Dez 03 2009
Toleranz statt Ignoranz
Gestern nacht lief im Fernsehen eine schöne Dokumentation über Heavy Metal – in Spielfilmlänge!
War sehr interessant, unter anderem weil es über weite Strecken um das Wacken Open Air ging, dem größte Heavy-Metal-Festival der Welt, das ja bloß ne gute Stunde von mir entfernt Jahr für Jahr stattfindet und dass ich in diesem Jahr endlich mal besuchen konnte.
Interessant an der Dokumentation war aber ausser den bei mir geweckten Erinnerungen an den letzten Sommer und den vielen gezeigten Bands auch die Geschichte dieser Musikrichtung und mit welchen Widrigkeiten sie, ihre Vertreter und nicht zuletzt auch ihre Fans in den letzten 25-30 Jahren so fertig werden mussten. Um das alles bewusst miterlebt zu haben bin ich dann doch etwas zu jung, allerdings geschehen ja auch heute noch eigenartige Dinge rund um einzelne Bands und Musikstile.
Aber dass es in den 80er Jahren wohl sogar Anhörungen vor dem amerikanischen Kongress gegeben hat, in denen sich Musiker für ihre Texte und ihren Lebensstil rechtfertigen mussten, war völlig neu für mich. Erkannt habe ich übrigens mit Al Gore und John Kerry gleich zwei ehemalige Präsidentschaftskandidaten, die an dieser Anhörung teilgenommen haben und da dem Heavy Metal irgendwie ans Leder wollten.
Ich erfuhr ausserdem, dass die Kirche massiv versuchte, Heavy Metal zu “verhindern”. Soll heissen: Am liebsten hätte sie den ganzen Zauber wohl direkt verboten und vereinzelt sollen sogar Konzerte auf Betreiben der Kirche verhindert worden sein. Eine Art moderne Hexenjagd scheint das gewesen zu sein.
Und warum das Ganze? Klar: Einerseits konnten Kongressmitglieder wie Kirchenleute nicht viel mit dem Heavy-Metal-Stil anfangen, er war ihnen suspekt. Zum Teil wurde – und wird – das natürlich bewusst durch einzelne Bands gefördert und ausgenutzt, was verboten und verpönt scheint, hat auf die Jugend halt schon immer geradezu magnetisch anziehend gewirkt, also stellt man gerne ein paar brennende Kreuze und Teufelsbilder auf die Bühne, malt sich komisch an oder trägt ekelhafte Masken und dichtet zwei- oder mehrdeutige Texte.
Aber es ist schon auch so, dass Metal nicht unbedingt dem gesellschaftlichen Mainstream entspricht und darum ein denkbar lohnendes Ziel für profilierungssüchtige Politiker abgibt. Das kennen wir von verschiedenen anderen Dingen auch, die ebenfalls nicht Mainstream sind und darum immer wieder zu willkommenen Sündenböcken für alles Mögliche werden – “Flatrate-Partys” zum Beispiel, Counterstrike oder auch Paintball.
Für mich ist es ein Dilemma der Gesellschaft insgesamt, dass sich einzelne Gruppen immer wieder von der Politik gegeneinander ausspielen lassen und am Ende viel zu oft ein kleines Stück Freiheit verloren geht, weil man etwas gefunden hat, dass 20% der Menschen lieben, 30% der Menschen hassen und das den übrigen 50% so egal ist, dass sie sich über ein Verbot nicht weiter aufregen.
In solchen Fällen finden dann die oben angesprochenen profilgeilen Politiker immer wieder schnell saugute Gründe, warum sie “zufällig” in diesen gewissen Angelegenheiten dringenden Handlungsbedarf sehen und sich damit immerhin die Zustimmung der 30% sichern, die aus nicht immer ganz rationalen Gründen ein Problem mit einem bestimmten Lebensstil, einer Musik oder bestimmten Freizeitaktivitäten haben. Den 50% Desinteressierten können sie bei dieser Gelegenheit als kleinen Nebeneffekt immerhin noch eine Show liefern, wie redegewandt sie doch sind und wie aufopfernd sie sich um “Probleme” “kümmern”, wenn welche Auftauchen – was ja auch was wert ist.
Wenn man sich aber mal ganz besonnen fragt, warum denn bloß praktisch seit Gründung der Bundesrepublik von wenigen Ausnahmen* einmal abgesehen, immer wieder ein bisschen unserer Freiheit verschwindet, beziehungsweise durch verbindliche Regeln und Gesetze – bis hin eben zu Verboten – ersetzt wird, sollte vielleicht mal genau an diesem Punkt ansetzen und sich fragen, ob ihm all die neuen Gesetze, die ihn selbst zwar gar nicht berühren, trotzdem wirklich so egal sein sollten oder ob er nicht doch dazu übergehen sollte, Politik etwas grundsätzlicher als bisher zu beurteilen, statt nur von seinem eigenen Standpunkt aus.
