Totgesagte leben länger: Die Rückkehr der “Nacktscanner”
Posted on | Dezember 30, 2009 | 8 Comments
Mit dem Hinweis, das Bedienpersonal würde die gescannten Nacktbilder (die natürlich auch bei den neuen Geräten weiterhin in irgendeiner Form erhoben werden) nun nicht mehr automatisch zu sehen bekommen, werden Ganzkörperscanner an Flughäfen plötzlich wieder “in” – und diesmal ausgerechnet von Mitgliedern der FDP-Fraktion ins Gerede gebracht.
Was von den vollmundigen Versprechen derjenigen, die diese Geräte verkaufen wollen zu halten ist, hat Nikolaus Reincke ganz gut zusammengefasst:
Denn wie immer, wenn es um Hochtechnologie geht (und digitale Bildverarbeitung fällt ganz klar darunter), versteht nur eine winzige Minderheit der Parlamentarier wirklich etwas von der Materie. Wenn jetzt, nach nur einem Jahr, diese Technik, die weltweit bisher nicht der große Renner ist und damit keine Megagewinne erzielt, so immens weiterentwickelt worden sein soll, dass sie individuelle, digitale 3D-Scans von Menschen selbstständig abstrahiert und dabei auch noch unterscheiden kann zwischen einem Piercing und einem Zünder, einem künstlichen Darmausgang und einem Behälter mit Flüssigsprengstoff, dann haben wir es entweder mit Hellsehern zu tun, die in der Gewissheit auf Milliardengewinne in diese Branche eben solche Milliarden investiert haben, oder mit einem Favoriten für den nächsten Nobelpreis und Fields-Medaille. In jedem anderen Fall geht es nur um ein statistisches Mittel, das seine Intimsphäre wahren kann, der Rest muss halt mit einer Bloßstellung leben.
Sicherheit hat immer ihren Preis. Wer wirklich Angst vor Bomben in Flugzeugen hat (wann ist das nochmal das letzte Mal unentdeckt vorgekommen? So mies werden die derzeitigen Vorkehrungen wohl doch nicht sein), der sollte vielleicht besser gar nicht erst fliegen. Das Ziel absoluter, hundertprozentiger Sicherheit ist ebenso unerreichbar* wie – so ist das mit absoluten Zielen ja oft – nicht wünschenswert.
Und wenn Welt-Online auch schreibt
“Die Privatsphäre findet ihre Grenze dort, wo das Leben anderer auf dem Spiel steht. Das ist hier der Fall.”
so ist das in Wahrheit nichts als eine getarnte Kampfangsage an den Liberalismus. Denn nach dieser Logik gehört mindestens vor jede Kneipe, jedes Kaufhaus und jede öffentliche Toilette, erst Recht vor jeden Bahnhof ein solcher Scanner. Sprengstoff lässt sich nicht nur in Flugzeugen am Körper verstecken und die Idee, verrückte Attentäter würden lediglich in Flugzeugen zuschlagen sollte eigentlich spätestens seit den fürchterlichen Anschlägen zum Beispiel in London und Madrid ausgedient haben.
Privatsphäre findet eben nicht schon dort, wo rein theoretisch (wir reden hier schließlich nicht von konkreten Verdachtsfällen, sondern von pauschalen Kontrollen) Menschenleben in Gefahr sein können, auch wenn das sehr sehr unwahrscheinlich ist.
Denn das würde bei konsequenter Umsetzung dieses Prinzip Folgen haben, die niemand will – beziehungsweise annähernd solche Verhältnisse schaffen wird, wie sie eine islamistische Revolution, wie sie den Attentätern, derentwegen wir diesen ganzen Zirkus überhaupt veranstalten, vermutlich vorschweben mag, auch nicht schlimmer hinbekommen könnte.
Die für mich als in der FDP engagierten Menschen entscheidende Frage lautet zur Stunde: Wie kann etwas, dass von der Fraktion (sie war damals noch etwas kleiner, ja gut – was solls?) noch vor einem guten Jahr als sicherheitstechnisch nicht relevant angesehen worden ist, plötzlich von derselben Fraktion (zumindest waren die Abgeordneten Piltz und van Essen auch im Oktober 2008 schon im Bundestag) nun auch nur als diskussionswürdig angesehen werden?
Als ehemaliger Wahlkämpfer kann einem da schonmal die Galle hochkommen, auch weil diese ärgerliche neuerliche Nacktscanner-Debatte ja nicht das Einzige ist, was es zu meckern gibt.
