Wie sah die innerdeutsche Grenze aus?
Nur Monate, nachdem Walter Ulbricht erklärt hatte, niemand hätte “die Absicht eine Mauer zu errichten”, passierte Folgendes:
In der Nacht vom 12. auf den 13. August 1961 begannen die NVA, 5000 Angehörige der Deutschen Grenzpolizei (Vorläufer der Grenztruppen), 5000 Angehörige der Schutz- und Kasernierten Volkspolizei und 4500 Angehörige der Betriebskampfgruppen die Straßen und Gleiswege nach West-Berlin abzuriegeln. Sowjetische Truppen hielten sich in Gefechtsbereitschaft und waren an den alliierten Grenzübergängen präsent. Alle noch bestehenden Verkehrsverbindungen zwischen den beiden Teilen Berlins wurden unterbrochen. Dies betraf allerdings nur noch die U-Bahn und die S-Bahn. Jedoch waren die West-Berliner S-Bahn- und U-Bahn-Linien auf den Tunnelstrecken unter Ost-Berliner Gebiet nur insoweit betroffen, dass die Stationen abgesperrt wurden und ein Ein- bzw. Ausstieg nicht mehr möglich war. Die Züge fuhren ab dem 13. August abends ohne planmäßigen Halt durch die zu so genannten Geisterbahnhöfen gewordenen Stationen. Nur die den Bahnhof Friedrichstraße berührenden Linien hatten einen Halt zum Erreichen der dort eingerichteten Grenzübergangsstelle. Erich Honecker war als damaliger ZK-Sekretär für Sicherheitsfragen für die gesamte Planung und Umsetzung des Mauerbaus politisch im Namen der SED-Führung verantwortlich.
(Quelle: Wikipedia)
Nicht genug damit, dass die sozialistische SED-Regierung ihre Untertanen im Wortsinn einmauerte, wurde daraus in den Folgejahren das größte Gefängnis der Welt. Wie ausgefeilt das Unrechtsregime seine “Gefangenen” an der Flucht hinderte, zeigt dieser fabelhafte Animationsfilm der Deutschen Welle:
Guttenbergs Ghostwriter
Okay, der Wirtschaftsminister hat ein Gesetz von einer Anwaltskanzlei schreiben lassen. Was könnte daran falsch sein? Naja, er hat zum Einen selber eine gigantische Behörde, in der es vermutlich auch einige Juristen geben wird, die das hätten machen können. Ich weiss zwar nicht, ob die wirklich – wie Kollege Haseler mutmaßt – stattdesseb Däumchen gedreht haben so mitten in der Wirtschaftskrise. Aber potenziell hätten die das sicher erledigen können oder man hätte in anderen der ganzen Behörden wen gefunden, der ein Gesetz schreiben kann.
Was für Gründe dass nun gewesen sein mögen, die zu der Entscheidung geführt haben, dieses Gesetz anderswo machen zu lassen, weiss ich nicht. Dass es andere als reine Verschwendungssucht gewesen sein könnten, würde ich aber zumindest mal nicht ausschließen. Zum Beispiel wäre es durchaus denkbar, dass die besten Juristen der Welt zufällig nicht beim Staat arbeiten und den Wunsch, insbesondere bei äußerst kniffligen Gesetzen lieber auf die denkbar besten Leute zurückgreifen zu wollen, den kann ich mir durchaus vorstellen. Soll halt der Bundesrechnungshof da jetzt gucken, ob das albern und zu teuer gewesen ist – eigentlich bin ich aber schon geneigt, einer Bundesregierung einen gewissen eigenen Arbeitsstil zuzugestehen. Will heissen: Wenn die Ergebnisse okay sind, dann können ja teure Methoden durchaus kostengünstige Lösungen nach sich ziehen.
Hochinteressant ist aber abgesehen von diesen Fragen, die hauptsächlich für den Wahlkampf relevant zu sein scheinen, folgender Vorwurf, wie ihn beispielsweise der grüne MdB Wolfgang Wieland erhebt:
“Eine Kanzlei zu beauftragen, die ansonsten mit maroden Banken ihr Geld verdient, ist ungefähr so, als ob man zum Trockenlegen des Sumpfes die Frösche beauftragt.” Das sei “verdächtig”.
