In Hamburg geht das Abendland unter
Posted on | November 16, 2009 | 17 Comments
Große Aufregung gibts laut Hamburger Abendblatt derzeit in der Schickeria meiner nördlichen Nachbarstadt:
Bereits in den vergangenen Wochen hatte das Abendblatt eine Debatte über Sinn oder Unsinn dieser Kürzungen angestoßen, an der sich viele Kulturmacher beteiligten. Überwiegender Tenor der facettenreichen Argumente: Hände weg vom Kulturetat! Der Präsident der Hamburger Musikhochschule, Elmar Lampson, fordert: “Hier muss investiert, nicht gekürzt werden.”
Der vielstimmige Appell der Hamburger Kultur soll den Senat zum Einlenken bringen. Der will morgen die Höhe der voraussichtlichen Steuerausfälle für das kommende Jahr bekannt geben und Ende November die konkreten Sparmaßnahmen für alle Ressorts beschließen.
Das Hamburger Abendblatt gehört übrigens zum bösen kapitalistischen Springer-Konzern, das nur als Randbemerkung für diejenigen, die meinen, Presseerzeugnisse dieser Firma seien grundsätzlich in irgendeiner Weise pro-CDU oder sowas. Ganz so einfach ist das nämlich und offensichtlich dann auch wieder nicht.
In diesem Fall verfolgt das Abendblatt in sofern ein Eigeninteresse, als dass die Zeitung als weiteres Standbein auch gerne mal Konzert- und Theaterkarten verkauft, also direkt am Kulturetat verdient.
Daneben gibt es noch einen ganzen Haufen weiterer Hamburger, die am Kulturetat verdienen. Davon hat das Abendblatt etliche in seiner heutigen gedruckten Ausgabe abgebildet – eine Doppelseite ist das geworden. Jeweils ein Foto des Künstlers/wichtigen Kulturmenschen, darunter ein mehr oder weniger intelligenter Kommentar – wie der oben zitierte von Elmar Lampson, der – überraschenderweise – findet, dass investiert statt gekürzt werden sollte, mutmaßlich damit mehr Menschen seine Musikschule in der Hoffnung besuchen, anschließend irgendwelche von der Stadt mitfinanzierten Jobs abkriegen zu können oder so ähnlich.
Und dass ist meiner Meinung nach der große Schönheitsfehler bei dieser ganzen Aktion: Da werden zum Teil recht vermögende, bekannte Leute nach ihrer Meinung zum Kulturhaushalt gefragt. Leute, die zum überwiegenden Teil direkt oder indirekt davon profitieren oder zumindest exemplarische Beispiele für die Zielgruppe von Opernhäusern und Theatern sind. Der normale Steuerbürger hatte auf der Abendblatt-Doppelseite keinen Platz, die Debatte wird ihm lediglich serviert – auf seine Meinung legt man aber weiter keinen Wert.
Warum auch. Eventuell möchte der Durchschnittsbürger ja tatsächlich lieber heile Straßen und vernünftig ausgestattete Schulen haben, als dass Leute wie Johannes B. Kerner mit dem Kulturangebot der Stadt glücklich sind? Vielleicht gehen den Hamburgern die Meinungen von Typen wie Reinhold Beckmann, dessen Gehalt vollständig aus zwangsweise eingetriebenen Gebühren, zum großen Teil von Leuten, die ihn gar nicht sehen wollen, bezahlt wird und angesichts geplanter Kürzungen von <5% von einem “Schildbürgerstreich” spricht, so richtig am Allerwertesten vorbei?
In einzelnen Kommentaren wird dann ironischerweise auch noch auf der Elbphilharmonie herumgehackt. Als wäre das keine Investition in Kultur und als würde auch nur eine dieser Nasen und noch weniger ihr gewöhnliches Publikum den Prunkbau meiden, sobald er steht. Für diese Leute wird das Ding doch in erster Linie gebaut, auch wenn die davon jetzt noch nichts hören möchten.
