Nov 07 2009
Äpfel, Birnen und Relativierung
Unzulänglichkeiten und Fehler einer Demokratie und demokratisch gewählter Personen beim Namen zu nennen ist nicht nur okay, sondern elementar wichtig. Die Tatsache, dass in einer Demokratie nichts perfekt ist, liegt wohl vor allem daran, dass es eine Demokratie ist. Und dass man Missstände einfach kritisieren und offen ansprechen darf, liegt daran, dass wir einen freiheitlichen Rechtsstaat haben.
Die DDR war in jeder Hinsicht das Gegenteil davon. Und nicht nur die DDR, jeder Sozialismus dieser Welt hat sich bisher immer in diese Richtung bewegt, immer in Richtung Unfreiheit. Was ja auch in der Natur des Sozialismus liegt, weil dort eben das Gemeinwohl im Zweifel über wirklich alles andere, inklusive Menschenrechte und individuelle Freiheit gestellt wird.
In der DDR gab es alles, was man dem westdeutschen politischen System und seinen Vertretern (oft sehr zurecht) vorwerfen könnte um ein Vielfaches verstärkt – allerdings kam man dort unter Umständen in den Knast (und wir reden hier von Gefängnissen, die mit unseren wirklich gar nichts zu tun haben), wenn man sich zu laut darüber beklagte.
Fehler und Unzulänglichkeiten westdeutscher Politiker oder gar des gesamten politischen Systems der Bundesrepublik mit der DDR und dem dort geschehenen Unrecht zu vergleichen geht nicht. Wer ein fehlerloses System haben will, muss meiner Meinung nach 1. die Monarchie einführen und 2. anschließend den perfekten Menschen zum König machen. Solange es keine perfekte Menschen gibt, wird keine Regierung jemals fehlerfrei funktionieren aber worauf wir dann wenigstens Wert legen sollten ist dann wenigstens diese Fehler auch offen aussprechen zu dürfen.
In einem Sozialismus wird das Benennen von Fehlern immer auf irgendeine Weise bestraft werden, das ist historisch belegt und meines Erachtens eben systembedingt. Und genau darum ist es für die Debatte im Prinzip total egal, ob Sozialisten oder Kommunisten eine DDR-Vergangenheit haben oder nicht, denn ihre Ziele sind falsch und enden immer tödlich und in Unfreiheit, wenn man sie sie verwirklichen Lässt.
Für diejenigen Bürger, die eine DDR-Vergangenheit mit Gefängnisaufenthalten und Bespitzelung erlebt haben dürfte es allerdings trotzdem eine große Rolle spielen, ob in ihrer Regierung Unterstützer des damaligen Systems sitzen oder nicht. Für mich gehört schon ein besonderes Maß an Menschenverachtung dazu, sich als ehemaliger DDR-Fan überhaupt zu einer freien Wahl zu stellen.
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Soweit meine Gedanken zu diesem Artikel von Horst Schulte.
8 Kommentare












Aber natürlich, alle Deutschen waren ja auch Nazis! Mit solchen Pauschalverurteilungen stellt man sich selbst nur eine “blütenweiße Weste” aus.
Außerdem ist Sozialismus nicht gleich Sozialismus, genausowenig wie Kapitalismus gleich Kapitalismus ist. Ja, selbst die Vorstellungen von Demokratie gehen mitunter auseinander.
“Außerdem ist Sozialismus nicht gleich Sozialismus”
Eine insofern überflüssige Feststellung, als dass man bedenken sollte, dass jede einzelne Sorte Sozialismus bisher noch ins Verderben geführt hat. Da ist mir die genaue Ausgestaltung ehrlichgesagt nicht besonders wichtig.
Naja. Wer in der DDR aufgewachsen ist, hatte es sehr leicht, zum Fan zu werden. Man wurde ja ständig damit bedröhnt. Kritiker wurden diffamiert und psychisch vernichtet.
Es gab einen sehr stark positiv aufgeladenen und fast täglich zelebrierten Nationalismus und massive Propaganda gegen den Westen.
Wenn dann noch die Eltern stramm auf Linie oder einfach zu ängstlich waren und ein linientreuer Lehrer ordentlich Charisma hatte…
Viele Westdeutsche verstehen nicht, wie man gern in dieser Trümmerlandschaft leben konnte und führen das dann auf die angeblichen sozialen Errungenschaften zurück.
Was dabei aber keiner weiß: Es gab kein Arbeitslosengeld und keine Sozialhilfe in der DDR. Es gab aber sehr wohl Arbeitslose und Obdachlose. Das waren Leute, die in Ungnade gefallen waren. Keine Arbeit – Kein Geld, nichts zu essen.
