Für eine Handvoll Meter
Posted on | Dezember 7, 2009 | 6 Comments
Gestern wurde mal wieder mein eigener Landkreis “Opfer” der NDR-Satire-Sendung Extra 3. Zu sehen ist der Beitrag hier.
Die wesentlichen Fakten dazu sind folgende: Im Landkreis Harburg haben Schüler Anspruch darauf, gebührenfrei zur Schule gefahren zu werden – sofern mindestens 2km zwischen Haupteingang der Schule und eigener Haustür liegen. Seit mehreren Wochen geistert nun ein Fall durch die Medien hier vor Ort, dass ein Schüler dummerweise genau ein Haus zu dicht dran an seiner Schule wohnt und darum selbstständig den Schulweg bestreiten muss.
Er könnte zum Beispiel mit dem Rad fahren oder auch zu Fuß gehen, er könnte auch – zumindest für die erste Zeit – mit dem Bus fahren, auch wenn dass dann halt gute 30 Euro im Monat kosten würde*.
Stattdessen setzt die Familie alle Hebel in Bewegung, aus dieser Lapalie einen möglichst großen Skandal zu inszenieren. Wie gesagt: Die hiesigen Medien sind bereits ausführlich darauf eingegangen, jetzt auch noch das Fernsehen. Und Extra 3 macht sich – wie es eben die Art dieses Magazins ist – auch genüsslich über die Pragraphenreiterei der Winsener Behörde lustig.
Ja, man mag sich über gute 6 Meter lustig machen, zunächst klingt es ja auch ganz schön lächerlich, da nicht einfach mal Fünfe grade sein zu lassen. Tatsächlich scheint die Schülerbeförderugnssatzung, nach der all dies geregelt wird, eine Klausel zu enthalten, nach der die Grenze in begründeten Ausnahmefällen etwas verschoben werden könnte.
Das Problem ist nur: Was wäre denn die Begründung in diesem Fall? Das 6 Meter zu vernachlässigen sind, weils halt nur 6 Meter sind? Dann könnte man die Grenze aber auch gleich auf 1994 Meter setzen, denn in allen anderen so gelagerten Fällen müsste ja, wenn das allein als Begründung gilt, genauso geurteilt werden.
Das Problem ist also wie so oft, dass irgendwo unweigerlich eine Grenze gezogen werden muss. Und immer fühlen sich Leute, die knapp außerhalb solche Grenzen liegen, ungerecht behandelt. Ungerecht behandelt wegen zwei Kilometern.
Nun habe ich vielleicht leichtes Reden, weil mein Schulweg praktisch immer um die 6 Kilometer lang war und ich damit meine vollen 10 Schuljahre mein Ticket vom Staat bezahlt gekriegt habe. Allerdings – und ich habs grade nochmal mit Google nachgemessen – gehörte zu diesem Schulweg trotz Bus ein immerhin etwa 800-Meter langer Fussweg zum Bus hin und vom Bus zur Schule. Insgesamt war man damals wie heute also eine ganze Weile unterwegs, zumal so ein Bus natürlich niemals den direkten Weg nimmt, sondern auch einige Seitenstraßen mitnehmen muss – und schon deshalb bei uns etwa doppelt so lang unterwegs ist, wie beispielsweise ein PKW.
Vor diesem Hintergrund muss man dann doch mal fragen, wie sinnvoll solche Gerechtigkeitsdebatten denn wirklich sind: Die einen wohnen vielleicht knapp zu dicht dran und müssen eventuell das Ticket selbst zahlen, die anderen wohnen dagegen weiter Weg und sind dann doppelt oder dreimal so lange unterwegs, wie es mit einer privaten Autofahrt möglich wäre und sowieso viel länger, als es den, der <2km von seiner Schule Weg wohnt, an Zeit kosten würde zu Fuß dorthin zu gehen.
Die Regelung mag in machen Fällen unbequem sein. Ungerecht ist sie sicher nicht, sofern man nicht gerade ein Ideal verfolgt, dass gefälligst alle Schüler vom Staat befördert zu werden haben. Schon die Existenz einer solchen Regelung ist aber alles andere als selbstverständlich, kostet sie doch den Staat eine schöne Stange Geld und so etwas hat es ja auch nicht immer gegeben.
Wenn man selbst betroffen ist, kann man das sicher aber auch anders sehen als ich. Aber auch dann bleibt die Frage, ob man sich nicht selbst etwas lächerlich macht, wenn man aus einer solchen Angelegenheit einen für alle Beteiligten peinlichen Sturm der Entrüstung macht. Ich möchte jedenfalls nicht in der Haut des Jungen stecken und in der Schule erleben, wie die anderen sich darüber lustig machen, dass ich es nicht einmal schaffe, 2 Kilometer Schulweg zu bewältigen.