Der Hamburger Kulturetat beträgt laut Zeitung 211 Millionen Euro. Das scheint mir auf den ersten Blick idiotisch viel Geld zu sein, zumal damit Kultur äußerst selektiv gefördert wird. Die Konzerte, die ich und die die meisten meiner Freunde und Bekannten in Hamburg so besuchen, werden damit jedenfalls nicht finanziert. Worüber ich mich auch nicht beschwere, zumal ich in Hamburg sowieso keine Steuern zahle aber es fällt eben auf.
Das einige der Abendblatt-Künstler/Kulturschaffenden geradezu den Untergang des Abendlandes prophezeihen, weil maximal 10 Millionen Euro gespart werden sollen, entlockt mir da wirklich nur ein müdes Lächeln, denn auch mit etwas mehr als 200 Millionen Euro wird sich jawohl ein einigermaßen ordentliches kulturelles Angebot finanzieren lassen – zumal, wie gesagt, ziemlich viele ziemlich geile, zum Teil legendär gewordene Veranstaltungen sowieso keinen Cent sehen und trotzdem bestens funktionieren. Ich bin auch ziemlich sicher, dass der Etat zu der Zeit, als mit den Beatles Hamburgs bisher größter Kulturexport seinen Anfang nahm, eher unter, als über 200 Millionen Euro gelegen haben dürfte.
Ob all diese abgebildeten Leute, von denen ich trotz der unmittelbaren Nähe vielleicht ein Viertel kannte, wirklich so elementar wichtig sind, wie sie selbst behaupten, bezweifle ich jedenfalls. Zumindest ist der Protest nicht sehr objektiv, da es sich – angefangen beim Abendblatt selbst – ja fast nur um Profiteure dieses Etats handelt und es daher schon verwunderlich gewesen wäre, würden die nicht versuchen Protest gegen die Kürzungen zu organisieren.
Welche Folgen staatlich geförderte Kultur übrigens haben kann, lässt sich übrigens mit etwas Phantasie aus diesem Vorfall erkennen. Daher gilt ohnehin: Die beste Kultur ist immer die, die ohne Steuergeld funktioniert.
Comments
17 Responses to “In Hamburg geht das Abendland unter”
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November 16th, 2009 @ 11:32
Schöner Artikel, Jan. Als Leserbrief wäre der nett….
November 16th, 2009 @ 12:23
Danke. Als Leserbrief würd der wohl nie gedruckt werden, weil er zu lang und toter Baum teuer ist.
November 16th, 2009 @ 14:09
> Die beste Kultur ist immer die, die ohne Steuergeld
> funktioniert.
Im Prinzip ja.
Zumindestens für die Veranstaltungskultur (darauf beziehen sich ja Deine Beispiele).
Ich finde es schon bemerkenswert, daß gerade linke Politiker es verteidigen, wenn sich eine (meist gutverdienende) Schicht von Theater- und Konzertbesuchern sich ihr Hobby mit massiven Subventionen von den “kleinen Steuerzahlern” bezahlen läßt.
Eine Ausnahme würde ich bei Museen machen. Die können sich in der Regel nicht nur durch Eintrittsgelder finanzieren, und da sehe ich eine gewisse Berechtigung, daß eine Gesellschaft die gemeinsamen Kulturschätze vernünftig aufbewahrt haben will und das aus Steuergeldern finanziert.
November 16th, 2009 @ 15:08
“Eine Ausnahme würde ich bei Museen machen. Die können sich in der Regel nicht nur durch Eintrittsgelder finanzieren, und da sehe ich eine gewisse Berechtigung, daß eine Gesellschaft die gemeinsamen Kulturschätze vernünftig aufbewahrt haben will und das aus Steuergeldern finanziert. ”
Und klassische Musik und Theater sind eben auch “gemeinsame Kulturschätze”. Diese werden auch nur durch Aufführungen am Leben gehalten. Ansonsten würden sie auch nach und nach Verschwinden. Und eine CD/DVD ist eben ähnlich, als würde man von einem berühmten Bild oder einer berühmten Skulptur auch nur ein Video/Foto aufbewahren, während man das Original verkommen lässt.