Keine Wohnung.
Keine Suchtprogramme.
Kein Tierschutz.
Kein Umweltschutz.
Keine staatliche Hilfe bei Altersarmut, nichts.
Ich kannte einige Höfe und Häuser in meiner Kindheit, in denen die “Assis” hausten. Das waren Familien, die irgendwann in der Kollektivierung aus der Spur geraten waren. Die Kinder waren Analphabeten und dauernd zugenutet (eine schwere Sucht nach einem Reiniger, den man geschnüffelt hat – wirkte ähnlich wie Crack oder Klebstoffsucht), am Leib trugen die Leute das, was sie aus dem Müll geklaut haben.
Die Nahrung haben sie zusammengebettelt oder bei Schwarzarbeit verdient, was ziemlich schwer war, weil dauernd die Stasi aufkreuzte, wo die waren.
Die DDR war von staatlicher Seite aus so asozial, wie es die Bundesrepublik nie gewesen ist und wohl auch nie sein wird, solange die Marxisten nicht wieder an die Macht kommen.
Das oben waren die Regimekritiker, wie man sie kannte.
In die Kirche ist man ja nicht gegangen, aber die Assis wurden vorgezeigt. Das waren die Vorzeigebürgerrechtler. Der asoziale Klassenfeind, immer gut für eine Vorführung bei Klassenausflügen.
Aber, wenn man die Klappe hielt und sich arrangierte, war zumindest für Kinder und Akademiker fern des Alltags eine nette Gesellschaft da. Man trug sich gegenseitig die Kohlen in den Keller. Man betrieb rege Schwarzhandel und Bestechung. Dabei konnte man sich drauf verlassen, daß es keinen gab, der nicht kriminell und korrupt war. Auch der höchste Parteibonze brauchte mal einen Handwerker für seine Wohnung. Und dann hatte der Handwerker eben plötzlich Stahlträger oder Zement oder Südfrüchte. Prima Handelsware.
Das war es. Wenn man gut heucheln konnte, gerne jede Menge krumme Geschäfte machte und gerne anderen Menschen half, konnte man die DDR mögen. Und für uns Kinder gab es wunderbare Ferienlager, Geländeläufe, Ausflüge mit Lagerfeuer und Nachtwanderung und jede Menge Stolz auf unser Heimatland.
Es war ein Land, in dem fast jeder in irgendwas verwickelt war.
Es gibt keine sauberen Helden. Aber es gab viele, viele Mitläufer und einige tausend echte Dreckschweine. Und letztere bilden immer noch den Kern der SED.
Mitläufer sollen ruhig ihren Weg gehen.
Aber wer damals ein Schwein war und heute noch immer in einer kommunistischen Einheitspartei aktiv ist, ist ein anderer Fall.
“Sozialismus nicht gleich Sozialismus”
Unsinn. Richtig ist, dass die DDR ebensowenig “sozialistisch” war, wie sie “demokratisch” gewesen ist. Und das Eigentum, das sich de facto ein abgehobener Staatsapparat unter den Nagel gerissen hat, als “Volkseigentum” zu deklarieren, macht die Sache auch nicht besser; das ist einfach der Gipfel des Zynismus.
Mit Marx hatte die ganze Veranstaltung m. E. uebrigens herzlich wenig zu tun.
Danke califax!
Erstens muss ich Deinen letzten beiden Absätzen beipflichen und zweitens waren in Deinem Beitrag ein paar interessante Ansichten und Fakten, welche ich nicht nicht kannte!
ich finde das unmöglich wie dieser unrechtsstaat verklärt und verniedlicht wird. das war ein verbrecherstaat. dass die verantwortlichen heutzutagen noch in amt und würden sind, finde ich unmöglich.
Merkwürdig ist doch, daß es bei den rot-roten Koalitionen in MacPom und in Berlin zwar heftige Diskussionen gab, aber nicht eine solch aufgeladene Stimmung wie jetzt in Brandenburg.
Wahrscheinlich fürchten manche, daß die Linke die geschwächte SPD mittelfristig überholen könnte und holen daher die “Stasi-Keule” hervor, obwohl auch bei Regierungsbeteiligung der Linkspartei nirgends der Kommunismus ausgebrochen ist.
Differenzierungen sind daher nötig (zu denen einige nicht willens oder nicht fähig sind):
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Mag sein, dass Differenzierungen nötig sind. Solange in der Die Linke aber DDR-Verharmloser toleriert oder gar in hohe Positionen gewählt werden, ist “Stasi-Keule” allerdings berechtigt.