Filterblog

Der Preis der Freiheit ist stetige Wachsamkeit.

Stoppt Koschorrek!

Posted on | August 30, 2010 | 4 Comments

Als Frank-Walter Steinmeier überraschend ankündigte, seiner Frau eine Niere spenden zu müssen (“mangels Alternative,” sagte er glaube ich wörtlich), hat mancher die Nase gerümpft und gemeint, dass es zwar gut sei, dass er das täte, aber etwas unschön, dass ers so öffentlich tut.

Habe ich anders gesehen. Zum einen, weil jemand in Steinmeiers Position (er ist immerhin Fraktionsvorsitzender der größten Oppositionspartei im Bundestag) nicht einfach so ein paar Wochen lang wegbleiben kann, ohne das zu erklären – zumindest nicht, wenn er blöde Gerüchte um seinen Gesundheitszustand oder innerparteilichen Streit (die Rentendebatte in der SPD fand ja exakt zeitgleich statt) auslösen wollte.

Zum anderen habe ich gehofft, dass er mit seiner Pressekonferenz das Thema Organspende voranbringt, was angesichts der relativ geringen Verbreitung von Organspenderausweisen hilfreich sein könnte. Die Diskussion ist tatsächlich in Gang gekommen. Das ist erstmal positiv.

Ich selbst habe seit Jahren einen Organspenderausweis bei mir. Für den Fall, dass ich durch einen Unfall keine Organe mehr brauchen sollte, kann ich damit unter Umständen jemand anderem das Leben retten. Für mich ist es eine Selbstverständlichkeit, so zu handeln. Für manchen anderen vielleicht auch nicht. Jeder muss sich seine eigenen Gedanken dazu machen – aber viel zu wenige tun das überhaupt und wundern sich dann über lebensbedrohlich lange Wartezeiten, wenn sie selbst ein fremdes Organ gut gebrauchen könnten.

Dieser Umstand schlägt sich in der aktuellen Debatte nieder. Allerdings auf ziemlich abartige Weise,wie wir in der Zeit aktuell lesen können:

Der Obmann der Unionsfraktion im Gesundheitsausschuss, Rolf Koschorrek (CDU), kündigte an, für die Widerspruchsregelung zu kämpfen. Dies sei «eine Möglichkeit, die Versorgung mit Spenderorganen hierzulande entscheidend zu verbessern», sagte er der «Welt am Sonntag». Die Ärzte könnten Hirntoten dann Organe entnehmen, wenn die Betroffenen zu Lebzeiten nicht widersprochen haben. Heute muss man vorher seine Bereitschaft erklären.

Schon vor über drei Jahren hat der “Nationale Ethikrat” für diese Idee geworben und mir damals eine Reaktion entlockt, die ich heute noch ganz genauso vertrete:

Ich spende regelmäßig Blut (bislang immerhin über 7 Liter), ich bin in der Knochenmarkspender-Datei der DKMS registriert und ich würde auch meine Organe hergeben, wenn ich selbst damit nichts mehr anfangen könnte, weil ich zum Beispiel hirntot bin.

Aber die Vorstellung, dass irgendwelche Behörden bei meinem Tod automatisch quasi zu Eigentümern meines Körpers oder auch nur einiger Teile davon werden, sofern ich es versäume dagegen zu widersprechen, die finde ich einfach nur gruselig. Ich hoffe von ganzem Herzen, dass sowas niemals eingeführt wird.

Ums mal ganz deutlich zu sagen: Wenn dieser Staat tatsächlich irgendwann der Meinung sein sollte, dass ihm meine Organe gehören, weil ich vor meinem Ableben eben keine Lust gehabt habe, irgendein Widerspruchsformular auszufüllen, legt er damit ein verachtenswertes Menschenbild an den Tag. Die Sichtweise dahinter wäre schlicht und ergreifend die, dass die Bürger dieses Landes und ihr Inneres im Zweifel dem Staat gehören. Würde das Realität, sähe ich mich wahrscheinlich gezwungen, statt auf Existenz, unentgeltliche Verfügbarkeit und den segensreichen Nutzen freiwilliger Organspenden auf die Notwendigkeit des Widerspruchs hinzuweisen, wenn man das eben nicht möchte. Denn in einem Stück beerdigt werden zu wollen ist das verdammte Recht jedes Menschen, auch wenn es anders im Sinne der Lebenden sicher sinnvoller wäre.

Was Rolf Koschorrek da vorschwebt, ist vom Problem her betrachtet zwar zweckmässig, aber nichtsdestotrotz und ungeachtet realexistierender Beispiele in verschiedenen anderen Ländern menschenverachtend. Menschliche Körper dürfen niemals zum Eigentum des Staates, des Bundestages oder des deutschen Gesundheitssystems werden. Auch dann nicht, wenn es sich “nur” um Tote handelt.

Comments

4 Responses to “Stoppt Koschorrek!”

  1. David
    August 30th, 2010 @ 03:57

    Hm.

    Your water belongs to the tribe.

  2. Muriel
    August 30th, 2010 @ 08:40
  3. Friedrich Dominicuus
    September 1st, 2010 @ 07:43

    Bereite Dich schonmal vor. Du wurdest als Untertan geboren und so endest Du auch…..

  4. Sollte vorausgesetzt werden, dass jeder Organe spenden will?
    September 9th, 2010 @ 12:02

    [...] Organe spenden will? Geschrieben von Jan Filter, Filterblog, 30/08/2010.Übersetzt von Admin. Hier der Original-Artikel auf DeutschDer Artikel wurde auch übersetzt auf: In Deutschland werden jährlich um die 4500 Organspenden [...]

Leave a Reply





Protected by WP Anti Spam
  • Löffel voller Weisheit

    Es ist immer sehr schwierig, über den Wert politischer Ziele zu urteilen, wenn deren Erreichung noch in weiter Ferne liegt. Ich glaube daher, dass man eine politische Bewegung nie nach seinen Zielen beurteilen darf, die sie laut verkündet und vielleicht auch wirklich anstrebt, sondern nur nach den Mitteln, die sie zu ihrer Verwirklichung einsetzt. — Werner Heisenberg

  • Filterblog@Facebook


  • Switch to our mobile site