin.
Die Überschrift wäre sogar für die BILD zu reißerisch. In der Föderalismusreform II wurden die Kompetenzen der Länder in der Bildung sogar gestärkt, und beschlossen haben diese CDU, CSU und SPD.
Mir wäre neu, dass die SPD fordert, das Bildungssystem zu vereinheitlichen. Und wie Du darauf kommst, dass ich das fordere, musst Du mir mal erklären. Es gibt gute Argumente dafür, es gibt gute Argumente dagegen. Ich persönlich bin unentschlossen, mit leichter Tendenz zum förderalen System.
Selbst wenn aber meine Meinung die wäre, das förderale System zu beseitigen, so ist es wirklich reichlich lächerlich, das deshalb als SPD-Forderung zu bezeichnen. So wichtig bin ich in der SPD wirklich nicht.
Ich hab mich ja auch nicht auf deinen Tweet, sondern auf den Artikel bezogen. Dessen Titel lautet immerhin “SPD attackiert das föderale Bildungssystem” und es heisst darin zum Beispiel
“Die SPD will dem Bund mehr Mitspracherechte in der Bildungspolitik geben und schließt dafür auch eine Grundgesetzänderung nicht aus.”
Kann schon sein, dass das nicht für “die SPD” im Sinne von 100% (oder auch nur 75…) gilt, nur hat die SPD doch auch sonst wenig Probleme damit, Kompetenzen nach oben zu verlagern – ist jedenfalls mein subjektives Empfinden.
Ich bin halt mal – vielleicht etwas vorschnell – davon ausgegangen, dass du die in dem ja auch von dir selbst verlinkten Artikel geäußerte SPD-Position unterstützt – tust du ja offenbar auch ansatzweise, wie ich zumindest aus deinem Kommentar herauslese.
Dass die SPD heute dies und morgen jenes will, ist ja nun nichts, was uns groß überraschen sollte.
Fast vergessen mich für
“Die Überschrift wäre sogar für die BILD zu reißerisch.”
zu bedanken;)
“Mehr Mitspracherechte” und “Monokultur” ist etwas “leicht” anderes. Aber ok, Du willst nicht sachlich diskutieren, Du willst agitieren. Habe ich vergessen.
Das wäre richtig, wenn Mitspracherechte nach unten und nicht nach oben verlagert würden aber dem Bund mehr Macht zu geben läuft ja nunmal im Endeffekt darauf hinaus, dass vereinheitlicht wird. Zu mehr Wettbewerb zwischen den Ländern und ihren Konzepten wird doch eine solche Verlagerung kaum beitragen können und es wäre mir auch neu, wenn ausgerechnet die SPD plötzlich derart energisch für Wettbewerb einträte.