Es braucht also aktive Toleranz, statt passiver Ignoranz, um die Tendenz hin zu immer mehr Verboten und Einschränkungen zu stoppen. Es braucht mehr Leute, die sagen “ach, lass sie doch,” statt jener, die nur verständnislos mit dem Kopf schütteln und sich dann weiter um ihre eigenen Anliegen kümmern.
Uns muss ja nicht immer gefallen, was der Nachbar da gade verrücktes treibt – aber Grund genug für ein Verbot ist das objektiv betrachtet nur in den seltensten Fällen.
–
* ich denke da an die anfangs doch recht barbarisch anmutenden Regeln, was die Ehe, insbesondere die Rechte von Ehefrauen angeht; aber auch an das Wahlalter, dass von ursprünglich 21 inzwischen bei manchen Wahlen sogar auf 16 Jahren gesenkt wurde – und da mags sicherlich noch Einiges mehr geben, was allerdings weniger einem gesamtgesellschaftlichen Freiheitsdrang, als vielmehr dem Zeitgeist und mehr noch der Ungerechtigkeit ursprünglicher Regeln geschuldet ist.
8 Kommentare












Lieber Jan,
Kompliment, haette ich ein blog, wuerde ich deine Passage
“Für mich ist es ein Dilemma der Gesellschaft insgesamt, dass sich einzelne Gruppen immer wieder von der Politik gegeneinander ausspielen lassen und am Ende viel zu oft ein kleines Stück Freiheit verloren geht, weil man etwas gefunden hat, das 20% der Menschen lieben, 30% der Menschen hassen und das den übrigen 50% so egal ist, dass sie sich über ein Verbot nicht weiter aufregen.”
unter “Loeffel voller Weisheit” zitieren. Ich stelle das hier nochmals so heraus, damit es nicht in einem langen Text untergeht, der vordergruendig ein Thema behandelt, dem ich mit Ausnahmen eher mit der Devise “ach, lass sie doch” gegenueberstehe.
Oh, aus reiner Neugier: was ist passiert, dass dir diese Gelassenheit gegenueber “den Kirchenleuten” (die ja selten ALLE einer Meinung sind) in den letzten Tagen irgendwie abhanden gekommen ist?
Danke.
In diesem Fall habe ich mit “den Kirchenleuten” natürlich nur jene gemeint, die tatsächlich die im Artikel skizzierten Ansichten haben. Ich kenne privat viele, die sich kirchenmäßig engagieren und komme mit denen bestens zurecht, ich bin da ja gar nicht so. Dass sich im weitesten Sinn religiöse Themen etwas häufen ist Zufall, an meiner Gelassenheit oder deren Abwesenheit (das mag von mir aus jeder beurteilen, wie er will) hat sich jedenfalls nichts geändert.
[...] Dieser Eintrag wurde auf Twitter von Jan Filter und Andreas Knepper, Ilja Ewert erwähnt. Ilja Ewert sagte: RT @filterblog: Neu im Blog: Wir brauchen mehr aktive Toleranz statt passiver Ignoranz! http://bit.ly/4SfX3c [...]
Danke für diesen Post! Was ihn bestätigt, sind die alle Jahre wiederkehrenden und zum Kopfschütteln ja geradezu animierenden TV-Berichte über das Wacken-Festival. Man will “diese grunzenden Vollidioten” einfach nicht verstehen und gibt sich entsprechend Mühe, dass das auch so bleibt.
Dabei ist gerade Wacken ein Glanzbeispiel für Toleranz: ‘zig tausend Leute aus aller Herren Länder feiern ihre Musik, und nichts passiert. Jedes Dorfschützenfest mit 500 Besuchern verursacht tendenziell mehr Schlägereien, Sachbeschädigungen und Polizeieinsätze.
Tja ich denke trotz allem in der ‘heutigen’ Zeit hat sich schon sehr viel getan.
Ich erinner mich wo ich noch nach Hamburg zu Michelle gefahren bin um überhaupt Metal zu kaufen, kaum ein anderer Laden hatte damals überhaupt Metal (war ja pöhhhse Satansmusik).
Dann das hier
http://www.youtube.com/watch?v=ILc5FGVJxRQ
Dee Snider sollte den Metal in einer Anhörung vertreten (er war einer der wenigen die nicht nur Mucke gemacht haben sondern auch den Rücken gerade gemacht hatten).
Die haben tatsächlich geglaubt das wird ein einfaches Spiel, so ein langhaariger wird wohl unvorbereitet kommen und gnadenlos in den Boden gerammt. Die Geschichte hat gezeigt es war eher umgekehrt.
Ja, sehr cool – genau die Szene kam im Film auch!
[...] Der ganze Artikel ist wirklich lesenswert. [...]
[...] diesem Zusammenhang ein interessanter Bericht zu einem ganz anderen Thema. Das wichtigste daran dieser Satz: “Für mich ist es ein Dilemma [...]