November 16th, 2009 @ 16:25
Die Gefahr, dass irgendwas ernsthaft vom Verschwinden bedroht wäre, würde ich mal als eher gering einstufen. Es sind, wie gesagt, selbst nach einer Kürzung in maximal geplanter Höhe immer noch 200 Millionen Euro im Haushalt – das finde ich für diesen Zweck in einer Stadt mit nicht einmal 1,8 Millionen Einwohnern immer noch eine ganze Menge.
Und letztendlich muss man dann entscheiden: Schulen oder Theateraufführungen? Es ist eben nicht unbegrenzt viel Geld da.
November 16th, 2009 @ 16:48
@Colombia:
> Und klassische Musik und Theater sind eben auch
> “gemeinsame Kulturschätze”.
Na ja, da sehe ich schon noch deutliche Unterschiede.
Die meisten Musik- und Theaterstücke werden ja auch nicht aufgeführt, die gibt es nur als Aufzeichnung im Archiv.
Der normale Kulturbetrieb ist in erster Linie Unterhaltung, und sollte auch ganz normal von den Nutzern finanziert werden.
Und wenn man sieht, was Karten für ein Rock-Konzert oder ein Musical kosten, dann kann man auch den Wagner-Fans zumuten, ihr Hobby selber zu finanzieren.
November 16th, 2009 @ 20:13
@jan: Da stimme ich Dir zu. An dieser Kürzung wird die Kultur nicht zu Grunde gehen. Meine Antwort bezog sich ja auch mehr auf die von mir zitierte Aussage von R.A., der, soweit ich das verstanden habe, garkeine Kulturförderung, außer bei Museen, möchte.
@R.A.: Und genau wegen diesem “außer” habe ich reagiert. Ich kann verstehen, wenn jemand sagt, dass er staatliche Kulturförderung generell ablehnt, aber dieses “außer” ist für mich rein willkürlich und rein subjektiv. Natürlich werden viele Stücke nicht aufgeführt (ob es die meisten sind wage ich zu bezweifeln), bei den Museen ist dies jedoch auch nicht anders. Die meisten Gegenstände befinden sich im Lager, während nur ein kleiner Teil ausgestellt wird, teilweise wechselnd.
Ein Gleichsetzen von klassischer Musik mit der aktuellen Rock- und Popmusik ist übrigens, als würde man Goethe mit Rosamunde Pilcher vergleichen. Letztere würde wohl niemand ernsthaft als “Kulturschatz” bezeichnen. Zum Kulturgut Musik gehören weiterhin nicht nur die Noten, sondern auch die Art und Weise der Interpretation. Besonders was die Wiener klassik und Romantik angeht die “deutsche” Orchesterspielweise. Die wichtigstens Komponisten waren nunmal deutsch, da sich diese ganze Musik auch aus der bairischen und böhmischen Volksmusik entwickelt hat. Diese Spielweise haben (leider) nur deutsche Orchester drauf (wenn ich von deutsch rede, meine ich den deutschen Sprachraum, also natürlich auch z.B. Wien!). Diese geben diese Art zu spielen immer an die nächste Generation weiter, was natürlich auch für die jeweiligen neuen Spieler ein langer Prozeß ist. Richtigen Walzer können beispielsweise auch heute nur die Wiener spielen. Solange es in Deutschland kein Mäzenentum gibt, werden ohne finanzielle Zuschüsse selbst die Spitzenorchester verschwinden und damit auch die Spielweise, welche wahrlich ein Kulturgut ist. Übrigens kosten auch die Plätze bei Topevents in der Münchner Staatsoper locker über 250 Euro, soviel zu den Preisen. Auf der Seite der Bayreuther Festspiele werden erst garkeine angegeben, aber ich schätze mal der Ring ist unter 1000 wohl nicht drin.
Natürlich wäre es toll, wenn alles privat veranstaltet werden könnte, aber dabei ist, meines Erachtens die Kultur das Letzte, was privatisiert werden sollte. Dafür ist die Gefahr sie zu verlieren zu groß.