Man nenne mich einen unverbesserlichen Verfassungsromantiker – aber solange ein Parlament über den vom Ministerium oder eben einer X-beliebigigen Anwaltskanzlei verfassten Gesetzentwurf anschließend abstimmt, sollte es doch an sich für den Inhalt piepegal sein, wer ihn nun entworfen hat, oder?
Man mag ja einwerfen, dass die womöglich wirklich weltbesten Juristen das Gesetz so entwerfen könnten, dass diejenigen, die es beschließen sollen, nicht verstehen können, was sie denn beschließenwollen – und vielleicht ist es ja dass das, was Herr Wieland “verdächtig” findet und Carsten Schneider zum Anlass eines halben Vorwurfs des Vertretens von Lobbyinteressen durch das Ministerium nimmt..
Aber ehrlichgesagt wird mir bei einer derartigen mutmaßlichen Arbeitsauffassung unserer Parlamentarier Angst und Bange. Ich wähle doch nicht, damit die Herrschaften einfach blind abnicken, was ihnen vorgesetzt wird. Wäre dass der Sinn eines Parlamentes, dann könnten wir sämtliche Abgeordneten auch durch dressierte Schimpansen ersetzen – die sind wenigstens in den meisten Fällen lustiger anzuschauen.
Zur Kontrolle der von der Regierung entworfenen Gesetze sind aber diejenigen da, die sie beschließen sollen oder eben ansonsten ihre Zustimmung verweigern könnten. Wer ein Problem damit hat, wer handwerklich so ein Gesetz schreibt, während er doch selbst im Parlament sitzt und es entsprechend ändern könnte (eigentlich: müsste), vielleicht sogar der Regierungskoalition angehört, der sollte also mal seine grundsätzliche Arbeitshaltung überdenken.
Wir haben ein Recht auf Schmutz!
“Quelle für Kriminalität, Terrorismus und ziemlich viel Schmutz”
So definiert Wolfgang Bosbach, der es trotz solcher eigenartigen Ansichten immerhin zum Fraktionsvize der CDU im Bundestag bringen konnte, das Internet und findet:
“Wir brauchen mehr verdeckte Ermittler, die als Internetpatrouille im Netz kriminelle Machenschaften aufspüren”
Das Internet steht für die CDU also unter Generalverdacht, denn so eine Patroulle wird wohl eher nicht darauf warten, dass irgendwer irgendwas anzeigt, sondern verdachtsunabhängig ermitteln.
Wen wunderts da noch, dass aus Reihen der Bundesregierung dieser Tage die Idee einer Art “Ausweispflicht” im Internet als Testballon ihren Weg in die Medien findet? Ausweispflichten sind ja nunmal irgendwo auch immer Ausdruck eines gewissen Misstrauens gegenüber seinen Trägern.
Was ist von der Idee zu halten? Nun, Kriminelle und Terroristen besitzen für gewöhnlich die ungeheuerliche Frechheit, sich um für ihr Metier lästige Pflichten wie legale, ordentliche Ausweise herumzudrücken.
Allerdings könnte so eine Ausweispflicht vielleicht schon dabei helfen, Kriminalität und Terrorismus im Netz wenn schon nicht zu mindern, dann wenigstens zu identifizieren. Die Frage bleibt jedoch, ob der Preis dafür auch nur im Entferntesten angemessen erscheint. Denn so eine Ausweispflicht würde den Geist des Fernmeldegeheimnisses natürlich noch weiter aushöhlen. Gespeichert werden muss eh längst alles, demnächst wird dann auch die Identifizierung der Nutzer einfacher – also für die Nutzer, die blöd/aufrichtig genug sind, sich derart ausspähen zu lassen.
Und wer sagt mir eigentlich, dass das, was Herr Bosbach “Schmutz” nennt und von dem wir aufgrund einschlägiger Kenntnisse in Sachen CDU-Mentalität ja alle wissen, dass zum Beispiel etliche Computerspiele, Porno- oder Glücksspielseiten oder Seiten voller Inhalte politisch Andersdenkender zweifellos dazugehören dürften, wer sagt mir denn, dass Besuche, Postings, Downloads und so weiter in diesen Gegenden des Netzes nicht in irgendeiner Weise gegen ganz normale Menschen verwendet werden können?
