Regierung: Atomkraft jetzt möglicherweise doch riskant
Posted on | März 14, 2011 | 10 Comments
Im letzten Bundestagswahlkampf war es der einzige zentrale Programmpunkt, für den man sich als FDPler am Wahlkampfstand ernsthaft Kritik anhören durfte: Die Verlängerung des Atomausstiegs. Man hat darauf gerne mit den allseits bekannten Argumenten geantwortet: Deutsche Kraftwerke sind im Zweifel sicherer als beispielsweise die in Osteuropa vom “Typ Tschernobyl”, von denen der Strom möglicherweise ansonsten bezogen werden würde und Erneuerbare Energie sei nunmal noch nicht so weit, das ganze Land zuverlässig zu versorgen, auch wenn man das anstrebe.
Gerade dort, wo ich lebe, also quasi zwischen dem aus ausschließlich negativen Schlagzeilen (aber gut, was für welche sollte ein AKW in Deutschland auch sonst produzieren) Kernkraftwerk Krümmel und dem – so empfinden es hier viele – bereits politisch beschlossenen Endlager in Gorleben zwei Landkreise weiter, traf der um einige Jahre verzögerte Atomausstieg, den Union und FDP vor der Wahl versprachen und nach der Wahl sogar und im Unterschied zu anderen prominenten Versprechungen auch eingehalten haben, auf wenig Gegenliebe.
Ich hatte immer so meine Probleme mit der Atomkraft. Weil sie zum Beispiel alles andere als marktwirtschaftlich entstanden ist, sondern uns rein politisch (übrigens auch maßgeblich von der SPD, was die Genossen heute nur sehr ungern hören mögen) eingebrockt worden ist. Oder auch, weil der Müll offenbar ausschließlich nach Niedersachsen soll, obwohl es hier überhaupt nicht die meisten Kraftwerke, dafür aber jede Menge Gegner der Technik gibt. Und auch, weil man hier bisweilen schonmal bei einem Blick über den Deich plötzlich weisse Rauchwolken aus dem Meiler in Krümmel auf der anderen Elbseite aufsteigen sehen kann, während nicht einmal der Krisenstab des eigenen Landkreises vom Betreiber informiert wird, was da eigentlich los ist und ob womöglich (ist ja immerhin ein Atomkratwerk) irgendwelche Sicherheitsmaßnahmen eingeleitet werden müssen (was dann ja auch nicht der Fall war, aber die Tatsache wie das gelaufen ist, spricht Bände darüber, wie wenig man bei Unfällen so einem Kraftwerksbetreiber vertrauen kann).
Mit dem verzögerten Ausstieg, wie er vereinbart worden ist, konnte ich trotz aller Bedenken ganz gut leben. Die Kraftwerke existieren ja nunmal, die Sicherheitsanforderungen werden nicht geringer, sondern höchstens noch mit dem technischen Fortschritt noch etwas größer und die Endlagerproblematik bleibt qualitativ ebenfalls dieselbe. Ich kann dieses Brückentechnologie-Argument selbst nachvollziehen und guten Gewissens vertreten.
Heute nun hat die Bundesregierung ihre eigenen Argumente für ungültig erklärt und behauptet ab sofort das Gegenteil: “Alte Atomkraftwerke müssen vom Netz” zitiert ein öffentlich-rechtlicher Fernsehsender zum Beispiel momentan per Laufband die Bundeskanzlerin, die vor einer Stunde zusammen mit dem Vizekanzler eine Aussetzung der Verlängerung (was immer das konkret heissen soll) verkündet hat.
Man sieht unter dem Eindruck der Ereignisse in Japan (schwere Mängel an zuverlässigen Daten und Fakten hin oder her) deutsche Atomkraftwerke also nicht mehr als sicher an. Wenn das im Ernst die Position der Bundesregierung ist, hat sie sowohl vor der Wahl, als auch danach fortwährend Scheisse erzählt. Und zwar ihren Wählern und ihrer Basis.