So, das wars für jetzt, muss leider nach Hause.
Noch ein “kleines” Zitat aus einem Brief von Richard Strauss an Karl Böhm aus dem Jahr 1945:
“Von Joh. Seb. Bach wurde die deutsche Musik er-
schaffen, die Geburt der Mozartschen Melodie ist die
Offenbarung der von allen Philosophen gesuchten
menschlichen Seele. Das von Joseph Haydn erschaffene,
mit Sprache begabte, von Weber, Berlioz und Rich.
Wagner vollendete Orchester ermöglichte im Musik-
drama die höchsten Kunstleistungen des Menschengei-
stes als oberste Gipfel und Abschluß einer 2000jährigen
Kulturentwicklung. Trotz des Monumentalbaus von Bayreuth ist die Pflege der „Oper” von Gluck bis zu meinen Werken an
Unseren Theatern (ungeachtet besonderer Einzellei-
stungen unter Schuch, Dr. Böhm, Cl. Krauss, Rudolf
Hartmann, Gielen, Sievert) im allgemeinen der hohen
Bedeutung dieser schönsten Kunstform nicht entsprechend.
Trotz guter Subventionen unterliegt ihr Betrieb noch
Mehr oder minder geschäftlichen Gesichtspunkten u.
Entspricht nicht den Forderungen, die ihre kulturelle
Bedeutung zu stellen berechtigt ist. [...]
Wie nun der Staat der bildenden Kunst Museen ge-
schaffen hat, in denen die größten Kunstwerke der Vergangenheit ausschließlich und unvermischt mit Werken
von niederer Gattung und minderer Qualität dem Bedürfnis des kunstliebenden Volkes sich darbieten, so
wäre in Hinsicht auf die corrumpierende Wirkung, die
ein Opernspielplan(wie er heute noch alltäglich eine
Spielfolge aufweist) z.B. Tannhäuser, Cavalleria, Bajazzo, Zauberflöte, Fledermaus, Siegfried, Land des Lä-
chelns, Parsifal ausübt[...], zu empfehlen,
resp. Zu fordern, in mindestens je zwei Opernhäusern:
die Werke der verschiedenen Gattung zu spielen u.
zwar im großen Haus quasi eine permanente Ausstellung der größten Werke der Literatur in erstklassiger
Ausführung in immer währender Probenarbeit auf der
Höhe gehalten, ohne daß täglich gespielt wird mit dem
Besten Künstler- u. Orchestermaterial, das nicht durch
Belästigung mit minderwertigen Werken zwischen-
durch immer wieder verdorben ist.
Den Unterschied zwischen einer Bildgalerie, in
der wenn nur gut beleuchtet ein Tizian u. Rembrandt
nicht täglicher Erneuerung bedarf u. einem jedes Mal
neugeborenen Tristan brauche ich wohl nicht näher
auszuführen.
Der Spielpan eines solchen Opernmuseums, auf den die
Gebildete Welt denselben Anspruch hat wie an die Pinakothek oder den Prado u. Louvre wäre ausschließlich…”
http://blogs.myspace.com/index.....=114732875
November 17th, 2009 @ 07:51
Ich muß Colombia zustimmen. So wünschenswert es wäre, wenn sich Theater und “Klassische” Musik selbst finanzieren könnten, so negativ wäre es, die Subventionen einzustellen und damit diesen wichtigen Teil der Kultur untergehen zu lassen.
Auch bei Museen könnte man ja streiten, wie “wichtig” sie sind: Sind z. B. Museen für moderne Kunst wichtig? Sehr viele würden da wohl eher denken: “Was für ein Mist wird dort ausgestellt” – aber trtzdem ist auch dies Teil der Kultur und meiner Meinung nach erhaltenswert.
Leider denken nun mal zu wenige so, es gibt zuwenige Mäzene in der BRD – was wohl auch daran liegt, dass sich der Staat schon viel zu lange in diesem Bereich zu breit gemacht hat.