Datenlecks sind bei den Behörden ja leider schon mehrfach aufgetreten und letztlich arbeiten auch dort nur Menschen. Wie hoch wird deren Hemmschwelle sein, wenn sie – zufällig oder nicht – feststellen, dass z.B. ein bekannter Bischhof regelmäßig einen Sadomaso-Versandhandel besucht oder dass ein Ministerpräsident oder ein Firmenchef Seitensprungagenturen nutzt? Wer garantiert, dass bei einem Verkehrsdelikt nicht geprüft wird, ob ich irgendwann mal auf einem Fachforum über Drogen unterwegs war, was man dann mit Sicherheit zu meinen Lasten auslegen könnte?
Ich schlage vor, dass mit der Ausweispflicht im Internet lassen wir mal lieber bleiben. Illegale Inhalte auf eine Anzeige hin zu entfernen halte ich jedenfalls für den besseren Weg der Kriminalitätsbekämpfung. Wir alle haben ein Recht auf anonymen Zugang zu Bosbachs “Schmutz”, zumindest solange er nicht illegal ist.
Realitätsverdreher bei der Arbeit
Sieht man sich diesen Artikel und die Reaktionen im Internet (z.B. bei Twitter oder auf Rivva) dazu an, kommen Fragen auf. Zum Beispiel nach der Medienkompetenz einiger Zeitgenossen.
Oder auch die Frage, ob es wirklich zielführend ist, gegen Sicherheitsgesetze insgesamt zu Felde zu ziehen oder ob es nicht eigentlich reicht, solche Gesetze so zu machen, dass der Bürger nicht unter Generalverdacht gestellt und pauschal überwacht wird.
So jedenfalls würde ich interpretieren, wenn Telepolis schreibt
“Offenbar als Schritt zur Union hin sagte Westerwelle, dass man zwar Bürgerrechte schützen, sich neuen Sicherheitsgesetzen aber nicht verweigern wolle.”
Telepolis macht daraus kurzerhand die Überschrift
“Westerwelle kündigt schärfere Sicherheitsgesetze an”
- was man vielleicht böswillig unterstellen könnte, sich zumindest anhand dessen, was im Artikel steht aber nicht bestätigt und aus dem Interview selbst heraus kann ich eine solche Ankündigung auch nicht erkennen.
Weil der Artikel bis dahin zu kurz wäre, wurde er noch ein bisschen größer getrickst und auf die aktuelle “Argulineraffäre” – oder wie immer man es nennen will – eingegangen wird. Das hat mit Guido Westerwelle oder der FDP eigentlich nichts zu tun, auch wenn es sich bei dem in der letzten Woche veröffentlichten Arguliner laut Telepolis um einen “Wahlkampfleitfaden der FDP” handelt, der “an die Öffentlichkeit gelangt” war.
Es wird so getan, als wäre hier wunder was aufgedeckt worden – dabei geht es in Wahrheit um einen stinknormalen Arguliner, wie es ihn zu praktisch jedem Thema und jeder Partei und Gruppierung, auf die man im Wahlkampf nun einmal angesprochen werden könnte, gibt. Speziell dieser ist nun aber nicht von der FDP, sondern den Jungen Liberalen, namentlich von Nils Droste und Hanni Wolf. Beide sind, soweit ich weiss, natürlich nicht nur im Bundesvorstand der Jungen Liberalen, sondern auch aktive FDP-Mitglieder. Wenn dass aber neuerdings reicht, einen Text zu einem Parteipapier zu machen, dann sollte ich als FDP-Mitglied die vielen Artikel, in denen ich FDP-Positionen öffentlich kritisiere wohl lieber sofort löschen, bevor die Piratenpartei sie “leakt”… jedenfalls handelt es sich eindeutig um ein Papier der Jungen Liberalen, was ja auch – wer lesen kann ist hier wie so oft klar im Vorteil – groß und deutlich oben drüber steht und im Übrigen wäre es auch recht unüblich, dass aktive Bundesvorstandsmitglieder der JuLis plötzlich anfangen, offizielle FDP-Papiere zu verfassen.
Überhaupt ist es faszinierend, wie im Hinblick auf diesen Arguliner so getan wird, als wäre da ein großes internes Geheimnis dank unerschrockener Hacker ans Licht gekommen. Die Wahrheit ist, dass solche Arguliner sämtlichen Mitgliedern frei zugänglich sind und dass sie natürlich nicht besonders gesichert irgendwo rumliegen. Wozu auch, der Inhalt ist kein bisschen brisant. Es geht lediglich darum, jungen Wahlkämpfern relevante Informationen und ein paar Argumente an die Hand zu geben, wenn jemand an den Wahlkampfstand kommt und einen mit der Piratenpartei und ihren Positionen konfrontiert. Daraus auf Angst der FDP vor den Piraten zu schließen, wie das momentan vielerorts gemacht wird, ist also reichlich abenteuerlich – eine solche “Angst” ist dann nämlich gegenüber allen anderen Parteien genauso vorhanden – auf deren Positionen bereitet man sich als Wahlkämpfer ja nunmal ebenfalls vor.
