Kirche und Kernenergie, Menschenketten und Hysterie der Massen
Posted on | April 21, 2010 | 7 Comments
Preisfrage: Wer kennt sich wohl mit Technik und Kernphysik sogar noch ein bisschen weniger aus, als Sozialkundelehrer, Gewerkschafter oder Bundestagsabgeordnete? Na klar: Kirchenleute. Deren Fachgebiet ist der Himmel, vielleicht auch noch die Hölle. Alles, was dazwischen liegt, sollten sie – das kann man immer wieder feststellen – lieber Leuten überlassen, die etwas davon verstehen.
Tun sie natürlich nicht und so lesen wir aktuell auf der Website des Kirchenkreises Winsen in der Ankündigung der unter anderem von ihm unterstützten “Aktion Menschenkette”:
“Technologisch ist Deutschland soweit, dass in wenigen Jahren die gesamte Stromversorgung durch Sonne, Wind und Wasser möglich ist,” sagt Wilfried Staake, Öffentlichkeitsbeauftragter des Kirchenkreises.
Eine mutige These. Oder vielleicht auch nicht: Immerhin redet man über Ereignisse, die tausende Jahre her sind so, als wären sie erst gestern passiert. Vielleicht verliert man unter solchen Bedingungen den Überblick, was für einen normalen Menschen “wenige Jahre” sein können. Oder vielleicht hat die Kirche ja auch konkrete Belege für diese Behauptung, womöglich baut sie selbst bereits massenweise leerstehende Kirchen in große Energiespeicher um?
Im Einzugsbereich des Kirchenkreises Winsen, in dem ich lebe, ist direkte Energie aus der Sonne eher nichts, auf dass ich mich verlassen möchte. Wäre aber ja, das muss man der Ehrlichkeit halber festhalten, auch bei Umsetzung der Kirchenvision so nie der Fall, denn wenn die Sonne mal nicht scheint, kommt der Strom halt wie früher aus der Steckdose. ersatzweise aus osteuropäischen Atomkraftwerken oder so. Wasserkraftwerke sind hier oben – mangels Bergen – auch eher selten und daher keine Option für die Zukunft. Bleibt noch Wind – das funktioniert hervorragend und rechnet sich auch, soweit ich weiss. Also wenn nicht grade Flaute ist … aber hey, zurück zur Natur heisst eben auch, sich im Energieverbrauch gefälligst an den Goodwill der Natur/des lieben Gottes (je nach Geschmack) anzupassen.
Man merkt hier, dass die Arbeit, die man so als Kirchenmitarbeiter zu erledigen hat notfalls auch ohne Strom funktioniert. Kerzen sind üblicherweise ja genügend vorhanden. Dass es Menschen gibt, die ihr Geld mit der Arbeit an auf Elektrizität angewiesenen Maschinen und Geräten verdienen, weiss in Gläubigenkreisen vielleicht nicht jeder. Vielleicht sind solche Äußerungen auch einfach nur einer zunehmenden Konzentration auf die Zielgruppe “Rentner und Rentnerinnen” geschuldet, die ihr Geld halt auch ohne Strom kriegen – keine Ahnung.
Ein weiterer Knüller ist diese Äußerung in der selben Meldung:
“Darum darf jetzt nicht wieder auf die Risiko-Technologie Kernkraft gesetzt werden. Tschernobyl ist anscheinend schon wieder vergessen. Dort leider über 500.000 Menschen an den Folgen, viele sind schon gestorben. Wenn es in Krümmel einen schweren Unfall gibt, ist Hamburg mitsamt Umland verloren. Hier wohnen über 2 Millionen Menschen. “
Tschernobyl als Beispiel für deutsche Kernkraftwerke heranzuziehen ist weder fair, noch sachdienlich. Ich unterstelle auch hier mal wohlwollend eher Ahnungslosigkeit, als Absicht aber die Reaktoren vom “Typ Tschernobyl” (eigentlich tragen sie den hübsch sozialistisch klingenden Namen “RBMKS”) sind eben schon aufgrund ihrer eigentümlichen Konstruktion ein Sicherheitsrisiko, weil sie über eine Reaktor-Bremsvorrichtung verfügen, die beim Bremsvorgang erstmal eine Steigerung der Aktivität im Reaktor verursachen, bevor die Bremswirkung zum Tragen kommt. Das geht offensichtlich meistens gut, denn immerhin stehen und laufen im Gebiet der ehemaligen Sowjetunion viele dieser faszinierenden Fehlkonstruktionen, ohne dass es jemals zu vergleichbaren Unfällen gekommen wäre. Am 26. April 1986, als man unter Abklemmung des Notkühlsystems eine Fehlfunktion eigentlich nur simulieren wollte ging es allerdings gründlich daneben und aus der Simulation am realen Reaktor wurde ein sehr realer Unfall.
