Feb 05 2010
Missverständnisse zwischen Generationen
Alle Jahre wieder geistern mehr oder weniger fundierte Debatten durchs Land, die sich mit Alkoholverboten unterschiedlichster Ausprägung beschäftigen. Mal soll in Tankstellen zu bestimmten Uhrzeiten nichts verkauft werden dürfen, weil man meint, junge Leute wäre zu blöde sich rechtzeitig mit Schnaps und Bier einzudecken, mal meint man Alkoholprobleme mit öffentlichen Trinkverboten in den Griff kriegen zu können, ein anderes Mal verbietet man Erwachsenen das Trinken zum Festpreis, weil das angeblich besser für sie wäre.
Im Augenblick wird darüber diskutiert, ein Alkoholverbot für unter-18-jährige zu erlassen. Bestimmt kann man dafür einigermaßen sinnige Gründe finden – zum Beispiel den, dass ja nunmal andere Rauschmittel ebenfalls für Minderjährige verboten sind oder weil man es aus irgendwelchen Gründen weniger schlimm findet, wenn 18 Jährige zu Alkoholikern werden, weil sie es ab ihrem 18. Geburtstag aufgrund des lang ersehnten legalen Konsums fürchterlich zu übertreiben beginnen.
Der in solchen Fällen immer wieder gerne zitierte Dr. Pfeiffer hätte da laut Hamburger Abendblatt sonst auch noch einen ganz besonderen Grund im Angebot:
Dr. Christian Pfeiffer vom Kriminologischen Institut Niedersachsen fordert ein einheitliches Alkoholverbot für Jugendliche unter 18 Jahren. Laut EU-Gesundheitsbehörde sei Deutschland inzwischen in Europa in der Minderheit mit seiner Regelung, Bier und Wein bereits ab 16 Jahren zu erlauben.
Ich bin ganz froh, dass sich unsere Nachbarländer nicht zufällig eine Altersgrenze von, sagen wir mal, 30 ausgesucht haben, denn dann müsste ich heute immer noch darauf warten, legal ein Bier kaufen zu dürfen… was alle machen, kann natürlich nur richtig sein! Braucht man für solche bahnbrechenden Erkenntnisse wirklich einen Doktortitel?
Aber diese absolut schwachsinnige Begründung könnte man ja noch als rein akademische Spinnerei abtun. Im selben Artikel wird dem Beauftragten für Jugendsachen bei der Polizeiinspektion Harburg, Kriminalhauptkommissar Carsten Bünger folgende bemerkenswerte These zugeschrieben:
Jugendliche würden ihre Grenzen suchen – und Erwachsene müssten sie ihnen setzen.
Diejenigen von uns, die selber mal jung gewesen sind, werden auf den ersten Blick erkennen, warum das mit Sicherheit der falsche Weg ist, junge Leute vom Trinken abzuhalten: Es sind nicht nur unter anderem jene Grenzen, die Erwachsene Jugendlichen setzen, die sie erst Recht dazu anspornt, sie zu durchbrechen, sondern vor allem genau diese. Nichts macht eine Tat für einen Jugendlichen attraktiver, als dass sie ihm von Erwachsenen verboten werden, die ihr gleichzeitig gerne selbst nachgehen. Das war immer so und wird auch immer so bleiben. Die Grenzen, die Erwachsene Jugendlichen setzen, werden von diesen eben am allerliebsten durchbrochen.
Die erste Hälfte des Satzes dagegen ist vollkommen wahr. Zum jung sein gehört essenziell dazu, Grenzen auszuloten und sie vielleicht auch mal zu überschreiten, negative Erfahrungen zu sammeln und dann – hoffentlich – daraus zu lernen. Kein Verbot und keine Erziehungsmaßnahme kann das eigenständige Grenzensuchen jemals ganz ersetzen. Jeder Versuch das zu tun, führt oft zum genauen Gegenteil und praktisch immer dazu, dass die Sehnsucht, Grenzen auch mal zu überschreiten, bestehen bleibt.
