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Der Preis der Freiheit ist stetige Wachsamkeit.

Bürokratieflucht

Posted on | Januar 28, 2011 | 4 Comments

Beim linksradikalen Telepolis empört sich Jens Berger derzeit sehr über die Praxis des “Ausflaggens” von Handelsschiffen. Das muss er auch, denn Dinge wie Ausflaggungen zeigen selbst dem staatsgläubigsten Weltverbesserer sehr schmerzhaft die Grenzen staatlichen Handelns, das nämlich an den Staatsgrenzen natürlich endet. Und je schmerzhafter die gesetzlichen Daumenschrauben für eine Branche sind, desto höher ist logischerweise das Bedürfnis, nach Auswegen zu suchen.

In jeder Hinsicht gelten auf deutschen Schiffen vergleichsweise hohe (und damit sehr teure) gesetzliche Standards. Bei der Sicherheit, beim Arbeitsschutz, beim Lohn, in Umweltfragen – einfach überall.

Standards, wie sie eben auch in anderen deutschen Betrieben gelten, nur sind die nicht ganz so mobil wie ein Schiff. Industriebetriebe ziehen trotzdem tendenziell immer wieder weg aus Deutschland. Bei einigen geht das besser als bei anderen, schließlich spielen ja nicht nur Lohnnebenkosten, Löhne an sich und die gute alte Bürocrazy eine Rolle, sondern auch die Infrastruktur der Umgebung, die Kundschaft und nicht zu vergessen Fachkräfte. Unter dem Strich muss für ein Unternehmen alles zusammenpassen. Hohe Lasten durch Steuern und Sozialabgaben sind selbstverständlich bei entsprechenden Vorteilen auf der anderen Seite etwas, das sich durchaus gut rechnen kann, wenn man dafür gute Leute kriegt, die in der unmittelbaren Nähe leben und es zudem auch noch den Vertrieb erleichtert.

So nüchtern rechnen Leute, die um das Geld anderer Leute (z.B. in Form von Krediten oder Unternehmensanteilen) werben müssen, bevor sie etwas unternehmen können. Finden Sozialisten jeder Spielart natürlich “sozial kalt” und moralisch unterirdisch. Das ist letzten Endes verzeihlich, denn für einen Sozialisten ist es auf der anderen Seite nunmal völlig okay, Unternehmer notfalls mit Gewalt dazu zu zwingen, im Land zu bleiben. Man kann von Sozialisten und Sozialdemokraten auch nicht erwarten, dass sie einsehen, dass es ein hartes Brot ist, Leuten freiwillig Geld für aus der Tasche zu ziehen, um es in eine Unternehmung zu stecken. Sie selbst erledigen sowas üblicherweise einfach per Gesetz, scheren sich dementsprechend auch kaum um Maß und Anstand bei der Höhe von Steuern und deren Verwendungszweck.

Dass so viele eigentlich deutsche Schiffe unter fremder Länder Flagge fahren, kann man als sozial ungerecht kritisieren und – wie Berger – Zeter und Mordio schreien und daraus schließen, dass es hier wohl an (Staats-)Gewalt fehlt, die Menschen daran hindert, bestimmte Ausgaben einfach zu sparen. Man kanns auch etwas konstruktiver Bewerten und erkennen, dass es in diesem Land mit den Regeln, Gesetzen und Auflagen einfach deutlich übertrieben wird. Man muss seine Standards deswegen nicht gleich auf das Level von Liberia oder Antigua senken aber würden wir uns wirklich einen Zacken aus der Krone brechen, vor der Schaffung neuer Einschränkungen und Verbote mal die bereits bestehenden zu hinterfragen und zu schauen, was denn die (zumeist sehr rationalen) Gründe sind, aus denen zum Beispiel ausgeflaggt, abgewandert oder – wie zum Beispiel im Fall Ikea – eine Liechtensteiner Stiftung aufgemacht wird?

Solche Vorkommnisse können und dürfen von mir aus auch immer zu einer gewissen Empörung führen. Aber es reicht eben nicht, wenn sie ausschließlich zu Empörung fühlen. Warum wird denn anschließend immer nur die Frage gestellt, wie man Derartiges mit noch schärferen Gesetzen, noch mehr Überwachung, noch weniger Grundrechten (man denke nur an das Thema Bankgeheimnis) verhindern kann? Und warum darf man nicht einmal auch die Frage stellen, ob nicht auch das ganze System, dass zu flüchtigem Kapital in jeder Form führt, offensichtlich fehlerbehaftet ist und das so Unternehmungen im Lande be- und verhindert?

Comments

4 Responses to “Bürokratieflucht”

  1. Muriel
    Januar 28th, 2011 @ 14:48

    Ich glaube aber, dass ich schon ein gewisses Verständnis für Leute habe, die dann auch entsprechende Zurückhaltung gegenüber Forderungen nach Schutz durch die Bundesmarine fordern. Da kann ich eigentlich keinen guten Einwand sehen.
    Oder habe ich mich da von der dunklen Seite der Freiheit verführen lassen?

  2. Jan
    Januar 28th, 2011 @ 15:15

    Vermutlich kann man aus freiheitlicher Sicht beides vertreten.

    Je nach Wichtigkeit kann ein Staat natürlich meinen, seine wichtigsten Handelsrouten, zumal jene auf hoher See (wo es eben praktisch keine Gesetze gibt), militärisch zu verteidigen und das kann man unter der Voraussetzung, dass man die Durchsetzung von Rechten mit Gewalt noch als liberal versteht, wahrscheinlich in Ordnung finden.

    Man kann aber ebenso erwarten, dass Reedereien ihre Schiffe selbst bewaffnen und private Söldner einsetzen. Immerhin geht es ja primär um ihre ureigensten Interessen.

    Bedenkt man, dass in Deutschland schon Messer über 10cm-Klingenlänge oder Paintballmarkierer als verbotene Waffen gelten, wäre Letzteres dem normalen Bürger kaum vermittelbar. Denn zwischendurch müssten auch mit Waffen ausgerüstete Schiffe ja mal in einen deutschen Hafen. In sofern bleibt wohl nur Möglichkeit 1.

  3. Muriel
    Januar 28th, 2011 @ 15:25

    Schön gesagt.

  4. Friedrich
    Januar 29th, 2011 @ 10:39

    “Warum wird denn anschließend immer nur die Frage gestellt, wie man Derartiges mit noch schärferen Gesetzen, noch mehr Überwachung, noch weniger Grundrechten (man denke nur an das Thema Bankgeheimnis) verhindern kann?”

    Das ist einfach zu beantworten:
    Das Allheilmittel für zuviel Bürokratie ist noch mehr Bürokratie.

    Es kann offensichtlich für gewisse Dinge kein “zuviel” geben. Darunter fallen Dinge wie “Vorschrifften”, “Verbote”, “Gesetze” (die man selber aber nicht einhalten muß, “Kredit”, “Geld” und last-but-not -least “soziale Gerechtigkeit”. Selbstvertändlich bestimmt von den unabdingbaren Parteien.

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