Gewaltprobleme einer Kleinstadt
Posted on | Oktober 6, 2009 | 2 Comments
“Hat Winsen ein Gewaltproblem?” fragt das Hamburger Abendblatt, um im selben Artikel darzulegen, dass man das so mit Sicherheit jetzt dann doch nicht bejahen kann.
Denn was verstehen wir als Leser unter einem “Gewaltproblem”? Doch wohl eine erhöhte Zahl an gewalttätigen Vorkommnissen zwischen Menschen und eher nicht erhöhter Vandalismus.
Vandalismus gab es immer, in der letzten Zeit stachen in Winsen allerdings zwei Vorkommnisse besonders hervor: Zum einen wurden Skulpturen im Luhe-Park zerstört, beziehungsweise gestohlen, zum anderen die Bronzeskulptur auf dem Schlossplatz schwer beschädigt. Beides sind zweifellos Akte der Gewalt aber ein “Gewaltproblem” stelle ich mir ehrlichgesagt ein wenig anders vor.
Als weitere Hinweise führt das Abendblatt Aussagen des Stadtsprechers Theodor Peters an, der
“den persönlichen Eindruck” hat, dass die Stadt mehr Strafanzeigen gegen unbekannte Randalierer stellt als jemals zuvor,
Sowie die Tatsache, dass eine neue Wetterstation am Gymnasium Winsen eingezäunt wurde – man wisse ja nie, wird der Schulleiter zitiert.
Als weiteres Indiz bringt die Zeitung eine “ältere Frau”, die – laut Abendblatt – ihren Namen nicht nennen mag und von “komischen Gestalten” spricht, sowie einer Floristin, die ebenfalls jene “komische Gestalten” gesehen hat und sich, genau wie die ältere Dame, abends nicht mehr auf die Straße traut, “aus Angst vor Pöbeleien oder Schlimmerem”.
Was etwas objektiver betrachtet am Winsener “Gewaltproblem” dran ist, fasst die Polizei so zusammen:
Ulrich Grimm, Leiter des Winsener Kriminaldienstes, bestätigt, dass es “punktuell Probleme mit Sachbeschädigungen” gebe. So sei der Eckermann-Park nach den letzten Vorfällen “wohl nicht geeignet, wertvolle Sachen zu beherbergen”. Gerade in dunklen Ecken der Stadt gebe es immer wieder Fälle von zerstörten Bänken, angezündeten Papierkörben oder demolierten Autos. Hingegen beobachte der Beamte, ohne für mehr Überwachung plädieren zu wollen, dass am Bahnhof und am Gymnasium die Videoaufzeichnungen dazu führen, dass die Zahl der Straftaten sinkt. “Gerade am Bahnhof hatten wir in der Vergangenheit schwere Übergriffe. Das hat sich mittlerweile gelegt”, so Grimm.
Wenn man will, kann man darin ein “Problem” erkennen. Hielte ich für leicht übertrieben aber natürlich muss ich die Meinung der Anwohner der Innenstadt irgendwo zur Kenntnis nehmen – die halten sich im Zweifel schon öfter dort auf, als ich.
Allerdings wird von konkreten gewalttätigen Übergriffen auf Menschen nichts erwähnt, weder im genannten Artikel, noch scheint dass überhaupt ein nennenswertes Problem zu sein. Das “Gewaltproblem”, sofern es sich nicht nur auf die jüngeren Sachbeschädigungen bezieht, scheint also vor allem ein gefühltes Problem zu sein, zumal die Polizei davon ausgeht, dass sich an der Zahl der gemeldeten Straftaten in diesem Jahr doch gar nichts ändern wird.
Und da plötzlich wird mir klar, was sich CDU und Freie Winsener bei ihrem kleinen Projekt einer Bürgerstreife gedacht haben: Gefühlte Probleme löst man am Einfachsten mit gefühlten Lösungen!
Wir kommen in dem Artikel natürlich auch vor:
Die Gegner sagen, die Kreisstadt sei nicht derart unsicher, sie halten nichts von “Hilfs-Sheriffs”. Die FDP macht mobil gegen die zivilen Ordnungshüter. Unter anderem kritisieren die Liberalen den Eingriff in die persönliche Freiheit.
Das ist eigentlich nur halb richtig. Niemand Verantwortliches scheint offenbar die Kreisstadt für wirklich unsicher zu halten. Denn wäre dem so, könnten uniformierte Wichtigtuer natürlich auch nichts dagegen ausrichten. Hätte die Stadt ein Gewaltproblem, müsste man das sehr wahrscheinlich mit Staatsgewalt lösen – über die verfügen Privatleute natürlich aber nicht und eine Bürgerstreife besteht nunmal aus Privatleuten ohne erweiterte Rechte.