–
* Obwohl die TAZ da einige richtungsweisende Vorschläge hat. Aber wie gesagt: Sicherheit hat ihren Preis.
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8 Responses to “Totgesagte leben länger: Die Rückkehr der “Nacktscanner””
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Dezember 30th, 2009 @ 11:59
[...] Dieser Eintrag wurde auf Twitter von Jan Filter, Timo Müller erwähnt. Timo Müller sagte: RT @filterblog: Neu im Blog: Totgesagte leben länger: Die ärgerliche Rückkehr der “Nacktscanner” http://bit.ly/8Qppz2 #fdp- [...]
Dezember 30th, 2009 @ 12:09
[...] nach nichts anderes als eine versteckte Industriesubvention sind: die FDP-Basis hat große Probleme mit ihrer Fraktion in dieser Frage. Ob die Nacktscanner das Potenzial haben, die Netzsperren der FDP zu [...]
Dezember 30th, 2009 @ 12:16
Die liberale Lösung wäre doch jede Flugline entscheidet ob sie so einen Nachtscanner einsetzt oder nicht, wenn die Passagiere lieber mit so einer Flugleine fliegen wollten ist es deren Wahl …
Ich persönlich habe nichts dagegen wenn ich abgescannt werde, so kann das Kontrollpersonal wenigsten meinen Six-Pack sehen …
Und der Intim-Bereich wird sowieso verdeckt … Und gespeichert wird auch nicht …
Es beleibt dabei die Gedanken sind Frei und die kann keiner Scannen …
Und so werde ich wenigstens nicht mehr von fremden Leuten betatscht, was ich als einen weitaus größeren Eingriff in meine Intimsphäre empfinde …
Dezember 30th, 2009 @ 12:55
Ein Mindestmaß an Privatsphäre muss doch wohl unveräußerlich bleiben.
Was wärenn denn zum Beispiel, wenn als nächstes Arbeitgeber auf die Idee kommen, ihre Angestellten standardmäßig Leibesvisitationen zu unterziehen, damit sie nichts mitgehen lassen? Sollen die sich dann auch nen Arbeitgeber suchen, der das halt nicht macht?
Wenn der Staat überhaupt für irgendwas gut ist, dann doch wohl um irgendwo eine Grenze zu ziehen zwischen den Sicherheitsbedürfnissen der Allgemeinheit und der körperlichen Unversehrtheit und dem Recht auf ein Mindestmaß an Privatsphäre des Einzelnen. Sicherheit um jeden Preis kann nicht die Lösung sein.
Übrigens: Wenn der Intim-Bereich verdeckt würde, wäre die Bombe dieses Amerikaners am letzten Wochenende natürlich auch nicht entdeckt worden.
Dezember 30th, 2009 @ 22:33
Kolia hat recht.
Exakt. Was sonst?
Aber egal: Vor allem wäre ich für klare Ansagen. Zunächst mal müsste ja feststehen, dass die Nacktscanner tatsächlich zusätzliche Sicherheit bieten. Wenn das tatsächlich der Fall wäre, müsste man die klare Ansage so formulieren: “Weil wir nicht wollen, dass theoretisch der Intimbereich von Menschen sichtbar wird, müsst ihr, liebe Fluggäste, künftig damit leben, dass es einen narrensicheren Weg gibt, Sprengstoff an Bord zu schmuggeln.”
Das wäre dann wohl liberal.
Dezember 31st, 2009 @ 08:22
Ich hänge ein bisschen an der altmodischen Vorstellung, dass jeder das unveräußerliche Recht am eigenen Nacktbild haben sollte.
Und deine klare Ansage, Rayson, unterschreibe ich auch. Narrensichere Wege Sprengstoff zu schmuggeln gibt es mit und ohne flächendeckenden Nacktscannereinsatz. Warum nicht zugeben, dass totale Sicherheit eine Utopie (eher wohl eine Dystopie) ist?
Januar 4th, 2010 @ 07:12
Ist es nicht bezeichnend, daß dieses Thema jetzt aufgwärmt wird. Wer möchte denn schon wissen was bei der Bayern LB los ist? Wer möchte schon wissen wieviele Milliarden Spielgeld die Politiker mal wieder verzocken und wie schön ist es doch einen konkreten Gegenstand zu haben als so abstrakte Dinge wie 100 000 000 000 neue Schulden…..
Januar 12th, 2010 @ 15:29
[...] kurze Zeit nach der ersten Tickermeldung über den verhinderten Anschlag in den USA wurde über die [...]