Dez 21 2009
Rammstein und die Presse
Die Band Rammstein sorgt im Augenblick ja wieder für einigen Wirbel. Erst, weil ihr neuestes Album von der Heiligen InquisitionBundesfamilienministerin erfolgreich als böse eingestuft und entsprechend auf den Index gesetzt wurde. Und nun, weil Band und/oder Management offenbar ziemlich detaillierte Vorstellungen davon haben, wie die Presse über sie berichten darf, wenn sie ins Konzert eingeladen werden will.
Ersteres gleicht seit Bestehen des Indexes für Jugendgefährdende Medien mehr einem Ritterschlag und entspricht dem Gegenwert einer millionenschweren Werbekampagne. Mich würde nicht wundern, wenn bei von der Leyens zu Weihnachten ein netter Präsentkorb nebst vieler guter Wünsche und freundlicher Grüße der Bandmitglieder vor der Tür stünde, verdient hätte die ehemalige Familienministerin ihn sich.
Die andere Geschichte ist heikler. Da geht es im Prinzip um Pressefreiheit und ihre Abwägung gegen Eigentumsrechte. Wer als Presse zum Rammstein-Konzert wollte, musste recht rigide Bedingungen unterschreiben – was bei vielen Presseleuten für Unmut und bei einigen sogar zu offenem Protest geführt hat.
Allerdings: Ist es nicht legitim, wenn sich eine Band, über die ja nun weissgott oft genug nicht gerade positiv berichtet wird, versucht ein wenig auszusuchen, wer wie exklusiv über sie berichten darf?
Oder aus der umgekehrten Sicht: Warum muss denn überhaupt gegenüber normalen Konzertbesuchern grundsätzlich besser gestellt sein, wer über einen Presseausweis verfügt? Für jeden anderen gelten schließlich auch viele Regeln, deren Nichteinhaltung ziemlich schnell zum Verweis von der Veranstaltung führen kann.
Ich halte es jedenfalls für legitim, was die Band, bzw. ihr Management da tut. Ob es intelligent ist, die Presse so zu gängeln, steht auf einem anderen Blatt – zumal für eine Band, die ihre Bekanntheit eher der Skandal-Berichterstattung verdankt, als ihrer Musik. Aber es gibt eben Sachen, die wir einfach den Leuten überlassen sollten, die sie betrifft.
14 Kommentare



Das hat nichts mit Pressefreiheit zu tun. Es ging ja lediglich um das Privileg, GRATIS dem Konzert beizuwohnen. Jeder Journalist kann sich ne Karte kaufen und danach über das Konzert schreiben.
(Oder er geht einfach nicht hin und schreibt trotzdem drüber – so wie bei den Red Hot Chili Peppers in Hamburg. Da schrieb die Mopo ganz begeistern über die tolle Stimmung bei “Under the bridge”. Leider war die Stimmung aber mies und das Lied wurde gar nicht gespielt.)
Nicht nur Rammstein verweigern bestimmten Journalisten den Gratiseinlass: Ähnliches hat Til Schweiger bei seinem Film “Zweiohrküken” gemacht.
http://www.spiegel.de/spiegel/.....63,00.html
Es geht doch nur bedingt um Rammstein, da diese der aktuelle Auslöser waren. Der Konflikt zwischen Konzertveranstaltern, Bands und Pressefotographen existiert ja schon länger und nicht erst seit Heute.
Letztendlich wollen die Konzertveranstalter, Promoter, Musikverlage, Band etc. eine positive Presse, viele Fotos und auch die entsprechenden Rechte. Doch wer besitzt die Rechte z.B. am Foto (in der Regel der Fotograph) und was ist der Grund, dass eine Band (z.B. Rammstein) sich die Rechte am Foto (wie auch immer) sichern will? Letztendlich die Möglichkeit diese Fotos kommerziell zu vermarkten.
Wie immer und so oft geht es letztlich nur ums liebe Geld.
@ allesverboten.org
Til Schweiger hat einfach nur Angst vor den Kritikern:
“Weil ich mit ziemlicher Sicherheit das Ergebnis vorhersehen kann.” Keinohrhasen” ist von einem Ihrer Kollegen an dieser Stelle richtig schön fertiggemacht worden. Warum sollte ich das nochmals riskieren?”
Frei nach dem Motto: nur wer eine gute, am besten im Voraus von meiner PR-Abteilung vorbereitete, Kritik schreibt, darf den Film im Voraus sehen. Mit neutralem und objektivem Journalismus hat dies nichts mehr zu tun, sondern man sich für den eigenen Film letztlich inhaltlich wohlgesonnene Artikel “kaufen”. Kritik ist unerwünscht, da dies den wirtschaftlichen Erfolg des Filmes schmälern könnte.
