Feb 04 2010

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Herrscher über das eigene Leben

Abgelegt unter Politik

Ich nenne in diesem Blog immer wieder Bereiche, aus denen sich der Staat meiner Meinung nach unbedingt herauszuhalten hat. Sie alle sind mir wichtig aber es gibt manche, bei denen mir der Einspruch besonders staatsgläubiger Menschen noch weniger einleuchtet, als bei anderen. Einer dieser Bereiche ist das eigene Leben, beziehungsweise der eigene Tod.

Der für meine Sicht vieler Dinge vermutlich nicht ganz verantwortungslose und leider alzheimerkranke Autor Terry Pratchett schreibt:

Und so habe ich mir geschworen, dass der Alzheimer mich nicht drankriegen wird, sondern dass ich ihn erledigen werde. Ich möchte mein Leben wie bislang voll auskosten und sterben, bevor die Krankheit ihren letzten Angriff startet. Bei mir Zuhause, in einem Stuhl auf dem Rasen, ein Glas Brandy in der Hand, mit dem ich den tödliche Cocktail hinunterspülen werde, den mir ein hilfsbereiter Arzt besorgen wird. Zu den Klängen von Thomas Tallis auf meinem I-Pod werde ich dem Tod die Hand reichen.

Ich finde, es erübrigt sich jeder weitere Kommentar und ich frage stattdessen: Wer könnte es mit seinem Gewissen vereinbaren, dem Mann diesen Wunsch mithilfe staatlicher Einmischung verwehren zu wollen?

8 Kommentare

8 Kommentare zu “Herrscher über das eigene Leben”

  1. Sabrinaam 4. Februar 2010 um 23:14 1

    Niemand, nur gebe ich zu bedenken, dass aktive Sterbehilfe durchaus auch Mord sein kann, denn wer weiß, ob der Sterbende in dem Augenblick immer noch der Ansicht ist oder es sich doch kurz vorher anders überlegt hat?
    Und wo zieht man die Grenze, wer darf Sterbehilfe in Anspruch nehmen? Was macht man mit Leuten, die Depressionen haben oder Selbstmord begehen?
    Da wären wir dann fast wieder im 3. Reich…Was ist lebenswert?
    Ist es nicht einfacher die aktive und auch passive Sterbehilfe komplett zu verbieten, als dass man Mördern den Weg frei macht?

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  2. Janam 4. Februar 2010 um 23:55 2

    In diesem Fall geht es ja konkret erstmal nur um passive Sterbehilfe, weil er irgendwoher dieses Gift haben muss aber nehmen will ers ja selbst.

    Im Artikel entwirft er die Idee eines Rates, der über solche Fälle entscheiden dürfen soll. Ob das der Weisheit letzter Schluss ist, weiss ich nicht – wahrscheinlich wäre so etwas allemal besser als ein totales Verbot.

    Das Problem ist doch, dass der, der sterben will, immer einen Weg finden wird. Wenn die Alternative zu einem völlig selbstbestimmten Tod in gewohnter, beziehungsweise gewünschter Umgebung zum selbst gewählten Zeitpunkt ist, sich wie Robert Enke vor einen Zug zu werfen oder sich in der Elbe zu ertränken, dann muss ich nicht lange überlegen, was ich besser finde. Menschenreste von Bahngleisen sammeln, beziehungsweise sowas als Lokführer zu erleben oder auch mal ne Wasserleiche bergen sind alles Dinge, die ausser dem einen armem Menschen viele weitere unnötig in Mitleidenschaft ziehen und trotzdem am Ergebnis nichts zum besseren ändern.

    Logisch entbindet das nicht von der Pflicht, solche Krankheiten versuchen zu heilen und natürlich kann es nicht Ziel solcher Regelungen sein, zum Selbstmord zu ermuntern. Aber das Recht über das eigene Leben zu haben sollte trotzdem mehr Privatsache sein als es ist.

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  3. XiongShuiam 5. Februar 2010 um 03:39 3

    Vom Betroffenen aus gesehen stimme ich dem hier Gesagten zu. Was ist jedoch, wenn andere ein Interesse an vorzeitigem Ableben z.B. des Erblassers haben? Diese Seite habe ich hier ein wenig beleuchtet.

    Manche Menschen halten eben dem Dauerdruck aus der Umgebung, jetzt sei es bitteschön genug mit ihrem Leben, nicht stand und bringen sich dann dann – oberflächlich betrachtet völlig legal um.

