Filterblog

Der Preis der Freiheit ist stetige Wachsamkeit.

Krake gegen Krake

Posted on | Februar 9, 2010 | 2 Comments

Die Bundesministerin für (unter anderem) Verbraucherschutz macht ordentlich Jagd auf Google, wie zum Beispiel der Tagesspiegel berichtet:

Mit seinem Angebot Street View, für das der amerikanische Computerkonzern weltweit Straßen abfotografiert und ins Netz stellt, werde gleich „millionenfach die Privatsphäre verletzt“, sagt Bundesverbraucherschutzministerin Ilse Aigner und guckt angriffslustig in die Runde. „Persönliche Daten sind persönliches Eigentum“, findet die CSU- Politikerin – wer die ihren nutzen wolle, der müsse ihr Einverständnis einholen.

Bemerkenswerte Äusserungen, besonders die Letzte – jedenfalls wenn man bedenkt, dass sie von einer Unionspolitikerin kommen.

Man fragt sich etwas verwundert, warum lediglich Google ins Visir der Ministerin gerät, wo doch das massenweise Sammeln von persönlichen Daten von anderen Unternehmen und Institutionen mit wesentlich mehr Eifer und oft aus deutlich bedenkenswerteren Motiven betrieben wird.

Adresshandel zum Beispiel ist etwas, um dass sich längst eine ganze Industrie gebildet hat. Kennt doch jeder – plötzlich steckt, wie zum Beispiel bei mir in der vergangenen Woche, ein unheimlich brauchbarer “Selbsttest” im Briefkasten, mit dem man umgehend die Frage beantworten kann:

“Wie gesund ist Ihre Prostata?”

- praktischerweise gleich nebst freundlicher Empfehlung eines biologisch einwandfrei hergestellten Prostatamittels. Schon interessant, dass mich so etwas auf dem Postweg erreicht, obwohl ich nie auch nur irgendwelche Medikamente im Versand bestellt habe und meine Prostata übrigens auch ganz tadellos funktioniert. Hinter dem Schreiben dürfte wohl eher nicht ein findiger Werbestratege, sondern ein offensichtlich mit gewissen Streuverlusten behaftetes Massen-Bombardement auf Grundlage (zu) billig erworbener privater Daten stecken.

Solche Phänomene sind alles andere als neu und neben diesen Dilettanten gibt es Adresshandel natürlich auch noch deutlich professioneller, aufgeschlüsselt etwa nach Bildungsstand, Alter und Gehalt – also weit, weit persönlicheren Daten, als es etwa die Straßenansichten von Wohnhäusern es sind, die Google derzeit flächendeckend auf der ganzen Welt für sein Projekt Street View fotografiert.

Man kann von mir aus gerne mal thematisieren, welche privaten Daten besser wirklich privat bleiben sollten und von niemandem einfach so gesammelt werden dürfen sollen. Eröffnen wir diese Debatte aber erst einmal, werden wir relativ schnell an staatliche oder halbstaatliche Datenkraken geraten, die allesamt verglichen mit Google um einiges unheimlicher sind – schon weil sie oft sehr private Daten vor allem deshalb sich verschaffen oder sammeln, um notfalls mithilfe des staatlichen Gewaltmonopols Geld (seien es Rundfunkgebühren, seien es Steuern, seien es Bußgelder wegen zu schnellen Fahrens etc.) von uns einzutreiben.

Google sammelt private Daten, um uns mit möglichst maßgeschneiderter Werbung beglücken zu können. Ein Milliardengeschäft, gar keine Frage und jeder von uns wünscht sich wahrscheinlich, gegenüber Sammlern solchen Kalibers mehr Kontrolle oder wenigstens Transparenz über seine persönlichen Daten zu haben. Behörden dagegen sammeln die selben Daten und das fast immer, weil sie uns unterschwellig irgendwelcher Dinge verdächtigen. Sie sammeln Daten und verlieren sie ab und zu auch mal, manchmal gibt es – Menschen machen eben Fehler – auch Unfälle und Menschen werden zu Unrecht ins Visir genommen.