Etwas anders sieht es im Fall von Konzerten und Konzertfotographen aus. Es geht hier nicht um den freien Eintritt. Selbst wenn die Fotographen sich ein Ticket kaufen würden, dürften sie nicht fotografieren, da Konzerte keine öffentlichen sondern Privatveranstaltungen sind. Fotographen leben jedoch von ihrer Arbeit, d.h. Fotos machen und die Rechte an diesen zu vermarkten. Auch Bands und Konzertveranstalter müssen erst einmal die Rechte an Bildern erwerben bevor sie diese verwenden dürfen.
Wenn also ein Fotograph seine Rechte an seiner Arbeit an die Band/den Konzertveranstalter abtritt, dann gibt es letztendlich seine Existenzgrundlage auf und das ist der springende Punkt. Im Gegensatz dazu kommt die Band, in diesem Fall Rammstein, sehr preisgünstig (Wert der Konzertkarte) an die vollständigen Rechte für die zukünftige Vermarktung der Fotos.
Insofern ist die Haltung der Fotographen, die ihre Existenzgrundlage nicht verlieren wollen, verständlich.
Ich hab auch nix dagegen, wenn Fotografen aus Groll nun diese Veranstaltung meinen boykottieren zu müssen aber ich denke trotzdem, dass sowas das gute Recht der Hausherren ist und sein sollte. Wie gesagt: Solche Beschränkungen gelten für jeden anderen Besucher des Konzerts auch. Ich sehe nicht ein, warum manche gleicher als gleich behandelt werden sollten, bloß weil sie dafür bezahlt werden, ein Rockkonzert zu besuchen.
@ Brüsseler:
Til Schweiger hat vor allem keinen Bock, Feuilletonisten durchzufüttern, die ihn nachher so oder so zerreissen. Wie Du richtig erkannt hast, ist ein Film ein Produkt. Und wem ich dieses Produkt vorführe, das ist meine Sache. Schauma muss auch nicht jeder Redaktion Pröbchen schicken.
Hier mit Pressefreiheit zu kommen stellt so eine Nichtigkeit in eine Reihe mit der Cicero-Durchsuchung oder schlimmerem.
Und was die Fotoverträge angeht: Es ist ne freie Welt und ne private Veranstaltung. Und wer die Party schmeisst, der bestimmt die Regeln.
@ allesverboten.org
Schweiger benimmt sich meiner Meinung nach in Bezug auf die Kritiker und das Feuilleton wie ein kleines, beleidigtes Kind. Sicher, er kann zur Pressevorführungen einladen wen er will, aber es schadet letztendlich dem unabhängigen und neutralen Journalismus wenn die eingeladenen Journalisten nur das schreiben was der Produzent bzw. die Verleihfirma in der Presse lesen wollen. Da reicht es auch die Pressemeldung 1:1 zu übernehmen.
In diesem Zusammenhang sehe ich auch eine indirekte Bedrohung der Pressefreiheit, wenn auch nicht staatlicher Natur, sondern letztlich durch das Verhalten der Journalisten selbst.
Hinsichtlich der Konzertbilder teile ich zwar Deine Meinung, denn Konzerte sind nun einmal private Veranstaltungen, aber die Verträge die die Konzertveranstalter den Fotographen aufzwingen wollen sind meiner Meinung nach trotzdem ein Versuch die Pressefreiheit auszuhebeln.
Ob Nichtigkeiten bei der Einschränkung der Pressefreiheit wirklich relevant sind? Auch hier kann und muss man drüber streiten, aber wir sehen es bereits in anderen gesellschaftlichen Bereichen in denen unsere Freiheiten durch sehr kleine – den einzelnen kaum tangierende – Einschränkungen untergräbt und irgendwann steht man vor vollendeten Tatsachen was unsere Freiheiten und Rechte betrifft.
@ Jan
Der Konzertveranstalter will ja in der Regel auch etwas vom Fotographen und zwar Publicity in den Medien. Es ist ein Geben und Nehmen.
So wie sich z.B. Rammstein verhält wäre es besser, wenn die Band einen professionellen Fotographen anstellt, damit dieser Bilder von der Konzerttour macht und diese werden z.B. der Presse für die Berichterstattung zur Verfügung gestellt.
In diesem Fall geht es aber in erster Linie um die Rechteverwertung und zwar eindeutig zu Lasten der Photographen. Das Problem ist, dass im Rahmen der Vertragsverhandlungen es keine Chancengleichheit gibt, somit die Fotographen den Forderungen des Konzertveranstalters de facto ausgeliefert sind.