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* Zwar führt es etwas zu weit, in dieser Weise Äpfel mit Birnen zu vergleichen – aber würde man diese 30 Euro gegen das rechnen, was Menschen ansonsten im Alltag für jede Kleinigkeit so an Extra-Aufwand betreiben müssen, die etwas weiter von der jeweiligen Stadt entfernt wohnen, sähe die Sache wahrscheinlich auch schon wieder etwas “gerechter” aus. Unsereins erwägt gar nicht erst, mit dem Fahrrad mal eben einkaufen zu fahren sondern versucht Fahrten in die Stadt so effizient wie möglich zu halten, damit man vielleicht nur 1-2 Mal die Woche diesen Weg auf sich nehmen muss. Wohnt man nur 2 Kilometer dicht dran, sinds mit dem Rad aber keine 10 Minuten.
Comments
6 Responses to “Für eine Handvoll Meter”
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Dezember 7th, 2009 @ 16:08
Hallo Jan,
Du hast völlig recht. Grenzen sind nun mal Grenzen und wenn 6 Meter fehlen, dann fehlen die halt. Ich hab dazu ne uralte Pressemitteilung der Jungen Liberalen gefunden (ich meine dass wir mit einem entsprechenden Antrag damals an die FDP Kreistagsfraktion gegangen sind, die das 1 zu 1 im Kreistag durchgesetzt hat, so dass die Schülerbeförderungssatzung in ihrer jetzigen Form auf einem Juli Beschluss beruht. Den Antrag selbst hab ich allerdings nicht mehr gefunden.
27.10.2004
JuLis für Einschränkung der Schülerbeförderung
Winsen
Durch die Abschaffung der Orientierungsstufe und die damit verbundene Umstrukturierung der Schuleinzugsbereiche sind dem Kreishaushalt Mehrkosten für Schülerbeförderung in Höhe von rund 600.000 Euro entstanden. In Zeiten knapper Kassen muss man überlegen, wie man diese Mehrbelastung einspart.
Bislang erhalten Schüler, die weiter als 3 km von der Schule entfernt wohnen eine Busfahrkarte vom Kreis, die bis zum Ende der Schulpflicht jährlich erneuert wird. Die Jungen Liberalen Harburg-Land (JuLis) fordern, dass die Schülerbeförderung im Landkreis in Zukunft gestaffelt wird.
Das Konzept der Julis sieht für Schüler im Alter von 6-10 Jahren keine Änderung vor. „Wir halten es allerdings für zumutbar, die Strecken ohne Schülerbeförderung für Schüler im Alter von 11-13 Jahren auf 4km und für Schüler von 14 bis zum Ende der Schulpflicht Jahren auf 5km zu erhöhen.“, so der JuLi Kreisvorsitzende Christian Sievers: „Wir finden es wichtig als Jugendorganisation ein Zeichen zu setzen, dass wir nicht immer nur fordern wie andere, sondern uns auch überlegen, welchen Beitrag die Jugend zur Entlastung der Haushalte leisten kann. Wir wollen für unsere Zukunft nicht mehr das heute übliche ‚linke-Tasche – rechte-Tasche’ – System, bei dem unsinnige Leistungen erbracht und verteilt werden, für die der Steuerzahler von heute oder morgen zwangsläufig bluten muss. Wir erwarten von der FDP im Kreistag, dass sie ihre Position nutzt, um sinnvolle Sparmaßnahmen einzuleiten, so dass eine Erhöhung der Kreisumlage möglichst gering ausfällt.”
Dezember 8th, 2009 @ 21:02
2 km sind aber echt machbar habe ich auch geschafft, aber deshalb gibt es ja auch immer mehr dicke Kinder …
Dezember 10th, 2009 @ 01:25
Ich frag mich ja die ganze Zeit, warum man für zwei Kilometer überhaupt einen Bus braucht. Gibt es jetzt Beine nur noch für Reiche?
Hab ich da einen entscheidenden Schritt in der Evolution verpaßt?
Dezember 10th, 2009 @ 01:39
Naja, ich kann mir durchaus mehr Gründe als bloß Faulheit vorstellen, warum man sechsjährige Kinder nicht unbedingt allzuweit durch die Straßen laufen lassen will. Trotzdem muss man irgendwo Grenzen ziehen.
Dezember 10th, 2009 @ 03:26
Faulheit hatte ich gar nicht im Kopf. Übertriebene Angst der Eltern schon eher.
Allerdings hatte ich auch nicht an Sechsjährige gedacht. Die kann man ja wohl noch mit dem Auto in die Schule bringen oder andere Eltern darum bitten.
Dezember 10th, 2009 @ 09:51
Zum Beispiel, ja.