November 17th, 2009 @ 08:46
Zwischen Etatkürzungen von <5% und einer kompletten Etatabschaffung sehe ich allerdings noch die eine oder andere Zwischenstufe, das steht doch gar nicht zur Debatte.
Was R.A. angemerkt hat ist aber auch den einen oder anderen Gedanken wert: Nach welchem Maßstab wird denn Kultur förderungswürdig? Warum handelt es sich zum größten Teil um Kultur, die nur eine bestimmte Zielgruppe interessiert? Was für eine merkwürdige Definition von Kultur ist das und ist das wirklich die einzig gültige Wahrheit wenn wir davon reden, Kultur mit Steuergeld zu unterstützen?
Das Problem ist doch, dass wen der Staat sich dort einmischt, es Schieflagen gibt und eben manche (ich behaupte: Nicht wenige) Menschen, die ein anderes Verständnis davon haben, was Kultur ist, quasi benachteiligt werden.
November 17th, 2009 @ 10:14
Sorry, “Einstellung” in meinem Post war etwas überspitzt, aber um beim Grundsätzlichen zu bleiben:
Welche kulturellen Tätigkeiten sind förderungswürdig? Spannende Frage die sich aber erst klären lässt, wenn man die Hauptfrage klärt: Was ist Kultur?
Laut Wikipedia: “Kultur, allgemein die Gesamtheit der menschlichen Leistungen, welche über die Gewährleistung des Grundbedarfs hinausgehen.” Das ist sehr allgemein und daraus kann man wohl nicht ableiten, was förderungswürdig ist.
Bleibt als “Ersatzfrage” wohl nur: Was ist Kunst? Und da wird es nun wirklich kompliziert
Ich traue mir ehrlich gesagt nicht zu, “auf die Schnelle” eine Antwort dazu zu formulieren um dann auch noch abzuleiten, was förderungswürdige Kunst ist und was nicht.
Beispiel Musik: Klassische Musik, Pop, Rock, Techno, Volksmusik und Schlager. Was ist förderungswürdig, was ist erhaltenswert?
Ich traue mir keine Antwort zu,
November 17th, 2009 @ 11:14
@Colombia:
> Ich kann verstehen, wenn jemand sagt, dass er
> staatliche Kulturförderung generell ablehnt, aber
> dieses “außer” ist für mich rein willkürlich und rein
> subjektiv.
Das ist was dran, ich versuche das zu detaillieren.
Meine Grundidee ist, daß ich eine staatliche Förderung nur insoweit gerechtfertigt finde, wo es um den Erhalt des gemeinsamen kulturellen Erbes einer Gesellschaft geht. Das ist auf jeden Fall bei der reinen Aufbewahrung (d.h. den Museen) der Fall, aber da können auch Fälle wie von Dir beschrieben dazu gehören, d.h. den Unterhalt für ein Orchester. Oder natürlich einer gewissen Anzahl von Orchestern, angesichts der Größe von Deutschland und der Verschiedenheit der Musikrichtungen.
Nicht förderungswürdig sind m. E. aber Freizeitveranstaltungen. Und dafür wird der weitaus größte Teil der Kultursubventionen ausgegeben.
Wenn in einem normalen staatlichen Theater die “Lustige Witwe” gespielt wird oder die x-te Interpretation eines Brecht-Stücks – dann dient das im wesentlichen der Freizeitgestaltung betuchter Kreise. Da sind Subventionen von oft über 100 Euro pro Karte absurd. Solche Veranstaltungen sind nicht förderungswürdiger als die kommerziellen Musicals oder ein Rockkonzert (die für mich aber durchaus auch Kultur sind).
Lebendige Kultur sollte eigentlich so attraktiv sein, daß die Leute auch gerne den nötigen Eintritt bezahlen. Das funktioniert auch in der Praxis: http://www.neue-buehne.de/
Ein privates Theater, de facto subventionsfrei, mit guten Inszenierungen (vor allem Shakespeare) und immer rappelvoll.
