Manche politischen Fragen sind einfach nervtötend. Zum Beispiel die, ob nun Gesamtschulen der Weisheit letzter Schluss sind oder nicht. Ich halte diese Frage für rein ideologisch und – im Sinne der Schüler jedenfalls – vollkommen nebensächlich.
Denn ich bin überzeugt davon, dass Aspekte wie Klassengröße und Maß der individuellen Betreuung, Qualität der Lehrer und deren Ausstattung, sowie die Ausstattung der Schule insgesamt sehr viel wichtiger sind und dass hinter diesen Merkmalen die reine äußere Form der Schule praktisch keine Rolle mehr spielt.
Warum ist dann bloß dieser Graben zwischen den Verfechtern des Dreigliedrigen (neuerdings heisst es ja auch gern “Mehrgliedrigen”) Schulsystems und den Kämpfern für “eine Schule für alle” dann so tief?
Die Antwort ist einfach: Weil große Strukturreformen im Wahlkampf einfacher zu verkaufen sind und ihre Umsetzung vermutlich auch viel mehr Spaß macht – jedenfalls dann, wenn man einen Hang zum Selbstverwirklichen hat.
Den unterstelle ich den meisten Bildungspolitikern in diesem Land. Allein während meiner Schulzeit wurde beispielsweise das Fach “Sozialkunde” landesweit mindestens zweimal umbenannt, die Orientierungsstufe wurde erst an- dann wieder abgeschafft, die Rechtschreibreform trat dreimal (jeweils minimal verändert) in Kraft, nachdem sie dazwischen immer wieder auf Eis gelegt wurde (mit dem “Lernerfolg”, dass ich nachhaltig jeden Überblick verloren habe und nie so genau weiss, welcheRechtschreibung ich eigentlich schreibe – vermutlich habe ich mir irgendwann einfach das Bequemste aus allen Möglichkeiten ausgesucht).
Es könnte auch sein, dass manche der Politiker, die ganzen Generationen von Schülern diese und ähnliche (es ist ja nicht so, dass der Reformeifer insgesamt wirklich nachgelassen hätte, man blicke nur in meine Nachbarstadt Hamburg) natürlich hochwichtigen Reformen aufgezwungen haben, einfach nur irre Sadisten sind. Aber der Mehrzahl würde ich ja durchaus zugutehalten, dass sie irgendwo positive Absichten hatten – und einfach, kaum dass die Wahl gewonnen war, ein bestimmtes Modell, von dem sie persönlich überzeugt waren und sind, durchsetzen wollten.
Und genau dass ist eines der größten Probleme des Bildungssystems, beziehungsweise der Bildungssysteme (deutliche Unterschiede gibt wenigstens in diesem Punkt zwischen den Ländern nicht, wie mir scheint): Nicht Schüler und ihre Bedürfnisse stehen im Mittelpunkt sondern mehr oder weniger wissenschaftliche Erkenntnisse und Studien.
Nicht, dass daran grundsätzlich etwas auszusetzen wäre. Nur: Wenn alle 5-10 Jahre eine Generalreform angesetzt wird, die Schulverwaltung, Lehrer und letztlich auch Schüler und Eltern manchmal in den Wahnsinn treibt, ist es eben oftmals zielführender, lieber das, was ist, versuchen zu verbessern, statt zum wiederholten Mal zu versuchen, das Rad zu erfinden.
Was übrigens auch niemals gelingt, weil ziemlich sicher vorher schon die nächste Großreform in Angriff genommen wird.
Nun gibt es für Schulreformen selbstverständlich auch andere Anlässe, als eine gewonnene Landtagswahl. Es gibt den häufig bemühten, aber in Sachen Schule halt mal wirklich wichtigen demographischen Wandel: Die Auslastung von Schulen und allem, was da strukturell noch so dran hängt (Schulbusse, Lehrer etc.) muss eben irgendwie in einem vernünftigen Maß gehalten werden, wenn sich Schülerzahlen innerhalb weniger Jahre dramatisch verändern. Oder auch der technische Fortschritt: Natürlich muss ein Schüler, der heute seinen Realschulabschluss macht, andere Kenntnisse mitbringen als meinereiner das 1998 musste. Damals war es zum Beispiel in der Schule nicht gern gesehen und teilweise sogar ernsthaft verboten, bei den Hausaufgaben einen Computer zu benutzen. Heute gilt (hoffentlich!) das Gegenteil, denn dass man schnell und schön mit der Hand schreiben kann, nützt einem beruflich meistens gar nichts, ganz im Gegensatz zur Fähigkeit, mit zehn Fingern blind schreiben zu können.