Ich kann mir kaum vorstellen, dass Street View ein ernsthaftes Datenschutzproblem darstellt. Google selbst behauptet, man könne problemlos das eigene Haus aus dem Index entfernen lassen. Etwas, nach dem interessanterweise noch nie jemand bei Diensten wie Google Earth gefragt hat, das nicht nur jede Straße, sondern selbst jede einsame Hütte samt Umgebung von oben zeigt. Blogger-Kollege Robin, der den Dienst viel kritischer sieht als ich, wird uns vermutlich mitteilen, ob das mit dem Entfernen wirklich hinhaut. Sein Vorhaben, seine Mitmenschen über Google Street View zu informieren und ihnen dabei zu helfen, auf Wunsch ihre Häuser dort entfernen zu lassen ist dabei für mich übrigens ein Weg, der absolut in Ordnung ist – und selbstredend auf jeden Fall besser, als peinliche “Protest”-Aktionen.

Die Aigner-Idee hingegen, Google solle bitteschön jeden Menschen auf der Welt fragen, ob es sein Eigentum fotografieren darf, ist aber völlig wirklichkeitsfremd. Zum einen, weil der Aufwand gigantisch wäre und, sofern man Google glauben darf, eine Löschung ja nunmal ohnehin möglich ist. Wenn Ministerin Aigner Google Street View verbieten will, soll sie doch bitte gleich die Katze aus dem Sack lassen, statt das Projekt solange zu drangsalieren, bis es womöglich undurchführbar wird.

Zum andere finde ich die Vorstellung äusserst bizarr, Sachen nur dann fotografieren zu dürfen, wenn ich deren Eigentümer vorher ausfindig gemacht und mir die – am besten noch schriftliche – Genehmigung dafür vorliegt. Denn was für Google im Großen gilt, müsste nach meinem Rechtsverständnis selbstverständlich auch für jeden Künstler, jeden Touristen und Hobbyfotographen im Kleinen gelten – vor allem dann, wenn nicht die Masse allein, sondern auch die Privatheit der jeweiligen Daten das sind, was respektiert werden sollte und um die macht sich die Verbraucherschutzministerin ja offenbar ihre Sorgen.

Eine Bundesregierung, die mit Segen der Kanzlerin Millionen für illegal verschaffte höchst vertrauliche Daten ausgibt, ist aber natürlich ohnehin kein Stück glaubwürdig, wenn sie erklärt, sie wolle private Daten schützen. Das Gegenteil ist der Fall und wer bei Google B schreit, ohne A auch nur zu flüstern, verkennt den Ernst der Lage und ignoriert die Tatsache, dass in einem Land, in dem bewusst das Bankgeheimnis aufgehoben wird, in dem nicht wenige wichtige Politiker immer wieder auf neue Ideen kommen, welche privaten Daten gesammelt und dauerhaft gespeichert gehören und in dem man sich nicht einmal dem Zugriff des Staates entziehen kann, wenn er – ohne jeden konkreten Verdacht – die DNS (kann es überhaupt noch privatere Daten geben?) analysieren will, der zielt für mich mit Kanonen auf Spatzen, während er eine besinnungslose fette Henne bewusstlos vor seinen Füßen liegen hat.

Hinter dem Aigner’schen Vorstoß steckt darum wahrscheinlich kaum mehr als ein bisschen Populismus, gepaart mit dem Wunsch datenkrakentechnisch oberster Monopolist zu werden. Google mit seinen umfangreichen Sammlungen dürfen wir nicht ignorieren und Wünsche nach mehr Transparenz, Offenheit und Kontrolle über die eigenen Daten im Internet sind selbstverständlich berechtigt, weshalb beispielsweise die Möglichkeit, den eigenen Besitz aus Google Street View ausblennen zu können richtig und wichtig ist.

Aber das Schlimmste, was Google uns antun wollen könnte, ist unerwünschte Prostatamittelwerbung. Der Datenkrake Staat dagegen verfügt gestützt auf sein Gewaltmonopol und mächtige Behörden über sehr viel realere, weitergehende Macht – das sollten wir nicht vergessen, wenn wir über den Schutz privatester Daten reden.

Comments

2 Responses to “Krake gegen Krake”

  1. Robin
    Februar 10th, 2010 @ 07:07

    Krake gegen Krake ist wirklich ein schöner Titel :)

  2. uberVU - social comments
    Februar 10th, 2010 @ 07:25

    Social comments and analytics for this post…

    This post was mentioned on Twitter by filterblog: Neu im Blog: Krake gegen Krake #streetview #aigner #datenschutz http://bit.ly/9oLiSJ...

Leave a Reply





Protected by WP Anti Spam
  • Löffel voller Weisheit

    Information ist die Währung der Demokratie. — Thomas Jefferson

  • Filterblog@Facebook


  • Switch to our mobile site