Jede im Bundestag vertretene Partei will einen Sozialstaat und hat weitgehende Umverteilungsmechanismen in ihrem Wahlprogramm. Jede – auch die FDP. Das vergessen Menschen, die sich als “links” betrachten häufig, beziehungsweise ignorieren sie diese Tatsache gern, weil sie die Unterschiede zwischen den Sozialstaatskonzepten für so gravierend halten, dass sie die Lösungen des Gegners gar nicht mehr als “gerecht” anerkennen mögen. Mein Eindruck ist ja, dass sie sich meistens weniger mit den echten Inhalten beschäftigen und stattdessen lieber auf Klischees zurückgreifen.
Beispiel gefällig?
Vor einigen Tagen kommentierte ich bei denen, denen (nach eigener Einschätzung) rot gut steht, Christian Soeders’ Satz
“ich bezweifle, dass alle (!) Jobs im Niedriglohnsektor bei einem moderaten Mindestlohn von 7,50 Euro einfach so wegfallen würden”
mit
Ich auch und ich kenne niemanden, der sowas je behauptet hätte. Klar ist aber: Etliche würden wegfallen. Man kann zwar der Meinung sein, dass solche Jobs keinerlei Existenzberechtigung hätten – allerdings kenne ich verschiedene Leute, die genau solche Jobs machen und das vollständig anders sehen. Die mögen vielleicht nicht repräsentativ sein – aber berechtigt dass zu deren Entmündigung?
Meine ehrliche Meinung, die jedenfalls dort eher ein Abwägen geblieben ist als ein erbittertes Eintreten für oder gegen irgendwas. Von Linksaußen kriegt man (zumindest wenn man sie mit offenem Visir kämpft, also unter Angabe seiner realen Daten von sich gibt) aber selbst solche moderaten Töne umgehend um die Ohren gehauen:
1. es herrscht doch (noch) Freizügigkeit, wer für einen Hungerlohn arbeiten will- so für 50 cent, kann doch nach Polen gehen z. B.
oh, auch dort gibt es einen Mindestlohn (2,10 EUR).
2. jede/r ARGE-”Kunde/in” wird entmündigt- warum regst Du Dich nicht mal darüber auf? Oder darüber, dass es Monate dauert, bis dringend notwendige Weiterbildungen überhaupt nur besprochen werden? Oder über die “Anweisungen” aus der “Zentrale” in Nürnberg, den Leistungsbezug mit immer neuen Spielchen (jetzt brauchen wir aber noch’n Mietvertrag? Nein, also diesen Vertrag kenne ich nicht- das ist doch gar kein Riester- Sie haben uns [lange Liste von Nachweisen, die zu 95% bereits direkt zugestellt worden waren] noch gar nicht geschickt usw. usf.) herauszuzögern? Oder die gängige Praxis- dann, wenn endlich alles- also Pfurz und Feierstein und seine Ötterpötter-Nachweise (Schuhgröße wollen sie nur selten wissen)- vorhanden sind- den Antrag einfach ablehnen: “soll er/sie doch klagen-hahaha”?!
Wo bleibt da Dein liberal/libertärer “Aufschrei”?
Ich behaupte- Du (und Rayson und diese anderen neoliberalen Schönschwätzer) bist nur an Freiheit interessiert, wenn’s Dir und den Deinen zu Nutze ist. Im Grundgesetz steht *nicht*:
“wer kein Geld hat, soll verhungern”-
“wer alkoholkrank ist, soll erfrieren”
oder gar
“wer keinen Schulabschluß hat, darf keine Kinder bekommen”
- So, mal genug für’s Erste
Mir wird also geraten, auszuwandern, unterstellt ich fände die “Hartz”-Bürokratie gut und richtig, es werden gewagte Thesen über meine privaten Lebensumstände rausgehauen und als Krönung mir ein paar menschenverachtende Unterstellungen in den Mund gelegt. Alles nur, weil ich es gewagt habe, darauf hinzuweisen, dass Mindestlöhne nur für diejenigen einen Vorteil haben, die sie auch erhalten und Nachteile für diejenigen, die daraufhin ARGE-Kunden werden.