Während die Stadt gleichzeitig seichtes Boulevard mit hohen Beträgen sponsort: http://www.die-komoedie-tap.de/
November 17th, 2009 @ 11:15
Lieber Jan Filter,
wie einige, die sich hier geäußert haben, sehe auch ich Kultur als einen Wert an sich. Ich fürchte, darüber kann man nicht streiten.
Ich möchte aber auf einen anderen Aspekt aufmerksam machen, auf den wir Liberale uns vielleicht eher verständigen können: Investitionen in Kultur rechnen sich.
Zum einen, weil sie Besucher in die jeweilig Stadt locken, die dann ja nicht nur ihr Ticket kaufen, sondern übernachten, Essen gehen, einen Einkaufsbummel machen. Pardon, Shoppen.
Vor allem aber, weil Kultur die Attraktivität der Stadt für Firmen erhöht, deren Angestellte in den oberen Etagen eben gern ein gutes Theater und Opernhaus haben wollen, die Ausstellungen besuchen wollen usw.
Ich habe jetzt keine Zahlen parat, aber ich meine mich zu erinnern, daß Kultur kein Zuschußgeschäft für die Kommunen ist, sondern daß diese Subventionen mehr als ihre Kosten durch zusätzliche Steuereinnahmen wieder hereinbringen. Wobei vieles zugegeben wohl nur geschätzt werden kann.
Herzlich, Zettel
November 17th, 2009 @ 11:39
Im Abendblatt war die Rede davon, dass von jedem Euro, der als Kultursubvention ausgegeben wird 1,6 Euro wieder reinkommen, genauer ausgeführt war das aber nicht. Ich gehe auch davon aus, dass man das so pauschal sicher nicht sagen kann – wäre dem so, hätten Städte schließlich eine unheimlich tolle Möglichkeit, sich zu sanieren – ziemlich absurde Vorstellung.
Ich bestreite nicht, dass es diesen Effekt an sich gibt. Aber ich denke schon, dass er seine Grenzen hat: Öfter als jeden Tag kann kein Mensch ins Theater gehen, irgendwann ist ein Sättigungsgrad erreicht. Was wenn das in Hamburg eventuell längst der Fall ist?
Und das Problem, dass sich Kultur schwer definieren lässt und dass die Entscheidung, was förderungwürdig ist und was nicht oft nicht ganz unwesentlich vom Geschmack der Entscheider abhängt bleibt ja davon abgesehen auch bestehen.
Ich habe gar kein grundsätzliches Problem damit, dass bestimmte Dinge bewahrt werden sollen und das dann eben Geld kostet. Aber wenn sich praktisch ausschließlich Nutznießer von Subventionen dagegen wenden, dass diese minimal gesenkt werden, finde ich das schon etwas lächerlich.
November 17th, 2009 @ 15:07
> aber ich meine mich zu erinnern, daß Kultur kein
> Zuschußgeschäft für die Kommunen ist, sondern daß
> diese Subventionen mehr als ihre Kosten durch
> zusätzliche Steuereinnahmen wieder hereinbringen.
Eine ehemalige hessische Kulturministerin hat dazu sogar mal eine Studie bei einer Unternehmensberatung in Auftrag gegeben und – oh Wunder – bekam diese These bestätigt. Regelmäßig zitiert sie das auch, wenn ich an den Subventionen rummäkele, leider habe ich die Studie aber noch nicht zu Gesicht bekommen.
Natürlich gibt es solche Effekte. Eine völlig “kulturlose” Stadt hätte bei Tourismus etc. Einbußen. Umgekehrt hat Jan völlig recht – zusätzliche Kultur”investitionen” bringen nicht automatisch mehr Besucher und Einnahmen. Letztlich gibt es kaum Anhaltspunkte, wieviel Kultur eine Stadt minimal braucht, um attraktiv zu sein, und ab welchem Ausmaß weitere Kultur nicht mehr wahrgenommen wird. Ich halte “Gewinnkalkulationen” hier für ziemlich dubios.