Oder hat irgendwer den Eindruck, dass sich an der Tatsache, dass Jugendliche viel und viel zu viel trinken, sich sogar krankenhausreif saufen irgendwas geändert hätte, nur weil Alcopops verboten worden sind oder Verkaufsverbote immer restriktiver durchgesetzt werden?
Natürlich muss man darauf achten, dass Jugendliche und Heranwachsende einen vernünftigen Umgang mit Alkohol lernen. “Vernünftig” sollte man nur nicht zwangsläufig mit “gar keinem” Umgang gleichzusetzen versuchen. Statt sich spießerhaft hinzustellen und wegen ein paar Bier einen Affenzirkus zu veranstalten, wäre vielen Jugendlichen wahrscheinlich mehr geholfen, wenn man sie beim Finden des richtigen Maßes unterstützen könnte.
Das würde natürlich voraussetzen, Verkaufs- und Abgabeverbote zu lockern und weniger verbissen zu sehen. Dass es viele Jugendliche gibt, die beim Alkohol überhaupt kein Maß zu kennen scheinen, liegt aber wohl kaum daran, dass sie Bier kaufen dürfen, wenn sie 16 sind – dass tun sie nämlich, zumindest nach meiner Erfahrung (und diversen Statistiken der Brauereiwirtschaft) sowieso eher selten. Bevor ich 18 wurde, habe ich selbst auch so gut wie kein Bier getrunken und überhaupt keinen Wein. Dafür aber alles andere. Das scheint mir auch heute noch ähnlich zu sein.
Statt mithilfe neuer Verbote noch mehr Anreize zu schaffen, sollten wir uns lieber daran erinnern, wie wir früher die uns aufgezwungenen Grenzen empfunden haben: Als regelrechte Aufforderung, sie möglichst spektakulär zu überschreiten. Wer es wirklich gut meint mit Jugendlichen, der darf aber nicht stumpf gegen sie anarbeiten, sondern muss zumindest versuchen, sie zu verstehen.
7 Kommentare



100% agree. Besser hätte ich es gar nicht schreiben können, dem gibt es nichts hinzu zufügen. Dass Herr Pfeiffer offensichtlich Kinder und Jugendliche verteufelt stellt er immer wieder gern zur Schau und hat sich wohl schon selbst einen kleinen Wettbewerb daraus gemacht, sich immer sinnlosere Argumentationsgrundlagen auszudenken.
Herr Pfeiffer ist ein Idiot. Allein seine Töpfchentheorie sagt doch schon alles: mehr Nazis im Osten, weil alle gleichzeitig aufs Töpfchen mussten, nicht weil vielleicht der nationalSOZIALISMUS faktisch das ist, was den Leuten 40 Jahre lang durch den Staat eingetrichtert wurde… aber ich schweife ab.
Wie so oft, versucht die Gesellschaft, oder Teile derselben, Probleme auf die einfache und leichte Art zu lösen: was nicht erwünscht, soll verboten werden. Soetwas hilft niemals, siehe Drogen, siehe Computerspiele, sie Gewalt, etc. Hier ist, so sehe ich das, einfach die gesamte Gesellschaft gefragt. Jeder muss darauf achten, wie er sich verhält und wie er jemandem helfen kann, der offensichtlich sonst einen Fehler macht. Es geht doch eigentlich nicht darum, dass prinzipiell etwas verboten gehört sondern, wie man damit umgeht. Als Eltern gehört auch dazu, dass man z.B. am Wochenende zusammen sitzt und auch mal gemeinsam Alkohol trinkt, eben weil man dann in behüteten Verhältnissen ist, bei verantwortungsvollen Menschen, die auch mal sagen Stopp, wenn man sich zuviel leistet. Die diese Autorität, den damit verbundenen Respekt haben, weil sie sich diesen verdient haben, nicht weil sie wie Vater Staat, zur Not mit Gewalt agieren. Hier müssen die Eltern auch mal fragen, was geplant ist. Auch der Mann hinterm Tresen muss die Leute fragen, wie es ihnen geht, ob sie nicht genug haben, ob man ein Taxi bestellen soll, etc. Durch Verbote mit Strafandrohung wird der Mann hinterm Tresen, der aus Leichtigkeit den falschen Leuten Alkohol gegeben hat, aber doch eher davon abgehalten.
