Große Aufregung gibts laut Hamburger Abendblatt derzeit in der Schickeria meiner nördlichen Nachbarstadt:
Bereits in den vergangenen Wochen hatte das Abendblatt eine Debatte über Sinn oder Unsinn dieser Kürzungen angestoßen, an der sich viele Kulturmacher beteiligten. Überwiegender Tenor der facettenreichen Argumente: Hände weg vom Kulturetat! Der Präsident der Hamburger Musikhochschule, Elmar Lampson, fordert: “Hier muss investiert, nicht gekürzt werden.”
Der vielstimmige Appell der Hamburger Kultur soll den Senat zum Einlenken bringen. Der will morgen die Höhe der voraussichtlichen Steuerausfälle für das kommende Jahr bekannt geben und Ende November die konkreten Sparmaßnahmen für alle Ressorts beschließen.
Das Hamburger Abendblatt gehört übrigens zum bösen kapitalistischen Springer-Konzern, das nur als Randbemerkung für diejenigen, die meinen, Presseerzeugnisse dieser Firma seien grundsätzlich in irgendeiner Weise pro-CDU oder sowas. Ganz so einfach ist das nämlich und offensichtlich dann auch wieder nicht.
In diesem Fall verfolgt das Abendblatt in sofern ein Eigeninteresse, als dass die Zeitung als weiteres Standbein auch gerne mal Konzert- und Theaterkarten verkauft, also direkt am Kulturetat verdient.
Daneben gibt es noch einen ganzen Haufen weiterer Hamburger, die am Kulturetat verdienen. Davon hat das Abendblatt etliche in seiner heutigen gedruckten Ausgabe abgebildet – eine Doppelseite ist das geworden. Jeweils ein Foto des Künstlers/wichtigen Kulturmenschen, darunter ein mehr oder weniger intelligenter Kommentar – wie der oben zitierte von Elmar Lampson, der – überraschenderweise – findet, dass investiert statt gekürzt werden sollte, mutmaßlich damit mehr Menschen seine Musikschule in der Hoffnung besuchen, anschließend irgendwelche von der Stadt mitfinanzierten Jobs abkriegen zu können oder so ähnlich.
Und dass ist meiner Meinung nach der große Schönheitsfehler bei dieser ganzen Aktion: Da werden zum Teil recht vermögende, bekannte Leute nach ihrer Meinung zum Kulturhaushalt gefragt. Leute, die zum überwiegenden Teil direkt oder indirekt davon profitieren oder zumindest exemplarische Beispiele für die Zielgruppe von Opernhäusern und Theatern sind. Der normale Steuerbürger hatte auf der Abendblatt-Doppelseite keinen Platz, die Debatte wird ihm lediglich serviert – auf seine Meinung legt man aber weiter keinen Wert.
Warum auch. Eventuell möchte der Durchschnittsbürger ja tatsächlich lieber heile Straßen und vernünftig ausgestattete Schulen haben, als dass Leute wie Johannes B. Kerner mit dem Kulturangebot der Stadt glücklich sind? Vielleicht gehen den Hamburgern die Meinungen von Typen wie Reinhold Beckmann, dessen Gehalt vollständig aus zwangsweise eingetriebenen Gebühren, zum großen Teil von Leuten, die ihn gar nicht sehen wollen, bezahlt wird und angesichts geplanter Kürzungen von <5% von einem “Schildbürgerstreich” spricht, so richtig am Allerwertesten vorbei?
In einzelnen Kommentaren wird dann ironischerweise auch noch auf der Elbphilharmonie herumgehackt. Als wäre das keine Investition in Kultur und als würde auch nur eine dieser Nasen und noch weniger ihr gewöhnliches Publikum den Prunkbau meiden, sobald er steht. Für diese Leute wird das Ding doch in erster Linie gebaut, auch wenn die davon jetzt noch nichts hören möchten.
Der Hamburger Kulturetat beträgt laut Zeitung 211 Millionen Euro. Das scheint mir auf den ersten Blick idiotisch viel Geld zu sein, zumal damit Kultur äußerst selektiv gefördert wird. Die Konzerte, die ich und die die meisten meiner Freunde und Bekannten in Hamburg so besuchen, werden damit jedenfalls nicht finanziert. Worüber ich mich auch nicht beschwere, zumal ich in Hamburg sowieso keine Steuern zahle aber es fällt eben auf.
Das einige der Abendblatt-Künstler/Kulturschaffenden geradezu den Untergang des Abendlandes prophezeihen, weil maximal 10 Millionen Euro gespart werden sollen, entlockt mir da wirklich nur ein müdes Lächeln, denn auch mit etwas mehr als 200 Millionen Euro wird sich jawohl ein einigermaßen ordentliches kulturelles Angebot finanzieren lassen – zumal, wie gesagt, ziemlich viele ziemlich geile, zum Teil legendär gewordene Veranstaltungen sowieso keinen Cent sehen und trotzdem bestens funktionieren. Ich bin auch ziemlich sicher, dass der Etat zu der Zeit, als mit den Beatles Hamburgs bisher größter Kulturexport seinen Anfang nahm, eher unter, als über 200 Millionen Euro gelegen haben dürfte.
Ob all diese abgebildeten Leute, von denen ich trotz der unmittelbaren Nähe vielleicht ein Viertel kannte, wirklich so elementar wichtig sind, wie sie selbst behaupten, bezweifle ich jedenfalls. Zumindest ist der Protest nicht sehr objektiv, da es sich – angefangen beim Abendblatt selbst – ja fast nur um Profiteure dieses Etats handelt und es daher schon verwunderlich gewesen wäre, würden die nicht versuchen Protest gegen die Kürzungen zu organisieren.
Welche Folgen staatlich geförderte Kultur übrigens haben kann, lässt sich übrigens mit etwas Phantasie aus diesem Vorfall erkennen. Daher gilt ohnehin: Die beste Kultur ist immer die, die ohne Steuergeld funktioniert.