Und sie tat das entweder vorsätzlich, wider besseres Wissen – oder aber sie hat sich tatsächlich mit dem Thema viel zu oberflächlich beschäftigt, so dass sie erst von der gefährlichen Situation, in die die japanischen Reaktoren dieser Tage in Folge regelrecht apokalyptischer Naturkatastrophen geraten sind (und nicht etwa aufgrund von schlechter Technik und unfähigem Personal, wie in anderen Fällen in der Vergangenheit), aufgeschreckt worden ist, dass unter Umständen tatsächlich doch mal etwas so sehr schiefgehen kann, dass selbst die größten Sicherheitsvorkehrungen nicht mehr helfen.
Ich weiss nicht, ob ich absichtlichen Beschiss oder beeindruckend naive Ahnungslosigkeit schlimmer fände aber in Sachen Glaubwürdigkeit hat die Bundesregierung heute ein neues Rekordtief erreicht.
Comments
10 Responses to “Regierung: Atomkraft jetzt möglicherweise doch riskant”
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März 14th, 2011 @ 17:21
Das hat meines Erachtens wenig mit Oberflächlichkeit zu tun sondern ist EISKALT berechnend. Es wird halt kein Wert gelegt auf Wähler, die sich mit Politik langfristig beschäftigen und/oder an ernsthaft geführten Debatten interessiert sind, sondern eben auf das ganze dumme Wahlvieh, dessen einzige Qualifikation darin besteht, das 18. Lebensjahr erreicht zu haben.
März 14th, 2011 @ 17:29
http://twitpic.com/3519ut
März 14th, 2011 @ 18:22
Der Ausstieg aus dem sofortigen Ausstieg ist wieder typische deutsche Hysterie. Wie hoch ist eigentlich die Wahrscheinlichkeit, dass in Deutschland ein Tsunamie zuschlägt? Und wenn schon die Risiken der Kernkraft deren Nutzen überwiegen sollen, wie ist das mit Erdöl. Überall in Japan ist der Boden mit ausgelaufenem Erdöl verseucht. Ich finde, das erfordert ein energisches Einschreiten der Bundesregierung und die Verpflichtung von Bundesbürgern sich nur noch in mit auslaufsicheren Batterien betriebene Autos zu setzen, die man nicht endlagern, sondern nach Verbrauch essen kann. Ich weiss wirklich nicht mehr, wie ich diese Bundesregierung noch ernst nehmen kann.
Nebenbei bemerkt, bei der Herstellung von Solarzellen werden eine ganze Reihe recht ekliger Chemikalien genutzt, die die Umwelt belasten – wehe, wenn ein Tsunamie die entsprechenden Produktionsorte überschwemmt und weil der Vulkan unter dem Yellowstone Park seit 40000 Jahren überfällig ist, sollten wir überlegen, ob wir den deutschen Vulkanen, die zwar erloschen sind, aber man weiss ja nie, nicht das ausbrechen verbieten.
März 14th, 2011 @ 19:26
Du ziehst aus “ALTE Kraftwerke müssen vom Netz” den Schluss, man halte “DEUTSCHE Kraftwerke” nicht mehr für sicher. Da hinkt deine Argumentation.
Die alten AKWs hätten schon längst vom Netz gehen müssen, sie waren nur für eine Betriebszeit von 25 Jahren konstruiert. Rotgrün hat damals mit dem perversen Instrument der “Reststrommenge” dafür gesorgt, dass gerade die alten und unsicheren AKWs für ihre Anfälligkeit belohnt werden.
März 14th, 2011 @ 19:42
[...] Der bisher einzige vernünftige Blogpost zu diesem Thema stammt meiner Meinung nach vom überhaupt äußerst lesenswerten Filterblog, dessen Autor [...]
März 14th, 2011 @ 20:59
Du hast völlig Recht.