Dass ich mich im vergangenen Sommer wochenlang zum Beispiel auch wegen der erwähnten irren Bürokratie rund um das Arbeitslosengeld auf die Straße gestellt und für das ungleich simplere Bürgergeld geworben habe, ist dem Mann übrigens bekannt. Es zählt für ihn nur nicht, weil ich für seine Begriffe in Sachen Sozialpolitik grundsätzlich falsch liegen muss, da ich ja einer politischen Richtung angehöre, die seiner Meinung nach Leute verhungern lassen will, wenn sie sich kein Essen leisten können.
Man spricht laut ein paar Binsenweisheiten aus und kriegt eine volle Breitseite an phantasievollen, bösartigen Unterstellungen dafür – man bekommt eine Ahnung davon, wie Guido Westerwelle sich momentan fühlen könnte.
Aber das ist nicht der Punkt. Die Frage ist vielmehr: Was ist überhaupt “Sozialstaat”, was macht ihn aus?
Die “Bundeszentrale für politische Bildung” definiert ihn so:
S. bezeichnet einen demokratischen Staat, der verfassungsgemäß nicht nur die Grundrechte und persönlichen und wirtschaftlichen Freiheiten garantiert (Rechtsstaat), sondern auch rechtliche, finanzielle und materielle Maßnahmen ergreift, um soziale Gegensätze und Spannungen (bis zu einem gewissen Maß) auszugleichen. Das S.-Prinzip schließt insofern an das rechtsstaatliche Ziel der Gerechtigkeit an und ist in Art. 20 und 28 GG festgelegt.
Diesem Anspruch wird die Idee, Mindestlöhne völlig unabhängig davon, was eine Arbeit tatsächlich an Gegenwert einbringt einzuführen ebenso gerecht wie das Modell einer negativen Einkommenssteuer, dass der liberalen Bürgergeld-Idee zugrunde liegt.
Der Unterschied dazwischen ist rein ideologisch: Linke wie Rechte gehen davon aus, dass man die Höhe von Löhnen per Gesetz erzwingen kann. Sie unterstellen Unternehmen also, aus reiner Boshaftigkeit niedrige Löhne zu zahlen und halten auf der anderen Seite Arbeitnehmer für dumm genug, für weniger Geld zu arbeiten als ihr Job in Wahrheit wert ist.
Manche dieser ideologischen Betrachtungsweisen sind auch dem einen oder anderen Liberalen nicht fremd. Er sieht aber verschiedene Probleme beim Instrument “Mindestlohn”:
- Der Zwang: Arbeitnehmern wie Arbeitgebern wird das Recht genommen, frei zu entscheiden
- Der Staat ersetzt freie Gewerkschaften, beziehungsweise deren Aufgabe – was in der Geschichte, insbesondere der Deutschen, zwar schon häufiger vorgekommen, aber selten segensreich gewesen ist
- Jobs, deren Produktivität unterhalb der 7, 8, 9 oder 10 Euro Mindestlohn (ändert sich je nach Partei und Wahljahr) liegt, fallen, wenn möglich, weg
- Jobs, deren Produktivität unter dem Mindestlohn liegt, aber nicht wegfallen können, weil – zum Beispiel – Friseure nunmal immer und überall gebraucht werden, verteuern sich – was zwangsläufig zu niedrigerer Nachfrage und damit ebenfalls zu Jobverlusten führt
- Für Jobs, deren Produktivität unter dem Mindestlohn liegt wächst der Anreiz, sie heimlich auszuüben. Dann kommt der Friseur eben nach Feierabend auf Hausbesuch und schneidet die Haare für den von ihm frei gewählten und mit dem Kunden vereinbarten Lohn – Kunde und Friseur sparen (vulgo: “hinterziehen”) Steuern und sparen sich die ansonsten anfallenden Sozialabgaben. Der Deal hat praktisch nur Gewinner, sieht man einmal vom Gemeinwohl ab.