Und selbstverständlich ist der Hinweis, dass es irgendwie dämlich wäre, von sich aus im Wahlkampf die Piratenpartei anzusprechen, richtig und nur legitim. Daraus einen Vorwurf zu stricken ist ungefähr so sinnvoll wie den Piraten wiederum vorzuwerfen, dauernd zu behaupten die FDP würde nur so tun, als ginge sie Bürgerrechte etwas an – dem gemeinsamen Ziel in dieser Hinsicht das Land zu verändern dient das eindeutig auch nicht.
Aber Telepolis ist Telepolis. Und so erschreckt es kaum, dass im gleichen Artikel dann gleich mal ein bisschen Anti-FDP-Kampagne gefahren wird, indem man die “sexuelle Orientierung” (was ja fast schon klingt, als wäre Guido Westerwelle irgendwie total schräg drauf und nicht einfach nur homosexuell) des FDP-Vorsitzenden zu einem Problem hochstilisiert:
“Aufgrund seiner sexuellen Orientierung könnten sich in diesem Falle allerdings Probleme mit Staatsbesuchen in einer Reihe von Ländern wie Saudi-Arabien, Nigeria oder Jamaica ergeben.”
Klingt so allerdings viel eleganter, als wenn Telepolis direkt geschrieben hätte
“Wählt nicht die FDP, sie hat einen Schwulen zum Chef!”
Warnung: Bitte nicht FDP wählen!
CSU-Landesgruppenchef Peter Ramsauer warnt
Wer FDP wähle müsse wissen, dass er auch Dinge wie
- das volle Adoptionsrecht für gleichgeschlechtliche Lebenspartnerschaften,
- die Einführung des sogenannten Bürgergeldes,
- die Abschaffung der Wehrpflicht,
- einen schnellen Vollbeitritt der Türkei zur Europäischen Union sowie
- schrankenlose Forschung im Bereich der embryonalen Stammzellen oder der grünen Gentechnik
unterstütze.
Ich schließe mich dieser Warnung an: Wer mit all diesen Selbstverständlichkeiten Probleme hat, sollte sich in der Tat nicht der Illusion hingeben, er wäre liberal gesinnt, weltoffen und tolerant. Dementsprechend soll er von mir aus gerne eine dieser Paternalistenparteien wählen, die der Überzeugung sind, sie selbst wüssten in allen Lebenslagen besser was gut für den einzelnen Bürger ist als der selbst auch nur ahnt.
Kritik an den Piraten
Ich bin ehrlichgesagt ein bisschen froh, dass es die Piratenpartei gibt und dass sie offenbar auch einen gewissen Wirbel verursacht. Ihre Themen sind wichtig und werden in den etablierten Parteien entweder zu wenig oder zuviel und dann grundfalsch behandelt. Ich gönne ihr daher wirklich jede Stimme, die sie bei der Bundestagswahl abräumt – aus dem ohnehin liberalen Lager werdens schließlich so gut wie keine sein, wir sind uns schließlich in den meisten Punkten einig mit den Piraten.
Allerdings wird aus dem Piratenprojekt, den Bundestag zu entern (ohnehin recht kühnes Ziel aber ich könnte auf Anhieb Parteien nennen, die ich anstelle der Piraten wesentlich lieber außerhalb des Parlaments sehen würde) wird mit Sicherheit nichts, wenn die Kritikpunkte, die Marcus angemeldet hat, nicht so langsam mal aus der Welt geschafft werden:
ihr erzwingt euch mit grosser mobilisierung gruppen und partei-stati auf verschiedenen plattformen, die keine sonstige mini-partei hat (und das seit ihr nunmal (noch))
ihr hüpft auf jede online-umfrage, um euch in die 90%-region zu ballern. siehe u.a. xing.
ihr seit (offenbar) in der lage, webseiten dichtzuschiessen, wie man an den heutigen ausfällen bei xing ja sehen kann.
und weiter:
ihr habt bei der europawahl gerade mal 0,9% der richtigen wähler von euch überzeugen können und ich kenne keine umfrage, die euch aktuell in anderen bereichen sieht. vielleicht solltet ihr eure ganze mobilierungskraft auch mal darauf verwenden, die wähler (ausserhalb des netzes)
- davon in kenntnis zu setzen, dass es euch gibt
- über euer anliegen zu informieren und
- um ihre stimmen zu werben.