März 15th, 2011 @ 05:20
Zur Gefährlichkeit der Kernkraft, aus aktuellem Anlass, da es als Hintergrundinfo vielleicht ganz hilfreich ist:
Tote pro TWh (Terawattstunde):
http://nextbigfuture.com/2011/.....ource.html
Unter dem angegebenen Link wird die durchschnittliche Zahl an Toten pro TWh durch verschiedenen Stromerzeugungsmethoden verglichen.
Die interessantesten Daten (Hervorhebungen von mir):
Stromerzeugungsmethode ——————- Tote pro TWh
Coal – world average ——————- 161 (26% of world energy, 50% of electricity)
Coal – China ———————————- 278
Coal – USA —————————— 15
Oil ——————————————– 36 (36% of world energy)
Solar (rooftop) (Solarzellen auf Dächern) — 0.44 (less than 0.1% of world energy)
Wind —————————————— 0.15 (less than 1% of world energy)
Hydro ———————————— 0.10 (europe death rate, 2.2% of world energy)
Hydro – world including Banqiao) ————- 1.4 (about 2500 TWh/yr and 171,000 Banqiao dead)
Nuclear ————————————- 0.04 (5.9% of world energy)
Berücksichtigt sind sowohl Tote durch Kontamination (z.B. bei Kernkraft), durch Umweltverschmutzung und ähnlichem. Tschernobyl wurde natürlich berücksichtigt, auch die nachträglichen Todesfälle durch Strahlung und Kontamination.
Meines Wissens nach nicht berücksichtigt wurden zukünftige Tote durch einen durch menschliches CO2 und andere Treibhausgase nennenswert mitverursachten zukünftigen Klimawandel, da dies Zukunftsszenarien sind und somit potentielle zukünftige Todesfälle. Diese Toten würden die Statistik weiter zu Ungunsten von Öl und Kohle verschlechtern, nicht aber die der Kernkraft.
Die niedrige Todesrate pro TWh für Nuklearenergie ergibt sich daraus, dass bei einem schweren Unfall zwar (je nach Umfang des Unfalls, Strahlung und radioaktiven Materiales) eventuell viele Menschen in relativ kurzer Zeit sterben und, je nach Umfang der Verstrahlung und Kontamination mit radioaktiven Material, eventuell auch viele Menschen an Nachwirkungen sterben, dafür solche Unglücke aber sehr selten sind. Kleinere, dafür aber häufigere Unfälle bei anderen Formen der Stromerzeugung können so zu einer höheren Todesrate pro Terawattstunde (TWh) führen.
Natürlich kann die Anzahl an Toten durch Atomkraft durch das jetzige Unglück in Japan kurzfristig größer werden, wenne es zu einem Super-Gau kommt. Langfristig und auch mittelfristig wird dies aber nichts an den Statistiken ändern. So gibt es zwar in folge eines Super-Gaus viele Tote, aber solche Vorfälle sind dafür sehr selten. Dies führt zu kurzfristig sehr hohen Opferzahlen, die eher Medienaufmerksamkeit erregen, als viele kleiner Unglücksfälle mit weniger Toten oder Tote durch die Schadstoffbelastung durch Kohlekraftwerke (wobei auch hier je nach Umweltschutz- und Sicherheitsvorschrifften große Unterschiede zwischen zum Beispiel den USA und China bestehen, wie der Statistik zu entnehmen ist).
Zur Wasserkraft:
Hydro ——————————————- 0.10 (europe death rate, 2.2% of world energy)
Hydro – world including Banqiao) ————- 1.4 (about 2500 TWh/yr and 171,000 Banqiao dead)
Im oberen Wert von 0,1 pro TWh ist das Unglück beim Banqiao-Staudamm 1975 in China nicht berücksichtigt, da weder die Staudammkonstruktion, noch die geographischen Bedingungen unbedingt sehr representaiv für Wasserkraft sind.