    Ich halte das Thema für komplizierter. Der Schutz für jene, die auch trotz großem Leiden ‘bis zu Ende’ leben wollen, muss gewährleistet sein…

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  4. Janam 5. Februar 2010 um 05:45 4

    Das es solche und solche Fälle gibt, bestreitet ja niemand. Wenn man es auf die grundsätzliche Frage reduzieren will, ob so etwas sein darf oder nicht, stehen sich wohl immer die Interessen derjenigen, die willens und in der Lage sind, selbst zu entscheiden und denen, die es eigentlich nicht wollen und Gefahr laufen, sich bedrängen zu lassen gegenüber.

    Aber darum habe ich ja genau diesen Fall ausgewählt. Der Mann will und er wird sich so oder so von niemandem abhalten lassen und jeder, der ihm dieses Recht versuchen würde zu nehmen, würde meiner Meinung nach einfach nur herzlos handeln.

    Diesen Dauerdruck, von dem du sprichst, kann man wohl kaum einfach verbieten, es handelt sich um nichts, dass der Staat einfach abstellen kann sondern muss eben tatsächlich mal von der Gesellschaft selbst in die Hand genommen werden. Wenn es Menschen gibt, die so etwas tun ist das schlimm aber schlimm ist auch, wenn man nur wegen solchen Leuten andere quasi in Geiselhaft nehmen will und sie quasi zwingen möchte, am Leben zu bleiben.

    Über das eigene Leben entscheiden zu dürfen muss letztendlich jedem selbst überlassen sein. Es gibt Entscheidungen, die einem niemand abnehmen kann.

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  5. XiongShuiam 5. Februar 2010 um 08:49 5

    Ich stimme Dir ja prinzipiell sowieso zu.

    Allerdings halte ich gerade den Fall TP nicht für geeignet, um ihn in die Diskussion über Sterbehilfe einzuführen. Denn so, wie er es sich wünscht, hat er jederzeit die Möglichkeit, seinen Entschluss auszuführen. Nur – und das macht die Besonderheit der Erkrankung aus – es wird der Tag kommen, an dem es zu spät ist, an dem er diese Entscheidung nicht mehr treffen kann, weil ihn die Krankheit über Nacht über Schwelle freier Entscheidung gehoben hat. Dann wird er nicht mehr wissen, was er zu tun beabsichtigte.

    Wenn er also den Schritt nicht früh genug wagt, müssen die Angehörigen ihn für ihn tun. Das aber ist dann zweifelhaft, weil er es sich ja, das könnte man aus seinem Zaudern belegen, es sich doch noch anders überlegt haben könnte.

    Genau dieses Quentchen Ungewissheit ist es aber, was den Zweifel an der strikten Ausführung eines vorher festgelegten Willens nährt. Die Frage ist dann nicht, was wollte der ‘Patient’, sondern die Frage ist: kann ich es verantworten, den Patienten zu töten?

    Dazu kommt, daß es jetzt erstmalig gelungen ist, vermittels der MRT/ EEG- Kombination mit einem Wachkomapatienten in einen Dialog einzutreten. Vorläufig geht es nur um ja/ nein- Antworten. Es zeigt sich jedoch die grundsätzliche Möglichkeit. Mit anderen Worten: was ist mit den Fällen, in denen die Patientenverfügung klar sagt, wenn ich ins Wachkoma gerate, möchte ich getötet werden? Ist das jetzt noch zulässig?

    Wie gesagt: ich bin grundsätzlich der Meinung, daß der Mensch frei verfügen können sollte. Halte aber die entstehenden Fragen für zu komplex, um die Entscheidung per Verfügung anderen Menschen aufzubürden.

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  6. rgam 5. Februar 2010 um 09:07 6

    Es wird immer Leute geben, die sich von aussen bei ihren Entscheidungen, die eigentlich nur sie etwas angehen, beeinflussen lassen. Wegen solcher Einzelfälle gegen irgendetwas zu sein bedeutet im Grunde Unterdrückung der Mehrheit wegen einer Minderheit. Gegen die Freiheit zu sein, weil wenige diese “falsch” verwenden, ist recht häufig in Deutschland ein Grund zum trauern, weil Freiheit doch so häufig für viel Glück bei anderen sorgen könnte, wenn sie denn da wäre.
    Wie dem auch sei, es ist natürlich ein gesellschaftliches Grenzthema, wie im Grunde alles, was ich interessant finde. Es ist kontrovers, es ist jeder betroffen. Es ist etwas, was jeder für sich selbst herausfinden muss, wie er damit umgehen möchte. Wer diese “Selbstfindung” nicht gemacht hat, ist natürlich eher von aussen beeinflussbar. Es ist allerdings, wenn wir von aktiver / passiver Sterbehilfe schreiben, nicht zu vergessen, dass der Selbsterhaltungstrieb des Menschen diesen zu Kraftakten bewegt. Depressionen wurden auch schon angesprochen, man müsste doch solchen Menschen aus der Depression helfen, etc. Jemand, der jahrelang an Depressionen litt und keinen Ausweg mehr sieht, der hat für mich jedes Recht seinem Leben selbstbestimmt ein Ende zu setzen. Depressionen stehen auf einer Stufe mit Schmerzen Grad 9, bei denen aber Opium aus irgendeinem Grund nicht hilft. Es gibt einfach Dinge, die unsere Medizin noch nicht leisten kann und wenn jemand keine Hoffnung mehr hat, der Selbsterhaltungstrieb also irgendwann ausser Kraft gesetzt ist, dann finde ich aus humanitärer Sicht sollte man dieser Person gestatten sein Leben selbstbestimmt zu beenden.