Bei so ziemlich allem, was Jugendliche angeht, ist es eine Frage, wie man seine Kinder erzieht und wie man mit ihnen umgeht. Erziehe ich meine Kinder auf Augenhöhe und helfe ihnen, wenn sie mal Fehler machen, oder stelle ich mich immer über sie? Bin ich für meine Kinder eine Respektsperson oder eine Autoritätsperson oder vielleicht beides? Können meine Kinder sich immer auf mich verlassen und immer zu mir kommen, egal was passiert? Selbst wenn man diese Fragen ordentlich beantworten kann, wird es immer passieren, dass Kinder Fehler machen, auch tragische Fehler. Hier sind wir dann wieder dort, dass die Gesellschaft insgesamt dann auch mit diesen Eltern respektvoll umgehen muss, statt irgendwo Schuldige zu suchen, wo keine sind, ausser vielleicht das Leben an sich oder der liebe Gott.
Ich kann mich noch gut an meine Jugend erinnern. Wir haben Bier getrunken, auch verglichen mit anderen Gruppen relativ viel, aber auch wie Jan beschreibt, alles andere noch dazu. Wir haben auch andere Dinge konsumiert. Meine Eltern haben es immer locker genommen. Tja, jetzt bin ich liberal, also offensichtlich ganz radikale Langzeitschäden gibt es da schon
Das eigentliche Problem geht viel tiefer. Der Staat maßt sich mehr und mehr an, sämtliche Institutionen einer Gesellschaft überflüssig zu machen, bis dass es nur noch den Einzelnen und den Staat selbst gibt. Daran, wie sehr Kindererziehung heute noch funktioniert, kann man den Erfolg dieser Strategie ablesen. Aber den Staat stört das nicht, denn das legitimiert nur sein weiteres Eingreifen, billigstenfalls eben über Verbote.
Aber der Staat, das sind doch wir alle! Aber mal ernsthaft. Natürlich hast Du, Rayson, das richtig ausgedrückt. Doch am Ende kommt man dann wieder dazu, zu sagen, dass die gesamte Gesellschaft im Grunde betroffen ist, u.a. von dieser Verbotkultur. Irgendwer fordert ein Verbot, irgendwer greift es auf und ein großer Teil der Gesellschaft steht schulterzuckend da und billigt das ganze damit oder will in Ruhe gelassen werden und ignoriert es. “Mich triffts ja eh nicht”, “ich hab doch nichts zu verbergen”, naja, man kennt ja die Sprüche…
Ich sehe da also weniger den Staat an sich als das Problem, sondern die Gesellschaft und vor allem was dieser Staat mittlerweile daraus gemacht hat.
Wir verhalten uns wie “glückliche” Sklaven die gegen die Aufhebung der Sklaverrei sind. Wie man bei geringeren Steuern von Geschenken reden oder schreiben kann ist doch das beste Beispiel. Datendiebstahl im Privaten ist ganz böse, selbst die Weigerung in Zwangssysteme wie GEZ, und IHK zu bezahlen sind “kriminell”, aber auf staatlicher Seite ist Raub, Erpressugn völlig in Ordnung und es wurde den Meisten erfolgreich eingeredet, es ist gut was der Staat macht. Also alles paletti, oder?
Ich musste oft, bereits im Alter von 10 Jahren, für meinen Vater Bier oder Zigaretten im nahegelegen Restaurant holen. Ich bin nie Biertrinker geworden und ich habe damals nie auch nur eine einzige Zigarette “geklaut”, obwohl mein Vater es mir nie verboten hatte oder hätte.
Prime Minister Kevin Rudd wants legal drinking age raised to 21
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