Der Banqiao-Staudamm sollte angeblich so ausgelegt sein, das er einer Überschwämmung standhält, wie sie nur einmal in 1000 Jahren stattfände.
Die Wikipedia dazu (Hervorhebung von mir):
Über 170.000 Tote durch einen Wasserkraftanlagenkomplex bei einem großen Naturunglück.
Eine klassische Kettenraktion mit dramatische Folgen.
Quelle: http://de.wikipedia.org/wiki/Banqiao-Staudamm
Eine solche Lage ist jedoch nicht auf europäische Staudämme zur Wasserkrafterzeugung übertragbar. Es handelt sich nicht um einen Grund Wasserkraft zu verteufeln. Mehr Tote pro TWh als Atomkraftwerke kommen leider trotzdem vor.
März 15th, 2011 @ 08:01
Über gewisse Bereiche in Deutschland wird nur noch “per Glaube” gestritten. Es sind ohne besondere Ordnung:
1) Umweltsachen (AKW, E10, EEG, Klima”erwärmung” und die Hölle weiß sonst noch was für “Gemeinheiten”
2) Euro (nichts ist zu “teuer”, wir sind die großen Profiteure, also sollen wir dafür bezahlen)
Ich glaube das war es erst mal im Großen und Ganzen. AKW sind ein Ausbund von Politikerhirnen und Steuergeldern. Also schon mal eine ganz schlechte Mischung.
Meine Meinung zu AKW habe ich vor Jahren “geäussert”:
http://fdominicus.blogspot.com.....hnung.html
schon fast “prophetisch”
http://fdominicus.blogspot.com.....eiten.html
Selbst wenn wir die AKW komplett im Griff haben, bleibt die Frage was machen wir mit dem Müll und den unglaublichen Gefährdungszeiten? Darum hätten/müssten/sollten sich meines Erachtens die Anbieter kümmern. Sie werden ja schließlich von uns für den Strom bezahlt.
Was mir absolut gegen den Strich geht ist
“Deswegen müssen Atomkraftwerke versichert sein, und zwar insgesamt bis 2,5 Mrd. EUR pro Schadensfall. ”
von http://janschejbal.wordpress.c.....atomkraft/
Davon liessen sich gerad mal ca 10000 Häuser neu bauen. Somit bezahlen wir als Steuerzahler und Stromnachfrager mehrfach für AKW.
a) Am Anfang gabe es Forschungsausgaben noch und nöcher.
b) die Frage wer den Mülll zu behandeln hat wurde ebenfalls auf die Steuerzahler abgewältz
c) Die Versicherungssumme kann man nur “lächerlich” nennen.
Für alles durfen/dürfen wir bezahlen. Das ist für mich einer ganze “linke” Sache.
Ach ja für den der es nachrechnen möchte:
Hätte Josef in 0, 1 Euro zu 3% angelegt verfügte Jesus heute über ein “Wert” von 1 * 1.03 ** 2000
4.725518e+25
ausgeschrieben:
47 255 180 000 000 000 000 000 000
das sind so runde 47 Quadrilliarden (wenn ich mich nicht “verzählt habe)
Selbst bei nur 1000 Jahre Anlegedauer hätte Jesus heute in 1000 runde
687 414 000 000, was immer noch ein “hübsches” Sümmchen ist.
März 16th, 2011 @ 00:59
[...] « Regierung: Atomkraft jetzt möglicherweise doch riskant [...]
März 16th, 2011 @ 11:33
Die Katastrophe in Fukushima, insbesondere der Brand in Block 4, der anscheinend zum zeitweiligen Abzug des Personals aus dem gelände führte, wirft auch ein neues Licht auf das unnötige und künstlich geschaffene Risiko bei deutschen AKWs, das dadurch entsteht, daß auf Anweisung der Bundesregierung die abgebrannten Brennstäbe auf dem kraftwerksgelände gelagert werden müssen.