Tschernobyl ist also nicht etwa, wie von der Kirche hier angedeutet, das zwangsläufige Ergebnis der Nutzung von Kernenergie, sondern eine Verkettung von einer Fehlkonstruktion mit einer Reihe von menschlichen Fahrlässigkeiten und Fehlern. Tschernobyl ist damit sicher ein Mahnmal – aber keines gegen, sondern für deutsche Kernkraftwerke, deren Stromproduktion wir doch nicht im Ernst durch andere, noch laufenden tschernobyl’sche RBMKS-Kraftwerke ersetzen wollen können – worauf es allerdings hinauslaufen würde, wenn man allein auf Sonne, Wind und Wasser setzen will, ohne dass die dazu notwendigen Voraussetzungen (System von Energiespeichermöglichkeiten plus – so ist das mit der gerade von Umweltbewegten eingeforderten dezentralen Versorgung eben – vieler neuer Leitungen, die übrigens auch keiner vor der eigenen Haustür haben will) bereits bestehen.
Von uns in Winsen aus gesehen steht Krümmel nicht nur auf der anderen Seite der Elbe, sondern auch in einem anderen Bundesland. Das hat zur Folge, dass wenn dort – wie vorgekommen – etwas brennt, wir diesseits der Elbe bisher entweder gar nicht oder sträflich spät darüber informiert worden sind, was denn der Rauch und Qualm aus dem Atomkraftwerk so zu bedeuten hat. Nicht nur der Betreiber von Krümmel hat sich in der Vergangenheit mehrfach ausgesprochen dämlich angestellt, was Öffentlichkeitsarbeit rund um sein Kraftwerk angeht, auch die zuständigen Aufsichtsbehörden haben da nicht immer eine besonders vertrauenserweckende Informationspolitik betrieben. Dass sich die Anwohner dagegen wehren und ihnen inzwischen jedes Vertrauen fehlt, kann daher niemanden wundern und mich würde eine Abschaltung des Kraftwerks auch nicht weiter stören. Aber Angst vor einem “Tschernobyl an der Elbe” zu schüren ist sachlich falsch und nichts als stumpfe Panikmache, zumal offenbar auch noch in Tateinheit der politischen Schützenhilfe – denn dass kurz vor der Wahl in Nordrhein-Westfalen großartig gegen Kernenergie aufgefahren wird, ist ja irgendwo auch ein interessanter Zufall.
Ich halte Kernenergie schon aus marktwirtschaftlichen Gründen für einen Fehler, beziehungssweise ein Auslaufmodell. Angefangen bei den Kosten, die die Transporte und Zwischenlagerung verursachen über die weiteren Kosten, die eine jahrtausendelange “Endlagerung” (inklusive Über- und Bewachung des strahlenden Materials) halt so mit sich bringen dürfte, bis hin zu der Erkenntnis, dass ohne massiv subventionierte Forschung wahrscheinlich bis heute kein Atomkraftwerk in Deutschland in Betrieb gegangen wäre, ist die Kernenergie insgesamt ohne staatliche Unterstützung wahrscheinlich kaum lebensfähig.
Panikmache – die sowieso meistens unsachlich ist, wie auch dieses Beispiel wieder zeigt – wäre etwas, das Kernkraftgegner überhaupt nicht nötig hätten, wenn sie sich wenigstens ausnahmsweise mal dazu herablassen könnten, den Markt nicht als Erzfeind, sondern als Verbündeten zu betrachten. Solange sich allerdings Kernkraftgegner mit offensichtlichen Lobbyisten, Nutznießern und Befürwortern anderer Energiesubventionen*bedenkenlos zusammentun, werden wir das natürlich eher nicht erleben.