    Natürlich, man könnte jemanden ermorden mit aktiver Sterbehilfe, aber mal ganz ehrlich… Diejenigen, die jemanden aus welchen Motiven auch immer ermorden wollen, die können das auch heute schon tun. Für diejenigen, die sich aufgrund aktiver Sterbehilfe auf der sicheren Seite wiegen, gibt es sicherlich auch eine Lösung, z.B. Bürokratie oder polizeiliche Ermittlungen. Man gestalte das ganze doch so aus, dass erst wenn bei einer Ermittlung zu “Mord” dann “Beihilfe zum Suizid” rauskommt man Straffrei ist. Hier muss man einfach nur seine Phantasie spielen lassen, dann bekommt man auch hier gesellschaftlich akzeptable Lösungen. Oder wie immer macht man sein (ab)Leben von irgendwelchen Dritten abhängig, die darüber entscheiden, ob man schlimm genug dran ist…

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  7. Janam 5. Februar 2010 um 09:16 7

    XiongShui,

    es ist natürlich ein Spezialfall, wenngleich ich der Meinung bin, dass bei diesem Thema sowieso ausschließlich Spezialfälle bestehen.

    Trotzdem wäre ich dafür, dass Ärzte – wenigstens unter gewissen Umständen – legal das tun dürfen sollten, worum Pratchett bittet, nämlich ihm ein Gift zu besorgen.

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  8. rgam 5. Februar 2010 um 09:29 8

    “ich bin grundsätzlich der Meinung, daß der Mensch frei verfügen können sollte. Halte aber die entstehenden Fragen für zu komplex, um die Entscheidung per Verfügung anderen Menschen aufzubürden.”

    Dem kann ich zustimmen, aktive Sterbehilfe durch z.B. nahestehende Personen ist schwierig. Passive Sterbehilfe haben wir de fakto schon: Morphin gibts auf Rezept (glaube 50ml), einfach ganze Flasche trinken, ich empfehle gelöst in Zuckerwasser. Hier sollte man vielleicht die bestehenden Möglichkeiten für die Menschen mal propagieren. Wie dem auch sei, auch für aktive Sterbehilfe gäbe es Möglichkeiten. Notariell beglaubigte Dienste sei als Beispiel genannt. Und auch bei der Entscheidung via Verfügung die aktive Sterbehilfe auf andere Personen abzuwälzen, würde ich sagen, dass diese Personen entweder darüber informiert sind und drin stehen, weil sie es ggf. machen würden oder einfach diese Bürde nicht annehmen werden.

    Ich gehe davon aus, dass die wenigsten von uns sich bisher aktiv darüber Gedanken gemacht haben, wie man ableben möchte, wenn einem etwas passiert. Ich denke aber schon, dass jemand, der sich jetzt dazu entschließt, z.B. zu sagen, wenn ich ins Wachkoma falle möchte ich sterben, die aktuellen medizinischen Gegebenheiten berücksichtigt. Niemand würde sagen: Wenn ich morgen ins Koma falle, dann möchte ich übermorgen sterben. Es ist doch wohl eher so, dass man sagen würde: Wenn ich morgen ins Koma falle, es keine Aussicht auf Wiederherstellung meiner Gesundheit gibt, dann möchte ich in einem Monat sterben.

    @Jan: Wie schon dargelegt, wäre er in Deutschland müsste er nur sagen, er hätte sehr große Bauchschmerzen, dann bekäme er Morphin in der Flasche. In der Flasche ist inetwa das 60-fache von dem, was man zur Schmerzbehandlung nehmen soll. Ich denke, was sein eigentliches Ziel war, ist eine Diskussion über Sterbehilfe, auch aktive, zu entfachen, was ihm zumindest hier in Deinem Blog, recht gut gelungen ist ;)

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