Ich empfehle, ruhig den ganzen Artikel zu lesen und sehe es selbst ganz ähnlich: Eine Piratenpartei, die sich auf das kindische herumterrorisieren im Internet beschränkt, wird kaum dafür sorgen, können dass ganz normale Wähler erkennen, dass Internetzensur und Vorratsdatenspeicherung gefährliche Irrwege sind. Ein reiner Krawall-Wahlkampf erschreckt höchstens die, die bisher nichts verstanden haben aber nun einmal überzeugt werden müssen.
Abwrackprämienbeschiss
“Bis zu 50.000 in Deutschland abgewrackte Fahrzeuge sollen demnach illegal ins Ausland verkauft worden sein – obwohl sie in Deutschland verschrottet werden sollten. “Organisierte Recycler machen hier Geschäfte”, sagte der stellvertretende Verbandsvorsitzende Wilfried Albishausen der Zeitung zufolge. “Fünf bis zehn Prozent” der bisher angeblich verschrotteten Fahrzeuge seien nach Afrika und Osteuropa transportiert worden.”
…und erleichtern dort Menschen das Leben – tja. Zur Beruhigung: Nen neuen VW hätten die sich voraussichtlich eh nicht leisten können.
Das Gesetz zur Abwrackprämie und seine Auswirkungen dokumentieren für mich, in was für einer verschwenderischen Überflussgesellschaft wir im Gegensatz zu anderen Teilen der Welt leben: Was dort als willkommener und bedeutender Fortschritt gilt, sollte hier steuerlich gefördert in Schrott verwandelt werden. Wer das moralisch falsch findet sollte sich vielleicht umgehend eine Kampagne gegen der Bekleidungsindustrie schadende Altkleidersammlungen ausdenken.
Dass die Abwrackerei zudem eine ziemliche Ressourcenfrevelei ist, ist ja auch klar – mit der sonst so hochgejubelten Umweltfreundlichkeit hats jedenfalls nichts zu tun, auf Krampf Autos produzieren zu wollen, die ohne Zuschuss von 2500 Euro pro Stück kein Mensch gebraucht hätte.
Es ist natürlich illegal, wenn da getrickst und quasi doppelt Geschäft mit gemacht wird aber dass so etwas halt auch geschieht überrascht doch nicht. Letztlich handeln die Beteiligten auch nur nach ihrem gesunden Menschenverstand – der sich freilich nicht immer mit besonders abenteuerlich-absurden Gesetzen vereinbaren lässt.
Das Problem liegt damit auf der Hand: Manche Menschen ziehen in besonders haarsträubenden Fällen offenbar den Gebrauch ihres Verstandes der Unterwerfung unter ein saublödes Gesetz vor. Wie ärgerlich.
Gehts noch?
Vier Monate lang hat es nichtmal die geballte Macht der Nato hinbekommen, die Hansa Stavanger aus der Hand der Piraten frei zu bekommen. Vier Monate, die sich die Besatzung in der Hand skrupelloser Verbrecher befunden hat und in denen die Gefangenen offenbar Scheinhinrichtungen ausgesetzt waren und wohl nie sicher sein konnten, diese Hölle lebendig oder auch nur gesund zu überstehen.
Es ist am Ende der Reederei zu verdanken, die zwei Millionen Euro Lösegeld für Schiff und Besatzung gezahlt haben soll, dass das Ganze zu einem guten Ende gebracht werden konnte. Nach meinem Empfinden wäre dass der Job der Bundesregierung gewesen – wenn nicht Lösegeld zu zahlen, dann zumindest diese Menschen zu befreien. Statt sich für ihr Versagen (das ihr angesichts der zugegebenermaßen schweren Aufgabe ja niemand wirklich übel nimmt) zu entschuldigen, entblöden sich Politiker der Regierungsparteien nicht, der Reederei vorzuwerfen, mit Millionen ihres Geldes Menschenleben gerettet zu haben:
Der Parlamentarische Geschäftsführer der SPD-Bundestagsfraktion Thomas Oppermann sagte der “Hannoverschen Allgemeinen Zeitung” (Mittwoch): “Das Problem der Piraterie wird dadurch nicht kleiner”. Der Westen finanziere mit Lösegeldzahlungen eine Entführungsindustrie in Somalia. Es seien “hoch professionelle Banden”. “Organisierte Kriminalität hat aus der Piraterie ein einträgliches Geschäft gemacht”.