Niemand, auch nicht die FDP in Winsen (oder die SPD, die Grünen oder Die Linke – die längst alle Mobil machen gegen den FOSD), hat etwas dagegen, wenn Bürger mit offenen Augen durch die Stadt gehen und die Polizei rufen, wenn sie Zeuge einer Straftat werden. Exakt so würde ja das Tätigkeitsfeld einer Bürgerstreife aussehen. Bloß wozu Uniformen, wozu gar eine Aufwandsentschädigung und Kosten von 70.000 Euro im ersten und 20.000 Euro in jedem weiteren Jahr für etwas, dass man gemeinhin “Zivilcourage” nennt und eigentlich selbstverständlich ist?
Fest steht für mich: Hätte das Abendblatt Recht und Winsen wirklich ein Gewaltproblem, dann wäre es unerhört und unverzeihlich, normale Bürger zu dessen Eindämmung zu missbrauchen, statt sich für mehr Polizei einzusetzen.
Bürgerstreifen sind allerdings das Gegenteil von mehr Polizei, denn der Innenminister wird wohl kaum selbst Geld in die Hand nehmen, wenn die Stadt das schon von sich aus tut, deshalb bleibt es wichtig, dagegen anzukämpfen.
Comments
2 Responses to “Gewaltprobleme einer Kleinstadt”
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Oktober 12th, 2009 @ 11:56
Hey,
2 Probleme sehe ich hier allerdings auch noch.
1. Viele Vergehen werden gar nicht erst zur anzeige gebracht.
z.B. am letzten Fr. ging ein Freund alleine in Winsen am Kino vorbei und wird von 2 Figuren mit dem Messer bedroht, er solle seine handy rausrücken. Ergebnis: er hat seine Beine unter die Arme genommen und is abgezischt. Dieses mal hats geklappt.
Was ist wenns nächtes mal nicht klappt?!
Und ich behaupte mal, das 95% solcher leute schon Polzeibekannt sind und nach jeder Straftat wieder auf freien Fuss gesetzt werden. Meines erachtens muss dort angesetzt werden. Enweder härtere Strafen. Ausgehverbot ab 11Uhr* iwie sowas für mehrfach auffällige Straftäter.
2. Weiterhin denke ich aber auch das mehr Polizei und Bürgernähe ein richtiger Weg ist. Teilweise halten sich Polizisten mit lapalien auf während auf einem Fest “Messerstecher” vorm Vorabend rumlaufen.
dann wird bei der polizei aungerufen und man bekommt zu hören “Wir haben derzeit keinen Wagen frei”.
Da muss man sich doch ehrlich Fragen wie viel ist unsere Sicherheit wert?! Ich kann nicht beurteilen in Welchen fällen die Polizei unterwegs war. Aber was wäre passiert wenn in eine Bank eingebrochen wäre? Hätte die Polizei dann alles stehen und liegen lassen?!
Was muss passieren um in der Priorität heraufgestuft zu werden?
*Es ist ja nunmal bekannt das viele straftaten Nachts und dazu noch unter Alkoholeinfluss enstehen.
// Also was diese Gewaltaten in der Stadt bei mir bewirkt haben ist zumindest das ich mir ernsthaft überlegt habe mir einen Schlagstock zuzulegen und mir diesen in die Jacke zu stecken sollte ich irgendwie mal Nachts in der Stadt unterwegs sein.
Oktober 12th, 2009 @ 13:10
Und wieso zeigt Dein Freund diese “2 Figuren” nicht an? Man kann sich ja über härtere Strafen unterhalten aber ohne Anzeige werden die natürlich auch nicht verhängt. Inwiefern die wirklich polizeibekannt sind, können wir so schlecht beurteilen aber du magst Recht damit haben, dass es viele Wiederholungstäter gibt. Vielleicht müssten da wirklich härtere Strafen her – das allerdings kann Winsen als Stadt nicht machen.
Ein “Ausgehverbot” lehne ich in jedem Fall ab. Einmal aus praktischen Gründen: Du schreibst selbst, dass die Polizei sich zu oft mit Lapalien aufhält, Ausgehverbote zu überwachen wäre eine weitere. Und dann halte ich da Grundsätzlich nichts von, man kann einzelnen Bürgern einfach kein “Stadt-Verbot” als Strafe erteilen, da gibts andere Lösungen.
Wie das mit Prioritäten bei der Polizei ist, weiss ich nicht. Wenns wirklich so ist, wie du erzählst, dann wäre ein bisschen mehr Polizei für unsere Stadt vielleicht wirklich nötig.
Einen FOSD können wir bei einer Messersteicherei aber logischerweise auch nicht gebrauchen, denn der ist ja unbewaffnet.