Mit einer derart perfiden Kampagne, die Ängste der Bürger gezielt schürt, ausnutzt, zu Hysterie hochschaukelt und dann für die eigenen Zwecke und finanziellen Interessen ausbeutet, möchte ich auf jeden Fall nichts zu tun haben. Diese “Menschenkette” wird ohne mich auskommen müssen, auch wenn sie vor meiner Haustür stattfindet und ich gegen das grundsätzliche Ziel des Atomausstiegs nichts habe.
–
* Beispielsweise der SPD als allerletzter Fürsprecher für die steuerfinanzierte Ruhrgebietsuntertunnelung, Greepeace als Energieerzeuger und damit direkter Profiteur von Subventionen oder den Grünen als Lobbypartei für Windanlangenhersteller und -betreiber.
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7 Responses to “Kirche und Kernenergie, Menschenketten und Hysterie der Massen”
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April 21st, 2010 @ 13:42
[...] Dieser Eintrag wurde auf Twitter von Jan Filter erwähnt. Jan Filter sagte: Neu im Blog: Kirche und Kernenergie, Menschenketten und Hysterie der Massen http://bit.ly/9rz5rM [...]
April 21st, 2010 @ 16:19
Kernenergie im Lichte biblischer Zeitraeume, leerer Kirchen, Kerzen und Rentner – vielen Dank fuer deine wunderbare Polemik!
Der Vollstaendigkeit halber merke ich bloss an, dass die Meinung eines exponierter Repraesentanten nicht notwendig pauschal fuer alle Mitglieder einer Gruppe gilt – sei es die Kirche (zumindest die protestantische …) oder die FDP.
April 21st, 2010 @ 16:46
Das ist mir als (Noch-)Mitglied der betreffenden Kirche übrigens bewusst;)
April 21st, 2010 @ 17:43
So entfernt ist der Tschernobyl-Vergleich mitunter nicht. Lesen Sie mal nach, was z.B. Wartungstechniker über Biblis berichten.
So sehr wie die einen Hysterie aufbauschen, so sehr versuchen die anderen mit vermeintlicher Sicherheit einzulullen. Es hilft nur ein langer Faktencheck. Den meiden die Meisten und “glauben” also den einen oder anderen, das gilt auch für Kleriker. So schade es ist.
April 22nd, 2010 @ 12:07
Die einen schüren Angst, die anderen kriegen Angst und sind die freiwilligen Helfer derer, die die Angst schüren. So ist das in Deutschland. Dass so viele mitmachen, liegt daran, dass keiner etwas von der Materie versteht und jeder in einer Demokratie seine “Meinung” kundtun darf. Ist Angst eine Meinung?
April 22nd, 2010 @ 13:09
@Maschinist,
bedenkt man, dass praktisch nie etwas passiert, reden wir bei der Kernenergie wohl von einer eher theoretischen als einer tatsächlichen Gefahr. Aber selbst wenn man Kernkraftwerke per se für gefährlich hält, wird man doch nicht bestreiten können, dass jene nach Tschernobyl-Bauart nach menschlichem Ermessen größere Probleme darstellen, als sämtliche westeuropäischen Reaktoren. Ich finde es nicht sehr logisch, sichere gegen unsichere Kraftwerke tauschen zu wollen.
@Wolfgang,
so ist es wohl – ich glaube allerdings nicht, dass das – ausser bei ausgerechnet diesem Thema und vielleicht auch noch der Gentechnik – nur in Deutschland so ist.
April 24th, 2010 @ 17:31
eigentlich bin ich ja ein gruener und mit meiner jamaika fantasie mehr oder weiniger in der minderheit, aber seit ich den glauben an gabriel, kraftilanti, ypslanti und ihre “spezialdemokratischen aufsteigerchen” verloren habe, gibt es für mich nur diese vision, ich mag einfach nicht dran denken, dass in nrw ab sommer 2010 die grosse koalition wiedereingeführt wird, gruss an christian grascha (MdL) aus einbeck !!!