Die Probleme, besser gesagt: Die sich verändernden Bedürfnisse treten natürlich stets vor Ort in den Schulen auf. Das bedeutet, dass zunächst die Schulleitungen und ihre Träger und/oder die kommunale Politik davon Notiz nehmen. Deren gemeinsamer Einfluss ist aber begrenzt, denn die wirklich relevanten Änderungen (beispielsweise an Lehrinhalten, was bis hin zur Auswahl der Bücher geht) können nur im (von mir aus) 150km entfernten Kultusministerium gemacht werden. Und dort wird man verständlicherweise nicht tätig, bloß weil einzelne Schulen gerade Reformbedarf sehen (da könnt ja jeder kommen), sondern dazu muss das Problem wenigstens bereits überregional, also quasi ein Flächenbrand inklusive diverser Kollateralschäden geworden sein.
Um es mal zusammenzufassen: Das Bildungssystem ist sehr hierarchisch geordnet. Es ist daher ganz gut darin, grobe Leitlinien und Strukturen vorzugeben und die kann man auch toll alle paar Jahre über den Haufen werfen und durch was “Neues” ersetzen, wenn man will. Und dass man häufig will, ist eher Fluch als Segen für alle direkt Beteiligten, denn echte Verbesserungen bringt das selten. Auf der anderen Seite ist es mit so einem System praktisch nicht möglich, auf regionale Besonderheiten schnell oder sogar überhaupt irgendwann zu reagieren, weil Entscheidungen nicht von den Betroffenen vor Ort, sondern weit entfernt von quasi Unbeteiligten getroffen werden.
Wie kann man das Verbessern? Na mit Marktwirtschaft! Jaja, ich weiss, wahnsinnig überraschende These an dieser Stelle…
Das Ganze könnte in etwa so laufen: Statt Schulen einen Betrag x pro Schule zu zahlen und ihnen zu 95% zu befehlen, wie sie das auszugeben haben, könnten sich Kultusministerien ja einfach mal auf die Vorgabe von Zielen beschränken (so nach dem Muster: Wer Abitur haben will, muss mindestens Dreisatz und einiges an Analysis draufhaben und wissen, wer Goethe war) und dann einen Betrag x pro Schüler an deren Bildungseinrichtung zahlen.
Alles Weitere bliebe dann dem Zusammenspiel von Schulen, Trägern, Lehrern, Eltern und Schülern überlassen. Schüler und Eltern würden sich ihre Schulen nach objektiven Qualitätskriterien aussuchen, Schulen und ihre Trägerschaft müssten regelrecht um Schüler werben und Wege finden, mit dem vorhandenen Geld (das im deutschen Bildungssystem im internationalen Vergleich ja so wenig nicht ist) buchstäblich das Beste herauszuholen.
Wollen wir wetten, dass dann die Frage “Gesamtschule oder nicht” sehr schnell ihren Sinn verliert und zur reinen Geschmackssache wird, dafür aber die von mir eingangs erwähnten wirklich wichtigen Kriterien dramatisch an Bedeutung gewinnen?
Es ist ein Jammer, dass selbst deutsche Schüler lieber sinnbefreite und nach meinem Eindruck eher spaßorientierte “Bildungsstreiks” vom Zaun brechen, sich auf das unkritische Nachplappern irgendwelcher Ideologien beschränken und ordentlich randalieren und Aufstand spielen, als mal den eigenen Kopf einzuschalten. Dass das so ist zeigt allerdings wohl wiederum, wie ernst es um das Bildungssystem wirklich steht.