Über kommerzielle Kinofilme muss überhaupt nicht “unabhängig und neutral” berichtet werden. Wozu denn?
Lädt Mercedes das Greenpeace-Magazin ein, wenn ein neuer Zwölfzylinder auf die Teststrecke geht?
Und irgendwie finde ich, dass Du mit Deinen Vergleichen echte Verletzungen der Pressefreiheit kleinredest.
Ist das nicht irre, worüber sich Journalisten in Deutschland beklagen, während ihre Kollegen in Russland oder China um ihr Leben bangen müssen?
Das hat auch nix mit “wehret den Anfängen” zu tun. Falsche Baustelle.
Man könnte vielleicht mal die Journalisten fragen, warum sie überall Vergünstigungen erwarten, dafür dass sie ihren Job machen. Weisst Du, dass in jeder Redaktion täglich Geschenke eintrudeln? Kistenweise!
@allesverboten.org : Es geht nicht um die Frage Gratiseinlass oder nicht (das ist, wer die Arbeit von Konzertfotografen kennt, auch eine alberne Annahme, hier wollten sich Leute einfach nur musikalisch amüsieren) – es geht um die Frage, ob solche Veranstaltungen tatsächlich privater und damit nach Gutdünken des Mieters auch pressefreier Raum sind. Es ist eben die Frage, ob man es akzeptieren will, dass Bahnhöfe, Sportanlagen, Einkaufszentren etc. als Bereiche ansehen will, in denen die Pressefreiheit nicht mehr gilt.
Und eben nein, man kann sich nicht einfach eine Karte kaufen und dann als Journalist berichten. Im Textbereich mag das noch gehen, bei Foto und Film eben nicht – hier greift ja gerade das angebliche Hausrecht des Veranstalters. Ich darf dann eben nciht fotografieren, wie ein Security-Mitarbeiter unsanft mit einem Konzertbesucher umgeht oder sonstiges.
Wir haben bei uns über diese Problematik ja schon mehrfach ausführlich berichtet.
Mit Deal und Geben und Nehmen, wie der Brüsseler meint, hat das nichts zu tun. Eine freie Presse macht eben gerade keine Deals. Leider lassen sich viele Medien auf Bedingungen ein, die mit freier Presse nicht vereinbar sind. So erwarten die großen Konzertveranstalter eine positive Berichterstattung im Vorfeld (=kostenlose Werbung). Das ist Hofberichterstattung – und greift immer weiter um sich, bis in die Politik hinein.
@ allesverbieten.org
Finde das spiegelkritik sehr treffend formuliert hat was ich eigentlich sagen wollte.
@ spiegelkritik
Naja, es gibt immer ein “geben und nehmen” auch bei einer wirklich freien und neutralen Berichterstattung. Letztendlich haben ja beide Seiten etwas davon.
Ansonsten stimme ich Dir voll und ganz zu.
[...] Dieser Eintrag wurde auf Twitter von Jan Filter, Ilja Ewert erwähnt. Ilja Ewert sagte: RT @filterblog: Rammstein und die Presse – http://ri.ms/a5je [...]
Ich kenne mich mit Konzertberichterstattung aus, habe eine Weile als Kameramann für einen Musiksender Konzerte gefilmt. Aber eben mit Erlaubnis der Plattenfirmen und zu deren Bedingungen. Ich kann nach wie vor keine Einschränkung der Pressefreiheit sehen. Die Journalisten können rein, sie können nachher auch drüber schreiben wie es ihnen beliebt, sie kommen dafür nicht ins Gefängnis, verlieren ihren Job nicht und werden nicht dafür umgebracht. Die Rezension eines Konzerts und speziell Konzertfotos sind nichts, was die freie Welt unbedingt zum überleben braucht. Kümmert Euch mal lieber um den Umgang mit der Presse bei Demos, Militäreinsätzen, Parteitagen, etc.
Das hier ist einfach nur lächerlich, weil unangemessen. Sorry.
Nachtrag: Die Ärzte z.B. durfte ich für “unseren” Musiksender live nicht filmen oder wenigstens fotografieren, da sie exklusiv an MTV gebunden waren und ich für einen anderen Sender arbeitete. Für mich natürlich ärgerlich, aber spiel ich mich deshalb als Opfer von “Pressefreiheitseinschränkungen” auf? Ich würde mich schämen.
Letzter Nachtrag, weil’s so schön passt:
http://www.faz.net/s/Rub475F68.....ntent.html
Komisch, Rammstein wird gar nicht erwähnt…
Frohes Neues!