Die zwei Welten unserer Familienministerin
Posted on | November 24, 2009 | 5 Comments
Zensursula hat offenbar noch nicht aufgegeben. Damit hat aber wahrscheinlich sowieso niemand ernsthaft gerechnet.
Positiv anzumerken ist, dass ihre Rethorik beim Thema Netzsperren sich entwahlkampft hat und jetzt zumindest nicht mehr an Hass-Propaganda erinnert.
Frau von der Leyen wünscht sich dafür jetzt einen “Dialog mit der Netzgemeinde”, was einmal mehr die Frage aufwirft, was für ein seltsames Gesellschaftsbild die Bundesfamilienministerin eigentlich hat, ich zitiere dazu mal Heise:
In der Rückschau habe sie die Auseinandersetzung an die Entdeckung neuer Kontinente erinnert, konstatierte die Ministerin: “Es sind Leute aus der alten reglementierten Welt aufgebrochen, und da herrschte oft das Recht des Stärkeren. Durch Kommunikation hat es dann eine vorsichtige Koppelung beider Welten gegeben.” Die Vereinbarkeit der zwei Welten sei kein Ding der Unmöglichkeit.
Nasowas, eine Vereinbarkeit “der zwei Welten” ist demnach also unwahrscheinlich, aber doch irgendwie möglich – welch frohe Botschaft!
Man kann ja über den Begriff “Internetausdrucker” sagen, was man will – und ich bin eigentlich kein großer Freund davon, etwas dem Zeitgeist hinterherhechelnden Leuten irgendwelche Schimpfnamen zu verpassen, statt ihnen zu erklären, worum es geht.
Inakzeptabel ist es allerdings, wenn Politiker und sogar Mitglieder des Bundeskabinetts völlig ignorieren, dass das Internet und was dort stattfindet längst Teil der Realität für eine große Zahl von Menschen geworden ist. Es ist keine Welt für sich, es ist auch kein Spiel- oder Werkzeug für Kriminelle oder Perverse.
Eine vielleicht etwas hochtrabend klingende aber meiner Meinung nach recht präzise Definition dessen, was das Internet ist, wäre zu sagen, dass es sich um eine Art zusätzliche Dimension der Realität handelt. Wer Iphones, Androids & Co nutzt hat sicherlich bereits eine Ahnung davon, wie es ist, ständig mit jedem und allem vernetzt zu sein, ständig auf vielfältige Weise alles Mögliche klären, nachsehen oder absprechen zu können. Diese ganz neue Form sozialer Vernetzung steckt wahrscheinlich noch weitgehend in den Kinderschuhen und wie weit sie noch führen wird, weiss kein Mensch.
Die Zahl derer, die einen großen Teil ihrer tagtäglichen Kommunikation, sei sie beruflich oder privat, in irgendeiner Form über das Internet abwickelt ist bereits groß und wird immer größer. Die komplette Medienindustrie wird gerade massiv umgekrempelt, was ein eindeutiger Hinweis ist, wie wichtig das Internet ist – und dass es das eben nicht für eine “Gemeinde”, also eine überschaubare Gruppe, sondern für einen relevanten und großen Teil der Menschen ist.
Politiker wie Ursula von der Leyen haben immer noch nicht kapiert, dass das, was sie die “Netzgemeinde” nennt in Wirklichkeit viel größer als die Summe versierter Internetznutzer ist. Es gibt schon jetzt niemanden, der nicht zumindest indirekt mit dem Internet in Kontakt kommt aber je ausgefeilter die Vernetzung, je cleverer die dazu genutzten Tools wie Facebook oder selbst der schnöde Email-Account werden, desto mehr “Normalnutzer” entwickeln sich zu dem, was die Familienministerin “Netzgemeinde” nennt.
Die gigantischen Wachstumszahlen von Facebook oder Twitter und die dramatischen Gegensätze zwischen der Entwicklung von Werbeumsätzen der Printmedien und jenen der Onlinemedien sprechen da eine deutliche Sprache.
Und ich erwarte von einer Bundesregierung, dass sie sich mit dieser Entwicklung identifiziert und sie progressiv begleitet, statt sich künstlich in der Sprache davon abzugrenzen, indem sie so tut, als wäre das Internet so etwas wie ein fremder Planet, auf dem sich irgendwelche Spielkinder mit allerlei dummem Zeug austoben.
Ursula von der Leyen sollte nicht versuchen, zwischen Netzgemeinde und was immer sie für den Rest hält zu “vermitteln” – und dabei alles noch schlimmer zu machen, als es ist. Sie sollte dringend versuchen Mitglied zu werden.
Comments
5 Responses to “Die zwei Welten unserer Familienministerin”
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November 24th, 2009 @ 21:31
[...] Dieser Eintrag wurde auf Twitter von Tim Beil und Jan Filter, Torsten S. erwähnt. Torsten S. sagte: RT @timbeil: RT @filterblog über "Die zwei Welten unserer Familienministerin" http://bit.ly/5UC2qj #UvdL #Lügen #CDU- #NeverForget [...]
November 24th, 2009 @ 21:41
In einem Jahr will Frau vdL dann resümieren und ihren Verzicht auf das Gesundheitsministerium von der FDP vergoldet sehen, warten Sie’s ab.
Sollte Frau L-S sich dann als so standhaft erweisen wie sie sich jetzt noch gibt, dann bekommen Sie einen original Dresdner Christstollen (nur der darf ja so heissen).
November 25th, 2009 @ 12:12
Das sich die Rhetorik jetzt etwas ändert und auf eine verwirrte Weise Einsicht zeigt ist wohl eher Kalkül als selbige. Die ist einfach panne.
November 27th, 2009 @ 06:30
Ich weiß nicht, was Du von Politikern erwartest, bisher haben Sie noch alle Erwartungen locker unterboten. Frau von der Leyen ist nur mit an der sichtbaren Spitze des Eisberges. Ich denke mit unserm ehemaligen Innenminister und jetzigen Finanzminister, dürfte Sie diesen Platz “locker” teilen. Viele der neuen Gesetze strozen nur so von Schlamperei. Wenn unser GG von den heutigen Politikern geschrieben worden wäre, hätte es für §1 mindestens 50 Seiten gebraucht und keiner hätte es verstanden….
November 27th, 2009 @ 10:30
Ich glaube (und erwarte) jetzt aber nicht, dass Bundesminister Gesetze selber schreiben. Wofür haben die denn ihren jeweiligen Apparat?
Desweiteren könnte ich mir das Bloggen sparen, würde ich solche Beobachtungen als gegeben und unabänderlich hinnehmen;)