Wie herzlos kann man eigentlich sein? Wenn ein Schiff gekapert und seine Besatzung gefangen worden sind, dann muss doch wohl die Befreiung Tagesordnungspunkt 1 sein und die Lösung des Gesamtproblems im Zweifel zurückstehen.
Wenn sich die Bundesregierung schonmal nicht darum kümmern wollte, wie es den Anschein hat, okay – gehört eben Mut zu, den in Berlin keiner hatte.
Aber dann ausgerechnet von deren Unterstützern im Bundestag private Rettungsversuche zu kritisieren, ist jawohl das Allerletzte.
Insel der Erkenntnis
Die langersehnte Urlaubsfolge von Fricke & Solms – Die “Insel der Erkenntnis”:
Jugendschutz abschaffen!
Eine drastische Forderung, ich weiss. Bin ich also endgültig von allen Guten Geistern verlassen? Will ich denn wirklich, dass Jugendliche und Kinder Zugang zu jedem Schmuddelschund, zu Gewaltdarstellungen oder Drogenversandhäusern haben?
Ich kann dich beruhigen, lieber Leser: Das ist nicht mein Antrieb. Ich finde Jugendschutz in Ordnung. Ich finde es richtig, bei bestimmten Dingen Altersgrenzen einzuführen und so die Eltern bei bei ihrem Bemühen zu unterstützen, ihre Kinder behutsam auf die Erwachsenenwelt vorzubereiten, statt sie von Geburt an mit der ganzen Härter der Realität zu konfrontieren.
Problematisch, beziehungsweise beim besten Willen nicht mehr hinnehmbar wird Jugendschutz, wenn er nur noch als Vorwand dient, auch Erwachsenen das Leben und die wirklich interessanten Dinge darin schwer zu machen. Genau das droht nun aber “the next big thing” im Kampf gegen unsere Freiheit zu werden:
“Die Kommission für Jugendmedienschutz (KJM) will sich für eine Verschärfung der Gesetze in Richtung auf Zugangssperren im Internet einsetzen, wenn Internet Service Provider (ISP) nicht freiwillig “unzulässige und jugendgefährdende Inhalte” sperren. ”
Solche Maßnahmen haben mit Jugendschutz nichts mehr zu tun. Wer Jugendschutz über die Pressefreiheit stellt, will letztlich Zensur. Denn werden Jugendgefährdende Inhalte bereits durch die Internetanbieter gesperrt, wie will dann die Bundesregierung mein Recht auf nicht-jugendfreie Pornos oder Gewaltspiele bitteschön noch garantieren*, was doch irgendwo auch zu ihren heiligen Pflichten gehört?
Und natürlich ist auch dass wieder Wasser auf die Mühlen aller Gegner der von-der-Leyenschen Internetzensur: Wir alle haben genau das geahnt, exakt so etwas kommen sehen. Und diese Vorahnungen, die sich ja beinahe im Wochentakt bestätigen und einer ganzen Generation auch den letzten Glauben an dieses Land zu rauben drohen, sind der Grund, der die Piratenpartei groß und größer und den Rest der Internetnutzer mindestens sauer und saurer werden lässt.
Jugendschutz: Ja! Aber nicht um jeden und schon gar nicht um so einen hohen Preis.
Verehrte “Kommission für Jugendmedienschutz”: Strengt euer Gehirnschmalz an und findet gute Lösungen, statt einfacher!
Und noch was: Wenn ich lese,
“weitere Themen, denen sich die KJM künftig besonders intensiv widmen will, sind Online-Spiele, Chats und Casting-Shows,”
bin ich sowieso kurz davor, Eure Existenzberechtigung völlig in Frage zu stellen. Wer keine existierenden Probleme mehr findet, der schnitzt sich schnell selber welche, oder wie?
–
* jaja ich weiss, vermutlich will sie das eh nicht, weil sie aus einer Bande von Spießern besteht aber ein bisschen idealistisches Denken kann ich mir einfach bei allem Sarkasmus immer noch nicht verkneifen