Im übrigen spielt es für staatliche Kulturbeihilfen selten eine Rolle, wie stark die Attraktivität nach außen gefördert wird, oder ob mit zusätzlichen Steuereinnahmen zu rechnen ist (sonst müßte man die komplette Filmförderung einstampfen).
Es ist eben auch nicht die Subvention, die eine Kultur attraktiv macht. Die Musicalszene im Londoner Westend oder die Theaterszene am Broadway in New York sind überaus profitabel und brauchen keine staatlichen Zuschüsse.
Im Gegenteil fließen Subventionen ja bevorzugt in Maßnahmen, die sich am Markt nicht tragen, d.h. für die sich die Leute nicht interessieren. Die also auch die Attraktivität der Stadt für Touristen und Firmen eher schmälern als fördern.
November 17th, 2009 @ 16:46
Zu der Zahl 1,6:
Diese, ich gehe mal davon aus, verändert sich natürlich, (negativ) abhängig von der Gesamtsumme der Investition in Kultur. Insofern hätten Stadt natürlich keine Möglichkeit sich so zu sanieren, da der Wert ab einem bestimmten Betrag sicher unter 1 fallen würde.
Betrachtet man jetzt nur Hamburg, würde es (unter der Annahme des Paybacks) allerdings sinnvoll erscheinen die Summe der Investitionen in Kultur soweit auszudehnen bis der letzte ausgegebene Euro genau einen Euro wieder einbringt.
Problem hierbei ist allerdings, dass es sich um eine aggregierte Zahl handelt und nichts über den “Payback” einzelner Projekte aussagt. So mag ein Projekt einen geringeren Payback haben als die Investitionssumme war, während ein anderes sehr viel mehr Geld wieder einbringt. Mag dies aggregiert zwar positiv sein, wäre es aber trotzdem nur sinnvoll das “rentablere” Projekt durchzuführen.
Außerdem betrachtet diese Zahl nur Hamburg alleine. Wieviel dieses mehr an Geldes z.B. aus München/Kiel/Winsen kommt und in einem gesamtdeutschen/norddeutschen/metropolregionalem Gesichtspunkt sinnvoll wäre, lässt sich dadurch nicht sagen.
And now to something completely different:
Bisher wurde immer nur darüber geredet, dass man mit diesem Geld nur die “Freizeitgestaltung betuchter Kreise” fördert. Das mag in gewisser Weise stimmen, allerdings ist dies auch nur ein Teil der Geschichte. Es wird nicht nur Kultur in der Spitze, sondern auch in der Breite gefördert. Auch dies hat mit Sicherheit einen gewissen “Payback”. Außerdem würde ohne einen Unterbau evtl. genau an dem Spitzennachwuchs für den Oberbau fehlen. Beispiel: http://www.orchesterverbaende.de/
November 18th, 2009 @ 15:39
@Colombia:
> Problem hierbei ist allerdings, dass es sich um eine
> aggregierte Zahl handelt und nichts über den “Payback”
> einzelner Projekte aussagt.
Richtig.
Und es ist natürlich auch keine wirklich aggregierte Zahl (weil man eben die Einzelposten nicht kennt), sondern eine grobe Schätzung. Weil man ja überhaupt nicht weiß, wieviele der Einnahmen bringenden Touristen oder Firmen nun wirklich wegen der Kultur gekommen sind oder nicht kommen würden, wenn es da deutlich weniger gäbe.
Mal zum Vergleich: Die liebreizende Landeshauptstadt Hannover spielt beim Thema Attraktivität drei Ligen unterhalb von Hamburg. Und das liegt bestimmt nicht an den 211 Millionen Hamburger Kunstsubventionen – auch in Hannover wird es entsprechende Ausgabeposten geben.
Wer so eine Zahl 1,6 berechnet haben will, lügt m. E. schon im Ansatz.
November 18th, 2009 @ 18:16
Naja, eine aggregierte Zahl ist nicht umbedingt eine Lüge, sondern einfach eine Vereinfachung, die wie jede Vereinfachung die Aussagekraft vermindert. Man muss sich dessen bloß bewusst sein.