Diese Argumente ignorieren Linke und Rechte entweder einfach oder sie behaupten stumpf, das wäre alles gar nicht wahr. Das widerlegt die Realität zwar – aber wo Ideologie herrscht, ist für allzuviel Realität ohnehin kein Platz mehr.
Natürlich entspringt die liberale Ablehnung von Mindestlöhnen auch dem Gedanken freier Marktwirtschaft. Liberale sehen in der Marktwirtschaft aber keinen Selbstzweck, sondern kennen die Alternative (eben: Zentralverwaltungswirtschaft, die natürlich betreibt, wer Lohnhöhen von einer zentralen Verwaltung vorschreiben will) dazu nur zu gut und einige Folgen dieser Alternative sind ja zum Beispiel die eben genannten Probleme.
Wenn Andreas Griess dieser Tage auf Carta schreibt, das Guido Westerlwelle mit dem Ausspruch
“Wer vergisst, dass sich Leistung lohnen muss, legt die Axt an die Wurzel des Wohlstandsbaumes. Darunter leiden die Schwächsten unserer Gesellschaft.”
für gesetzliche Mindestlöhne argumentiere, ohne es zu merken, ignoriert er einfach, dass staatlicher Zwang für Liberale immer eine absolute Ausnahme sein muss und allenfalls in wenigen Fällen wirklich zu rechtfertigen ist. Staatlicher Zwang, egal welcher Art, ist nie etwas Gutes, weil er Menschen ihren freien Willen raubt. Das kann man trotzdem in manchen Fällen rechtfertigen, obwohl man liberal ist. Aber staatlichen Zwang zum Allheilmittel gegen alle Risiken und Gefahren des Lebens zu erheben, führt in Summe unweigerlich zu Totalitarismus und Knechtschaft.
Selbstverständlich gibt es trotzdem – und damit komme ich auf die eingangs gemachte Feststellung zurück, jede Bundestagspartei wolle den Sozialstaat – auch eine liberale Version staatlichen Kümmerns um Bürger mit niedrigen oder gar keinem Einkommen.
Im Gegensatz zur Linken und Rechten, die dem Staat zutrauen, ideale Lohnhöhen besser finden zu können als der Markt, versuchen Liberale aber, den freiheitlichen Ansatz und die Bedürfnisse schlecht bezahlter Bürger in Einklang zu bringen, ohne freie Entscheidungen zu verhindern. Das funktioniert natürlich nicht ohne eine andere Form des Zwanges, nämlich Steuern. Wer zu wenig zum Leben hat, dem soll das, wenn es nach der FDP geht, durch eigentlich sozialistische Umverteilung von der Gesellschaft ausgeglichen werden, damit niemand unter die Räder kommt.
Auch dieses System hat seine Schwachstellen – es stellt zum Beispiel einen gewissen Anreiz für Unternehmen dar, ausgenutzt zu werden. Die könnten ihre Löhne gezielt drücken mit der Begründung, den Rest können die Mitarbeiter sich dann ja vom Finanzamt* wiederholen. Solche Bedenken halte ich übrigens für absolut berechtigt.
Planwirtschaftliche Mindestlöhne haben also das Zeug dazu, Jobs zu vernichten, während liberale Sozialausgleiche dagegen den Nachteil haben, dass Bürger sie ausnutzen könnten. Wir sehen: Sozialstaat hat immer seinen Preis und kann grundsätzlich immer irgendwie ausgenutzt werden. Wer das verhindern will, müsste ihn schon komplett abschaffen.** Das will keine einzige im Bundestag vertretene Partei und die Fairness, das anzuerkennen, lassen linke wie rechte Staatsgläubige gegenüber Liberalen oft vermissen.
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* Das Finanzamt soll laut Bürgergeldkonzept die auszahlende Behörde für eine negative Einkommensteuer/ein Bürgergeld werden.
** Auch Mindestlöhne können natürlich ausgenutzt werden, indem Unternehmen einstmals höhere Löhne auf dieses Niveau drücken mit dem Hinweis, dass das doch der verordnete sozial gerechte Lohn wäre und sich bitteschön niemand darüber beschweren dürfe, wenn der auch gezahlt würde.